FORTHE PEOPLE FOR EDVCATION FOR SCIENCE LIBRARY OF THE AMERICAN MUSEUM OF NATURAL HISTORY .il'.'VCL Tafel I. XiKva T Ta.i;e vor «km Tode 7//;W< (le-'.i^- ■c. •^- I INTELLIGENZPRÜFUNGEN AN MENSCHENAFFEN VON WOLFGANG KÖHLER ZWEITE, DURCHGESEHENE AUFLAGE DER „INTELLIGENZPRÜFUNGEN AN ANTHROPOIDEN I" AUS DEN ABHANDLUNGEN DER PREUSS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN JAHRGANG 1917. PHYSIKAL.-MATHEM. KLASSE, NR. 1 MIT 7 TAFELN UND 19 SKIZZEN VERLAG VON JULIUS SPRINGER IN BERLIN 1921 ALIvH RECHTE. INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1921 RV JI'UUS SPRINGER IN BERLIN. VORWORT. Dieses Buch ist ein in allem Wesentlichen unveränderter Neu- druck der Schrift „Intelligenzprüfungen an Anthropoiden 1", welche 1917 als dritte Veröffentlichung der Anthropoidenstation auf Tene- riffa in den Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissen- schaften erschien und seit einiger Zeit vergriffen ist. Mehrere Fach- genossen haben inzwischen kritisch oder erklärend zu dem Inhalt Stellung genommen. Auf solche Äußerungen kann ich erst in dem zweiten noch nicht abgeschlossenen Teil der Schrift eingehen, Braunlage, im September 1921. \W) 1 f g a n g Köhler. INHALTSVERZEICHNIS S«te Einleitung i 1. Umwege S 2. Werkzeuggebrauch 17 3. Werkzeuggebrauch. Fortsetzung: Umgang mit Dingen • • 48 4. Werkzeugherstellung yi 5. Werkzeugherstellung. Fortsetzung; Hauen ■ (ih 6. Umwege über selbständige Zwischenziele • U) 7. ,, Zufall" und ,, Nachahmung" i j ; 8. Umgang mit Formen .... 16', Schluß 191 EINLEITUNG. I. Zweierlei Interessen führen zu Intelligenzprüfungen an Menschen- affen. Wir wissen, daß es sich um Wesen handelt, welche dem Menschen in mancher Hinsicht näher stehen als sogar den übrigen Affenarten; insbesondere hat sich gezeigt, daß die Chemie ihres Körpers — soweit sie sich in den Eigenschaften des Blutes doku- mentiert — und der Aufbau ihres höchstens Organs, des Groß- hirns, der Chemie des Menschenkörpers und dem menschlichen Ge- hirnaufbau verwandter sind als der chemischen Natur niederer Affen und deren Geliirnentwicklung. Dieselben Wesen zeigen der Beobachtung eine solche Fülle menschlicher Züge im sozu- sagen alltäglichen Verhalten, daß die Frage sich von selbst ergibt, ob diese Tiere auch in irgendeinem Grade verständig und ein- sichtig zu handeln vermögen, wenn die Umstände intelligentes Ver- halten erfordern. Diese Frage drückt das erste, man kann sagen naive Interesse an etwaigen Intelligenzleistungen der Tiere aus; der Verwandtschaftsgrad von Anthropoide und ]\Iensch soll auf einem Gebiete festgestellt werden, das uns besonders wichtig erscheint, auf dem wir aber den Anthropoiden noch wenig kennen. Das zweite Ziel ist theoretischer Art. Angenommen, der Anthro- poide zeige unter Umständen intelligentes Verhalten von der Art des am Menschen bekannten, so ist doch von vornherein kein Zweifel, daß er in dieser Hinsicht weit hinter dem Menschen zurückbleibt, in relativ einfachen Lagen also Schwierigkeiten findet und Fehler begeht; gerade dadurch aber kann er unter einfachsten Verhältnissen die Natur von Intelligenzleistungen deutlich hervortreten lassen, während wenigstens der erwachsene Mensch, als Objekt der Selbst- beobachtung, einfache und deshalb an sich zur Untersuchung ge- eignete Leistungen kaum je neu vollzieht, und als Subjekt kom- pliziertere nur schwer hinreichend zu beobachten vermag. So kann man hoffen, in den etwaigen Intelligenzleistungen von Anthropoiden Vorgänge wieder plastisch zu sehen, die für uns zu geläufig geworden sind, als daß wir noch unmittelbar ihre ursprüngliche Form er- kennen könnten, die aber wegen ihrer Einfachheit als der natürliche Ausgangspunkt theoretischen Verstehens erscheinen. Da in den folgenden Untersuchungen zunächst aller Nachdruck auf der ersten Frage liegt, so kann das Bedenken geäußert werden, Köhler, Intelligeuzprüfungen. I 2 Einleitung. die erste Frage setze im Grunde eine bestimmte Lösung der Aufgaben voraus, von denen die zweite handelt : Ob einsichtiges Verhalten unter Anthropoiden vorkomme, könne nur gefragt werden, nachdem sich theoretisch die Notwendigkeit herausgestellt habe, zu unterscheiden zwischen InteUigenzleistungen und Leistungen anderer Art; da insbe- sondere die Assoziationspyschologie den Anspruch erhebe, alle hier in Betracht kommenden Leistungen, bis zu den höchsten und selbst beim Menschen, in der Hauptsache aus einem einzigen Prinzip ableiten zu können, so sei durch die Fragestellung i schon eine theoretische »Stellung eingenommen, und zwar gegen die Assoziationspsychologie. Das ist ein Mißverständnis. Es gibt wohl keinen Assoziations- psychologen, der nicht selbst der unbefangenen Beobachtung nach zwischen noch uneinsichtigem Verhalten auf der einen, intelligentem auf der anderen Seite als einem gewissen Gegensatz unterschiede. Was ist denn Assoziationspsychologic anders als die Theorie, daß auf die Erscheinungen vom allgemein bekannten, einfachen Assozia- tionscharakter auch Vorgänge zurückzuführen sind, welche bei naiver Beobachtung zunächst nicht den Eindruck machen, als seien sie mit jenen Erscheinungen gleichartig, vor allem die sogenannten Intelli- genzleistungen ? Kurz, solche Unterschiede sind gerade der Ausgangs- punkt einer strengen Assoziationspsychologie, eben sie sollen ja theo- retisch ausgeglichen werden, sind also dem Assoziationspsychologen sehr wohl bekannt, und so finden wir z. B. bei einem radikalen Ver- treter der Richtung (Thorndikc) als Resultat von Versuchen an Hunden und Katzen den Satz: Nichts an ihrem Verhalten erschien jemals einsichtig. Wer seine Ergebnisse so formuliert, dem muß anderes Verhalten schon als einsichtig erschienen sein, der kennt jenen Gegensatz in der Beobachtung, etwa vom Menschen her, wenn- schon er ihn in der Theorie nachher zurücktreten läßt. Soll demnach untersucht werden, ob die Anthropoiden intelligentes Verhalten zeigen, so kann diese Fragestellung von theoretischen An- nahmen, zumal solchen für oder gegen die Assoziationstheoric, zu- nächst ganz unabhängig gehalten werden. Richtig ist, daß damit die Frage in einer gewissen Unscharfe gestellt wird: Nicht, ob die Anthropoiden bestimmt Definiertes aufweisen, soll untersucht werden, sondern ob ihr Verhalten bis zu einem recht ungefähr aus der Er- fahrung bekannten Typus aufsteigt, der uns als „einsichtig" im Gegensatz zu sonstigem Verhalten, besonders von Tieren, vorschwebt. Wir verfahren aber hiermit nur der Natur der Sache gemäß, denn klare Definitionen gehören nicht an den Beginn von Erfahrungs- wissenschaften; erst in deren Fortschreiten kann der Erfolg durch Aufstellung von Definitionen gekennzeichnet werden. Prinzip der Versuche. Im übrigen ist der Typus menschlichen und (vielleicht) tierischen Verhaltens, auf den sich die erste Frage richtet, auch ohne Theorie nicht so ganz unbestimmt. Die Erfahrung zeigt, daß wir von ein- sichtigem Verhalten dann noch nicht zu sprechen geneigt sind, wenn Mensch oder Tier ein Ziel auf direktem, ihrer Organisation nach gar nicht fraglichem Wege erreichen; wohl aber pflegt der Eindruck von Einsicht zu entstehen, wenn die Umstände einen solchen, uns selbst- verständlich erscheinenden Weg versperren, dagegen indirekte Ver- fahren möglich lassen, und nun Mensch oder Tier diesen der Situation entsprechenden „Umweg" einschlagen. In stillschweigender Über- einstimmung hiermit haben deshalb fast alle diejenigen, welche bis- her die Frage nach intelHgentem Verhalten bei Tieren zu beant- worten suchten, diese in ebensolchen Situationen zum Gegenstand ihrer Beobachtungen gemacht. Da unterhalb der Entwicklungsstufe der Anthropoiden das Ergebnis im allgemeinen negativ war, so ist gerade aus solchen Versuchen die gegenwärtig sehr verbreitete An- schauung erwachsen, daß einsichtiges Verhalten bei Tieren kaum vorkomme; entsprechende Versuche an Anthropoiden selbst sind nur in geringer Zahl gemacht worden und haben eine rechte Entscheidung noch nicht gebracht. — Alle im folgenden zunächst mitgeteilten Versuche sind von der gleichen Art: Der Versuchsleiter stellt eine Situation her, in welcher der direkte Weg zum Ziel nicht gangbar ist, die aber einen indirekten Weg offenläßt. Das Tier kommt in diese Situation, die (der Möglichkeit nach) völlig überschaubar ist, und kann nun zeigen, bis zu welchem Verhaltenst^^pus seine Anlagen reichen, insbesondere ob es die Aufgabe auf dem möglichen Umweg löst. 2. Die Versuche sind bis auf wenige Vergleichsfälle, in denen Menschen, ein Hund und Hühner beobachtet wurden, vorerst nur an Schimpansen angestellt. Sieben der Tiere bildeten den alten Stamm der Anthropoidenstation, welche die Preußische Akademie der Wissenschaften von 1912 bis 1920 auf Teneriffa unterhielt. Von diesen sieben bekam das älteste, ein erwachsenes Weibchen, den Namen Tschego, weil wir es um mehrerer Eigentümlichkeiten willen, vielleicht zu Unrecht, für ein Exemplar der Tschego-Abart hielten. (Wir sind weit davon entfernt, eine klare Systematik der ver- schiedenen Schimpansen-Varietäten zu besitzen). Das älteste der kleineren Tiere, Namens Grande, weicht ebenfalls in mehrfacher Hin- sicht stark von seinen Kameraden ab. Da die Abweichung den allgemeinen Charakter mehr als das hier geprüfte Verhalten in In- telligenzversuchen betrifft, so ist eine nähere Kennzeichnung des Unterschiedes an dieser Stelle nicht erforderlich. Die übrigen fünf, I* 4 EiNI.EITLNG. zwei Männchen (Sultan und Konsul), drei Weibchen (Tercera, Rana, Chica) entsprechen dem gewöhnHchen Schimpansentypus. Zu den erwähnten sieben Tieren kamen etwas später noch zwei andere, die beide zu wertvollen Beobachtungen Anlaß gaben, aber leider beide bald eingingen. Ich beschreibe kurz ihre Wesensart, um einen Eindruck davon zu geben, wie vollständig verschiedene ,, Per- sönlichkeiten" unter Schimpansen vorkommen. Nueva, eine Äffin, ungefähr in derselben Altersstufe wie die andern kleinen Tiere (4 bis 7 Jahre zur Zeit der meisten Versuche), unter- schied sich körperhch von diesen durch ihr merkwürdig breites, un- schönes Gesicht und eine (offenbar pathologische) Dürftigkeit der Körperbehaarung über schlechter Haut. Ihre Häßlichkeit wurde jedoch reichhch ausgeglichen durch ein Wesen so freundlicher Milde, naiven Zutrauens und stiller Klarheit, wie wir es sonst an Schim- pansen nicht gesehen haben. Wenigstens die ganz kindliche An- hänglichkeit fanden wir einigermaßen ähnlich bei anderen Tieren, wenn sie krank waren, und vielleicht geht manches von den \'or- zügen Nuevas überhaupt darauf zurück, daß sie von vornherein unter dem Einfluß einer langsam verlaufenden Erkrankung stand; der Schimpanse kaini im allgemeinen eine kleine Dämpfung ver- tragen. Besonders wohltätig wirkte die feine Art des Tieres, mit den einfachsten Mitteln stundenlang zufrieden zu spielen ; denn leider neigen die andern mit der Zeit ein wenig zur Faulheit, wenn ihnen kein besonderer Anlaß zur Tätigkeit geboten wird und sie nicht gerade einander prügeln oder gegenseitige Körperpflege treiben. Die Wirkung fortwährenden Beisammenseins vieler kräftiger Kinder liegt auch hier nicht in der Richtung einer besonnenen, wenn auch spielenden Beschäftigungsweise; Nueva war seit vielen Monaten allein gehalten worden. — Übrigens darf man nicht etwa vermuten, die erfreulichen Eigenschaften dieses Tieres seien wohl auf frühere erzieherische Einwirkung zurückzuführen. Leider scheint es nicht möglich, aus einem von Natur fahrigen und wüsten Schimpansen durch Erziehung ein liebenswürdiges Wesen zu machen; vor allem aber war Nueva durchaus nicht erzogen im Sinn der Kinderstube; sie zeigte im Gegenteil, daß sie gar nicht gewohnt war, korrigiert zu werden. Regelmäßig fraß sie ihren Kot und war erst erstaunt, dann aufs höchste empört, als wir gegen diese Gewohnheit vorgingen. Am zweiten Tage ihres Stationsaufenthaltes bedrohte sie der Wärter bei gleichem Anlaß mit einem Stöckchen, aber sie verstand gar nicht, sondern wollte mit dem Stock spielen. Nahm man ihr Futter fort, das sie mit der größten Unbefangenheit irgendwo ergriffen hatte \uid das ihr nicht zukam, so biß sie in ihrem Zorn momentan und Versuchstiere. noch ohne jede Hemmung gegenüber dem Menschen — kurz, das Tier zeigte sich vollkommen naiv und war unzweifelhaft weniger „erzogen" als die Tiere der Station. Das Männchen Koko, auf nur etwa drei Jahre eingeschätzt, war ein Schimpanse, wie man ihn nicht selten sieht: über dem stets prallen Bauch ein hübsches Gesicht mit ordentlichem Scheitel, mit spitzem Kinn und vordringenden Augen, das fortwährend unzufrieden zu fordern schien und dadurch dem kleinen Burschen etwas von selbstverständlicher Frechheit verlieh. In der Tat verlief ein großer Teil seines Daseins in einer Art chronischer Empörung ; entweder weil es nicht genug zu essen gab, oder weil es Kinder wagten, in seine Nähe zu kommen, oder weil jemand, der eben bei ihm gewesen war, sich erlaubte, wieder fortzugehen, oder endlich weil er heute nicht mehr wußte, wie er sich gestern im gleichen Versuch geholfen hatte; er klagte nicht, er war entrüstet. Gewöhnlich äußerte sich diese Stimmung in heftigem Trommeln beider Fäuste auf dem Boden sowie in aufgeregtem Hopsen auf der Stelle, in Fällen starker Wut in schnell vorübergehenden Glottiskrämpfen, die wir auch bei den meisten andern Schimpansen in Wutanfällen, selten in äußerster Freude beobachtet haben; vor solchen Anfällen und in geringerer Erregung stieß er fortwährend ein kurzes 5 aus, und zwar in dem unordentlichen, aber charakteristischen Rhythmus, den langsam feuernde Schützenlinien zu erzeugen pflegen. In dem unwirschen Fordern und der hellen Empörung, wenn seine Ansprüche nicht sofort befriedigt wurden, ähnelte Koko einem andern Egoisten par excellence, nämlich Sultan. Zum Glück — und vielleicht ist das kein Zufall — war Koko zugleich auch so begabt wie Sultan. Das sind nur zw^ei vSchimpansen : Für den, der Nueva und Koko lebend gesehen hat, ist kein Zweifel, daß die beiden in ihrer Art an- nähernd ebenso stark voneinander abwichen wie zwei menschliche Kinder grundverschiedenen Charakters, und als allgemeine Maxime kann man aufstellen, daß niemals Beobachtungen an nur einem Schimpansen als maßgebend für die Tierform überhaupt angesehen werden dürfen. Die weiterhin mitgeteilten Versuche zeigen, daß auf intellektuellem Gebiet die Verschiedenheit der einzelnen Individuen nicht minder groß ist. Fast alle Beobachtungen stammen aus dem ersten Halbjahr 1914,^) Sie wurden später häufig nachgeprüft, aber nur einige ergänzende Versuche und Wiederholungen (aus dem Frühjahr 1916) sind in den *) Sie sind also gewonnen, bevor wir die Schimpansen zu optischen Untersuchungen heranzogen. (Vgl. diese in den Abh. d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wiss., Jahrg. 1915, phys.- math. Kl. Nr. 3.) ElNT.EITUXG. Bericht aufgenommen, da im allgemeinen das früher beobachtete Verhalten wiederkehrte, jedenfalls aber nichts Wesentliches an den älteren Ergebnissen zu korrigieren war. 3. Versuche der oben angegebenen Art können je nach der Situation, um die es sich bei ihnen handelt, recht verschiedene Anforderungen an die zu prüfenden Tiere stellen. Um ganz ungefähr die Schwierig- keitszone zu finden, innerhalb deren die Prüfung von Schimpansen überhaupt sinnvoll ist, stellten Hr. E. Teubcr und ich ihnen eine Aufgabe, die uns schwierig, deren Lösung durch Schimpansen uns jedoch nicht unmöglich schien. Wie sich Sultan bei diesem Versuch benahm, sei zur vorläufigen Orientierung auch hier vorausgeschickt. Am Henkel eines offenen Körbchens, das Früchte enthält, ist eine lange, dünne Schnur festgeknüpft; oben ins Drahtgitterdach des Spielplatzes der Tiere wird ein Eisenring gehängt, durch diesen die Schnur hindurchge- zogen, bis der Korb etwa 2 m über dem Boden schwebt, und das freie Ende der Schnur in Form einer recht weit of- fenen Schlinge über den kurzen Ast- stumpf eines Bau- mes gelegt, etwa 3 m entfernt vom Körb- chen und ungefähr in gleicher Höhe; die Schnur verläuft in spitzem Winkel mit dem Scheitel im Eisenring (vgl. Skizze i). — Sultan, der die Vorbereitung nicht gesehen hat, wohl aber das Körbchen vom Füttern her gut kennt, \\ird auf den Platz gelassen, während der BeoV^achter außerhalb am Gitter Stel- lung nimmt. Das Tier betrachtet zunächst den hängenden Korb, beginnt aber bald lebhafte Unruhe (wegen des ungewohnten Allein- seins) zu zeigen, donnert nach Schimpansenart mit den Füßen gegen eine Holzwand und sucht an den Fenstern des Affenhauses und wo es sonst Ausblicke gibt, mit den andern Tieren, am Gitter mit dem Beobachter in Verbindung zu kommen; jene sind unsichtbar, dieser verhält sich gleichgültig. Nach einer Weile geht Sultan plötzlich auf den Baum zu, steigt schnell hinauf bis zur Schlinge, bleibt einen \ßa. vm Skizze 1. Vor VERSUCH. Augenblick ruhig, zieht dann, auf den Korb blickend, an der Schnur, bis der Korb oben am Ring (Dach) anstößt, läßt wieder los, zieht ein zweites Mal kräftiger, so daß der Korb oben kippt und eine Banane herausfällt. Er kommt herab, nimmt die Frucht, steigt wieder hinauf, zieht jetzt so gewaltsam, daß die Schnur reißt und der ganze Korb herabfällt, klettert hinunter, nimmt Korb und Früchte und geht damit ab, um zu fressen. Drei Tage später wird der gleiche Versuch wiederholt, nur wird die Schlinge durch einen Eisenring am Ende des Seiles ersetzt und dieser Ring statt über den Aststumpf über einen Nagel gelegt, der in ein Turn- gerüst der Tiere eingeschlagen ist. Sultan zeigt sich jetzt frei von jeder Besorgnis, sieht einen Augenblick zum Korb hinauf, geht dann gerades- wegs auf das Turngerüst zu, erklettert es, zieht einmal am Seil und läßt es wieder zurückgleiten, reißt nochmals und mit aller Kraft, so daß der Strick reißt, klettert hinab und holt sich die Früchte. Als Lösung der Aufgabe konnte im besten Falle erwartet werden, daß das Tier Schlinge (oder Eisenring) von Aststumpf (oder Nagel) abstreifen und den Korb dann einfach herabfallen lassen würde usw. An dem wirklichen Verhalten sieht gut aus, wie der Situationswert der Seilverbindung mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aus- genutzt wird, aber der weitere Verlauf des Versuches ist nicht gerade klar, und die beste Lösung wird nicht einmal angedeutet. Woran das liegt, kann man nicht erkennen: Hat Sultan die lockere Be- festigung Schlinge-Aststumpf oder Ring-Nagel vielleicht nicht ge- sehen? Hätte er sie zu lösen gewußt, wenn er auf sie aufmerksam geworden wäre? Würde er überhaupt erwarten, daß der Korb zur Erde fällt, wenn diese Befestigung gelöst wird? Oder liegt die Schwierigkeit darin, daß der Korb eben zur Erde und nicht in Sultans Hände direkt fallen würde? Denn wir können ja auch nicht erkennen, ob Sultan wirklich am Seil zog, um es zum Reißen und den Korb auf die Erde zu bringen. So haben wir also einen Versuch gemacht, der für den Anfang zu komplexe Bedingungen enthält, als daß man ihm viel entnehmen könnte, und sehen uns deshalb veranlaßt, die folgenden Untersuchungen mit ganz elementaren Aufgaben zu beginnen, in denen das Verhalten der Tiere womöglich eindeutig werden muß. 1. UMWEGE. An einer Stelle des Gesichtsfeldes wahrgenommenes Futter (all- gemeiner ein Ziel) wird, solange Komplikationen ausgeschlossen bleiben, in der geraden Verbindungslinie zum Ziel von allen den höheren Tieren erreicht, die sich überhaupt optisch zu orientieren vermögen; man darf sogar annehmen, daß dies Verhalten für ihre Organisation ganz ohne Erfahrung festliegt, sobald nur Nerven und Muskeln die nötige Reife für die Ausführung erlangt haben. Soll also das Versuchsprinzip, das in der Einleitung angegeben wurde, in einer ganz besonders einfachen Form angewendet werden, so kann man die Worte „gerader Weg" und „Umweg" wörtlich nehmen und eine Aufgabe stellen, die nur an Stelle des biologisch festen ge- raden Weges eine kompliziertere Geometrie der Hinbewegung zum Ziel erfordert: Der gerade Weg wird abgeschnitten in einer Weise, daß das Hindernis deutlich übersehbar ist, dagegen bleibt das Ziel auf übrigens freiem Grund, jedoch nur in gekrümmter Bahn erreich- bar; wie das Ziel und das Hindernis ist auch der Gesamtraum mög- licher Umwege zunächst als optisch aktuell wahrnehmbar voraus- gesetzt; gibt man dem Hindernis verschiedene Form, so wird hieraus im allgemeinen eine Variation der möglichen Umwege, vielleicht zu- gleich eine Abstufung der Schwierigkeiten folgen, welche eine solche Situation für den Prüfling enthält. Dieser einfache Versuch, der bei etwas näherer Betrachtung als der schlechthin einfachste und unter gewissen Bedingungen als ein Fundamentalversuch für theoretische Fragestellungen erscheinen kann, wird in der angegebenen Form bei Schimpansen \on 4 bis 7 Jahren Alter nichts ergeben können, was man nicht fortwährend bei ihnen sehen könnte. Sie umgehen wohl sofort ein jedes Hindernis, das zwischen ihnen und einem Ziel liegt, vorausgesetzt, daß sie in das Raumgebiet, in welchem mögliche Umwegkurven liegen, ge- nügenden Einblick haben. Dabei kann der Weg auf ebener Erde oder über Bäume und Gerüste oder auch unter einem Dach entlang führen, wenn dieses ihnen nur Greif möglichkeit bietet, und so be- stand bei später zu beschreibenden Prüfungen, in denen das Ziel vom Drahtdach ihres Spielplatzes herabhing, der erste Lösungs- versuch oft genug darin, daß sie an der nächsten bequemen Stelle zum Dach und an diesem entlang bis zum herabhängenden Seü Versuche am Hund. kletterten. Es bedurfte strenger Verbote, bis dieser und andere Um- wege aus dem Programm verschwanden, auf die bisweilen nur Turner wie die Schimpansen, und auch unter ihnen nur die wahren Akro- baten (Chica) kommen konnten; denn m^an darf nicht etwa meinen, daß wenigstens in Körpergewandtheit die Schimpansen einander un- gefähr glichen. — Mit derselben Sicherheit sieht man natürlich die Tiere ihren Körper drehen, beugen und wenden, je nachdem die Form eines engen Zuganges es erfordert; aber niemand erwartet auch vom Schimpansen, daß er z. B. ratlos vor dem horizontal er- streckten Spalt einer Wand stehenbleiben wird, jenseits deren sein Ziel Hegt, und so macht es gar keinen Eindruck auf uns, wenn er sich selbst möglichst in eine Horizontale verwandelt und so hin- B t A ^ JjSk / ¥m% 4^44£fL B Skizze 2. Skizze 3. durchschlüpft. Erst wenn man mit weniger hochstehenden Tieren Umwegversuche anstellt und wenn man selbst bei den Schimpansen durch anscheinend geringe Modifikation der Fragestellung Unsicher- heit, ja Ratlosigkeit hervorrufen kann, erst dann wird man gewahr, daß das Umwegemachen durchaus nicht allgemein als selbstver- ständliches Verhalten gelten darf.^) Da es aber in der bisher be- sprochenen Form beim Schimpansen durchaus nicht den Eindruck besonderer Einsicht erweckt, sondern als selbstverständlich wenig- stens erscheint, so unterbleibt hier der untheoretischen Frage- stellung gemäß eine weitere Erörterung. Indessen ist bei den einfachsten Umwegversuchen die Beobachtung so besonders leicht, daß sich die Mitteilung solcher Prüfungen 1) Vgl. den letzten Abschnitt dieser Schrift S. 164 ff. 10 I. Umwege. empfiehlt, die mit anderen Wesen vorgenommen wurden ; bei dem exem- plarisch einfachen Fall wird man sofort auf ein Moment aufmerk- sam, welches in allen schwierigen Versuchen am Schimpansen wieder- kehrt und dort die angemessene Beachtung leichter finden kann, wenn man es von den folgenden Beispielen her kennt. In der Nähe einer Hauswand wird ein quadratisch umzäuntes Gebiet improvisiert derart, daß die eine Seite, i m vom Hause ent- fernt, ihm parallel steht und mit ihm einen Gang von 2 m Länge macht; dessen eines Ende wird durch ein Gitter verschlossen und nun eine ausgewachsene kanarische Hündin aus der Richtung A (vgl. Skizze 2) in die Sackgasse bis B gebracht, wo sie, den Kopf nach dem abschließenden Gitter gerichtet, mit einigem Futter be- schäftigt bleibt. Als dieses fast ganz verschwunden ist, wird neues an der Stelle C, jenseits des Gitters niedergelegt; die Hündin sieht es, scheint einen Augenblick stutzig, dreht sich dann im Nu um 180° und läuft auch schon in glatter Kur\-e, ohne jede Unterbrechung, aus der Sackgasse, um den Zaun herum bis zum neuen Futter. Derselbe Hund verhielt sich ein andermal zunächst ähnlich: über einen Zaun aus Drahtgeflecht (und von der Formx Skizze 3), an dem das Tier bei B steht, wird ein Stück Futter weit hinausgeworfen; die Hündin läuft sofort in großem Bogen hinaus. Sehr beachtens- werter Weise scheint sie ratlos, als gleich danach bei einer Wieder- holung das Futter nicht weit hinausgeworfen, sondern nur eben über das Gitter hinaus fallen gelassen wird, so daß es, nur durch die Drähte von ihr gelrennt, unmittelbar vor ihr Hegt: als ob die Nah- konzentration auf das Ziel (wohl unter starker Beteiligung des Ge- ruches) die weitausgreifende Kurve um den Zaun nicht aufkommen ließe, stößt sie immer wieder mit der Schnauze gegen das Gitter und rührt sich nicht vom Fleck. Ein kleines Mädchen von einem Jahr und drei Monaten, das seit wenigen Wochen allein geht, wird in eine ad hoc hergestellte Sack- gasse (2m Länge, i^I^^t^ Breite) hineingesetzt, jenseits der Ab- sperrung vor seinen Augen ein schönes Ziel niedergelegt; es drängt erst gerade auf das Ziel zu, also gegen die Absperrung, sieht sich dann langsam um, läßt die Augen an der Sackgasse entlang laufen, lacht plötzlich vergnügt und trottet auch schon in einem Zuge die Kurve bis zum Ziel. Macht man ähnliche Versuche mit Hühnern, so zeigt sich sofort, daß das Umwegemachen nicht .selbstverständlich, sondern eine kleine Leistung ist; Hühner sind schon in Situationen, die viel geringere Umwege verlangen als die bisher erwähnten, ganz hilflos, rennen, wenn sie das Ziel durch ein Gitter hindurch vor sich sehen, immer Versuche an Hühnern. II wieder gegen das Hindernis an, indem sie dabei unruhig hin und her fahren, und machen selbst dann ihre Sache nicht besser, wenn ihnen das Hindernis (als ihr Gitter) und der Hauptteil des Umweges (als um ihren Türflügel und durch die ihm entsprechende Öffnung) wohlbekannt ist. Verschiedene Hühner verhalten sich nicht ganz gleich, und macht man den Umweg geringer, während sie alle gegen das Hindernis drängen, so ist sehr gut zu beobachten, wie erst eins, dann noch eins usw. mit Anrennen gegen das Hindernis aufhört und plötzlich in schnellem Lauf die Umwegkurve zurücklegt; einige be- sonders unbegabte Exemplare pflegen aber noch lange Zeit gegen das Gitter zu rennen, auch bei den leichtesten Aufgaben. Der Unter- £^^ 'H/CC^^t^/X/^\ a Skizze 4. b schied ist ebenfalls sehr deutlich, wenn man beachtet, wieweit bei größeren Umwegen der Zufall die einzelnen Tiere begünstigen muß, damit die lyösung auftritt. Im Hin- und Herpendeln gegenüber dem Ziel kommen sie für Augenblicke auch in Stellungen, von denen aus der Umweg geringer ist; aber eine und dieselbe Erleichterung, die der Zufall mit sich bringt, wirkt recht verschieden auf verschiedene Tiere: das eine stürmt plötzlich in geschlossener Kurve hinaus, das andere pendelt ratlos wieder in die ,, falsche" Richtung. Alle Hühner, die ich so beobachtete, brachten nur sehr „flache" Umwege zustande (vgl. die Skizze 4a im Gegensatz zu b), anscheinend durfte der mög- liche Umweg überhaupt nicht mit der Richtung beginnen, die zu- nächst gerade vom Ziel fortführt (vgl. dagegen oben das Verhalten von Kind und Hund). Hieraus folgt, daß für die Vorgänge, die der kleinen Leistung zugrunde liegen, Variation der geometri- schen Umstände von der größten Bedeutung ist^). Deren Einfluß wird auch bei den Anthropoiden und bei viel schwereren Aufgaben mehrfach stark auffallen. 1) Die Art der Abhängigkeit muß sich genauer feststellen lassen. Geschieht e«, so sind damit jeder Theorie des Versuchs bestimmte Bedingungen gestellt. 12 I. Umwege. Da der Zufall die Tiere in günstigere Stellungen bringen kann, so wird es auch gelegentlich vorkommen, daß eine Reihe reiner Zufälle sie vom Ausgangspunkt ganz bis zum Ziel oder wenigstens bis zu Stellungen bringt, von wo aus ein gerader Weg ans Ziel führt. Ent- sprechendes gilt für alle Intelligenzprüfungen — wenigstens im Prin- zip; denn je komplexer die erforderliche Leistung ist, desto unwahr- scheinlicher wird es, daß der Zufall sie ganz imitiert, — und deshalb ist allgemein zu der Frage, ob ein Tier im Versuch den jeweiligen „Umweg" (im weiteren Sinn des Wortes) findet, eine einschränkende Bedingung zu fügen, die Zufallserfolge ausschließt. Da nun — wenn wir die beschriebenen Umwegversuche im engeren Sinn als Beispiel nehmen — im Fall des Erfolgs stets ungefähr der gleiche Weg vom Tier zurückgelegt vnrd, ob durch eine Reihe von Zufällen oder in echter Lösung der Aufgabe, so erhebt sich der Einwand, zwischen beiden Möglichkeiten sei nicht zu unterscheiden. Es ist für alles Folgende und für die Psychologie der höheren Tiere überhaupt von entscheidender Bedeutung, daß man sich durch ein scheinbar so triftiges, aber in Wahrheit irrtümliches Bedenken nicht verwirren läßt. Für die Beobachtung, die hier allein zu entscheiden hat, besteht im allgemeinen ein ganz grober Formunter- scliied zwischen echten Leistungen und Imitationen des Zufalls, und niemand, der erst eine Anzahl älmUchcr Versuche an Tieren (oder Kindern) gemacht hat, wird diesen Unterschied über- sehen können: die echte Leistung verläuft räumlich wie zeitlich voll- kommen in sich geschlossen, als ein einziger Vorgang, in unserm Beispiel als ein stetiger Lauf ohne das mindeste Absetzen, bis zum Ziel; der Zufallserfolg entsteht aus einem Agglomcrat von Einzcl- bcwegungen, die auftreten, ablaufen, neu einsetzen, dabei nach Richtung und Geschwindigkeit voneinander unabhängig bleiben und nur im ganzen, geometrisch addiert, beim Ausgangspunkt anfangen und beim Ziel enden. Die Hühnerversuche bieten den Kontrast in besonders auffallender Form dann dar, wenn ein und dasselbe Tier zunächst unter dem Drang nach dem Ziel unsicher herumfährt (in Pendelbewegungen, die auf der Skizze 4a bei weitem nicht ungeordnet genug angedeutet sind) — wenn eines dieser Bahnstücke an eine günstige Stelle führt und nun jilötzlich das Tier in einer einzigen geschlossenen Bewegung die Kurve entlang- fährt: hier wird ein erstes Stück des möglichen Umweges im unge- ordneten Pendeln, alles übrige ,,echt" zurückgelegt; das eine Ver- halten folgt unmittelbar auf das andere, und zwar so abrupt, daß kein Mensch den anschaulichen Untersclüed in der Bewegungsart verkennen könnte. Versuche am Schimpansen. 13 Ist der Versuch noch nicht oft gemacht, so kommt hinzu, daß der Moment, in dem eine echte Lösung einsetzt, im Verhalten des Tieres (oder auch des Kindes) durch eine Art Ruck scharf markiert zu sein pflegt: der Hund stutzt, wirft sich dann plötzlich um 180° herum usw., das Kind schaut um sich, plötzlich leuchtet sein Gesicht auf usw. Die charakteristische Stetigkeit des echten Lösungsverlaufes wird also in solchen Fällen durch eine Unstetigkeit, ein neues Ein- setzen zu Beginn, noch auffälliger gemacht. Ausdrücklich warne ich vor der Mißdeutung, als sei hier einer irgend übernatürlichen Erkenntnisart das Wort geredet: jedermann kann so beobachten, wenn schon diese Beobachtung wie alle andern übbar ist. Der Art nach Ähnliches kommt auch außerhalb der Tier- psychologie oft genug in Betracht. So treiben vagabundierende Erd- ströme und andere schnell wechselnde zufällige Einflüsse den Faden eines schlecht aufgestellten elektrischen i\Ießapparates in ganz un- regelmäßiger Weise auf der Skala hin und her; wandert aber der Faden stetig auf eine Einstellung zu, so wird kein Physiker den an- schaulichen Unterschied und seine Bedeutung verkennen. Bei Beob- achtung der Bro wuschen Molekularbewegung wird im allgemeinen ein Versuchsfehler, der in die normalerweise ungeordnete Bewegung eine Bewegung fester Form hineinbringt, sofort anschaulich auffallen usw. Später wird von diesem nicht nur methodisch wichtigen Punkt noch mehr die Rede sein. Umwegversuche der angeführten Art dürfen nicht verwechselt werden mit zwei anderen Versuchsarten: i. „Frösche ohne Großhirn und Zwischenhirn weichen noch Hindernissen aus" (Nagel, Ph3'siol. d. Menschen IV, I, S. 4; A. Tschermak). Die Tiere biegen also automatisch aus einer Bewegungsrichtung ab, die sie in Kollision mit einem Hindernis bringen würde. Folgt daraus, daß die gleichen Frösche auto- matisch einen Umweg um ein Hindernis herum zu einem Ziel hin machen würden? Offenbar nicht. Das Wesentliche unseres Versuches kommt in dem Froschexperiment gar nicht vor. — 2. Die amerikanische Tierpsychologie läßt vielfach Tiere (oder Menschen) den Ausweg aus I^abyrinthen suchen, welche von keinem Punkt des Innern aus überschaubar sind; das erste Herausfinden ist deshalb notwendig vom Zufall abhängig, und so kommt es den betreffenden Forschern auch nur darauf in erster Linie an, wie unter solchen Umständen gemachte Erfahrungen bei immer weiteren Versuchen vom Prüfling ausgenutzt werden. Bei Intelligenzprüfungen von der Art unserer Umwegversuche kommt alles darauf an, daß die »Situation dem Prüf- ling offen gegeben ist. Für die Schimpansen erschwerte ich den Umwegversuch auf fol- gende Weise: Das Ziel hängt in einem Korb vom Drahtdach und kann von der Erde aus nicht erreicht werden; der Korb enthält auch mehrere schwere Steine, so daß eine Pendelschwingung von Faden und Korb auf einen kräftigen Anstoß hin längere Zeit be- stehen bleibt; die Ebene dieser Schwingung wird so gerichtet, daß der Korb bei maximalem Ausschlag nach der einen Seite einem 14 I. ÜMW^EGE. Gerüst nahekommt; der Umweg ist also nur für kurze Zeitmomente leicht erkennbar (und brauchbar). — (19. i. 1914.) Sobald das Pendel schwingt, werden Chica, Grande, Tercera herbeigelassen^). Grande springt vom Boden aus nach dem Korb, ohne ihn zu erreichen; Chica, die inzwischen die Lage ruhig überschaut hat, läuft mit einem- mal auf das Gerüst zu, klettert hinauf, erwartet mit ausgestreckten Armen den Korb und fängt ihn auf. Der Versuch hat etwa eine Minute gedauert^). Wiederholungen mit anderen Tieren (Rana, Koko) verliefen ebenfalls so einfach und schnell, daß die Lösung auch dieser Aufgabe wohl jedem Schimpansen zuzutrauen ist; Grande, die die Lösung von Chica gesehen hatte, kam dieser bei sofortiger Wieder- holung des Versuches zuvor; nach allem Späteren ist kein Zweifel, daß das gute Beispiel nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre, und daß sie, immer langsamer als die anderen, nach einer WeUe von selbst den Umweg gesehen hätte. Sultan, der nicht bei diesen Versuchen zugegen gewesen war, wurde (20. I.) mit dem gleichen Pendel geprüft, dieses aber, bevor er es sah, in Kreisschwingung versetzt, die den Korb nüt der etwa kon- stanten großen Geschwindigkeit an einem nahestehenden Balken vorüberführte; der Schwingungsform und der gleichmäßigen Ge- schwindigkeit wegen ist dieser Versuch wohl etwas schwerer, Sultan schaut einen Augenbhck hinauf und verfolgt den Korb mit den Augen; als er ihn am Balken vorüberschießen sieht, ist er sofort oben und erwartet ihn hier. In solchen Versuchen macht es gar nichts aus, ob der zugängliche Punkt, dem das Pendel vorübergehend nahekommt, in aufeinander- folgenden Versuchen derselbe bleibt oder nicht, und ob es sich um ^) In den ersten Tagen waren diese Tiere viel zu ängstlich, als daß eines zu Ver- suchen hätte isoliert werden können; dieser Umstand hat die allergrößten Schwierig- keiten mit sich gebracht, und etwa Chica ganz allein zu prüfen, war noch nach einem halben Jahr nicht möglich; als Gesellschaft gab ich in solchen Fällen meist Tercera oder Konsul, die aus Trägheit oder Schüchternheit an sich recht unbrauchbar waren, verlor aber auch sonst gelegentlich eine Versuchsperson für bestimmte Aufgaben auf demselben Wege. 2) Ich gebe in dieser Schrift keine oder doch nur da ungefähre Zeitangaben, wo diese einen sachlichen Wert haben. Im allgemeinen hängt die Dauer eines Versuches von so viel zufälligen und wechselnden Umständen ab (z. B. vergeblichen Lösungs- versuchen, mangelndem Interesse, Trauer über Isolierung oder Mißerfolg usw.), daß Zeitmessungen allein den Anschein quantitativer Methodik erzeugen würden. W^ie es zeitlich in einem Versuch zugeht, ist aus der Beschreibung wohl immer so weit zu sehen, als es für unsere Zwecke in Betracht kommt. Ob ein Intervall der Gleich- gültigkeit oder des Jammenis, wie es häufig vorkam, drei Minuten, d. h. vielleicht zehnmal so lange wie der eigentliche Lösungsverlauf, oder eine halbe Stunde, vielleicht tausendmal so lange wie dieser dauert, ist ja wohl vollkommen einerlei. In den meisten Fällen würde eben die Lösung selbst einen beliebigen Bruchteil der gemessenen ,.Ver- suchszeit" ausmachen. Unsichtbare Teilstrecke. 15 eine Haus wand, einen Baum, ein Gerüst oder anderes mehr handelt. Führt man Variationen dieser Art ein, so besteigt ein und dasselbe Tier nicht etwa den Punkt, wo es vorher Erfolg hatte, sondern es klettert mit Sicherheit an die Stelle, die in der jeweiligen Situation die richtige ist. Bei so einfachen Versuchen habe ich nie einen Ver- stoß gegen diese Regel gesehen, wohl aber bei Aufgaben, die sehr viel vom Schimpansen verlangen; da kommen Fehler in der Rich- tung törichten Repetierens vor. Als beträchtlich schwerer erscheint der Um.wegversuch, wenn ein Teil der Situation, womöglich der größere, vom Ausgangspunkt aus nicht sichtbar, sondern nur „aus Erfahrung" bekannt ist. Ein Raum des Tierhauses hat ein sehr hochgelegenes, durch Holz- läden zu verschließendes Fenster, das auf den Spielplatz hinausgeht. Aus dem Raum kommt man auf den Spielplatz durch die Tür des ^ o ZieL Skizze 5 Raumes, die in den Korridor führt, ein kurzes Stück dieses Korri- dors und eine Tür vom Korridor auf den Spielplatz (vgl. die Skizze 5). Alle erwähnten Teile sind den Schimpansen gut bekannt, befindet sich aber einer in jenem Raum, so sieht er nur dessen Inneres. (6. 3.) Ich nehme Sultan aus einem andern Raum des Tierhauses, wo er mit den übrigen gespielt hat, über den Korridor mit mir in jenes Zimmer, lehne hinter uns die Tür an, gehe mit ihm ans Fenster, öffne den Holzladen ein wenig, werfe eine Banane hinaus, so daß Sultan sie durchs Fenster verschwinden, aber wegen der Höhe des Fensters nicht fallen sieht und schließe den Laden schnell wieder (Sultan kann nur ein wenig von dem Drahtdach draußen gesehen haben); als ich mich umdrehe, ist Sultan schon unterwegs, stößt die Tür auf, verschwindet im Korridor, wird an der zweiten Tür und gleich darauf vor dem Fenster hörbar; draußen finde ich ihn eifrig unter dem Fenster suchend: die Banane ist zufällig in den dunklen i6 I. Umwege. Spalt zwischen zwei Kisten gefallen. — Unsichtbarkeit des Zielortes und des größeren Teiles vom möglichen Umweg behindern also die Lösung nicht wesentlich; sind die betreffenden Raumteile nur sonst bekannt, so bildet sich durch sie hindurch die Umwegkur\-e mit Leichtigkeit. Bei einem ganz ähnlichen Versuch mit der schon erwähnten Hündin zeigte sich dann, daß diese dasselbe leistete. Durch die Tür T tritt man von dem Vorplatz, der frei und glatt um das Haus läuft, in ein Zimmer mit dem Fenster F nach dem Vorplatz V zu (vgl. Skizze 6); die Hündin, die Zimmer und Vorplatz von Besuchen her kennt — sie gehört nicht zum Hause — , uird zur Tür T hinein ins Zimmer ge- bracht und mit Futter ans offene Fenster gelockt; sie kann von hier aus nur entferntere Baumkronen, nicht den Vorplatz «selbst sehen. Das Futter wird hinausgeworfen und sofort danach das Fenster ge- schlossen. Die Hündin springt einmal gegen die Fensterscheibe, steht dann einen Augenblick, den Kopf nach dem Fenster hinaufgerichtet, sieht kurz nach dem Beobachter; phitzlich fährt ihr Schwanz ein paarmal hin und her, sie s])ringt mit einem Satz i8o° herum und jagt in einem Zuge aus der Tür und außen herum bis unter das Fenster, wo sie das Futter so- gleich findet*). Ihorndike hat Katzen und Hunde in großer Zahl geprüft, um zu .sehen, was an den vielen Wundergeschichten ist, die über diese Hausgenossen erzahlt werden. Das Resultat fiel .sehr ungün- stig für die Tiere aus. und Thorndike kam zu dem Schluß, daß sie. weit ent- fernt ,.zu denken", nicht einmal Vor- stellungen mit Wahrnehmungen asso- ziieren wie ein Mensch, sondern im we- sentlichen auf die Erfahrungsverknüpf- ^'''"* '' ung von bloßen ..Impulsen" mit Wahr- nehmungen l>cschränkt blcil>en. Diese Untersuchung hat zu ihrer Zeit in der negativen Richtung das Nötigste geleistet, ist aber, wie sich immer mehr (auch in Amerik.i) herausstellt, in derselben Richtung etwas zu weit gegangen. Die Prüfungen waren jenen Tieranekdoten gemäß und so schwer, daß das Resultat wohl kl.iglich ausfallen mußte, unter dem Eindruck des Versagens der Tiere in diesen Prüfungen hat Thorndike dann allgemeine negative Sätze über ihre Leistungsfähigkeit aufgestellt, die aus den speziellen, eben zu schweren Versuchen nicht folgen. So töricht der Hund neben deiu Schimpansen z. B. erscheint. *) Etwas andere l'mwcgversuche stellten an; Thorndike (vgl. das unten zitierte Werk) und Hobhousc (Mind in Evolution. London 1901, S. 22},i.). - Ich bemerke noch, daß die Hündin nicht von der Seite des Fensters her zur Tür hereingebracht wurde; rückwärts hat sie also Geruchsspur höchstens bis zur Tür; doch dürfte nach der Beobachtung der Geruch überhaupt keine Rolle gespielt haben. Versuche von Thorndike. 17 so dürfte doch in so einfachen Fällen wie dem eben beschriebenen eine nähere Unter- suchung sehr angebracht sein. Um des Prinzips der Untersuchungsart willen muß ich noch eine weitere Aus- stellimg an den Experimenten von Thorndike machen. Sie waren als Intelligenz- prüfungen von der Art der unsern (Frage: Einsicht oder nicht?) gedacht, mußten also den gleichen allgemeinen Bedingungen genügen, um ihren Zweck zu erfüllen, vor allem in Situationen angestellt werden, welche für das Tier der Möglichkeit nach überschaubar sind; denn wenn wesentliche Teile der Situation der Sache nach vom Prüfling gar nicht eingesehen werden können, wie soll er dann einsichtig mit der Aufgabe fertig werden? Mit einiger Verwunderung sieht man deshalb die Katzen und Hunde mehrfach in Käfige gesetzt, in welche nur das Ende irgendeines Mecha- nismus mündet, durch deren Gitter man noch Seilstücke oder andere Teile des Mecha- nismus von innen sehen kann, während die ganze Situation, in der sich das Tier zu- rechtfinden soll, von innen unmöglich klar überschaut werden kann. Aufgabe: Durch Ziehen oder Drücken an dem zugänglichen Teil des Mechanismus soll sich das Tier selbst befreien; denn — davon geht die Tür des Käfigs auf. Thorndike teilt weiter Versuche mit, in denen Tiere aus einem Käfig dann befreit wurden, wenn sie sich selbst kratzten oder wenn sie sich selbst leckten usw. Er stellt diese Experimente jenen andern (wo ein Mechanismus zu betätigen ist) gegenüber, da hier kein Zu- sammenhang, keine Übereinstimmung zwischen Handlung und Erfolg bestehe wie in jenen; in Wirklichkeit aber nähert sich manche jener Anordnungen leider den Bedingungen in solchen Versuchen ohne sachlichen Zusammenhang. — Immerhin enthalten die Mechanismussituationen sämtlich Bestandteile, die überhaupt mit irgendeinem Grad von Einsicht behandelt werden können, und man ist deshalb ge- spannt zu erfahren, ob sich die Tiere in diesem Fall (teilweise der Möglichkeit nach einsichtig zu behandelnde Situation) irgend anders verhalten als in jenem (absichtlich ganz sinnlos gewählte Versuchsumstände) ; denn hier handelt es sich ja offenbar um eine Art von Experimeutum crucis. Das Ergebnis ist, daß das richtige Verhalten in beiden Fällen in mehr oder weniger ausgedehntem ,,lYernen" sich ausbildet — wie zu erwarten, da die ,, Sinn versuche" viel zu schwer sind und in Teilbedingungen eben- falls mehrfach nicht eingesehen werden können. Aber wenn die Tiere die Aufgabe beherrschen, dann zeigt sich schon ein Unterschied: ,,In allen diesen Fällen" — der ganz sinnlosen Art — ,, zeigt sich eine bemerkenswerte Tendenz . . . den Akt zu redu- zieren, bis er eine bloße Spur von Lecken oder Kratzen wird" und vor allem weiter: ,,Wenn man bisweilen die Katze nicht herausläßt nach dieser schwachen Reaktion, so wiederholt sie nicht etwa die Bewegung sofort, wie sie das tun würde, wenn sie z. B. einen Drücker herabdrückte, ohne daß die Tür davon aufginge^)." Thorndike erklärt nur, den Grund für beide Erscheinungen nicht angeben zu können. Da es sich um eines der interessantesten von seinen Ergebnissen handelt, wennschon nicht um eines, das nach seiner Theorie zu erwarten wäre, so wird man diesen schnellen Verzicht bedauern müssen. 2. WERKZEUGGEBRAUCH. Die Situation wird weiter erschwert: Es gibt keinen Raum mög- licher Umwege mehr, ebenso ungangbar wie die gerade Verbindungs- linie zum Ziel sind alle sonst geometrisch denkbaren Kurven; und auch kein Anpassen der eigenen Körperform an Raumformen der Umgebung bringt das Tier mit dem Ziel zusammen. Soll diese Ver- bindung doch irgendwie hergestellt werden, so kann das nur durch ^) Animal Intelligence. New York 191 1, S. 48. Kr)hler, Intelli£;enzprüfungen. 2 l8 2. Werkzeuggebraixu. die Einschaltung eines materiellen Zwischengliedes geschehen. So vorsichtig muß man sich, wie wir sehen werden, der vSache nach aus- drücken ; erst wenn dies indirekte Verfahren mit Hilfe dritter Körper gewisse Formen annimmt, darf man im gewöhnlichen Sinn sagen: mittels eines Werkzeuges wird das Zielobjekt in Besitz genommen; es gibt eine Art, die Distanz zum Ziel durch dritte Körper in ge\\-isscr Weise zu überwinden, welcher dieser Satz nicht gerecht wird^). Enthält das Feld dritte Körper, die sich zur Bewältigung der kriti- schen Distanz Tier — Ziel eignen, so fragt sich, inwieweit ein Schim- panse fähig ist, unter dem Drang nach dem Ziel von einer solchen Möglichkeit Gebrauch zu machen. I. Die Aufgabe ist am leichtesten, wenn die Distanz sachlich im Grunde schon überwunden, der dritte Körper schon „eingeschaltet" ist; steht dieser mit dem Ziel in Verbindung, so kann man entweder den Wert dieser Verbindung ausnützen oder man sieht den dritten Körper als gleichgültig wie jeden andern an (außer dem Ziel selbst) und bleibt so hilflos. Schon in der Einleitung zeigte sich, daß Sultan eine solche Lage beherrscht, obschon die Verbindung nicht von der einfachsten Form ist und erst 7.ur Geltung kommt, wenn er zunächst einen Umweg (auf den Baum) macht. Stellt man den Versuch einfach so an, daß an das Ziel ein Faden od. dgl. geknüpft ist, der bis in die Reich- weite des Tieres läuft, dann uird man den Schimpansen diese Auf- gabe wohl stets sofort lösen sehen. Nucva wurde am sechsten Tage ihres Maiioiisauicntiialies (i^. j.) geprüft: Etwas über i m von dem Gitter ihres Käfigs entfernt lag das Ziel, ein weicher Strohhalm war darangebunden und reichte mit dem freien Ende über den sonst leeren Grund bis an das Gitter; kaum hatte Nueva das Ziel gesehen, so griff sie nach dem Halm und zog vorsichtig das Ziel damit heran. Koko, seit 5 Tagen Mitglied der Station (13. 7.): Das Tier war mit seiner Halskette an einem Baum festgelegt und beherrschte so *) ICs kommt hinzu, daß man auf dem ganzen Problemgebict gut tut, bisweilen Schlagworte wie ,, Werkzeuggebrauch", ebenso ,, Nachahmung" u. dgl. durch andere Worte zu ersetzen, die möglichst genau dem Verhalten des Tieres entsprechen. Jene abgenutzten Worte haben den Nachteil, unter dem .Vnschein der Bekanntheit die wichtigsten Fragen zu verstecken: auf gute Fragen kommt man vielleicht eher, wenn man sich auch bei der Wahl der .Vusdrücke nach Möglichkeit vom Verhalten des Tieres leiten läßt; manchmal ist das allerdings recht schwer, weil gut passende Worte einfach nicht vorhanden sind. Fadenverbindung. 19 nur einen beschränkten Kreis; jenseits von dessen Peripherie wurde das Ziel niedergelegt, während der Faden, der daran befestigt war, bis in den Kreis hineinreichte; Koko hatte die Vorbereitung nicht gesehen. Auf das Ziel aufmerksam gemacht, sah er nur eben einmal hin und wandte sich dann wieder ab; nochmals auf das Futter hingewiesen, griff er schnell nach dem Faden und zog es heran, warf es aber nach kurzer Prüfung wieder fort: es war nicht die richtige Art Ziel. Derselbe Versuch hatte schon vorher (Februar 14) bei Tschego und Konsul das gleiche positive Ergebnis gehabt, und das, obwolil die Seilverbindung für sie an 3 m lang gewählt wurde ; die übrigen Tiere bekamen alle einmal in schwierigeren Versuchen mit der Seil- verbindung zu tun, und nie hat eines gezögert, sie auszunutzen. Immer geschah das Heranziehen „im HinbHck auf das Ziel", auch im wörtlichen Sinn: ein Blick auf das Ziel, und das Tier beginnt, immer auf das Ziel, nicht auf das Seil gerichtet, zu ziehen. So kann keine Rede davon sein, daß zunächst nur das SeU aus irgendeinem Grunde herangezogen werden sollte. Variation: Das Ziel liegt in einem Korb; an dessen Henkel ist das Seil gebunden und dieses ist bis an das Gitterfenster eines Raumes hinaufgeführt, in dem sich ein Schimpanse aufhält: Der Korb wird stets am Seil hinaufgehoben. Ein Hund könnte sich in demselben Versuch mit Vorderfuß oder Zähnen sehr wohl helfen; aber das Tier, von dem oben die Rede war, brachte diese einfache Leistung nicht zustande und beachtete den Faden überhaupt nicht, der bis unter seine Schnauze lief, während es zugleich das lebhafteste Interesse am Ziel bezeugte. Hunde und wohl z. B. auch Pferde könnten — wenn nicht besonders glückliche Zufälle in ihren Bewegungen oder irgendwelche Unterweisung ihnen helfen — wahrscheinlich in einer solchen Lage einfach verhungern, wo für Mensch und Schimpanse kaum ein Problem besteht. Die Leistung des Schimpansen verdient jedoch, näher betrachtet zu werden. Zu diesem Zweck wird die Situation ein wenig verwirrt (II. 6. 14): Das Ziel Hegt, an einen Faden gebunden, jenseits eines Gitters am Boden; aber außer dem „richtigen" Faden laufen, ihn und einander kreuzend, noch drei weitere aus der ungefähren Gegend des Zieles in verschiedenen Richtungen auf das Gitter zu (vgl. Skizze 7 a). Mit einigermaßen aufmerksamem Blick sieht der (er- wachsene) Mensch sofort, welches der richtige Faden ist. — Sultan wird ans Gitter gebracht, sieht nur flüchtig hinaus und reißt in schneller Folge an zwei falschen und dann an dem richtigen Faden (die Reihenfolge wie die in der Skizze beigefügten Zahlen). Das Feld wird wieder beträchtlich klarer, wenn nur zwei Fäden, der richtige und ein falscher, nach dem Ziel hin laufen und sich ^ Mehrere fäden. 21 dabei womöglich nicht einmal kreuzen. Das Ergebnis in vier solcher Fälle b bis e (14. 6.) ist nach der Skizze leicht verständlich. Dabei beträgt die Entfernung Tier — Ziel etwa i m, die falschen Fäden nähern sich auf etwa 5 cm dem Ziel. Ob Sultan bei hinreichender Ruhe imstande wäre, aus der Betrachtung des Feldes klar zu ent- nehmen, welcher Faden der richtige ist, läßt sich in diesen Versuchen nicht erkennen; denn tatsächhch nimmt er sich nicht Zeit für eine solche Bemühung, sondern zieht einfach drauf los und ergreift jeden- falls nur zweimal sofort den richtigen Faden. Die Fehler, die er macht, sind wohl kaum zufällig: in fünf Versuchen zieht er viermal an dem Faden zuerst, der vom Gitter in kürzester Bahn auf das Ziel zuläuft. Vielleicht besteht noch eine Tendenz, lechtsliegende Fäden zu bevorzugen; das wäre rein motorisch zu erklären: denn Sultan setzt sich stets dem Ziel gerade gegen- über ans Gitter und greift wie bei allen Anlässen, die auch nur ein Minimum von Geschicklichkeit erfordern, mit der rechten Hand. Läuft schließlich nur ein Faden in die Nähe des Zieles, ohne mit diesem verbunden zu sein, so kommt alles auf die nähere Bestimmung der „Nähe" an. Sultan in einem solchen Versuch (Entfernung des Zieles vom Gitter 3 m. Abstand des Seilendes vom Ziel etwa 15 cm) zog nach einem Blick in die Zielgegend zunächst nicht, einige Se- kunden später doch noch, aber vollkommen auf das Seil gerichtet, ohne das Ziel im mindesten zu beachten, und begann mit dem halb hineingezogenen Seil zu spielen, immer unbekümmert um das Ziel draußen; eine Probe zeigte, daß er bei bestem Appetit war. — Bei I m Zielentfernung und nur etwa 2 cm Abstand Seilende — Ziel zog er dagegen, deutlich im Hinblick auf das Ziel, wenn schon in zau- dernder Art. — Eine größere Anzahl solcher Beobachtungen macht den Schimpansen natürlich argwöhnisch; im ganzen konnte ich fest- stellen: Bei sehr kleinem Abstand Seilende — Ziel (viel kommt auf die Klarheit des Grundes an) wird der Schimpanse nach flüchtigem Hinblicken meist am Seile ziehen; immer wird er es tun, wenn Seil und Ziel einander optisch berühren; ob die „Befesti- gungsart" in unserm praktischen Sinn der Verknüpfung für den Schimpansen in solchen Versuchen irgend mehr gegeben ist als durch optischen Kontakt höheren oder niederen Grades, erscheint als fraglich. Bei sehr großem Ab- stand von Faden und Ziel wird der Schimpanse gewöhnlich nicht ziehen, er müßte sonst für das Seil als solches interessiert sein oder es haben wollen, um es dann in anderer Weise als Werkzeug zu ge- brauchen; bei mittleren Abständen von einigen Zentimetern auf- wärts, wenn das Seil noch in eine Art ,,Hof" des Zieles hineinreicht, 22 2. Werkzelggebrauch. in welchem es (auch dem Menschen) sogleich als „in die Gegend des Zieles laufend" auffällt, wird alles von der Aufmerksamkeit des Tieres und seinem Hunger abhängen; in äußerstem Hunger \\ird der Schimpanse das Seil noch ziehen, und zwar ,,im Hinblick auf das Ziel", selbst wenn er sieht und sehen muß, daß kein Kontakt be- steht; er tut damit ganz Ähnliches wie nach einer geläufigen Wen- dung der Mensch, wenn er in Gefahr des Ertrinkens nach einem Strohhalm greift; die Bewegungen des Tieres in solchen Fällen, die uns noch öfters begegnen werden, sind matt und geben ein Bild völ- liger ?\Iutlosigkeit^). IL Das Ziel ist in keiner Weise mit dem Räume des Tieres verbunden ; die Situation enthält als einziges Hilfsmittel einen Stab, mit dem das Ziel herangezogen werden könnte. Von den sieben Schimpansen, die der Station seit Anfang an- gehörten, fand ich Sultan schon recht geübt in solcher Verwendung von Stöcken, und an Rana war wohl die gleiche Leistung schon beob- achtet worden; wie sie bei mehreren andern zuerst auftrat, wird in dem nächsten Teil dieser Prüfungen berichtet. In den Zusammen- hang der hier zunächst behandelten \'crsuchsart gehören drei Fälle, die von Tschcgo, Xueva und Koko. Das große \\'eibchen, über dessen Kanierunti \'orleben natürlich nichts bekannt ist, war bis zur Zeit des Versuches (26, 2. 14) fast stets von den andern isoliert gehalten worden (seit iV's Jahren), und zwar in Räumen, die ihm selten Gelegenheit boten, mit beweglichen Gegenständen außer Stroh und Decke umzugehen; dagegen konnte es dem Treiben der kleinen Tiere nach Belieben zuschauen. — Tschego wird aus ihrem Zimmer in den vergitterten Raum gelassen, der ihr tagsüber als Aufenthaltsort dient; draußen außer Reichweite ihrer sehr langen Arme liegt das Ziel, drinnen in der Nähe des Gitters und etwas seitlich mehrere Stöcke. Sie versucht zunächst vergeblich, nüt der Hand die Früchte zu erreichen, legt sich dann weiter rück- wärts nieder, macht nach einer Weile einen neuen \'ersuch, gibt es wieder auf usw., während mehr als einer halben vStunde; schließlich bleibt sie dauernd liegen, ohne sich weiter um das Ziel zu kümmern ; die Stöcke, die unmittelbar neben ihr doch auffallen könnten, sind wie nicht für sie vorhanden. Jetzt aber beginnen die jüngeren Tiere, *) Seilversuchi- hat Hobhousc (Mind in Evolution, London 1001, S. I55ff.) an mehievcn Tierformen angestellt, und auch sonst sind sie wohl gemacht worden. Auf das Werk des genannten Autors sei hier ganz allgemein verwiesen; noch einige der im folgenden beschriebenen Versuche finden sich auch bei ihm. Stockgebrauch. 23 die draußen umherlaufen, sich für das Ziel zu interessieren und nähern sich vorsichtig immer mehr; mit einem Male springt Tschego auf, ergreift einen der Stöcke und kratzt, nicht ungeschickt, das Ziel (Bananen) damit heran, bis sie in Reichweite der Hand kommen. Dabei setzt sie sofort den Stock richtig hinter dem Ziel auf; sie braucht zuerst den linken, dann auch den rechten Arm und wechselt häufig zwischen beiden; der Stock wird nicht immer gehalten, wie ein Mensch es tun würde, sondern mehrfach so, wie sie auch ihr Futter zu halten liebt, nämlich zwischen dritten und vierten Finger geklemmt, während der Daumen seitlich dagegendrückt. Nueva wurde 3 Tage nach ihrer Ankunft geprüft (11. 3. 14), Sie war noch nicht mit den anderen Tieren zusammengekommen, son- dern saß isoliert in einem Käfig. Ein Stöckchen wird ihr in den Käfig gegeben, sie kratzt mit ihm ein wenig auf dem Boden, schiebt so Bananenschalen auf einen Haufen und läßt dann den Stock achtlos fallen, vielleicht ^/^ m vom Gitter entfernt. 10 Minuten später werden Früchte draußen außer Reichweite auf den Boden gelegt; das Tier greift vergeblich danach und beginnt alsbald zu klagen in der cha- rakteristischen Art des Schimpansen: Es schiebt beide Lippen, be- sonders aber die untere, um einige Zentimeter vor, stößt, während es mit bittenden Augen den Beobachter ansieht und die Hand nach ihm ausstreckt, weinerliche Töne^) aus und wirft sich schließlich ver- zweifelt auf den Rücken, ein sehr ausdrucksvolles Verhalten, das man in Fällen großen Kummers auch sonst sieht. So vergeht zwischen Bitten und Klagen eine Weile, bis — etwa 7 Minuten nach dem Niederlegen des Zieles — das Tier bei einem Blick in Richtung des Stockes verstummt, diesen ergreift, hinausführt und etwas un- geschickt, aber doch erfolgreich, mit ihm das Ziel heranzieht. Dabei wird der Stock, der hier wie später meist in der linken Hand liegt, sofort hinter dem Ziel zur Erde gesetzt. — Bei Wiederholung des Versuches nach i Stunde vergeht viel kürzere Zeit, bis das Tier zum Stocke greift, auch braucht es ihn jetzt schon geschickter; beim dritten Mal wird der Stock sofort benutzt und so von nun an immer; die Geschicklichkeit erreicht dabei ihr Maximum schon nach wenigen Wiederholungen . Koko wird am zweiten Tage nach seiner Ankunft (10. 7. 14) wie gewöhnlich mit Halsband und Kette im Umkreis eines Baumes fest- gehalten. Ein leichtes Stöckchen, das heimlich in den Kreis hinein- geschoben ist, beachtet er erst gar nicht, etwas später knabbert er einen Augenblick daran; i Stunde danach wird das Ziel außer- halb des Kreises und außer Reichweite niedergelegt. Nach einigen 1) Der Schimpanse weint bekanntlich niemals Tränen. 24 2. Werkzetjggebrauch. vergeblichen Versuchen, es doch mit der Hand zu fassen, nimmt Koko plötzlich den Stock, der etwa i m rückwärts liegt, sieht nach dem Ziele hin — und läßt ihn wieder fallen; er greift mit dem Fuße, der wegen des Halsbandes weiter reicht als die Hand, angestrengt in Richtung des Zieles und gibt auch das wieder auf; plötzlich nimmt er wieder den Stock her und zieht diesmal, freilich recht ungeschickt, das Ziel damit heran. — Bei Wiederholung des Versuchs fällt die Ungeschicklichkeit des Tieres womöglich noch stärker auf; nicht selten stößt es von der falschen Seite an das Ziel (Banane), so daß dieses einmal weit fortgeschoben wird; in diesem Falle und so öfter nimmt Koko den Stock mit dem Fuße und arbeitet auf diese Weise weiter; als er immer noch nicht ankommt, holt er mit einem Male einen grünen Stengel, mit dem er vor dem Versuche gespielt hat, erreicht aber damit erst recht nichts, weil der Stengel noch kürzer ist als der Stock. — Koko führt von vornherein den Stock mit der rechten Hand, und nur für Momente, wenn sein schwacher Arm sicht- lich ermüdet ist, muß die linke Hand aushelfen; aber dann schwankt der Stab ganz unsicher auch ohne Ermüdung und wird gleich wieder in die Rechte genommen. Ganz allgemein gilt, daß ein Schimpanse, der einmal in solcher Situation den Stock zu verwenden begonnen hat, nicht ratlos wird, wenn gerade kein Stock vorhanden ist oder ein vorhandener der Auf- merksamkeit entgeht. Nueva wird (13. 3.) 2 Tage später vor dem Versuche der Stock entzogen, mit dem sie inzwischen gern gespielt hatte. Als das Ziel draußen eben niedergelegt ist, versucht sie schon, es mit Lappen, die in ihrem Käfig liegen, mit Strohhalmen und schließlich mit einer blechernen Wasserschale, die vor dem Gitter steht, heranzuziehen oder (mit dem Lappen) heranzuschlagen, bisweilen mit Erfolg. Am Tage nach Tschegos erstem Versuche liegen die Stöcke etwa 1^/2 m vom Gitter entfernt weiter im Innern des Käfigs. Als das Tier in den Raum gelassen wird, reckt es zunächst wieder vergeb- lich den Arm durch das Gitter hinaus; wie aber die kleinen Tiere sich dem Ziele nähern, ergreift Tschego schnell einige Strohhalme und angelt ohne Erfolg damit; erst nach geraumer Zeit, als die Kleinen bedrohlich nahe kommen, werden ganz plötzlich die Stöcke in die Situation einbezogen und mit einem von ihnen das Ziel herangeholt. Für den nächsten Versuch (am gleichen Tag um mehrere Stunden später) werden die Stöcke noch weiter vom Gitter (und damit von dem draußenliegenden Ziel) fort und an die entgegengesetzte Käfig- wand (Abstand vom Gitter 4 m) gelegt. Sie werden nicht benutzt. Ersatzmittet.. 25 Nach vergeblichen Versuchen, mit dem Arm anzukommen, springt Tschego auf, geht schnell in ihren Schlafraum, der mit dem Ver- suchskäfig durch eine kleine offenstehende Tür verbunden ist, und kehrt sofort mit ihrer Decke wieder; sie zwängt das Tuch durchs Gitter, schlägt mit ihm auf die Früchte und peitscht sie so heran; als eine Banane dabei auf den Zipfel des Tuches gerät, ändert sich das Verfahren sofort, und mit großer Vorsicht wird die Decke mit der Frucht darauf herangezogen. Indessen ist die Deckenverwendung mühselig genug; ein neues Ziel will sich gar nicht so erreichen lassen. Tschego sieht sich ratlos um, blickt dabei auch mehrfach in die Rich- tung der Stöcke, zeigt aber nicht das geringste Interesse an ihnen; jetzt wird ein anderer Stock schräg dem Ziel gegenüber durch die Gitterstäbe hineingeschoben; Tschego gebraucht ihn sofort. Koko, der außer dem Stock schon den Krautstengel hatte ver- wenden wollen, ließ 3 Tage später (13. 7.) in der gleichen Situation den Stock, der etwas abseits vom Ziel und sehr an der Peripherie des erwähnten Kreises lag, zunächst unbeachtet; erst nach einiger Zeit holte er mit einem Fuße den Stock und dann mit diesem, immer noch ungeschickt, das Ziel heran. Bei Wiederholung des Versuchs brachte er seine Decke mit, schleppte sie dicht vor das Ziel, legte sie aber nach kurzem Zaudern nieder und griff wieder zum Stock. Einen Tag später, als kein Stock in der Nähe ist, wiederholt sich der Vorgang mit der Decke ganz genau, dann sucht er mit einem Steine das Ziel heranzuziehen. Noch einige Tage weiter benutzt er ein großes festes Stück Pappe, einen Rosenzweig, die Krempe eines alten Strohhutes, ein Stück Draht. Alles, was beweglich und wo- möghch langgestreckt aussieht, wird in der Situation zum „Stock" in der rein funktionellen Bedeutung von „Greif Werkzeug", ja man kann sagen, daß der mobile Teil des Feldes eine Tendenz zeigt, in Kokos Händen nach der kritischen Stelle zu wandern. Nebenbei eine Selbstbeobachtung: Noch ehe das Tier auf Verwendung von Stöcken oder ähnlichem verfallen ist, wird dergleichen natürlich vom Zuschauer erwartet; sieht man mm den Affen eifrig, aber ohne Erfolg bemüht, die Distanz zum Ziel zu überwinden, so geht infolge der Spannung ein Wechsel im Gesichtsfeld vor sich; längliche und bewegliche Gegenstände sieht man nicht mehr indifferent und streng statisch an ihrem Orte, sondern wie mit einem , .Vektor", wie unter einem Druck nach der kritischen Stelle hin. Wie ZU erwarten, sind Variationen des Zieles oder seiner Lage im allgemeinen ohne Einfluß, nachdem einmal der Stockgebrauch auf- gekommen ist. An einem heißen Tage sucht Koko sogar einen Eimer voll Wasser, der in der Nähe seines Kreises stehen geblieben ist, mit einem Stock in jeder Hand heranzuziehen — natürlich ohne Erfolg. Als das Ziel außer Reichhöhe an einer glatten Hauswand angebracht 20 2. Werkzeuggebrauch. wird, nimmt er einen grünen Stengel, dann einen Stein, einen Stock, einen Strohhalm, sein Trinkgeschirr und endlich einen gestohlenen Schuh und langt damit hinauf; ist gar nichts anderes vorhanden, so nimmt er auch eine Schleife des Seiles, an dem er angebunden ist, und schlägt mit ihr nach dem Ziele. Wenn Tiere, bei denen praktisches Verhalten gegenüber einer be- stimmten Situation entstanden ist, in einer nur ähnlichen Lage das gleiche Verfahren vorbringen, so wird, häufig wohl mit Recht, die Annahme gemacht, daß in der unklaren Wahrnehmung des Tieres die neue Situation von der alten überhaupt nicht verschieden und also das gleiche Verhalten in beiden ohne weiteres verständlich sei. Es wäre ganz verfehlt, wollte man eine solche Erklärung heran- ziehen, wenn der Schimpanse den Stock durch andere Dinge ersetzt: die Optik des Schimpansen ist, wie man in Versuchen und sonst leicht feststellen kann, viel zu hoch entwickelt, als daß er eine Hand- voll Strohhalme, eine Hutkrempe, einen Stein, einen Schuh usw. mit dem zuerst verwandten Stock einfach optisch „verwechseln" könnte. Sagt man dagegen, der Stock im Gesichtsfeld habe einen bestimmten Funktionswert für ge\nsse Situationen gewonnen, und nun dringe von selbst diese Wirkung in alle andern Gegenstände ein, die mit dem Stock (objektiv) gewisse allgemeinste Eigenschaften der Form und der Konsistenz gemein haben, sie mögen sonst aussehen wie sie wollen, so trifft man damit recht genau die einzige Anschauung, die sich mit dem beobachteten Verhalten der Tiere deckt. Hutkrempe und Schuh sind für den vSchimpanscn gewiß nicht immer optisch Stöcke (und etwa deshalb auch im Versuch zu verwechseln), sondern nur in gewissen Situationen treten sie „als Stöcke" im funktionellen Sinn auf, nachdem ein nach Form- und Konsistenz- typus einigermaßen verwandtes Ding, z. B. ein vStab, die Stockfunk- tion einmal angenommen hat. Wie der Bericht über Kokos Verhalten zeigt, bleibt bei dem Kleinen kaum eben eine Einschränkung liin- sichtlich des Typus, und jedes ,, bewegliche Ding" wird fast in ge- eigneter Situation ein ,, Stock". Ein anderes Moment scheint viel wesentlicher als äußere Unter- schiede wie die zwischen Stock, Hutkrempe, Schuh ; das ist bei Tschego wie Koko — Nueva wurde aus äußeren Gründen in dieser Hinsicht nicht geprüft — die Lage der als Werkzeug in Betracht kom- menden Gegenstände zu Tier und Ziel. Bei beiden Tieren ver- lieren selbst Stäbe, die sie bereits mehrfach verwendet haben, ihren funktionellen oder Werkzeug-Charakter allein dadurch, daß man sie EiNFtuss DER Feldgeometrie. 27 von der kritischen Stelle entfernt. Genauer: Sorgt man dafür, daß beim Blick in die kritische Region und bei beschränkten Blickwen- dungen um diese Zone herum der Stab nicht sichtbar wird, und um- gekehrt ein Blick in Richtung des Stabes die ganze Zielregion aus dem Gesichtsfeld verschwinden macht, so wird dadurch im allge- meinen die Verwendung des Werkzeugs verhindert oder wenigstens ganz auffallend verzögert, auch wenn es sonst schon wiederholt be- nutzt wurde. Ich habe Tschego (vgl. oben) schließlich mit allen Mitteln auf die Stäbe im Hintergrunde ihres Käfigs hingewiesen, und sie blickte auch genau nach ihnen hin; aber dabei konnte sie die Zielregion hinter sich nicht sehen, und so blieben die Stöcke gleichgültig. Selbst als wir eines Morgens es dahin brachten, daß sie einen der Stöcke ergriff und benutzte, wußte sie sich am Nach- mittag, als die Stöcke genau an der gleichen Stelle lagen, wieder nicht zu helfen, obwohl sie beim Herumgehen geradezu auf die Stöcke trat und wiederholt genau in ihre Richtung blickte. Zu derselben Zeit werden Stäbe und verschiedene Ersatzmittel, die sie in der Nähe der Zielregion sieht, ohne das mindeste Zögern be- nutzt, und das Tier frißt, was es erreichen kann, mit dem größten Appetit 1). Mit Koko haben wir mehrfach einen ähnlichen Versuch mit gleichem Ergebnis gemacht: Er strengt sich vergeblich an, das Ziel zu er- greifen; ein Stock wird leise hinter seinem Rücken niedergelegt, aber das Tier kann, wenn es sich umdreht, direkt auf den Stock blicken, kann über den Stock hinlaufen — es sieht ihn nicht als Werkzeug; nähert man heimlich den Stock, so bleiben schließlich, wenn schon eine geringe Blickwendung oder Kopfdrehung von der Zielgegend zum Stock führt, die Augen des Tieres plötzlich an diesem hängen, und er wird wieder verwendet 2). Es kommt dabei nicht allein auf den Abstand des Stockes vom Ziel an; sitzt Koko mitten in seinem Kreis — das Ziel wird außerhalb niedergelegt, und zwischen Tier und Ziel liegt nahe der Kreismitte ein Stab — , so nimmt das Tier 1) Die Decke (vgl. oben) liegt im Schlafraum ebensoweit entfernt wie die Stöcke hinter dem Tier, und sie wird doch geholt; aber die offene Tür befindet sich dicht am Gitter seitlich im Vordergrund, so daß Tschego bei einer relativ geringen Blick- wendung, die noch das Gitter (Zielregion) im Gesichtsfeld läßt, schon durch die Tür hindurch die Decke sieht; wendet sie dagegen das Gesicht den Stöcken zu, so ver- schwindet die Zielregion ganz. Übrigens ist die Decke durch täglichen Umgang des Tieres mit ihr sozusagen außer Konkurrenz mit anderen Gegenständen. 2) Das Tier darf den Stock nicht während der Verschiebung, d. h. in Bewegung, sehen; damit würde eine ganz neue Bedingung eingeführt. Koko entfernte ich ganz oder hielt ihm die Augen zu während der Veränderung; im ersteren Fall wurde er genau so wieder vor das Ziel gesetzt, wie er vorher davor gehockt hatte. Mit so jungen Tieren kann man einfach umgehen, Koko Avar an dergleichen durchaus gewöhnt. 28 2. Werkzeuggebrauch. diesen im allgemeinen zum Ziel mit und natürlicherweise: denn dem Blick nach dem Ziel kann der Stock in diesem Fall kaum entgehen, und es besteht große Wahrscheinlichkeit, daß sie „zusammen- gesehen" werden, wie das der Sache förderlich zu sein scheint. Natürlich handelt es sich hier nicht um ein absolutes Gesetz; es kommt auch einmal vor, daß bei einem Blick, den das Tier rück- wärts wirft, ein brauchbarer Gegenstand, der weit fort nach hinten liegt, auffällt und herangeholt wird. Dergleichen ist ja bei der Fülle mitwirkender Bedingungen von vornherein zu erwarten; als die Regel aber und als solche recht auffällig fand ich das beschriebene Verhalten. Wenn danach auch das „Werkzeug wer den" eines Stabes in einem gewissen Sinn Funktion der geometrischen Konstellation ist, so gilt das doch nur für den Anfang; später, nachdem das Tier oft in solchen Situationen gewesen ist, wird es nicht leicht gelingen, durch optische Trennung von Ziel und Stab die Lösung zu verhindern. Daß aber eine Abhängigkeit wie die beschriebene zu Anfang besteht, das ,, fühlt" man selbst schon, wenn man die Vorbereitung zum Ver- suche macht: Fragt man sich, wohin der Stock gelegt werden soll, so ist man sofort, ohne recht den Grund angeben zu können, ganz überzeugt, daß die Lösung besonders leicht entstehen wird, wenn der Stock ganz in der Nähe des Zieles liegt und mit diesem optisch leicht „zusammengenommen" werden kann. So geläufig uns das Verfahren geworden ist, so scheinen wir doch noch dunkel zu spüren, welche Bedingungen dabei von Einfluß sind. III. Ist das Ziel hoch angebracht an einer Stelle, zu der keine Umwege führen, so kann die Distanz auch überwunden werden durch Erhöhen des Bodens, Einschalten einer Kiste oder anderer Stufen, auf die dann das Tier hinaufsteigt. Stöcke sind vorher zu entfernen, wenn ihre Verwendung schon bekannt ist; eine ^Möglichkeit, mit alten Lösungen auszukommen, ^^^rd meistens das Auftreten von neuen verliindern. (24. I. 14.) Die sechs jungen Tiere des Stationsstammes werden in einem Raum mit glatten Wänden eingesperrt, dessen Decke (etwa 2 m hoch) sie nicht erreichen können ; eine Holzkiste (50 x 40 X 30 cm), einerseits offen, steht etwa in der Mitte des Raumes, flachgestellt, die eine offene Seite vertikal gerichtet; das Ziel wird in einer Ecke (auf dem Boden gemessen 2^/2 m von der Kiste entfernt) ans Dach genagelt. Alle Tiere bemühen sich vergeblich, das Ziel im Sprung Kistenverwendung. 29 vom Boden aus zu erreichen; Sultan gibt das jedoch bald auf, geht unruhig im Raum umher, bleibt plötzlich vor der Kiste stehen, er- greift sie, kantet sie hastig in gerader Linie auf das Ziel zu, steigt aber schon hinauf, als sie noch etwa ^/a m (horizontal) entfernt ist, und reißt, sofort mit aller Kraft springend, das Ziel herunter. Seit Anheften des Zieles sind etwa 5 Minuten vergangen; der Vorgang vom Stehenbleiben vor der Kiste bis zum ersten Biß in die Frucht hat nur wenige Sekunden gedauert, er ist, von jener Unstetigkeit (Stutzen) an, ein einziger glatter Verlauf. Vor jenem Augenblick hat sich keins der Tiere um die Kiste gekümmert, sie waren alle zu sehr mit dem Ziel beschäftigt; keines von ihnen hat auch den mindesten Anteil am Kistentransport — außer Sultan, der ihn eben in wenigen Augenblicken allein besorgt. Der Beobachter sah in diesem Versuch von außen durchs Gitter zu^). An der Leistung des Tieres finden sich ungeschickte Züge: Es hätte die Kiste bis ganz unter das Ziel schieben können; beim letzten Kippen vor dem Sprung gerät die offene Seite der Kiste nach oben, Sultan korrigiert das nicht, sondern tritt auf die Brettkanten und springt so natürlich unbequemer; er hat die Kiste nicht „hochkant" (längste Seite vertikal) gestellt, wodurch ebenfalls unnütze An- strengung vermieden worden wäre. Freilich ging das Ganze für solche Feinheiten etwas zu schnell vor sich. Am folgenden Tage wird der Versuch wiederholt, die Kiste ist jedoch so weit vom Ziel entfernt aufgestellt, wie der Raum es er- laubt (5 m). Sultan ergreift sie trotzdem, sobald er die Situation vor sich hat, zieht sie bis nahezu ganz unter das Ziel und springt. Diesmal ist eine geschlossene Wand oben. Wie bei den übrigen fünf Tieren dieser Gruppe und bei Tschego die Kistenverwertung aufkam, wird in anderem Zusammenhang be- richtet; Nueva ging ein, ehe der Versuch mit ihr gemacht werden konnte. Koko wurde geprüft und verhielt sich recht merkwürdig dabei : Am dritten Tage seines Stationslebens (11. 7.) erhält er eine kleine Holzkiste zum Spielen (Größe 40 x 30 X 30 cm) ; er stößt sie ein wenig hin und her, einen Augenblick sitzt er darauf; als man ihn allein läßt, wird er sehr böse und stößt dabei die Kiste heftig zur Seite. Nach einer Stunde wird das Tier an einen andern Platz gebracht, und zwar in die folgende Situation: Seine Leine wird an einer ^) Bis auf einige genau zu beschreibende Fälle ist der Beobachter für die Tiere nur dasjenige Wesen, welches die bequemsten Methoden (Umwege im gewöhnlichen Wortsinn) fortwährend verbietet. Er kann deshalb zugegen sein: die Schimpansen kümmern sich in der Regel nicht viel um ihn. Daß er sich vollkommen neutral ver- hält, soweit Hilfen nicht auch hier erwähnt werden, versteht sich von selbst. 30 2. Werkzeuggebrauch. Hauswand befestigt ; seitwärts, etwa i m hoch, hängt das Ziel an der Wand ; 3 bis 4 m vom Ziel und 2 m senkrecht von der Wand entfernt ist, während das Tier an den neuen Platz gebracht wurde, auch die Kiste niedergesetzt worden; die Länge des Seiles erlaubt dem Tier, sich bequem im ganzen Raum um Ziel und Kiste zu bewegen. Der Beobachter zieht sich besonders weit zurück (nach der Seite der Kiste, über 6 m von ihr fort) und nähert sich nur einmal, um das Ziel zu verschönern, Koko kümmert sich um ihn während des ganzen Versuches nicht. Er springt zuerst mehrmals unter dem Ziel in die Höhe, versucht dann mit einer Schlinge seines Seiles, die er in die Hand nimmt, das Ziel zu erreichen, kommt nicht an und dreht sich nach einer Reihe solcher Bemühungen, die alle nichts mit der Kiste zu tun haben, von der Wand fort; so scheint er bisweilen die Sache aufzugeben, kommt aber schließlich doch immer wieder. Nach einiger Zeit — • er ist gerade wieder von der Wand fort — tritt er an die Kiste heran, blickt zum Ziel hinüber und gibt der Kiste einen kurzen Stoß, ohne sie dabei vom Fleck zu bewegen; seine Bewegungen sind viel langsamer geworden als vorher; er läßt die Kiste stehen, macht ein paar Schritte von ihr fort, kehrt aber so- gleich wieder und stößt sie nochmals an, wieder nach einem Blick zum Ziel, aber wieder ganz schwach, und nicht, als ob er die Kiste eben wirklich transportieren wollte; abermals geht er fort, kommt sogleich wieder und gibt ihr den dritten Stoß in derselben Art, um danach von neuem langsam umherzugehen; die Kiste ist jetzt im ganzen um etwa 10 cm verschoben, und zwar auf das Ziel zu. Dieses wird um ein Stück Apfelsine — darüber geht nichts — verbessert, und werüge Augenblicke danach steht Koko wieder an der Kiste, packt sie plötzlich, zerrt sie in einem Zuge und in gerader Linie bis fast genau unter das Ziel (mindestens 3 m weit), steigt sofort hinauf und reißt das Ziel von der Wand. Seit Beginn des Versuches ist eine knappe Viertelstunde vergangen. — Daß der Beobachter auch in dem Augenblick die Kiste und das Tier völlig sich selbst überläßt, wo er die Zielverschönerung vornimmt, ver- steht sich von selbst. Die Vermehrung oder Verbesserung des Zieles während des Versuchs ist ein Mittel, das man immer wieder mit Erfolg anwendet, wenn ein Tier sichtlich der Lösung ganz nahe ist, aber die Gefahr besteht, daß bei längerer Versuchsdauer Ermüdung alles verdirbt. Man darf übrigens nicht meinen, bevor die Apfelsine hinzukommt, sei das Tier nur zu träge, um die Lösung zu vollziehen; Koko zeigt vielmehr schon vorher lebhaftes Interesse am Ziel, da- gegen im Anfang gar keines für die Kiste, und wie er diese nachher mehrmals anstößt, sieht er nicht träge aus, eher unsicher; es gibt Vergessene Lösung. 31 nur ein (vulgäres) Wort, das wirklich gut zu seinem Verhalten in dieser Periode paßt: ,,Bei ihm dämmerts". Daß das Tier nicht etwa aus bloßer Trägheit zunächst unterlassen hat, ein Verfahren, das ihm an sich geläufig wäre, gleich anzuwenden, geht übrigens auch aus dem folgenden mit aller Bestimmtheit hervor : Der Versuch wird nur wenige Minuten später wiederholt; dabei ist das neue Ziel an der gleichen Hauswand angebracht, aber auf der andern Seite von dem Punkt, wo Kokos Seil an der Mauer endet, und über 3 m von dem alten Zielpunkt entfernt ; die Kiste bleibt genau an der Stelle stehen, d. h. eben unter dem alten Zielpunkt, wohin Koko sie im ersten Versuch geschleppt hat. — Er springt vergeblich unter dem neuen Ziel genau wie vorher unter dem ersten, anscheinend aber ist das Interesse nicht mehr ganz so groß; die Kiste wird zunächst nicht beachtet. Nach einer Weile geht er ganz plötzHch auf sie zu, ergreift sie, zerrt sie den größeren Teil des Weges auf das neue Ziel zu, ^/4 m davor aber hält er bei einem Blick in der Zielrichtung inne und bleibt einige Sekunden wie ratlos stehen. Von hier an beginnt eine wahre Leidensgeschichte Kokos — und der Kiste. Er regt sich wieder, aber nur, um den größten Ärger zu be- kunden, indem er mit wütenden Gebärden die Kiste hin und her stößt; dem Ziel nähert er sie dabei nicht, und nach einiger Zeit des Wartens wird der Versuch abgebrochen, damit die Kiste nicht doch im Herumpoltern unversehens unter das Ziel gerät und eine Zufalls- lösung eintritt. Tags darauf bleibt in ähnlicher Situation die Kiste fast unbeachtet, obwohl sich Koko sehr um das Ziel bemüht und die verschiedensten andern ^Mittel ausprobiert, darunter den schon erwähnten Schuh als Stock. Gelegentlich faßt er die Kiste an, aber es wird nicht klar, ob das mit dem Ziel zu tun hat. — Zwei Tage später wird die Um- gebung gewechselt, das Ziel an einer andern Wand angebracht, die Kiste 4 m davon aufgestellt; das Tier benutzt alles mögliche als Stockersatz, kommt aber nicht an; nach einem solchen vergeblichen Versuch fällt sein Blick, als er sich umdreht, auf die Kiste, er sieht sie fest an, so daß der Zuschauer meint, das Tier werde sie sogleich heranholen, aber Koko blickt wieder fort und produziert einen neuen Lösungsversuch, der später beschrieben wird. Als er auch damit kein Glück hat, setzt er sich erschöpft auf die Kiste und beginnt nach einer Weile, auf ihr spielend herumzuhopsen. — Daß die Lö- sung ganz verlorengegangen ist, zeigt sich beim nächsten Versuch, wieder zwei Tage später (16.7.), noch deuthcher: Etwa 5 m vom Ziel entfernt stehen zwei Kisten; Koko sieht bisweilen in verdächtiger Weise nach ihnen hin, holt sie aber nicht heran, sondern hält sich 32 2. Werkzeuggebrauch. an andere Methoden. Schließlich stellen wir eine der Kisten, während dem Tier die Augen zugehalten werden, so nahe an die Wand, daß es, wie es dann sofort durch die Tat beweist, auf der Kiste stehend die Wand dicht unter dem Ziel mit der Hand berühren kann; die Kiste braucht also nur ein wenig nähergeschoben zu werden, so ist das Ziel erreicht. Koko reckt sich, auf ihr stehend, so sehr er kann, aber die kleine Verschiebung nimmt er nicht vor. — Am andern Morgen darf er eine Weile mit der Kiste spielen ; dabei kommt vor : Kiste umwerfen, auf der Kiste hopsen, in der einerseits offenen Kiste sitzen, — Fünf Tage später (21. 7.) beim nächsten Versuch verwendet das Tier als Stockersatz, was es nur auftreiben kann, die Kiste wird dazwischen häufig in auffallender Weise fixiert ; schließlich geht Koko auf sie los und beginnt sie in der gröbsten Art zu mißhandeln; außer sich vor Zorn sclileudert er sie hin und her und bearbeitet sie auch noch mit den Füßen; solche Ausschreitungen, an den Versuchstagen vorher seltener und als Ausdruck allgemeiner Mißstimmung gedeutet, konzentrieren sich jetzt ganz und gar auf die Kiste: immer wieder bleibt Kokos Blick, wenn er sich v^om Ziel abwendet, an der Kiste haften, er starrt sie an und gleich darauf fällt er auch schon wütend über sie her. Nach einer Pause von neun Tagen (30. 7.) wird der Versuch wieder- aufgenommen; Koko durfte in der Zwischenzeit die Kiste mcht sehen. — Das Ziel hängt wie früher an der Wand, die Kiste steht 2 m entfernt dem Ziel schräg gegenüber. Das Tier reckt sich eine Weile vergeblich, kommt aber nicht an; es dreht sich um, seine Augen fallen auf die Kiste, fixieren sie einen Moment; es geht auf die Eüste zu, faßt sie an, einen Augenblick sieht es genau so aus, als würde es sie sofort wieder prügeln; statt dessen schleppt es sie eilig unter das Ziel, besteigt sie und reißt das Ziel herab. — Der Ort dieses Ver- suches ist verschieden von dem des ersten Gelingens; zwischen diesem und der neuen Lösung sind 19 Tage verstrichen, in deren erster Hälfte von der Lösung nicht mehr nachzuweisen war, als etwa ein Äqui- valent des Satzes: ,,Mit der Kiste ist es etwas." Die Lösung ging danach nicht wieder verloren; zwar kam es in zwei Wiederholungen des Versuchs gleich nach dem geschilderten Verlauf beidemal zunächst noch zu vergeblichem Recken und Springen unter dem Ziel; aber dann wurde doch bald die Kiste geholt. Das zweitemal hatte Koko sie in der Eile nicht genügend nah gestellt und kam deshalb nicht an, als er oben stand; sofort stieg er herab und rückte die Kiste ganz heran. Ein Einfluß der Entfernung Ziel — Kiste ließ sich nicht nachweisen, die Kiste wurde über 6 m wie über 2 m transportiert. — Am folgenden Tage veranlaßten einige weitere Kistenersatz. 33 Wiederholungen Koko dazu, sich der Kiste zuzuwenden und sie zu ergreifen, sobald jemand mit Futter sichtbar wurde; nicht selten trieb er auch noch schnell einen Stock auf und nahm diesen mit; entweder warf er ihn dann beim Besteigen der Kiste fort oder er streifte das Ziel obenstehend mit ihm vom Nagel. Solche Methoden- häufung kommt, bisweilen in der Form guter und allein zum Ziel führender Lösungen, auch bei andern Schimpansen vielfach vor. Es schien mir angebracht, diesen Versuchsberieht sehr ausführlich vorzulegen, weil das Verhalten des Tieres, vielleicht infolge seiner Jugend, so merkwürdige Züge aufweist und theoretisch so viel interessanter ist als glatte Verläufe. An eine Er- klärung der Leistungen ist überhaupt nur zu denken, wenn man sie recht im einzelnen kennengelernt hat. Auch für das Verständnis nur des Schimpansen ist es wohl ebenso wichtig, wie es zugeht, wenn er auf dergleichen kommt, als daß er überhaupt ,,eine Kiste als Werkzeug benutzt". Variationen des Versuches. Am Tage, nachdem Sultan die Kiste zum zweitenmal verwendet hat, wird das Ziel an dem weit höheren Dach e nes anderen Raumes angebracht ; zwei Kisten stehen etwa 5 m entfernt nahe beieinander auf dem Boden. Sultan, diesmal allein, kümmert sich zunächst nicht um die Kisten, sondern ver- sucht mit einer kurzen, später einer längeren Stange das Ziel herunter- zuschlagen; da die schweren Stöcke unsicher in seiner Hand schwan- ken, wird er bald ungeduldig und wütend, trampelt gegen die Wände und schleudert die Stöcke fort. Danach setzt er sich ermüdet auf einen Tisch, der in der Nähe der Kisten steht, und beginnt, als er sich erholt hat, ruhig um sich zu blicken, indem er langsam seinen Kopf kratzt; sein Blick fällt auf die Kisten und ruht einen Moment auf ihnen, schon klettert er auch vom Tisch herab, ergreift die nähere, zerrt sie unter das Ziel, besteigt sie aber erst, nachdem er seinen Stock aufgenommen hat und schlägt nun mühelos das Ziel herab. Die Kiste wird nicht steilgestellt; infolgedessen ist für den schlechten Springer Sultan der Stock durchaus notwendig. Noch einen Tag später sind die Stöcke entfernt, Ziel und Kisten haben den gleichen Platz; auch ein leichter Tisch, der im vorigen Versuch nicht beachtet wurde, steht an gleicher Stelle, etwa 3 m vom Ziel entfernt. Es kommt zu vielen vergeblichen Bemühungen: Sultan zieht eine Kiste unter das Ziel, steigt aber nach einem Blick, der deutUch die Distanz mißt^), nicht hinauf — er würde auch nicht ankommen — , sondern schiebt die Kiste unsicher unter dem Ziel hin und her; dabei gerät sie mit einer Ecke auf einen dicken ^) Das ist kein ,,Anthropomorphismus"; Jeden Tag kann man sehen, daß ein Schimpanse, der in großer Höhe zum Sprung über weite Distanz ansetzt, vorher genau so wie hier mit dem Blick hinüber und herüber fährt; als Baumtier, das mit- unter gewaltig springt, m uß er ja so schätzen können ; es wäre also ganz unangebrachte Ängstlichkeit, wollte man jene Wendung beanstanden. Köhler, Intelli^enzprüfungen. 3 34 2. Werkzeuggebrauch. Balken, der etwas seitlich liegt; Sultan schickt sofort einen prüfenden Blick empor: die Distanz ist auch so zu groß, und die Kiste wird im Ärger mißhandelt. — Bald danach wird er auf die andere Kiste aufmerksam, holt sie heran, hantiert aber, anstatt sie einfach darauf- zusetzen, wie m.an als selbstverständlich erwartet, in einer seltsam wirren, für den Zuschauer zunächst ganz verblüffenden Art mit ihr herum, neben der ersten, in der Luft schräg über ihr u. dgl. Aus dieser Verwirrung ergibt sich bald der obligate Wutanfall: er packt die Kiste, die sich nicht hat unterbringen lassen, und rennt, sie immer hinter sich herziehend, im ganzen Raum auf und ab, wobei er die Kiste überall mit möglichster Wucht anprallen läßt. Als er sich ausgetobt hat, produziert er nach einem ruhigen Blick auf die Situation eine wesentliche Verbesserung der Lösung, indem er mit einer kräftigen und sicheren Bewegung die erste Kiste, die noch unter dem Ziel steht, aufhebt und steil hinstellt; leider zeigt ihm ein weiterer Blick, daß er auch so noch nicht ankommen kann, und er steigt nicht hinauf. Dafür wendet er sich jetzt dem Balken zu, an den vorher die Kiste geraten war, und stemmt ihn mit äußerster Anstrengung auf dem Ende, welches dem Ziel nahekommt, in die Höhe, kann ihn aber mit seinen Kräften nicht soweit aufrichten, daß er das Ziel träfe. Auf diese Weise abermals enttäuscht, sieht er sich noch einmal um und wird endlich auf den Tisch ^) aufmerk- sam; er packt ihn an einem Bein, zerrt ihn so auf das Ziel zu, wirft ihn aber auf halbem Wege durch zu hastiges Ziehen um. Wäre er glücklich mit dem Tisch angekommen, so hätte er das Ziel erreicht. — Da der Tisch den Kisten nur darin ähnlich sieht, daß er aus un- gestrichenem Holz besteht, so handelt es sich entweder um eine ganz neue Lösung oder um einen Fall von Kistenersatz, auf den die Bemerkungen über Stockersatz (vgl, oben) ohne weiteres zu über- tragen sind; daß Sultan Kiste und Tisch für gewöhnlich optisch „verwechselte", ist vollkommen unmöglich. Unmittelbar nach dem eben beschriebenen wnirde der folgende Versuch vorgenommen: Der Tisch ist fortgeschafft und an einer andern Stelle des Raumes, aber wieder etwa 3 m vom Ziel, eine kleine Leiter (1,30 m Länge, 5 Sprossen) niedergelegt 2); Sultan er- greift sie nach wenigen Sekunden, zieht sie unter das Ziel und be- müht sich sehr, sie aufzurichten; infolge eines ganz ^\llnderiichen Vorgehens hierbei, von dem später die Rede ist, gelingt es ihm. erst nach geraumer Zeit, auf der Leiter stehend das Ziel abzureißen. 1) Es ist das nicht der Tisch, auf dem er tags zuvor ausgeruht hat (vgl. oben) und der wohl zu schwer und fest in der Ecke steht, als daß er Werkzeug werden könnte. 2) Das Ziel am Dach ist einer Wand nahe. Mensch als Schemel. 35 Nachdem die anderen Tiere sich das Verfahren mit der Kiste eben- falls zu eigen gemacht hatten, unterschied sich ihr Gebaren dabei von dem Sultans überhaupt nicht; deshalb ist es erlaubt, für alles, was sich weiter aus dieser ursprünglichen Leistung entwickelte, Beobachtungen auch an ihnen heranzuziehen: stark beeinflußt bei der ersten Anwendung des Verfahrens, variierten sie es nachher ganz selbständig, und auch das genau wie Sultan. Sie alle haben wir Kiste, Leiter, Tisch allmählich durch die ver- schiedensten Gegenstände ersetzen sehen: vSteine, Einsatzgitter von Käfigfenstern, Blechtrommeln, Holzblöcke, Drahtrollen wurden als Schemel oder Leitern — beides geht in der Praxis des Schimpansen fortwährend ineinander über — herangeschleppt und mit Erfolg ver- wendet. Aber die merkwürdigste Variation blieb die folgende, die Sultan unmittelbar nach dem ersten Versuch mit der Leiter ein- führte, als unter einem neuen Ziel das Aufstellen dieses Vv-'erkzeugs durchaus nicht gelingen wollte: Um den recht erschöpften Affen noch einmal zur Arbeit anzuregen, tritt der Beobachter aus dem Hintergrund hervor und nähert sich, indem er auf das Ziel hinweist, diesem vielleicht bis auf Armeslänge, als plötzlich Sultan aufspringt, ihn bei der Hand faßt und mit aller Kraft auf das Ziel hin zu zerren sucht. Da der Eindruck entsteht, als wollte Sultan sich das Ziel geben lassen, wird er abgeschüttelt, und wie er mit der größten Hartnäckig- keit immer wieder Hand und Fuß ergreift und zieht, schließlich sehr schroff abgewiesen. Die Folge sind Wutausbrüche mit Stimmritzen- krampf und Erektion. Als bald darauf der Wärter schräg unter dem Ziel vorbeigeht, kommt Sultan schnell auf ihn zu, ergreift seine Hand, zieht energisch in Richtung des Zieles, an dem der Mann schon vor- über ist, und macht zugleich unverkennbare Anstalten, ihm auf den Rücken zu klettern. Der Wärter entzieht sich ihm und tritt zurück, soweit es der Raum gestattet, aber Sultan läßt nicht von ihm ab und zerrt ihn, der auf Geheiß nur noch scheinbar widerstrebt, wieder rückwärts bis unter das Ziel; ihm auf die Schulter steigen und das Ziel herabreißen ist danach das Werk eines Augenblickes. — Auf diese bequeme Lösung war das Tier von nun an ganz versessen, und bis es auf sie (im Interesse der Versuche) verzichten lernte, kamen heftige Szenen genug ^•or, in denen Sultan mitunter dem Ersticken nahe schien. Die weitere ]\Iodifikation, daß ein Tier das andere als Schemel be- nutzt, brachte der kleine Konsul — sonst kaum zur Beteiligung an einem Versuch zu bewegen — eines Tages spontan auf, als er (das gleiche gilt dann auch für die andern) noch nie gesehen hatte, wie Sultan uns als Leiter verwendete. Allerdings waren die Umstände 3* 36 2. Werkzeuggebrauch. besonders günstig: Konsul hat die Gewohnheit, hinter einem an- dern Tier herzugehen, indem er beide Hände auf des Vordermannes Schultern legt und nun die Beine im Gleichschritt mit dem andern Tier vorwärtssetzt; dieses hat im allgemeinen hiergegen nichts ein- zuwenden; vielmehr kommt es oft genug vor, daß eines der andern Konsuls Hände auf die eigenen Schultern legt, damit er es so begleite 1). Während eines Versuchs mit dem Ziel am Dach geht er wieder, diesmal auf Grandes Schidtern gestützt, derart im Versuchs- raum spazieren; als sie sich nun bei der gemeinsamen Wanderung einmal dem Ziel stark nähern, sucht Konsul in aller Eile auf Grandes Rücken zu steigen ; er kommt auch hinauf, aber inzwischen ist Grande, die offensichtlich nicht ahnt, was er vorhat, schon am Ziel vorüber- gegangen. Ganz derselbe Vorgang wiederholt sich bei erneuter An- näherung des wandernden Paares an das Ziel, und die Wirkung ist, daß gleich darauf Sultan Beobachter und Wärter nacheinander, von uns abgewiesen, erst Tercera, dann Rana unter das Ziel zu zerren versucht, welche jedoch beide mit allen Zeichen der Bestürzung vor ihm Reißaus nehmen; sie verstehen sichtlich nicht, weshalb er fort- während mit ausgestreckter Hand hinter ihnen herläuft und fürchten Böses. Am Ende gelingt es ihm doch, Rana unter dem Ziel festzu- halten und auf ihren Rücken zu steigen ; da sie sich aber voller Angst platt auf den Boden drückt, so muß er mehrfach springen, bis er endlich das Ziel greift, und jedesmal fällt er mit aller Wucht auf ihren Rücken herab. — Ähnliche Vorgänge ergeben sich von nun an häufiger, und gleich am folgenden Tage will in derselben Situation Konsul auf Grande, Sultan nacheinander auf Rana, Grande und Tercera, endlich Rana anscheinend auf alle zugleich hinaufsteigen; denn unter dem Ziel steht schließlich ein Knäuel von Schimpansen, die einander anpacken und schon ein Bein zum Aufsteigen anheben, von denen aber keiner Schemel sein möchte. — »Später im Verlauf desselben Versuches bringe ich das Ziel im Beisein der Tiere an; im Zurücktreten werde ich von hinten gepackt und festgehalten: das ist Grande, die nun schnell an mir in die Höhe klettert und so das Ziel erreicht. Ich bringe ein neues Ziel an und trete so schnell wie möglich zurück, aber Grande kommt aufrecht, mit ausgestreckter ^) Tschego hatte Monate hindurch eine starke Neigung zu dem Tierchen; kam sie aus ihrem Raum zu den andern heraus, so war dann die Regel, daß Konsul ent- weder in der geschilderten Weise auf sie gestützt umherzog oder (später), daß er dem großen Tier auf den Rücken sprang und rittlings sitzend sich von ihm wie von einem Pferde tragen ließ. Ich weiß nicht, ob die Affenmütter vielleicht kleine Kinder häufig so tragen; dann wäre das ,,Hintereinandergehen" wohl eine Art Überbleibsel hiervon. (Der Schimpansen s ä u g 1 i n g wird, wie wir jetzt wissen, vor dem Unter- leib getragen. Vgl. von Allesch, Ber. d. Preuß. Ak. d. Wiss. 1921.) Außer Konsul habe ich nur Chica (selten) so ,,hinterliergehen" scheu. Unsichtbares Wer''zeug. 37 Hand, vorgestreckten Lippen und klagenden Lauten hinter mir her, zerrt mich unter das Ziel usw. Sie kannte damals schon die Ver- wendung von Kisten, und verstand vielleicht deshalb den ähnlichen Funktionswert von Menschen besonders leicht. Ganz wie sie und Sultan haben später Chica und Rana mich, den Wärter oder wen sie sonst erwischen konnten, als Werkzeug benutzt. Die Kistenverwendung wird ohne weiteres auf etwas abweichende Situationen übertragen. Sultan verfolgt ein anderes Tier, das am Drahtdach entlangflüchtet; als sclilechter Turner klettert er nicht hinterdrein, sondern holt eine Kiste, stellt sie unter das verfolgte Tier und springt von ihr aus; die Kiste ist zu niedrig, also bemüht er sich, Grande heranzuziehen usw. Neuerdings, da alle Tiere längst mit Kisten u. dgl. umzugehen wissen, haben sie sich leider angewöhnt, solches Material an Stellen zu bringen, wo das Dachgitter tief herunter- hängt und bei geringer Bodenerhöhung erreichbar wird^). Das Aufeinanderklettern trat als Intermezzo auf bei einem Ver- such, in w^elchem die Hauptsache, das Werkzeug, nicht optisch aktuell gegeben war, sondern nur durch irgendeine Form von Ge- dächtniswirkung in die Situation einbezogen werden konnte (15. 2.). Der Raum, in dem das Ziel am Dach hängt, ist durch eine Tür mit dem Korridor verbunden ; dieser biegt, nachdem er etwa 8 m gerade verlaufen ist, rechtwinklig um; jenseits der Biegung liegt, vom Raum des Zieles aus also nicht sichtbar, die Leiter. Während die Tiere vor dem Versuch im Korridor spielen, können sie, da jene Tür noch geschlossen ist, nun allein die Leiter, aber nicht den Ort des Zieles sehen. Daß wenigstens Sultan sie in der Vorperiode wirklich bemerkt, erweist er dadurch, daß er mit Ausdauer an einem Holmenende herum- beißt. Nachdem die Tür geöffnet ist, übt das Ziel eine solche An- ziehungskraft aus, daß keines der Tiere auf dem Korridor bleibt oder dorthin zurückkehrt; ein Lösungsversuch folgt auf den andern, darunter die schon beschriebenen, aber selbst Sultan erinnert sich der Leiter nicht. Er wird schließlich an der Hand genommen, hinaus bis an der Leiter vorbei und wieder zurückgeführt, dabei aber nicht besonders auf diese hingewiesen: Keine Wirkung, Sultan bemüht sich wie vorher, andere Tiere unter das Ziel zu zerren. Gleich darauf entsteht unter diesen eine erbitterte Prügelei, so daß der Beobachter zum Eingreifen gezwungen ist; als er die Ruhe wiederhergestellt hat, zeigt sich, daß vSultan fehlt, zugleich aber wird auf dem Korridor ein Scharren hörbar, und der Vermißte kehrt, die Leiter hinter sich her schleppend, gerade wieder zurück. — Da in diesem Fall die ^) Da der Draht schwach war so konnte man zu der Zeit, als das Obige geschrieben u-urde, die Schimpansen oft im Zustande vollkommener Freiheit beobachten. 38 2. Werkzeuggebrauch. Beobachtung gestört, mir insbesondere der wichtigste Augenbhck ganz entgangen war, so stellte ich am folgenden Tag eine Kiste an den Platz, den diel^eiter gehabt hatte, sorgte wieder dafür, daß Sultan sie vor dem Versuch gesehen haben mußte, und brachte auch das Ziel genau an wie tags zuvor. Ein Lösungsversuch nach dem andern erfolgt, Sultan zieht z. B, eine Eisenstange vor Tschegos Zimmer i) aus ihrer Befestigung, lehnt sie als Leiter unter dem Ziel an die Wand und klettert daran in die Höhe, — aber alle bleiben in der Nähe des Zieles, und Sultan scheint sich der Kiste nicht zu erinnern. Nach langem Warten nehme ich Sultan an der Hand, führe ihn zur Kiste, an dieser vorbei (ohne Hinweis) und wieder zurück, aber die einzige Wirkung ist zunächst, daß er auf dem Rückweg meine Hand fester umklammert und mich unter das Ziel zu ziehen sucht. Ab- gewiesen, gibt er sich die größte Mühe, doch noch irgend etwas in der unmittelbaren Umgebung als Werkzeug nutzbar zu machen, und verfällt dabei auf einen langen Riegel, der außen an der halb offen- stehenden Tür des Raumes festsitzt; er hängt sich von außen an die Tür und zerrt aus Leibeskräften an dem Eisen. Diesmal gelingt die Beobachtung: Sultan stellt ganz abrupt und ohne äußeren Anlai3 das Herumarbeiten an dem Riegel ein, hängt einen Augen- blick unbeweglich, springt dann auf den Boden, galoppiert den Korridor entlang und um die Ecke, und kommt auch schon mit der Kiste zurück. — In dem Augenblick, wo der scharfe Richtungs- wechsel in seinem Verhalten auftritt, ist durch die Tür das Ziel für ihn verdeckt, was ihn ja auch nicht hindert, den Riegel als Werk- zeug losbrechen zu wollen, die Kiste aber steht sogar weit fort hinter der Korridorecke und hinter seinem Rücken. Immerhin ist deutlich, wie sehr die Lösung aufgehalten wird, wenn das Werkzeug nur durch Erinnerungswirkung in die Situation eingehen kann : Sultan hat schon am Tag vorher den gleichen Versuch gemacht; trotzdem wird er nun sogar während des Versuchs und wohl bei kräftiger Einstellung auf das Ziel an dem Werkzeug vorbeigeführt, ohne daß so- fort die Lösung eintritt; aber freilich kommt das Tier bei dieser Wanderung (von übrigens wenigen Sekunden) ganz aus der „Ziel- region" heraus. Im Anfang des Korridors ist ihm sogar der Tür- riegel als Werkzeug erschienen, obwohl er auch hier das Ziel nicht unmittelbar sehen kann, aber der Türbereich steht auch noch in unmittelbarem Kontakt mit dem Versuchsraum. Die Schwierigkeit ist deshalb wohl von derselben Art, nur viel größer, als die, welche Tschego und Koko aus gewissen Lagen ihrer Stöcke er'wiichs: das ^) Es ist das erste Ziimner am Korridor, also gleich vor der offenstehenden Tür gelegen . TÜRFI<ÜGEI< ALS SCHEMEL. 39 beste Werkzeug verliert leicht seinen Situationswert, wenn es nicht simultan oder quasi simultan i) mit der Zielregion gesehen werden kann. Im folgenden Versuch ist Aufgabe und lyösung nur äußerlich ver- schieden, im Prinzip eng verwandt mit den vorausgehenden Fällen. Die Verwendung von Kisten ist inzwischen allen geläufig geworden. Tj bis T^ sind vier unter sich gleiche und gleichmäßig verteilte Türen des Affenhauses H, die sich nach dem Spielplatz S hin öffnen ; Z ist das Ziel, welches vom Dachgitter herab, aber so hoch hängt, daß es vom Boden aus nicht zu erreichen ist; der Punkt, von dem es herabhängt, wird so gewählt, daß genau gegenüber in einer Ent- fernung von etwas über Türflügelbreite die Angeln der Tür T^ sich befinden; seine Höhe über dem Erdboden kommt etwa der des oberen Türrandes gleich. Am Draht des Daches entlangzuklettern ist den Tieren inzwischen einigermaßen abgewöhnt ; wenigstens wäh- rend der Versuche wagen sie es nicht mehr. (i2. 4.) Die Türen i, 3 und 4 sind geschlossen, 2 wird in den Rahmen sov/eit gedrückt, daß das Schloß gerade noch nicht ein- S 2\qI ß Skizze S. schnappt, aber schon sehr genaues Hinsehen dazu gehört, einen Unterschied zwischen dieser und den andern Türen wahrzunehmen; dann wird Sultan auf den Platz gebracht. — Nachdem er das Ziel erblickt hat, hebt er ein zufällig daliegendes kleines Stäbchen auf, wirft es jedoch weg, ohne es vorher anzuwenden (es ist viel zu kurz). Gleich danach fällt sein Blick auf die Tür 2, die er nun eine Spanne von mehreren Sekunden hindurch fixiert, ohne sich von der Stelle zu bewegen; schließlich geht er auf sie zu, öffnet sie, immer noch auf dem Boden stehend, und steigt dann hinauf; da er die Tür nicht vollständig bis zum rechten Winkel aufgedreht hat, erreicht er das Ziel noch nicht, steigt also wieder herab, dreht, auf der Erde stehend, vollends auf, und würde das Ziel nun erreichen, wenn nicht sein Gewicht beim Hinaufklettern den Türflügel ein Stück zurückdrehte; also unterbricht er den Aufstieg, stellt sich noch einmal auf den Boden, dreht die Tür von neuem ganz auf und erreicht danach ^) Diesen Ausdruck brauche ich wohl nicht besonders zw erläutern. 40 2. Werkzeuggebrauch. ohne weitere Störung das Ziel. — Die Korrektur im Anfang und das Kompensieren der Störung geschehen mit einer Klarheit, die auch der Mensch nicht übertreffen könnte, — wie sich später zeigen wird, sehr im Gegensatz zu dem Verhalten in gewissen andern Situationen, Da in diesem Fall die Lösung so schnell gelungen ist, wird der- selbe Versuch mit Rana, unzweifelhaft dem wenigstbegabten Sta- tionstier, wiederholt (14. 4.). Sie kommt heran, sieht einen Augen- blick zum Ziel hinauf und bleibt gleich darauf mit den weiter- wandernden Augen an der Tür haften; dann klettert sie am Balken- werk von Haus und Tür in die Höhe und stemmt oben den Tür- flügel von der Wand ab, bis sie das Ziel fassen kann; dabei setzt sie sich auf den breiten Rand des Flügels und drückt die Tür, selbst ^4 ^ -^ ^ \ ^/V/ > Tu/tO*'^^*^ Skizze 9. gewissermaßen mitfahrend, ab, sobald der Türflügel aus dem Rah- men heraus ist. Die Tür, welche beide richtig verwenden, ist die des Zimmers, in dem SnUan die Nächte zubringt; Rana schläft in dem Raum hinter Tür I, Beide haben oft genug auf den oberen Türrändern gesessen; Sultan pflegte eine Zeitlang beim Essen auf To zu hocken, die dann völlig aufgedreht und außen an der Wand festgehakt war. Beide haben auch unzweifelhaft schon Gelegenheit gehabt, oben sitzend, die Tür selbst zu drehen; neu ist dagegen die Situation, daß ein Ziel der Türangel gegenüber vom Dach herabhängt. Jene Erfah- rungen dürften den Versuch sehr erleichtert haben. (6. 5.) Alle vier Türen sind in gleicher Weise in ihre Rahmen ge- drückt, ohne daß das Schloß einspringt; das Ziel hängt vor T^ an- statt vor Tg. Rana, die wie im vorigen Versuch allein geprüft wird, ergreift einen Stock, klettert mit diesem etwa dem Ziel gegeimber an der Haus wand in die Höhe, gibt aber, nachdem sie den Stock einmal angehoben hat, diese Methode auf, drückt T^ aus dem Rah- men und erreicht so das Ziel. Korrektur von Störungen. 4^ Bei ähnlichen Variationen kommt es übrigens gelegentlich doch vor, daß ein Tier nicht die am besten dienliche Tür öffnet, sondern die nächst benachbarte, nämlich (vgl. Skizze 9) die Tür h anstatt der Tür a. Deren Bewegung enthält anfangs ebenfalls eine Komponente in Richtung des Zieles, und wirklich wird sie auch nur bis zu dem Punkte geöffnet, von dem an weitere Drehung ihre Außenkante wieder vom Ziel entfernt. Vielleicht wirkt es auf den Schimpansen verführerisch, daß eine so geringe Drehung von h diese Tür genau auf das Ziel hinrichtet. Wir werden später (im zweiten Teil dieser Prü^ngen) sehen, daß die Drehung der Türfläche und der dabei be- strichene Raum für die Tiere nicht ganz so faßlich sind wie Be- wegungen einfacherer Form und der ihnen entsprechende Raum. Recht klar war Tschegos Verhalten in der gleichen Situation. Das große Tier ist im allgemeinen zu faul und körperlich zu schwerfällig, als daß es allen den Versuchen unterworfen werden könnte, die die Kleinen machen, darf deshalb bei vielen Prü- fungen als untauglich ruhig dabei sein und pflegt sich nicht um die Vorgänge zu kümmern; so sieht es die Methode der Türverwendung öfters und hat auch, anschei- nend gleichgültig, bei dem eben beschriebenen Versuch Ranas in der Nähe gehockt. Ein neues Ziel wird angebracht, alle Türen sind in ihre Rahmen gelehnt — nicht geschlossen. Nach einer Weile, in der es sich nicht um das Ziel zu kümmern scheint, erhebt sich das Tier langsam, geht auf die richtige Tür zu, öffnet sie bis zum rechten Winkel, so daß sie genau auf das Ziel zugekehrt ist, und steigt mit Anstrengung auf der äußeren Seite empor — es ist das erstemal, daß Tschego auf eine Tür klettert, und sie ist wahrhaftig keine Turnerin. Unter dem stattlichen Gewicht dreht sich die Tür wieder dem Rahmen zu; Tschego unterbricht sofort den Aufstieg, öffnet vom Boden aus abermals bis zum rechten Winkel und klettert von neuem außen in die Höhe; die Tür dreht sich. Wieder kommt Tschego herab, öffnet sorgfältig und steigt diesmal mit großer Mühe am Rande des Türflügels empor; trotzdem erhält die Tür noch einen schwachen Impuls auf den Rahmen zu und fängt an, sich vom Ziel fort- zubewegen. Nachdem das Tier abermals die Drehung kompensiert hat, steigt es jetzt, und zwar mit einer ungewohnten Eile, auf der Innenseite des Türflügels hinauf, die Tür bleibt offen und das Ziel wird erreicht. — Es ist nur wahrscheinlich, daß das Verhalten der Kleinen in der gleichen Situation Tschego beeinflußt hat; dagegen ist die Überwindung der Schwierigkeiten ganz ihre Leistung; denn die Tür hat sich zuvor nur in einem Versuch, dem ersten Sultans, wieder zugedreht, und damals kam eine Änderung der Aufstiegseite nicht vor. IV. Ein etwa 2^/2 m hohes Turngestell trägt am überstehenden Ende seines Querbalkens ein kräftiges Seil, an dem die Tiere viel herum- turnen; 2 m von dem Seil entfernt (und zwar senkrecht zur Ebene des Gestells gemessen) und etwa 2 m über dem Boden hängt vom Dach herab das Ziel. (27. 2.) Sultan versucht die schwere Leiter, mit deren Hilfe das Ziel aufgehängt wurde und die noch in der Nähe liegt, zu heben oder doch heranzuziehen, bald danach ebenso und auch vergeblich ein schweres Brett; nachdem er sich noch einmal der Leiter 42 2. Werkzeuggebrauch. zugewandt hat, klettert er auf das Turngestell, erblickt von oben einen zerbrochenen Besen, kommt herab, holt den Besen hinauf und macht Anstalten, mit ihm nach dem Ziel zu schlagen; da er nicht ankommt, geht er mit dem Besen herunter, stellt das klägliche Werkzeug unter dem Ziel auf den Boden — er will es, wie im folgenden Kapitel be- schrieben wird, als „Springstock" benutzen — , steht aber sogleich von dem aussichtslosen Beginnen ab. Noch einmal zerrt er an dem schweren Brett und an der Leiter; dann bemüht er sich, den Beob- achter als Leiterersatz zu gewinnen und geht, als er abgewiesen wird, wieder an das Turngestell. Er faßt hier das Seil, schwingt sich auf das Ziel zu, benimmt sich aber dabei so unkräftig, als wäre dies Beginnen aussichtslos von vornherein, klettert alsbald auf den Querbalken und bleibt dort, den Blick auf das Ziel gerichtet, mit einer Haltung und Miene sitzen, die beim Menschen niemand anders denn als „nachdenklich" bezeichnen würde. Da sein Benehmen mit dem Seil den Verdacht erweckt, er getraue sich nur nicht, so kühn auszuschwingen, wie die Ziellage es verlangt — Sultan turnt nicht nur m.äßig, er war als Kind auch, milde gesprochen, reiclilich vor- sichtig — , so wird jetzt das Ziel ein wenig tiefer und näher gehängt. Wenige Sekunden später ergreift Sultan das Seil, nimmt Schwung am Gestell und fährt diesmal mit genügender Entschiedenheit hinaus, so daß er das Ziel herunterreißen kann. — Weder im ersten Teil des Versuches noch beim Umhängen des Zieles oder nachher ist er natürlich im mindesten auf das Seil hingewiesen worden^). Sultan wird entfernt, das neue Ziel in die Lage gebracht, in der das alte zuletzt aufgehängt war, und Chica auf den Platz gelassen (in Begleitung Terceras). Nachdem die beiden ihre Angst, allein zu sein, überwunden haben, beginnen sie sich für das Ziel zu inter- essieren ; nach einem Blick zu ihm hinauf, steigt Chica am Turngestell empor und zieht dabei das Seil mit sich ; oben angekommen, schwingt sie es mehrmals nach dem Ziel zu, als wollte sie dieses herunter- schlagen, die Entfernung ist aber hierfür zu groß. Sie gibt ihre Be- mühung auch bald auf, klettert mit dem Seilende in der Hand ein Stück herunter, nimmt einen gewaltigen Schwung, fliegt hinaus und reißt das Ziel ab. (7- 3-) Grande und Rana, in dieselbe Situation gebracht, gehen beide gleichzeitig auf das Turngestell zu, ergreifen beide sofort und gleichzeitig das Seü und suchen sich beide gleichzeitig zum Ziel hin- zuschwingen; das mißlingt aus physikalischen Gründen, und Rana tritt vor der allgemein gefürchteten Grande zurück. Aber Grande, 1) Ich kann das weiterhin nicht fortwährend wiederholen: jeder Hinweis, jede Hilfe, die in den Versuchen gegeben wurden, sind im Bericht erwähnt. TuRNSEii, Ai,s Werkzeug. 43 die noch schlechter turnt als Sultan, bringt es auch ohne störendes Nebengewicht nicht über einen matten Schwung hinaus; Rana nähert sich also wieder und macht, durch Grandes Gegenwart immer noch behindert, zunächst erfolglose Versuche, sich des Seiles sach- gemäß zu bedienen. Als sich aber Grande entfernt, löst Rana die Aufgabe in imposanter Schwingung sofort. Sie turnt weit besser als Grande, die ebenso wie Tschego den festen Boden nur ungern und selten verläßt. V. In gewisser Hinsicht eine Umkehrung des Werkzeuggebrauchs stellt der Fall dar, daß ein beweglicher Gegenstand den Weg zum Ziel versperrt und die Lösung in seiner Ausschaltung besteht, da wieder ein Umweg im gewöhnlichen Wortsinn nicht möglich ist. Gegenüber den im vorigen beschriebenen Fällen von Werkzeugver- wendung erscheint dieses Wegräumen eines Hindernisses dem er- wachsenen Menschen als eine ungemein einfache Leistung, und man ist geneigt, schon vor dem Versuch zu sagen: die Aufgabe werden die Schimpansen sofort lösen. Ich habe selbst mit Erstaunen ge- sehen, daß das nicht recht zutrifft. Als Hindernis wurde in allen Fällen eine Kiste benutzt, und zwar der einigermaßen schwere Reisekäfig Konsuls, den Tieren wohlbekannt und von Sultan, Grande und Rana sogar schon als Werkzeug benutzt. (19. 2.) In einem vergitterten Raum steht unmittelbar an die Gitterstäbe herangerückt die Kiste mit der kleinsten Wand nach unten, so daß die Tiere sie sehr wohl umwerfen könnten; außerhalb und genau der Kistenmitte gegenüber liegt das Ziel am Boden; mit einem Stab ist es sofort zu erreichen, wenn die Kiste beiseitegeschafft oder auch nur um-gestoßen wird. — Sultan benimmt sich recht un- klar; er setzt sich auf die Kiste und versucht vergeblich, von hier aus mit einem Stock das Ziel zu erreichen, bisweilen rüttelt er ein wenig an der Kiste. Schließlich fällt ihm auch noch der Stock hinaus, und es ist kein anderer im^ Raum; da packt er wirklich die Kiste an einer Seite und schiebt sie hier ein Stück vom Gitter ab, so daß nun das Ziel ohne Mühe zu erreichen wäre; aber ohne sich weiter um dieses zu kümmern, geht das Tier beiseite. — Der Versuch wird ab- gebrochen, da Sultans Verhalten von Anfang an den Eindruck von Unlust und von Gleichgültigkeit gegen das Ziel macht. — Etwas später, nachdem die Kiste wieder ans Gitter gerückt ist, werden die Kleinen sämtlich in den Raum gebracht. Nur Rana rüttelt ein wenig an dem Käfig, zieht ihn aber nicht fort, bald danach greift vSultan, 44 2. Werkzeuggebrauch. offenbar angeregt durch die Konkurrenz, kräftig zu, rückt das Hin- dernis fort, tritt ans Gitter und holt das Ziel mit dem Stabe heran. Er hat zuvor wohl nur kein Interesse an der Lösung gehabt, d. h. vor allem keinen Hunger. Dagegen ist es nicht wahrscheinlich, daß die übrigen alle in gleicher Weise zu entschuldigen sind. (20. 2.) Die gleiche Anordnung, nur liegt das Ziel draußen dicht am Gitter, so daß die Verwendung des Stockes nicht erforderlich ist. Die kleinen Tiere außer Sultan werden in den Raum gelassen; sie alle versuchen, von oben auf der Kiste und von beiden Seiten, das Ziel zu ergreifen und zeigen deutlich, daß sie sehr an ihm interessiert sind; als sie durchaus nicht ankommen, ergibt sich allmählich ein verdrossenes Herumturnen und Herumsitzen, vor allem auf der Kiste. Da selbst Rana keine Miene macht, diese fortzuschieben, ist ihr Rütteln tags zuvor vielleicht nicht als Andeutung der Lösung aufzufassen, sondern als das ,,Ersteinmalanfassen" (oft auch, be- sonders bei Rana, „Beriechen"), das gegenüber neuen Gegenständen oder Gegenständen in neuer Lage sehr üblich ist. Wenn die Tiere aus dem Verhalten Sultans am Tage vorher nicht mehr gelernt haben, so entspricht das nur der immer wiederkehrenden Beobachtung, daß das Übernehmen der Lösungen von andern dem Schimpansen recht schwer fällt (davon wird im zweiten Teil dieser Prüfungen die Rede sein). — Schließlich, als der Versuch nach langem \\'arten schon aufgegeben werden soll, kommt Chica plötzlich auf die Lösung: Sie stemmt sich mit dem Rücken gegen das Gitter neben der Kiste, mit allen Vieren seitlich an diese, schiebt sie schräg zurück und ergreift das Ziel. Die große Anstrengung ist erforderlich, weil Tercera auf der Kiste sitzt und während des Vorgangs mit unbeweglichem Ge- sicht hier sitzenbleibt, entweder zu töricht, um zu verstehen, was Chica vorhat, oder aber der durchtriebenste Schlingel von allen, wahrscheinlich beides in einer seltsamen Mischung, sicher aber das, was wir bei gewissen Menschen ,, denkfaul" nennen. Tercera sitzt in solchen Situationen immer auf der Kiste. — Wenn Chica die Auf- gabe gelöst hat unter Nachwirkung des von Sultan Gesehenen, dann ahmt sie den Kern seiner Leistung nach; denn ihre Bewegungen beim Abrücken der Kiste sind von denen Sultans so ziemlich in allem ver- schieden, außer eben dem ,, Fortbewegen aus der Hindernisstellung". (22. 2.) Grande, Tercera, Rana, Konsul vor der gleichen Anord- nung: Keine Spur von der Lösung \^ird beobachtet; alle greifen ver- geblich nach dem Ziel, alle sitzen abwechselnd auf der Kiste herum. So unglaublich es andern Leistungen der Tiere gegenüber scheint, sie kommen trotz der nun mehrfachen Vorbilder auf die einfache Lösung nicht. — Schließlich wird Chica hinzugelassen, sie sieht das Kiste als Hindernis. 45 Ziel, packt sofort die Kiste und wirft sie, diesmal über die untere Kante kippend, nach dem Innern des Raumes zu um; während des Kippens faßt Rana einen Augenblick mit zu; Chica ergreift das ZieP). Im nächsten Versuch ist wieder außer Sultan auch Chica nicht zugegen; der Käfig ist zufällig in eine etwas unsichere Stellung ge- raten und wackelt leicht; Rana kippt die Kiste alsbald nach innen um, wie es zuvor Chica (z. T. mit Rana zusammen) getan hat und erreicht das Ziel. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Über- nehmen der Lösung; es ist kein Zufall, wenn Rana im vorhergehenden Versuch gerade dann auch die Kiste umwerfen möchte, als Chica dabei ist, es zu tun. Vielleicht wirkt erleichternd, daß die Kiste bei Berührung wackelt. (Am 16. 3. w^urde beobachtet, daß Tercera in ähnlicher Situation eine Kiste aus dem Wege schob.) (23. 2.) Die gleiche Anordnung wird für Tschego hergestellt; nur muß beim Niederlegen des Zieles auf die sehr langen Arme dieses Tieres Rücksicht genommen werden. Tschego macht ihren ersten Versuch überhaupt. — Lange Zeit erfolgt gar nichts als vergebliches Recken der Arme von dem hindernden Käfig aus, auf den sie sich gesetzt hat. Schließlich wird ein zweites Ziel etwas seitlich gegen- über der Kiste draußen niedergelegt, wo Tschego gerade ankommen kann, aber die Kiste schon stark als Hindernis empfinden muß; sie nimmt dieses Ziel auf, zeigt aber keinerlei Wirkung der Hilfe und bleibt neben der Kiste am Gitter sitzen; für eine Zeitlang geschieht wieder gar nichts. Inzwischen machen sich allmählich einzelne der kleinen Tiere draußen heran — ihre Gegenwart in Tschegos Ver- suchen wurde als experimentelles Hilfsmittel benutzt — und ver- suchen wiederholt, sich das Ziel anzueignen. Jedesmal werden sie mit drohenden Bewegungen, Auf- und Niederwerfen des Kopfes, Hinausfuchteln mit den langen Händen und Trampeln der Füße verscheucht; Tschego sieht also das Ziel als ihre Sache an, wenn schon sie es nicht zu erreichen vermag (sie würde die kleinen Tiere ohne besonderen Anlaß nicht bedrohen, ist gut Freund mit ihnen). Bndlich haben sich die Kleinen doch alle dicht um das Ziel ver- sammelt, aber als die Gefahr sehr groß geworden ist, packt Tschego mit einem Male die Kiste, die in ihren Armen wie ein Spielzeug ist, dreht sie mit einem Ruck zurück, tritt ans Gitter und ergreift das Ziel. — In diesem Fall ist eine Zeitangabe von Interesse: gegen 1) Ihre Art, die Kiste zu entfernen, ist wieder völlig verschieden von der des ersten Males; ich hebe das hervor, um Einwände von vornherein abzulehnen, die man bei Unkenntnis des Schimpansen machen könnte; was Chica z. B. in diesem Versuch macht, heißt: Kiste hier aus dem Weg vor dem Ziel! und nicht: Die und die Serie von Bewegungen! 46 2. Werkzeuggebrauch. II Uhr vormittags begann Tschego sich um das Ziel zu bemühen, die Lösung erfolgt um i Uhr. Wären die jungen Tiere nicht hinzu- gekommen, so hätte der Versuch noch viel länger gedauert^) — und das bei einer Aufgabe, die uns so leicht erscheint, doch kaum viel schwerer als das Heranziehen des Zieles an einem darangebundenen Seil, als eine Aufgabe also, bei der der Schimpanse keinen Augenblick zaudert! — Noch eins ist an dem Verlauf wohl zu beachten. Die lyösung kommt bei Tschego (auch bei den kleinen Tieren) nicht so zustande, daß die Kiste im Hindrängen nach dem Ziel unbeabsichtigt allmählich zur Seite geschoben würde; Tschego bewegt viel- mehr den Käfig zwei Stunden lang auch nicht einen Milli- meter von der Stelle, drängt ihn auch bei der Lösung nicht mit dem Körper gewissermaßen zufällig fort, sondern packt ihn plötz- lich mit beiden Händen und schiebt ihn mit einem Ruck zurück; es handelt sich um eine echte Lösung. Am folgenden Tage wird der Versuch wiederholt; die Kiste steht an genau der gleichen Stelle. — Tschego sieht das Ziel, setzt sich neben dem Käfig nieder, wo sie gestern zuletzt gesessen hat, greift einmal vergeblich hinaus, packt unmittelbar danach die Kiste, kippt sie nachdrücklich über die untere Kante nach hinten in den Raum zurück und ergreift das Ziel. — Statt zwei Stunden dauert der Ver- such diesmal eine knappe Minute; Anspornung durch die Kleinen ist nicht mehr erforderlich. Die Bewegung, mit der die KListe entfernt wird, weicht durchaus von der des vorigen Tages ab, Tschego kopiert nicht ,, Innervationen" von gestern, sondern „beseitigt wieder die im Wege stehende Kiste". Schon einen Monat vor diesem Versuch mit der Kiste im Wege benahm sich Rana sehr merkwürdig in einem Versuch, der bei flüchtiger Betrachtung fast identisch mit dem beschriebenen scheint (25 i.): Ein großer Tierkäfig, noch schwerer als der eben benutzte, steht auf freier Fläche, einerseits vom Gitter (sonst von Holzwänden) ver- schlossen, so daß man das Innere sehen und insbesondere erkennen kann, daß der Käfig auf der Wand mit der unverschlossenen Türöffnung ruht ; solche Kasten stehen noch in mehreren Exemplaren in der Nähe und werden von den Tieren, sofern die offene Tür nicht auf dem Boden liegt, oft betreten. Durch das Gitter nicht erreich- bar, liegt das Ziel auf der Grundwand, und die Tiere greifen vergeblich zwischen den Stäben hindurch hinein. Nach einigen unglaublich ungeschickten Versuchen, mit einem Stock das Ziel ans Gitter zu kratzen, bemüht sich Rana in nicht mißzuver- stehender Weise, den Käfig über eine Kante zu kippen; gelänge ihr das, so könnte sie durch die Türöffnung ohne weiteres in die Kiste hineinsteigen; aber der Käfig ist zu schwer. Nun steht etwa 5 m seitlich ein ganz gleicher Käfig mit der Türöffnung nach der Seite gekehrt, wo Rana eben sich abmüht; das Tier gibt plötzlich sein An- stemmen auf, geht auf den andern Käfig zu, durch dessen Türöffnung langsam hinein. 1) Man sieht hier, daß solche Prüfungen überhaupt nur dann zuverlässige Resultate haben können, wenn der Beobachter über sehr viel Zeit und — Geduld verfügt; daß nach vergeblichem Warten durch Stunden doch noch die Lösung in einem glücklichen Moment auftritt, habe ich mehr als einmal erlebt. Menschliche Erwartungen. 47 dreht um, kommt wieder heraus mit einem seltsamen Gebaren von Torheit und Nach- denklichkeit zugleich, kehrt zu dem ersten Käfig zurück und bemüht sich von neuem, ihn umzukanten, übrigens weiter ohne Erfolg. Ich glaube nicht, daß irgend jemand den Vorgang hätte ansehen können ohne den Eindruck: Der merkwürdige Exkurs in die andere Kiste ergibt sich unmittelbar aus den Anstrengungen des einfältigen Tieres, die Versuchskiste zu drehen, so daß die Tür zugänglich wird. Später wird bei einem anderen Versuch ein Verhalten Ranas beschrieben, das dem hier geschil- derten verwandt erscheint und schlechterdings eindeutig ist Sieht man von diesem Zwischenfall ab, so bleibt die Tatsache, daß Rana schon vor der Zeit der oben beschriebenen Versuche eine Kiste umkippen möchte, um die Tür zugänglich zu machen; das scheint dieselbe Leistung wie oben, nur womöglich noch schwieriger; man wird sich bemühen müssen, die beiden Versuchsarten so zu sehen, daß der anscheinende Widerspruch verschwindet. Das Ergebnis dieser Prüfungen hat sich später gut bestätigt, wo wieder wegzuräumende Hindernisse den kritischen Bestandteil der Situation bildeten; solche Aufgaben zu lösen, fällt dem Schimpansen recht schwer, oft bezieht er eher die (in jeder Hinsicht) fernliegendsten Instrumente in die Situation ein und kommt auf ganz wunderliche Methoden, als daß er ein simples Hindernis, das mit geringer Mühe zu beseitigen wäre, aus der Situation ausschaltet i). Da aber dem erwachsenen Menschen der einfache Hindernis- versuch leichter vorkommt, als z. B. Verwendung von Stock oder Kiste als Werkzeug, während doch beides für die Schimpansen annähernd gleich schwierig zu sein scheint, so folgt, daß man sich wohl hüten muß, die Ivcistungen der Tiere (und ihre Fällig- keiten) im voraus durch bloße Reduktion aus dem Bilde mensch- licher Leistungen (Fähigkeiten) zu konstruieren, indem man einfach abstreicht, was man für hochwertig, und übrigläßt, was man für elementar hält. Das ist hier schon deshalb nicht erlaubt, weil die primitiven Leistungen, die wir untersuchen, für die erwachsenen Menschen in sekundäre, mechanisierte Formen übergegangen sind. Dabei kann sich das Schwierigkeitsverhältnis der einzelnen zuein- ander nicht nur verschoben, sondern sogar umgekehrt haben, indem je nach dem Grade der Mechanisierbarkeit wesentliche Züge des Urbildes verloren gingen oder nicht. Niemand kann zur Zeit sagen, ob die für uns besonders leichten und mechanisierten Leistungen auch immer am leichtesten entstehen; was ursprünglich leicht und was schwer ist, kann uns nur die Erfahrung an Anthropoiden, vielleicht auch andern Affen, an Kindern und Primitiven (für etwas höhere Fragen), allenfalls noch an Schwachsinnigen lehren 2). 1) Nur in Fällen, wo das Hindernis sich zufällig bewegt, wird dem Schimpansen die Lösung anscheinend leichter. 2) Daß mitunter das Ergebnis auch vollkommen zu unserer vorgängigen Erwar- tung stimmen kann, zeigt das Beispiel S. 28. Nur ist festzuhalten, daß jedesmal erst die Erfahrung im Versuch entscheidet. 48 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung; Umgang mit Dingen.) 3. WERKZEUGGEBRAUCH. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.)^) Es bedarf der Versuchsumstände nicht, um den Schimpansen zu einigermaßen mannigfaltiger Verwendung der Dinge in seiner Um- gebung zu veranlassen. In beweglichen, starken und großen Händen besitzt er natürliche Vermittler zwischen sich und den Gegenständen; dabei erreicht er in früherem Alter ein gewisses notwendiges Maß von Kraft und Gliederbeherrschung als das menschliche Kind. Sein Fuß, wenn schon bei weitem keine „Hinterhand", kann doch noch einmal mit zugreifen, wo wenigstens der europäische Menschenfuß als Gehilfe gar nicht mehr in Frage kommt, und das sehr feste Ge- biß leistet noch immerfort technische Unterstützung, wie sie zwar bei afrikanischen Stämmen — ich weiß nicht, ob auch sonst bei Primitiven — weit üblicher ist als bei uns, doch kaum in dem Grade wie beim Schimpansen. Wenn die hier beobachteten Tiere sich dieser Vermittler wirklich zu einem recht entwickelten Umgang mit Gegenständen bedienen, so kann man kaum sagen, daß in dieser Hinsicht die Gefangenschaft einen ganz falschen Eindruck hervorrufe: die Dinge, die dem Schim- pansen hier zu Gebote stehen, sind kaum mannigfaltiger als die in Kameruner Wäldern vorkommenden; auch werden ein Fetzen Tuch und ein Baumblatt, ein Stück Spiegelglas und eine Regenpfütze ihrer Funktion nach so gleichartig benutzt, daß das Vorhandensein ein- zelner menschlicher Artefakte in der hiesigen Umgebung sehr wenig ausmachen dürfte. Eher könnte noch die Beschränkung auf enge Räume, unvermeidliche Langeweile, andrerseits das Fortfallen starker Marschanforderungen und der entsprechenden Ermüdung im Sinne eines vermehrten Umgangs mit den Dingen wirken. Auf jeden Fall aber wird der Schimpanse auch auf diese günstigen Bedingungen nur mit der sehr ausgeprägten Natur reagieren, die er nun einmal hat. Denn als Grunderfahrung nach wirklich hinreichendem Zu- sammensein mit den Tieren muß ich feststellen: Den Schimpansen zu irgend etwas veranlassen, zu einer Tätigkeit, einer Gewohnheit, einer Unterlassung, einem Umgang mit Dingen usw., die ihm nicht liegen, die nicht natürliche schimpansische Reaktion unter den be- treffenden Umständen sind, das mag (durch Prügel oder wie sonst immer) für die Dauer von Zirkusvorstellungen gelingen; aber dem Schimpansen ihm Wesensfremdes so einverleiben, daß er es fortan ^) Vgl. zu diesem Kapitel den Aufsatz „Zur Psj-chologie des Schimpansen" (Psychologische Forschung I, 1921). Festigkeit des biologischen Typus. 49 tut wie Eigenes — das erscheint mir als eine äußerst schwere Auf- gabe, ja fast als unmöglich: Ein pädagogisches Talent, welches der- gleichen doch fertigbrächte, würde ich sehr bewundern müssen. Man ist immer wieder erstaunt und oft genug geärgert, wenn man sieht, wie auch an einem klugen und sonst zugänglichen Tier dieser Art jeder Versuch einer Umbildung von seinen biologischen Eigen- schaften fort ganz wirkungslos abgleitet. Bringt man den Schim- pansen zeitweilig zu irgendeinem Verhalten, das mit diesen Eigen- schaften nicht recht übereinstimmt, so wird sehr bald Zv/ang nötig, damit er dabei bleibt; und von da an läßt nicht allein die geringste Druckminderung das Tier mit Sicherheit zu seinem schimpansischen Typus zurückkehren, sondern während des Zwanges bekommt man auch nur ein widrig unfreies, gegen den Sinn des Verlangten ganz gleichgültiges Verhalten zu sehen. Aus diesem Grunde muß dringend davor gewarnt werden, irgendwelche Schlüsse zu ziehen aus Sinn- losigkeiten, die ein Schimpanse auf der Bühne im Verlauf einer er- zwungenen Handlungsweise begeht^). Wenn es sich also darum handelt, außer dem Gebrauch von Werk- zeugen im Versuch auch noch den Umgang mit Dingen zu schildern, wie er alltäglich beobachtet wird, so braucht man wahrhaftig nicht ängstlich zu sein : Die Tiere mögen hier Gelegenheit haben, das eine oder andere zu tun, wozu sie in Afrika de facto nicht kommen — immer wird man den Schimpansen und kein Kunstprodukt beobachten, solange nicht starker Zwang auf ihn wirkt, und es versteht sich von selbst, daß nichts von dem Folgenden auf irgendeinen Druck des Menschen zurückgeht; auch wenn die Tiere gar nicht ahnen, daß sie überhaupt beobachtet werden, verhalten sie sich ebenso^). Der Bericht kann nicht von einer begrenzten Zeitepoche handeln, sondern muß den Umgang mit Dingen beschreiben, wie dieser in reichlich zwei Jahren^) überhaupt beobachtet wurde, weil der Schimpanse in dieser Hinsicht Moden durchmacht und die Betrachtung einzelner Epochen infolgedessen kein vollständiges Bild geben kann. Das Umgehen mit Dingen, wie man es täglich beim Schimpansen sieht, gehört fast durchweg unter die Rubrik „Spiel". Ist einmal eine spezielle Form, ein Werkzeuggebrauch oder dergleichen in der „Notwendigkeit" einer Versuchssituation entstanden, so kann man sicher sein, das Neue bald danach im Spiel wiederzufinden, wo es also unmittelbar nicht den mindesten „Vorteil", sondern allein er- höhte Lebensfreude gilt. Umgekehrt kann von den vielen Spielereien, die der Schimpanse mit Gegenständen vornimmt, leicht das eine oder andere zu großem praktischen Vorteil führen, und wir beginnen mit ^) Ich erinnere mich, solche Schlüsse früher in der Literatur gefunden zu haben. 2) Vielfach sogar entschieden interessanter. ^) In diesem Abschn.tt war 1916 noch Verschiedenes nachzutragen. Köhler, Intelligenzprüfuugen. 4 50 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzttn'G : Umga>-g mit Dixgex.) einem Spiel, das diese vom europäischen Menschen — schon hier Wel weniger — hochgeschätzte Eigenschaft in beträchtlichem ]\Iaße besitzt. Das Springstockverfahren wurde von Sultan aufgebracht, von Rana wahrscheinhch zuerst übernommen: Die Tiere setzen einen Stock, eine längere Stange oder ein Brett senkrecht oder etwas schräg auf den Boden, klettern jetzt mit den Füßen, während auch die Hände rasch weitergreifen, so schnell wie möghch ein Stück daran hinauf und kommen entweder mitsamt dem Instrument irgendwo an oder sie schwingen sich in eben dem Augenbhck seithch oder schräg nach oben ab, wo der Stock gerade umfallen wül. Einmal führt der Sprung zu Boden, ein andermal auf irgend etwas Festes, Gitter, Balken, Ast u. dgl. in bisweilen sehr beträchtlicher Höhe über der Erde. Zunächst handelt es sich um Fälle, wo der Sprung vom ]\Iilieu keineswegs erfordert \%ird, und mit Gehen oder Klettern viel be- quemer auszukommen wäre; auch pflegt die Landungsstelle durch- aus nicht besondere Vorzüge zu besitzen, und wemi man sieht, wie der Vorgang sich oft viele ^.lale hintereinander an beliebigen Stellen wiederholt, so "vsird man überzeugt, daß es sich eben um das S pri nge n als solches handelt, ähnlich wie bei menschlichen Kindern um Stelzengehen zum Beispiel als solches. Aber sehr bald entstand ein regelrechter "Werkzeuggebrauch daraus : Sultan sollte (23. i. 14) im Versuch das wieder einmal zu hoch an- gebrachte Ziel auf einem indirekten Wege erreichen, kam aber auf die erwartete Lösung durchaus nicht, sprang mehrfach vergeblich vom Boden aus in die Höhe, ergriff dann eine Stange, die in der Xähe lag, erhob sie, wie um nach dem Ziel zu schlagen, setzte sie jedoch gleich danach mit einem Ende auf die Erde unter dem Ziel und machte mehrfach den „Klettersprung" in der angegebenen Art. Sein Treiben hatte dabei etwas zugleich Spielendes und L'nenergisches von dem Charakter: „In Wirklichkeit geht es ja doch nicht", und so ging es denn in der Tat nicht. — Das nächste Mal (3. 2.) war er entschlossener und glücklicher, ging auf ein festes Brett zu, das so schwer war, daß er gerade damit fertig werden kormte, stellte es unter dem Ziel auf und schlug das Kletter- und Spring^'erfahren ein. Drei Beobachter, die zugegen Vv-aren, hielten es für unmögHch, daß er auf diese Weise das Ziel erreichen könnte, und wirklich kippte das Brett dreimal zu früh, als daß sein Vorhaben hätte gelingen können, aber beim vierten Mal kam er doch hoch genug und riß beim Sprung das Ziel mit sich herunter. AllmäMich kam die Springstange auch bei Grande, Tercera, Chica und sogar der schweren, unbeholfenen Tschego in Gebrauch, doch Tafel II. Köhler, Intelligenzprüflingen Stock als Springstaxge. 51 benutzten die einzelnen sie je nach turnerischer Begabung mit sehr verschiedener Gewandtheit und ebenso verschiedenem Erfolg. Nach einer Weile konnte niemand hierin mit Chica konkurrieren : Sie sprang mit kleinen, kurzen Stöcken und Brettern, später, als eine Stange von über 2 m Länge glücklich irgendwo abgerissen war, mit dieser und konnte nun schon alles erreichen, was nicht über 3 m hoch an- gebracht wurde (vgl, die Abbüdung [Tafel II], bei der darauf zu achten ist, daß der Stock nur auf dem Boden steht und von dem Haus im Hintergrund um mehrere Meter entfernt bleibt). Später aber, als ich sehen wollte, wieweit ihre Leistungen gingen, und einen Bambus von über 4 m Länge besorgte, beherrschte sie auch dies In- strument sogleich vollkommen und erreichte in rasendem Klettern Höhen von über 4 m noch immer eher, als der Bambus Zeit hatte umzufallen, Chica selbst war damals nicht ganz einen Meter groß, weim sie aufgerichtet stand, — Sie bHeb aus gewissen Gründen lange Zeit von ihrem Bambus für den Tag getrennt; kam sie abends auf den Spielplatz, wo er lag, so sollte sie da eigenthch nur essen, aber sie unterbrach dieses auch ihr geväß wichtige Geschäft fortwährend und gegen Verbote, um mit der beHebten Stange „nur so'! einmal schnell einen Sprung zu machen. Es versteht sich, daß dies Kunststück nur infolge großer Erfahrung darüber möglich ist, wie der Stab aufgesetzt und der eigene Körper bewegt werden muß, damit nicht zu früh während des eiligen Klettems das labile Gleichgewicht verloren- geht ; diese Erf ahnmg wird man sich so vorstellen müssen, wie die eines menschlichen Turners: auch Chica ,,hat es im Gefühl". — Das Unangenehme am Verfahren ist sichtlich der enorme Aufprall beim Niederstürzen aus oft an 5 m Höhe auf einen völlig festgetrampelten Boden; denn Chica besieht und befühlt oft hinterdrein die Teile ihres Körpers, die zuerst angekommen sind, und manchmal geht sie etwas langsam davon; eine Verletzxing ist jedoch bei ihrer ebenfalls unübertrefflichen Kunst im Fallen noch niemals vorgekommen. Auch an dieser Leistung ist natürlich nicht das mindeste ,, dressiert"; mein Ver- dienst ist die Beschaffung des ganz langen Bambus, sonst nichts; die Tiere haben dies Verfahren eingeführt, sich von selbst darin ausgebildet und es von selbst unter die Lösungsmethoden in ..Versuchen" aufgenommen. Sollten sie seiner eines Tages überdrüssig werden, so kann ich durchaus nichts dagegen vornehmen, — es müßte denn sein, daß ich Chica einen noch längeren Bambus schenkte. Selbst Nachahmung des Menschen ist in diesem Fall ausgeschlossen; denn wenn sich auch Akrobaten mit der gleichen Leistimg zeigen soUen, so war doch niemand in Teneriffa, dessen Fuß ihm Ähnliches erlaubte, und das Stabhochspringen von mensch- lichen Turnern ist bekanntlich ein Verfahren ganz anderer Art, außerdem hier in der L'mgebung der Tiere durchaus nicht üblich. Eine neuere ^Modifikation, entstanden, seitdem die Tiere in einen engeren Raum mit niedrigem, aber sehr starkem Drahtdach ein- geschlossen werden mußten, besteht darin, daß man wieder den Kletterspnmg macht, aber genau nach oben bis ans Dach, dies er- greift, aber zugleich den Stock nicht losläßt und nun auf diesem wie einem Kontorstuhl von phantastischem Maß Platz nimmt. Es ergibt 4* 52 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) sich dann weiter von selbst, daß das Tier am Dach weitergreifen und mit den Füßen den Sitz mitnehmen kann, wobei es kaum aufhört, auf diesem zu hocken; doch beobachtet man dies Spiel nicht allzu- häufig. Wenn das Werkzeug am einen Ende dicker als am andern und damit das Gewicht ungleich verteilt ist, würde der Mensch stets das dickere, schwere Ende auf den Boden setzen. Selbst bei Chica wird rücht recht klar, ob sie auf diesen Umstand Rücksicht nimmt. Wenn schon zumeist wirklich das schwerere Ende auf den Boden gesetzt wird, so .sieht man doch auch das Gegenteil, und es bleibt die Mög- lichkeit, daß im allgemeinen die vorteilhaftere Stellung zustande kommt, weil sie naturgemäß leichter erreicht wird. Ist der Schwere- unterschied zwischen beiden Enden gering, so beachtet ihn der Schim- panse gewiß nicht; sieht man ihn dann mit dem (für uns) verkehrt stehenden Pfahl seinen Sprung immer noch mit Leichtigkeit aus- führen, so ist man geneigt, den Fehler für unwesentlich zu halten; weitere Erfahrungen belehren später darüber, daß er prinzipieller Art ist. Einen ungünstigen Eindruck macht Rana bisweilen, wenn sie sich zu einem Sprunge anschickt, der einigermaßen weit hinauf reichen soll, und der Stock zu kurz ist. Die andern Tiere würden hinaufsehen und dann den Pfahl fortwerfen oder allenfalls einmal die Probe machen und danach die Sache aufgeben. Rana setzt den Stock mit einem Ende auf, macht Anstalten, in die Höhe zu klettern, läßt es wieder, dreht den Stock um, als könnte er davon länger werden, hebt ein Bein und läßt es wieder sinken, dreht den Stock wieder um usw. eine Reihe von Malen — ein Bild von Wirre; schließ- lich ist das Endergebnis in der Regel, daß sie sich hinsetzt, den Stock langsam nieder- gleiten läßt und mit blödem Gesicht rings um sich blickt. Der Hund als Tierart ist vom Schimpansen an Begabung wahrlich verschieden genug; aber wie der Schimpanse mit der hohen Entwicklung auch die entsprechend großen individuellen Variationen erreicht hat, so hat die Natur einzelnen Exemplaren der Art auch die Möglichkeit gegeben, ein geradezu erschreckend törichtes Gesicht zu machen. Nie wird ein Plund so spezifisch dumm aussehen können; sein Gesicht bleibt immer vergleichsweise ,, neutral", und .so erreicht er auch nie den gescheiten Ausdruck, den begabte Schimpansen nicht selten zeigen. — Rana fällt als dumm fortwährend auf, weil sie zum Unglück auch noch sehr beflissen ist und sich immer wieder eifrig exponiert, während es Tercera, die nur ganz selten auf einen Versuch eingeht, durch viele Jahre gelungen ist, eine etwas rätselhafte Figur zu bleiben. — Es verdient sehr beachtet zu werden, daß Rana (außer dem kleinen Konsul, den sie bemutterte, solange er lebte) keinen rechten Spielkameraden finden konnte; auch ihre Artgenossen wubten nichts mit ihr anzufangen, und Tschego behandelte die Un- glückliche einfach wie einen blöden Clown. Der Stock ist eine Art Universahnstrument des Schimpansen; in fast allen Lebenslagen kann man mit ihm etwas anfangen. Nach- dem einmal seine Verwendung aufgekommen und Allgemeingut ge- worden war, wurde seine Funktion Monat für Monat mannigfaltiger. ; Alles was jenseits eines Gitters und mit der Hand nicht erreichbar die Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde wie im Versuch mit Stöcken, Stock als Hebel. 53 Drähten oder Strohhalmen herangezogen. War die Regenzeit vorbei und das über alles beliebte Grünfutter vom Spielplatz verschwunden, so standen doch noch Kräuter draußen vor dem Drahtnetz. Ein Pfahl wurde dann durch die Maschen gesteckt, mit dem äußeren Ende der Busch ans Gitter gedrückt, so daß die freie Hand die Triebe fassen konnte; mit dieser Beschäftigung wurden Stunden verbracht. Aber das Drahtnetz war alt, und die heftige Bemühung mit dem schräg drückenden Pfahl riß bald ein paar Maschen auf, bis die leder- harte Hand in die Öffnung greifen und mit einem kräftigen Zug ein Ivoch reißen konnte, groß genug, um den ganzen Schimpansen hin- durchzulassen. Die Tiere haben lange Zeit durch nichts zu erkennen gegeben, daß ihnen ihre Gefangenschaft unangenehm wäre, aber nach dieser Entdeckung wußten sie einen Ausflug sehr zu schätzen; zwar arbeiteten sie wohl meistens nicht von vornherein zu diesem Zwecke, aber war erst ein kleiner Riß entstanden, so konnte man schon an der verdächtigen Ansammlung der Tiere auf einem Fleck und dem aktiven Eingreifen immer neuer Mitarbeiter an derselben Gitterstelle von weitem erkennen, daß es sich nicht mehr um Grünzeug handelte. Hätten wir sie nicht oft genug auf frischer Tat ertappt, so wäre doch der Hergang dabei vollständig zu entnehmen gewesen daraus, daß nach gelungener Flucht in dem aufgerissenen Netz noch der eiserne oder hölzerne Stab lehnte^). Ganz ähnlich hat sich wohl die Funktion des Stockes in einem andern Fall von selbst weiterentwickelt: Die Grube, welche das Abflußwasser vom Reinigen der Tierställe aufnahm, war mit einem festen Holzdeckel und Eisenriegeln verschlossen; aber Fugen und Spalte gibt es doch, und es wurde eine wahre Sucht der Tiere, mit Stäben und Halmen an der Grube zu hocken, einzutauchen und die schmutzigen Tropfen nachher abzulecken. Viel einfacher wäre es natürlich, wenn der Deckel ganz entfernt würde, und aus irgend- einem Grunde, vielleicht weil der Deckel sich unter der berührenden Hand bewegt oder sonst die Situation besonders leicht zu erfassen ist, wurde dieses Hindernis von Anfang an gern beseitigt, erst mit der Hand, die beim Schimpansen schon einmal den Eisenriegel mit seinem Zementlager lossprengt, und später, als wir immer neue festere Konstruktionen einführten, mit dem Stock, der zuvor wohl nur Löffel gewesen war und nun als Hebel eine große Beliebtheit gewann. Die Art, wie der Schimpanse hebelt, ist mit der des Menschen identisch. Natürlich weiß keiner der Affen das mindeste von den Beziehungen ^) Bei der Harmlosigkeit der Tiere waren solche Ausflüge vollkommen imgef ährlich ; machte man sie nachdrücklich darauf aufmerksam, daß sie sich verfehlten, so gingen sie von selbst wieder nach Hause. 54 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) zwischen Kraft, Weg, Arbeit usw., die dem physikalischen Hebel- begriff inhärieren, aber nicht viel mehr weiß davon der Lastfuhr- mann, der seinen Wagen mit zerbrochenem Rad mittels eines Hebels auf den untergestellten Stützbock hebt; es muß eine Art praktischen und konkreten „Verständnisses" für dergleichen einfachste Instru- mente geben, das, aus Optik und Motorik des Naiven unmittelbar herauswachsend, innerhalb gewisser Grenzen die passende Verwen- dung schnell hervorbringt und dauernd gewährleistet (vgl. auch das Umgehen mit der Springstange). — Wenn die Tiere später vergeblich am Deckel rüttelten, bemühten sie sich gar nicht erst, den schnell ge- suchten Stock als Löffel zu gebrauchen, sondern hebelten sofort ; erst wenn der Deckel durchaus nicht nachgab, tauchten sie wieder ein. Das Aufbrechen dieser Grube war eine der stärksten Moden, die ich beobachtet habe; es dauerte lange, bis dieser Sport langweilig wurde: Denn man würde ja den Schimpansen arg mißverstehen, wenn man meinte, nur der schmutzige Inhalt reize ihn in diesem FaUe; mindestens ebenso wichtig kann dabei die Möglichkeit sein, überhaupt etwas gründlich und mit ansprechender Methode in seine Bestandteile zu zerlegen. Etwas Zerstörbares und ein Schimpanse zusammengebracht, das gibt doch nicht aus reiner Ungeschicklichkeit des zweiten Teiles ausnahmslos Trümmer; das Tier ist nicht eher ruhig, als bis die Splitter oder Scherben eine weitere Bearbei- tung nicht mehr verlohnen oder nicht mehr zulassen. Übrigens sind es vielleicht nur die größeren Kräfte, die den Schimpansen hierin sogar menschliche Kinder über- treffen lassen. Das Löffeln mit Strohhalmen, Stäbchen u. dgl. kommt auch als reine Spielerei vor, wenn das Getränk während der Malilzeit den Tieren frei zugänglich ist. Nachdem der Durst schon in kräftigen Schlucken gestillt ist, nimmt bisweilen ein Tier Halme, taucht sie ein und führt die Tropfen zum Munde; das geschieht dann wohl zwanzig Male hintereinander. Als einmal ein Sclüuck Rotwein in die gemeinsame Wasserschale gegossen wurde, beugten sie sich zuerst arglos zum Trinken; nach der ersten Probe aber hielten sie einen Augenblick ein, eines begann mit einem Strohhalm, drei weitere gleich danach mit Stäben und Zeugfetzen einzutunken und zu löffeln ; für das sonst übliche herzhafte vSchlürfen war das Getränk wohl zu kräftig. Das ist wieder keine Nachahmung des Menschen; denn zu jener Zeit könnten sie höchstens durch Zufall einmal einen Menschen beim Essen beobachtet haben, der dabei Messer, Gabel oder Löffel benutzt hätte ^). Ganz anders wurde Stroh von zwei Tieren (Grande und Konsul) bisweilen beim Essen fester Nahrung verwendet. Alle Schimpansen machen, wenn ihr Himger nicht zu groß ist, aus Früchten (Bananen, Weinbeeren, Feigen usw.) zunächst einen Brei, den sie zwischen den sehr dehnbaren und oft unheimlich aufgeblähten Mundwänden hin imd her wälzen, dazwischen auch in der weit vorgestreckten Unterlippe betrachten ^) Die Landbevölkerung in der Umgebung der Station verwendete diese Geräte nicht. Stock als Löffel. 55 oder in die Hand nehmen und hier mit Vergnügen anschauen, um ihn dann wieder in den Mund zu stecken. Jene beiden Tiere suchten (in mehrmals wiederkehrender Mode) Strohhalme zusammen, wenn sie aßen, mischten sie im Munde unter den Brei und brachten sie erst wieder als ein Knäuel sorgfältig zum Vorschein, wenn der Frucht- kuchen heruntergeschluckt war. Ein Mittelding zwischen Löffel und Jagdinstrument ist das Stäb- chen oder der Strohhalm beim Ameisenfang. Im Hochsommer tritt in Teneriffa eine kleine Ameisenart als Plage auf; wo das Insekt seine Straßen hat, da sieht man einen breiten Streifen braunen Gewimmels, und ein solcher Streifen pflegte sich auch auf den Querbalken der Drahtnetzwände rings um den Tierplatz zu bilden. Wie der Schim- panse säuerliche Früchte allen andern vorzieht, so scheint er die Ameisensäure sehr zu schätzen; kommt er an einem Brett vorbei, an dem die Ameisen auf und ab wimmeln, so steckt er einfach die Zunge heraus und fährt mit ihr über die Straße hin. An jenen Querbalken war dies primitive Verfahren nicht ausführbar, weil die Straße auf der Seite außerhalb des Gitters entlang zu führen pflegte. Also begann erst einer, dann der andere und schließlich die ganze Gesellschaft, Strohhalme und Stäbchen durchs Gitter auf den Balken hinauszuhalten, so daß sie sich in wenigen Sekunden ganz mit Ameisen bedeckten, worauf dann die Beute schnell hereingezogen und im Munde abgestreift wurde. Besonders vorteilhaft wirkt dabei vom zweitenmal an der Speichel, der auf dem Halm zurückbleibt; denn das Hauptziel der Ameisen ist in der Glut der Sommertage jeder feuchte Fleok, so daß der nasse Halm, kaum daß er in die Straße hineinhängt, die Insekten in Menge auf sich lenkt; und selbst beim erstenmal kann dieser Vorteil be- stehen, da der Schimpanse nicht leicht einen Halm oder Stock zu irgend etwas benutzt, ohne ihn zuvor schnell einmal an der Spitze anzu- lecken, wie das manche Menschen mit Bleistiften u. dgl. auch zu tun lieben. Über den Sinn dessen, was die Tiere da treiben, ist ein Zweifel gar nicht möglich, lassen sie einen doch aus nächster Nähe zusehen: Die Aufmerksamkeit ist ganz auf den Insektenzug gerichtet, der Halm liegt einige Sekunden unbeweglich und stets möglichst in dem größten Gewimmel; wird er dann zum Munde geführt, so kommt er hinterdrein, nach dem Durchstreifen, ohne eine einzige Ameise wieder zum Vorschein, und es wird nichts wieder ausgespien, wie das doch bei den geringsten Spuren unangenehmer Schmeckstoffe, z. B. leider bei in die Nahrung eingeschmuggelten Arzeneien, sofort geschieht. Auch in diesem Fall war freilich das sportliche Interesse wohl ebenso groß oder größer als der Appetit auf Ameisen; denn Stellen, wo man die Ameisen nur eben abzulecken brauchte, waren genug da, und unter sonst gleichen Umständen blieb der schönste Ameisenzug unbeachtet, wenn die Mode eine andere Richtung genommen hatte. Bestand die 56 3- Werkzettggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) Mode jedoch, dann konnte man sämtliche Tiere der Station neben- einander am Ameisen weg entlang hocken sehen, jeden mit seinem Halm wie eine Reihe Angler am Flußlauf. Zeitweise sehr beliebt ist der Gebrauch des Stockes zum Graben. Damit das Spiel aufkam, war wohl weiter nichts erforderlich als eben die Möglichkeit, mit einem Stöckchen die Erde aufzustechen. An- scheinend ist das Graben schöner, wenn der Boden feucht als wenn er trocken ist, und beginnt es dann einmal, so wird mit ungewöhn- licher Ausdauer drauflosgestochen, bis am Ende größere Löcher ent- stehen. Der Schimpanse faßt dabei den Grabstock auf die verschie- denste Weise an, je nach Bedarf, aber er beschränkt sich überhaupt nicht auf die Kraft der Hände, sondern bohrt an harten Stellen senk- recht nach unten, indem er oben mit den Zähnen zufaßt und seine vortreffliche Mund- und Nackenmuskulatur mitarbeiten läßt. Ebenso häufig ist später der Gebrauch des Fußes geworden; die Sohle, die äußerst unempfindlich ist, wird kräftig gegen das obere Ende des etwas schräg in den Händen ruhenden Stockes gedrückt und dieser so in die Erde gezwungen. Man darf nicht annehmen, das sei einmal gelegentlich geschehen; Tschego grub in der Mehrzahl der Fälle so. Viel seltener war schon der handmäßige Gebrauch des Fußes, wobei der Fußdaumen um den Stock herumgreift. Wie man sieht, kommen wir hier dem „Grabstock" im Sinn der Ethnologie sehr nahe^). Die Annäherung wird aber noch weit auffallender dadurch, daß die Tiere, schon ehe die Grabstockmode zum ersten Male auf- trat, sich längst gewöhnt hatten, nach Verschwinden der Kräuter im sommerlichen Sonnenbrand wenigstens Wurzeln aus der Erde zu scharren und zu kauen. Sie hatten das zunächst mit der Hand getan und dabei große Ausdauer bewiesen; wenn sie aber mit dem Stock zu graben anfingen, so kamen sie im harten Boden leichter voran und mehr in die Tiefe, und so darf es gar nicht wimdernehmen, wenn bald das Freilegen von Wurzeln ganz offenbar den Reiz des Spieles wesentlich erhöhte. Wieder war es das bei weitem älteste Tier, Tschego, das sich vor allem im Wurzelsuchen auszeichnete, unterstützt durch die gewaltige Kraft seiner Beine, Zähne und Arme, die den Grabstock führten . Ich möchte nicht behaupten, daß der Schimpanse eines Tages einen Stock her- nimmt, indem er sich dabei gewissermaßen sagt — wirklich sprechen kann er sicher nicht im mindesten — : ,,So, jetzt will ich Wurzeln graben!" Daß er dagegen, beim Graben als Spiel und wohl gar nach einem Wurzelfund, nach Wurzeln weiter- gräbt, weil er schon lange mit der Hand nach Wurzeln gesucht hat und auch mit der besseren Methode jetzt wieder Wurzeln findet, daran kann man als Zuschauer *) Das Drücken mit dem Fuß ist nicht vom Menschen übernommen. Den so- genannten „Spaten" kennt man in Teneriffa nicht. Grabstock. 57 überhaupt nicht zweifchi. Das Suchen nach etwas eben nicht Vorhandenem ist eine dem Schimpansen ganz .!,'cläufige Bemühung: In Versuchen über das Ortsgedächtnis der Tiere wurden oft Früchte vor ihren Augen vergraben; nicht nur, che sie später die Stelle wiedergefunden haben, suchen sie in deren Umgebung genau wie ein Mensch, auch nachher, wenn die Früchte ausgegraben sind, wühlen sie, eine halbe Stunde und länger, weiter und tiefer, weil sie nicht wissen, daß sie schon alles herausgeholt haben. Das Suchen nach etwas in der Erde unterscheidet sich von dem bloßen Grabe- spiel sehr auffällig durch den gespannten Blick, das hastige Weiterwühlen in be- stimmten Momenten, die genaue Prüfung der gelockerten Erde, das große Interesse au den gegenseitigen Grabstcllen usw. Ist etwas schlecht anzufassen, aber doch interessant, so wird es alsbald mit dem Stock behandelt. Nueva sitzt neben mir vor einem Reisighaufen, den ich anzünde, um zu sehen, was sie von Feuer hält; sie betrachtet die Flammen mit mäßiger Neugier, faßt nach einer Weile mit der Hand hinein, zieht diese sogleich eilig zurück und hat schon im nächsten Augenblick einen gerade daliegenden Stock er- griffen, mit dem sie nun im Feuer herumstochert. Hat sich eine Maus, eine Eidechse o. dgl. auf den Spielplatz verirrt, während sich die Schimpansen auf diesem aufhalten, so ist das zwar sehr aufregend, aber man kann nicht einfach zugreifen, um das kleine Tier zu fangen. Ungemein komisch sieht es aus, wie die Affen mit „spitzen Fingern" schnell in die Gegend des Opfers fahren, um sie eilends wieder zurückzuziehen; ein entschlos- senes Zupacken scheint ihnen gegenüber diesen Tieren genau ebenso unmö-^lich zu sein wie den meisten Menschen, und jede Bewegung des Flüchtlings bringt dieselben halb abwehrenden, halb erschrockenen Bewegungen des Verfolgers hervor, die man im gleichen Fall an Männern und Frauen sieht. Wenn wir in diesem Fall z. B. den Ell- bogen abwehrend vorstrecken, weil hier das unangenehm ,, Krib- belnde" der Berührung anscheinend geringer ist als an der Hand, so verhält sich Tschego genau so: ein Ruck der Eidechse, die sich ja stoßweise zu bewegen pflegt, und schon fährt das große Tier mit Körper und Hand zurück, mit dem Ellbogen vor, während die Augen sich wie vor einem Schlage schließen. Besser noch als der Ellbogen ist natürlich wieder ein Stäbchen, mit dem nach dem Eindringling getappt wird, und wirklich sind in solchen Zwischenfällen die Schim- pansen schnell mit Stöcken ausgerüstet, die einen — freilich immer noch sehr nervösen — Umgang mit dem kleinen Tier möglich machen. Erst wenn dieses in lebhafte Bewegung kommt, wohl gar in Richtung auf einen Affen zu, dann wird in der Aufregung der herumfuchtelnde Stock zur Waffe, und wenn so ein fremdes Wesen nicht rechtzeitig entflieht, so wird es schließlich umgebracht, obwohl das ganze sicher- lich keine kalte Grausamkeit, sondern einfach ein höchst aufregendes Spiel ist; im Hintappen der Affen, die natürlich etwas mit dem fremden 58 3- Werkzeuggebratjch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) Ding machen müssen, und in den ganz reflektorischen Fuchtelbe- wegungen, wenn dieses sich bewegt, wird es so oft getroffen, bis es Uegenbleibt, Oft kommt es vor, daß sich ein Schimpanse mit Kot, dem eigenen oder dem der Kameraden, beschmutzt. Nun habe ich bisher einen einzigen Vertreter der Art (Koko) gesehen, der nicht in der Gefangen- schaft Koprophage war, und doch : tritt einer von ihnen in Kot, so kann häufig der Fuß nicht ordentlich auftreten, genau wie bei einem ]\Ien- schen im gleichen Fall; das Tier humpelt davon, bis es eine Gelegen- heit findet, sich zu reinigen; und nicht leicht wird es die Hand dazu benutzen, die vielleicht vor wenigen ]\Iinuten noch Kot zum Fressen aufnahm und ihn selbst unter heftigen Schlägen nicht los- ließ, sondern mit einem Stäbchen (auch wohl Papierstücken oder Lappen) muß das geschehen, und das Gebaren dabei zeigt unver- kennbar Unbehagen an: Kein Zweifel, daß das Tier sich eben von etwas ihm Unangenehmen befreit. Und so geschieht es stets, wenn eine Beschmutzung irgendwo am Körper entdeckt wird; sie wird schnell entfernt, und zwar nach Möglichkeit mit Hilfsmitteln, nicht mit der unbewehrten Hand, allenfalls durch Wischen an einer Wand oder auf der Erde^). Kommen Irrationalitäten wie diese in der Etlmologie auch vor, so wird man aller- dings sehr gut daran tun, alle intellektualistischen Deutungen von Gebräuchen und sonstigen Erscheinungen mit emotionalem Hintergrund recht vorsichtig zu ver- wenden; das vorliegende häßliche Beispiel aus der Anthropoiden-Psj-chologie zeigt nur besonders eklatant, wie (gedankenmäßig) widerspruchsvolles Verhalten ohne weiteres möglich ist und bestehen bleiben kann. Wie schnell die Einschaltung des Stabes auftritt in Fällen, wo der zu behandelnde Gegenstand nicht gut anzufassen ist, konnten wir vortrefflich beobachten, als die Schimpansen zum ersten Male in ihrem Leben — wenigstens nach ]\Ienschenermessen — mit Elektri- zität hoher Spannung zu tun bekarqen. Der eine Ableitungspol eines schwachen Induktoriums war mit einem Drahtkörbchen verbunden, das, mit Früchten gefüllt, vom Dach herabhing, der andere mit einem Drahtnetz auf dem Boden unter dem Korb. Nie habe ich in ^) Allgemeiner : Die Körperoberfläche wird bei den verschiedensten Anlässen mit Werkzeugen behandelt. Gießt man Wasser auf ein Tier oder ölt man seine Haut, so reibt es entweder die Flüssigkeit an einer Wand, einem Baumstamm ab, oder — und das ist sehr häufig — es rafft Stroh, einen Lappen, Papier auf und wischt sich damit ab. Blut wird bisweilen ebenso entfernt, das Belupfen von kleinen Wunden mit Spreu (auch Blättern), welche dabei mit Speichel befeuchtet zu werden pflegt, ihre Untersuchung mit Strohhalmen, kann man öfters sehen. Nachdem Tschego ge- schlechtsreif geworden war, wurde fast bei jeder Menstruation beobachtet, wie sie Papier, Lappen usw. benutzte, um das rinnende Blut abzutupfen. Wenn die Haut an der schwer erreichbaren Schulter juckt, wird ein Scherben, ein Stein u. dgl. ge- nommen und damit die Stelle gekratzt. Stock als Waffe. 59 kürzester Zeit so viele vollkommen menschliche Reaktionen und Ausdrucksbewegungen an den Schimpansen gesehen wie in diesem Fall: das Zurückfahren beim ersten Schlag, der überraschte Schrei, das vorsichtige Vorstrecken der Hand beim zweitenmal, wobei diese fortwährend wie getroffen schon wieder zurückzuckt, ehe überhaupt die Möglichkeit eines Ladungsausgleichs durch den Körper besteht, das heftige Schütteln der Hand in der Luft nach einem ordentlichen Schlag insbesondere, welches genau so aussieht, wie das Handschütteln eines Menschen, der versehentlich einen heißen Ofen angefaßt hat — alles geht seiner Form nach genau vor sich wie bei uns, und man ist ganz überrascht zu sehen, wieviele unserer Reaktionen, weit entfernt menschliche Angewohnheiten zu sein, in der dunklen Vorzeit der Primaten ihre Wurzel haben müssen. Mit denselben Gebärden (vgl. auch Tschego und die Eidechse) sind die Schimpansen sicherlich vor vielen Jahrtausenden schon von der unbeabsichtigten Berührung mit einem Stacheltier, von einem stechenden Insekt usw. zurückgefahren, mit denen wir von einer Starkstromleitung zurückprallen, und viel- leicht ergibt die nähere Untersuchung der kleinen Affenarten auch bei ihnen bereits die gleichen Reaktionsformen i). Was man aber vielleicht nicht bei diesen antreffen dürfte, das ist das Aufraffen eines Stockes auf die unangenehme Erfahrung hin, wie ein Schim- panse nach dem andern es in diesem Falle tat, um so in weniger di- rektem Kontakt mit dem gefährlichen Ding doch womöglich die Früchte zu erreichen. Mit hölzernen Stäben ging zunächst auch alles gut, nur bog der Korb an dem Kabel, an dem er aufgehängt war, fortwährend aus, und im Eifer nahmen die Tiere auch feste Drähte und Eisenstangen ; als ihnen der Korb nun wieder Schlag auf Schlag versetzte, gerieten sie allmählich in Zorn, aber nur Tschego, die dauernd bei einem Holzknüppel geblieben war, nahm ernstlich den Kampf auf und prügelte, aufrecht stehend, mit aller Macht gegen das Körbchen, daß es in der Luft herumfuhr und am Ende abriß. Noch eine Stunde später sah man übrigens die Tiere vorsichtig die Hand nach dem nun ganz ungefährlichen Drahtnetz um die Früchte ausstrecken und immer wieder vor der Berührung zurückfahren, auch nachdem sie schon mehrfach ungestraft Früchte herausgerissen hatten. Hier ist zuletzt der Stock sehr deutlich Waffe; denn Tschego steht in großem Zorn da, während sie draufloshaut, und tut dies ganz blind, im Gegensatz zu den ersten Bemühungen, sorgfältig die Früchte aus dem Drahtnetz herauszuholen. Indessen ist diese ernste ^) Ich gehe hier und sonst vom eigentlichen Thema vmbekümmert etwas ab, wenn sich eine Gelegenheit darbietet, vom Schimpansen ein lebendigeres Bild zu geben. 60 ^. WKRKZET-nCERRArCH. (FORTSETZUNG: UMGANG MIT DlXGEX.) Verwendung des Stockes als Waffe nur durch die Umstände bedingt, und er wird sonst als Waffe wohl nur im Spiel gebraucht, dies aller- dings, wenn es die Mode mit sich bringt, recht häufig. — In den ersten Tagen, nachdem ich die Station übernommen hatte, waren Angriffe der Tiere durchaus keine Seltenheit; nachher habe ich ver- stehen gelernt, daß wohl keiner sehr ernst gemeint war. Dabei kam Grande, für deren seltsame Psyche ein neues Wesen in ihrer Um- gebung immer wieder eine starke Erregung bedeutet, mehrmals auf- recht, mit WTit abstehendem Haar, glühenden Augen, schwingenden Armen und in der Hand einen Stock, der natürhch das Fuchteln noch schrecklicher machte, allmählich auf mich zu, wie ein säbelschwingen- der Raufbold; aber nur eben in Unkenntnis der Tiere konnte ich meinen, Grande wolle einen wirklichen Angriff mit dem Stock machen. Zwar wird sie ähnlich immer verfahren, wenn der Anblick eines Frem- den sie erregt, aber diese Erregung scheint doch nur zu einer Art Grausamkeitsspio! zu führen; denn es fällt ihr gar nicht ein, von den fürchterlichen Vorbereitungen zur ernsten Tat überzugehen. Läßt man sie ruhig gewähren, so trampelt sie noch eine Weile und schwingt ihre Waffe, aber am Ende hackt sie nur mit den Fingern der freien Hand ein wenig und gar nicht wie sehr böse nach einem und galop- piert dann ab; das Kriegspielen ist vorbei. Ganz ebenso geht es zwischen Tier und Tier zu: Nimmt eines einen Stock und geht drohend damit auf ein anderes zu oder sticht und haut wirklich nach ihm, so ist das sicher Spielen ; nimmt auch der Angegriffene einen Stock, was bisweüen, aber nicht oft vorgekommen ist, und droht oder haut und sticht er auch seinerseits, so ist das schon ganz sicher Spiel; kommt aber dabei ein "Mißverständnis vor und wird es ernst, so liegen die Waffen gleich am Boden und einer fällt über den andern mit Armen, Füßen und Zähnen her. Ob es sich um Spiel oder um Ernst dabei handelt, ist schon am Tempo sofort zu erkennen: Das Fuchteln mit Stöcken geht etwas ungeschickt und vergleichsweise langsam vor sich, wird Ernst aus dem Spiel, dann fährt der Schimpanse ohne Ausnahme wie ein Blitz auf den Gegner und hat gewiß keine Zeit für Stöcke. Soll jemand, der jenseits des Drahtgitters sich befindet, durchaus geärgert werden — und es ist wahrhaftig eines der größten Vergnügen der Schimpansen, einander oder andere Wesen zu ärgern — , so kann das schon dadurch geschehen, daß man vorsichtig heranschleicht und unversehens und plötzlich gegen das Gitter anspringt, aber viel mehr Freude macht es anscheinend, einen spitzen Stock beim Anschleichen mitzunehmen und ihn dem ahnungslosen Opfer plötzlich an die Beine, in den Leib oder, wohin es trifft, zu rennen. In dieser häßlichen Kunst ist wieder Grande Mei- sterin; Zuschauer, Hunde und Hühner sticht sie, sobald die Gelegenheit sich bietet. Weshalb? Nur Gassenjungen, welche an fremden Häusern klingeln und dann fort- laufen oder andere derartige Dinge treiben, können vielleicht diese Frage beantworten. Spiei, mit Hühnern. 6i Das Stechen der Hühner war in den Wochen, in denen diese Schrift abgeschlossen wurde, beherrschende Mode geworden. Wie es dabei zuging, das charakterisiert die Tiere zu gut, als daß ich es übergehen dürfte; ich bemerke ausdrücklich, daß hier jede der mitgeteilten Beobachtungen fortwährend nachgeprüft wurde. — Wenn die Schimpansen ihr Brot essen, sammeln sich regelmäßig die Hühner des Nachbargrimd- stückes am Gitter, vermutlich, weil bisweilen Krumen durch die Maschen des Netzes fallen, die sie dann aufpicken. Da die Schimpansen sich ihrerseits für die Hühner interessieren, so macht es sich, daß nun die Affen ihr Brot dicht am Gitter zu ver- zehren pflegen und dabei die Vögel mustern oder auch durch einen Tritt gegen das Netz verscheuchen. Daraus haben sich drei Spiele entwickelt, die ich nicht für mög- lich halten würde, wenn sie sich nicht Tag für Tag vor meinen Augen wiederholt hätten : I. Der Schimpanse hält zwischen einem Biß und dem nächsten sein Brotstück in die weite Masche des Netzes, das Huhn nähert sich zum Picken, und wie es gerade zu- fahren will, zieht der Affe das Brot schnell wieder fort. Dieser Spaß wird an einem einzigen Mittag wohl an die 50 Male ausgeführt, mehrdeutig ist an ihm durchaus nichts; der Affe, dem kein Huhn nahe genug ist, beugt sich mit dem Brot in der Hand weit seitwärts bis an eines heran und wartet, den Köder in eine Masche gedrückt. Doch würden vielleicht sogar die Hühner nach ein paar Malen klug werden, wenn nicht zum mindesten einer der Schimpansen es noch weiter triebe. — 2. Rana, die Dümmste, füttert ohne jeden Zweifel die Hühner wirklich und durchaus absichtlich. Mitten in dem eben beschriebenen Spiel, an dem sie sich auch beteiligt, hält sie ihr Brot eine Weile in die Maschen und läßt ein Huhn eine ganze Reihe von Malen davon picken; dabei ruht ihr Blick mit einem Ausdruck von schlaffer Gutmütigkeit auf dem pickenden Tier. Da sie die Erschütterung jedes Pickens in der Hand fühlen muß, außerdem gerade den Vorgang betrachtet und dabei das Brot doch weiter ans Gitter hält, bis sie wieder selbst abbeißen möchte, so kann man wohl nur von Füttern des Huhnes sprechen. Wer, wie es merkwürdigerweise vorkommt, die höheren Tiere imd besonders die Anthropoiden mit einer gewissen Gereiztheit betrachtet, kann übrigens einen Trost darin finden, daß es sich um ein Spiel und nicht das Ergebnis altruistischer Entschlüsse dabei handelt sowie, daß der Vorgang selten ist und auch bei Rana zu weichen droht vor einer letzten Modifikation^). — 3. Das Huhn wird mit dem Brot am Gitter nähergelockt, aber in dem Augenblick, wo es arglos zupicken will, rennt ihm die freie Hand desselben Schimpansen oder ein anderer, der daneben hockt, einen Pfahl oder, noch schlimmer, einen starken Draht in den ungeschützten Leib. Wenn zwei Schimpansen mit verteilten Rollen dies Spiel treiben, so haben sie sich gewiß nicht vorher verabredet; die Umstände bringen es so mit sich, daß die Tätigkeit von zweien zusammenpaßt; sie verstehen das und bleiben dabei. Das Schlagen und Stechen mit dem Stock geht häufig in Werfen über. In großer Freude, z. B. wenn besonders schönes Futter ge- bracht wird, pflegt ein Tier das andere (oder anwesende Menschen) vor Erregung herumzuzerren, spielend zu beißen u. dgl. Chica nimmt in solchen Fällen gern einen Stock und schleudert ihn nachdrücklich ^) Nach Abschluß dieser Schrift: Der Vorgang wurde nochmals beobachtet. Alles geschah, v/ie beschrieben, nur kam als neuer Zug hinzu, daß erst Sultan und später Tercera Brotstücke nahmen, sie den Hühnern hinwarfen und dann mit großem Inter- esse zusahen, wie diese daran herumpickten. Das Werfen dabei war durchaus ver- schieden von dem weiterhin zu beschreibenden beim Angriff ; statt eines Schleuderns mit Angriffsbewegungen ein ruhiges Hinwerfen unter gespanntem Hinschauen nach den herbeieilenden Hühnern. Noch einmal — ich hätte selbst nichts Derartiges er- wartet; aber weder an der Tatsache noch an dem Sinn des Spieles bleibt der min- deste Zweifel. Mit anderer Nahrung als dem etwas gleichgültigeren Brot wird freilich nicht so gespielt. — • Wie die Schimpansen bisweilen einander von ihrem Futter abgeben, ist an anderem Ort (Psychologische Forschung I, 1921) beschrieben. 62 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: umgang mit dingen.) auf Tschegos breiten Rücken. Dasselbe kommt oft genug im Spiel vor. Eine Zeitlang hatte ebenfalls Chica die Angewohnheit, an ruhig dasitzende Tiere, besonders wieder Tschego, von hinten heranzu- kommen, mit dem Geschoß in der Hand, dieses aus nächster Nähe zu schleudern und dann geschwind zu flüchten. Außer Stöcken wur- den Rollen aufgewickelten Drahtes, wie sie als Abfall dalagen, Blech- büchsen, Hände voll Sand, aber mit besonderer Vorliebe Steine der verschiedensten Größen verwendet. Wenige Tage, nachdem wir die Station übernommen hatten, kletterte Tercera, einen Stein in der Hand, an einem Dachträger empor und warf so richtig nach einem der noch nicht recht anerkannten Neulinge, daß der Stein dicht an dessen Kopf vorüberflog. Damals wurde indessen sonst noch nicht sehr gut geworfen, gerade Tercera traf im Spiele meistens nur un- gefähr die Richtung des Zieles, bisweüen flog der Stein vorzeitig aus der fuchtelnden Hand, und wie beim menschlichen Kinde dauerte es einige Zeit, bis die erforderliche Geschicklichkeit von Arm und Hand erreicht war. Im Sommer 1915 \\'urde das Steineschleudern so sehr Mode, daß ich bisweüen in einer Viertelstunde über zehn Stein würfe zählen konnte, die Mehrzalil allerdings von einem und demselben Tier, der Turnerin Chica, welche allmälilich sehr gut treffen gelernt hatte und diese Kunst an ihresgleichen wie am Menschen mit gleicher P'reude übte. Manche Tiere werfen dagegen nie oder fast nie; so habe ich Tschego nicht dabei beobachten können, obwohl gerade sie als ein recht gefährliches Tier nur durch Steinwürfe von uns bestraft werden konnte, wenn sie gebissen oder sich sonst vergangen hatte ; aber anstatt nun auch ihrerseits nach uns zu werfen, nahm sie den Stein, der sie getroffen hatte, und biß grimmig darauf^). Auch die kleinen Tiere mußten durch Stein\\'ürfe verjagt werden, wenn sie {wie beim Ausbrechen hoch am Dach) durchaus nicht anders zu erreichen waren; aber man wirft doch vorsichtig, und so kam es, daß Chica sich an- gewöhnen konnte, die Steine oben aufzufangen und sofort mit weit geringerer Vorsicht zurückzuschleudern. Denn im Gegensatz zur Ver- wendung des Stockes als Hieb- und Stichwaffe zeigt das Schleudern von Steinen u. dgl. eine starke Tendenz, auch in großem Zorn, in der Form ernsten Waffengebrauches also, vorzukommen. Genau wie wir, wirft übrigens der Schimpanse nicht nur nach Objekten, die er wirklich treffen kann, sondern ebensogut z. B. gegen das Gitter, wenn jenseits ein scheltender Mensch, ein knurrender Hund usw. steht. Was im AugenbUck vor allem erforderhch ist, nämlich eine ') In Erwartung eines Wurfes werden die Arme vor den Kopf gehalten, auch wird dem Feind der Rücken zugekehrt; das Vorhalten der Arme erfolgt auch auf einen erschreckenden Knall von Raketen oder Schüssen hin. AVerfen. 63 heftige Entladung in Richtung des Ärgererregenden, wird ja auch so geleistet. Da wir uns mitunter gezwungen sahen, mit Steinen nach den Tieren zu werfen, so ist es durchaus möglich, daß diese bei gleichem Tun nicht ganz unabhängig von unserni Vorbild waren. Indessen würde man irren, wollte man annehmen, daß diese Beeinflussung allein das Steinewerfen der Tiere einfach hervorgerufen habe. Um hier und in manchen Fällen sonst den Werkzeuggebrauch der Schimpansen recht zu verstehen, muß man folgende Erfahrungen wohl beachten: Tschego warf nicht mit Steinen; aber wenn sie gescholten wurde, so konnte man bisweilen sehen, wie sie im Grimm, stampfend und den Kopf auf und nieder werfend, nicht nur mit ihren langen Armen Schlag- und Greifbewegungen auf den Scheltenden zu machte, sondern auch dabei in Kräuter hineingriff, sie heftig hin und her, auf und nieder riß, so daß die Stücke um sie herum wirbelten. Hatte sie ihre Decke gerade bei sich, so schlug sie bei gleichem Anlaß rasend mit dieser auf den Boden, aber immer — und das gilt auch vom Reißen und Schleudern im Kraut — hatten diese Ausbrüche, physikalisch und physiologisch gesprochen, eine starke Komponente auf den Feind zu; man konnte noch nicht von „Werfen oder Schlagen nach diesem" sprechen, aber das Tier war sichtlich auf dem besten Wege, eine Waffe zu gebrauchen. Die Erregung, die sich in Raufen und Schlagen an der mobilen Umgebung äußert, hat zugleich eine natür- liche und starke Tendenz, Innervationen in einer ausgezeichneten, nämlich der feindlichen Richtung hervorzubringen. Daß aber diese Formen der Wutäußerung irgend etwas mit menschlichen Vor- bildern zu tun hätten, halte ich für durchaus unwahrscheinlich; in einem solchen Zustande fällt sicher Nichtschimpansisches, sollte es einmal angenommen sein, gänzlich wieder ab. Auch das primitive Schleudern der Kleinen, wie es in der ersten Zeit bisweilen vorkam, sah fast einer heftigen Gefühlsäußerung ähnlicher als einem Waffen- gebrauch in unserm Sinn; dem widerspricht durchaus nicht, daß sie bereits ungefähr in Richtung des Angegriffenen warfen: der ist eben „Gefühlsobjekt"!). Zornige Erregung ist jedoch gar nicht der günstigste Fall für die Beobachtung der sehr allgemeinen Erscheinung, um die es sich hier handelt; an sich vielleicht schwächere Affekte, die aber länger an- dauern als der schnell vergängliche Zorn, haben mehr Zeit, alle in ihnen liegenden Möglichkeiten zu entwickeln. ^) An einem kleinen, sehr lebhaften Orangmädchen wurden inzwischen (1916) alle Schattierungen vom ärgerlichen Herummachen mit Komponente auf den Feind bis zu vollendeter Waffen Verwendung beobachtet. 64 3- Wrrkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) Ein Schimpanse wird allein eingesperrt; die Kameraden kommen nicht gleich an sein Gitter, an sein Fenster, um ihn zu umarmen, wie er jammert und heult; da streckt er die Arme mit bittenden Bewegungen hinaus in ihre Richtung, und wie sie noch nicht kommen, stopft er seine Decke, Stroh, oder was sonst in seinem Räume liegt, zwischen den Stäben hindurch und schwenkt das alles in der Luft, aber immer nach den andern zu; schließlich, in dem größten Kummer, wirft er einen Teil der ihn umgebenden Mobilien nach dem andern in Richtung seiner Sehnsucht hinaus. Sultan ist isoliert und muß zu Versuchszwecken ein wenig hungern; er sitzt klagend hinter seinem Gitter, während die andern fressen, konzentriert aber sein Jammern und Bitten bald auf Tschego, die mit einem großen Haufen Bananen in der Nähe hockt und sonst schon aufgestanden und herangekommen ist, um ihm von ihrem Überfluß abzugeben. Zuerst heult er nach ihr hin und streckt die Arme auf sie zu, auch wenn sie ihm den Rücken zuwendet, allmählich beginnt er aufgeregt zu hopsen und seinen Kopf hastig zu kratzen; kommt sie immer noch nicht, so schlägt er wohl an die Wand, die draußen an sein Gitter anschließt, oder auf den Boden, soweit er sich nach Tschego hin vorrecken kann; schließlich ergreift er Halme und Stöckchen und angelt in der Wunschrichtung, aber im Leeren, nimmt Steinchen und wirft sie, nicht nach Tschego, wie um sie zu treffen, sondern ein kurzes Stück in der Richtung auf sie zu. Früchte liegen wie in \ielen Versuchen jenseits des Gitters; das Tier hat keinen Stock, der genügend lang wäre. Zuerst greift es ver- geblich hinaus und gibt erst nach einer Weile die nutzlosen Be- mühungen auf. Aber der Hunger wächst, und schließlich fährt es wieder mit dem Arm durch das Gitter, ergreift Stäbchen und schiebt sie mit den Fingerspitzen auf das Ziel zu; am Ende wirft es sie so- wie Steinchen, Halme, kurz, wieder alles Mobile klagend in der Rich- tung der Früchte hinaus. — In allen drei Fällen ist keineswegs notwendig, auch gar nicht die Regel, daß der Zustand des Tieres in ohnmächtige Wut übergeht; sie sind dabei nicht zornig, sondern sehnen sich und wünschen. Danach veranlaßt ein Wunsch, der räumliche Richtung hat, aber längere Zeit nicht erfüllt werden kann, schließlich Aktionen in jener Richtung, ohne viel Rücksicht auf praktischen Wert. Zwar kann Tschego durch Sultans Verhalten aufmerksam werden, aber da ebenso wie Tschego eine nicht erreichbare Frucht behandelt wird, so ist eine rein praktische Deutung im angedeuteten Sinn allein nicht aus- reichend, und man wird sagen müssen: In starkem Affekt ohne Lösung muß das Tier etwas in der Raumrichtung tun, in Nestbau. 65 der sein Wunschobjekt sich befindet; es muß sich schließhch irgendwie mit diesem in Verbindung setzen, wenn auch nicht prak- tisch-erfolgsmäßig, muß irgend etwas zwischen sich und ihm voll- ziehen, und wäre es so wertlos wie das Hinschleudern von beweg- lichen Gegenständen seiner unmittelbaren Umgebung. Alle Gefühle mit Raumrichtung haben die gleiche Eigenschaft (vgl. oben Zorn)^). — Es ist hier nicht der Ort zu zeigen, wie menschliche Kinder in ähn- lichen Lagen dasselbe Verhalten beobachten lassen 2), und Erwachsene nur durch erworbene Hemmungen daran verhindert werden, solange der Affekt nicht zu äußersten Extremen anwächst. Die Schimpansen machen von früher Jugend an Nester. Das er- wachsene Tschego Weibchen leistete hierin das Ordentlichste und Beste : Fand es abends auf seinem Schlaftisch Stroh aufgeschichtet, so setzte es sich darauf, bog eine Handvoll vom Rande schräg nach innen und setzte sich oder wenigstens seinen Fuß auf das umgebogene Ende ; das wurde eine Weile ringsum fortgesetzt, bis ein Gebilde, ähnlich dem Storchnest, fertig war ; die Decke woirde oft grob hineingeflochten, wenn es kalt war, zum Einhüllen gebraucht. Die Nester junger Tiere sind noch wesentlich unordentlicher und lockerer, das sorgfältige Umlegen des Randes fehlt meistens ganz. Geben sie sich einmal etwas größere Mühe, so sehen ihre Bewegungen beim Nestbereiten denen von Tschego ähnlich bis in kleine Züge, die durchaus nicht vom Material abhängen^). — Spielerisch werden Nester oft am Tage gebaut oder wenigstens angedeutet; eine große Menge verschiedener Dinge, Stroh, Gras, Zweige, Zeuglappen, Seile, ja Drähte werden anscheinend nicht dann zusammengerafft und verwendet, wenn das Bedürfnis nach einem Nest besteht, sondern lösen eher bestimmte Formgebungen aus, wenn sie da sind. Man kann z. B. sehen, daß Grünfutter in Ranken, ob es nun gewachsen vor den Tieren steht oder abgeschnitten herbeigebracht wird, damit sie es essen, auf dem Wege zum Mund gewissermaßen abirrt und als Nestanfang hingelegt wird; es läßt sich nicht behaupten, daß das sehr schön aussähe, ja mitunter wird man geradezu an Gewöhnungsdummheiten der Schim- 1) Bei Furcht ist die Aktionsrichtung genau um 180° gedreht, aber bekanntlich wieder sehr fest. Als müßten sie Kraftlinien folgen, rennen manche Tiere gerade vor dem Automobil und in seiner Fahrtrichtung fort, obwohl schon eine kleine Ab- weichung sie viel eher retten würde. 2) Vgl. jedoch unten S. 176. ") Die Kleinen können zu Anfang höchstens in vereinzelten Fällen und ohne gleichzeitige Gelegenheit zum Nachahmen das Nestbauen Tschegos gesehen haben. Ich meine, sie brauchen dies Vorbild gar nicht. Köhler, TntelHgenzprüfuagen. 5 66 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) pausen erinnert, wie sie bisweilen vorkommen und später beschrieben werden, oder auch an ,,fixe Ideen" bei ^Menschen. Jedenfalls sieht das Verhalten derselben Tiere bei der klaren Lösung einer Aufgabe ganz anders aus. — Handelt es sich um Material von Rankenform, und es ist wenig davon da, so zeigt sich die merkwürdige Erschei- nung, daß keineswegs eine notdürftige Unterlage für den Körper beim Hocken zuerst hergestellt wird, sondern daß die Hauptsache ein Ring um das Tier herum ist, der allemal zu Anfang gebildet werden muß und, wenn das ^Material nicht ausreicht, ganz allein entsteht. Dann sitzt der Schimpanse zufrieden in seinem mageren Kreis, ohne ihn überhaupt zu berühren, und wüßte man nicht, daß ein Nestrudiment vorliegt, so könnte man meinen, das Tier bilde spielerisch die geometrische Form um ihretwillen. Stellt man einen Baum nüt Laub fest auf dem Spielplatz der Tiere auf, so beginnt das Nestmachen unter Einbiegen der Zweige und Festlegen durch das Körpergewicht (vgl. oben) nach wenigen Augenblicken wie eine chemische Reaktion. Koko, der Winzige, der schon ^lonate von Afrika und schimpansischen Vorbildern entfernt war, konnte noch sclilecht auf einen Baum hinaufkommen, als er aber 3 m hoch war, knickte er die Zweige um und machte sofort ein Nest. Danach kann hier einmal von der Äußerung eines „Instinktes" die Rede sein, während die Schimpansen sonst nicht \'iel beobachten lassen, was auf diesen Namen eines völlig ungeklärten Rätsels Anspruch hätte ^). vSie stellen jedenfalls nicht die Tierform dar, bei der man die Unter- suchung dieser Frage beginnen muß. Eine große Anzahl verschiedener Gegenstände wird gern am eigenen Körper irgendwie angebracht. Fast täglich sieht man ein Tier mit einem Seil, einem Fetzen Zeug, einer Krautranke oder einem Zweig auf den Schultern dahergehen. Gibt man Tschego eine Metallkette, so liegt diese sofort um den Nacken des Tieres, Ge- strüpp wird mitunter in größeren Mengen auf dem ganzen Rücken ausgebreitet getragen. Seil und Zeugfetzen hängen dabei gewöhnlich zu beiden Seiten des Halses über die Schultern zu Boden; Tercera läßt Schnüre auch um den Hinterkopf und über die Ohren laufen, so daß sie zu beiden Seiten des Gesichtes herunterbaumeln. Fallen die Dinge immer wieder ab, so werden sie auch mit den Zähnen ge- halten oder unter das Kinn geklemmt, aber baumeln müssen sie auf jeden Fall. — Sultan hatte sich einmal angewöhnt, leere Konserven- *) Geburt und Säuglingspflege beim Schimpansen sind erst neuerdings beobachtet und beschrieben worden (von Allcsch, Berichte der Preuß. Akad. <1. Wis.s. 1021). Schmuck. 67 büchsen umherzutragen, indem er von der offenen Seite die Wand zwischen die Zähne nahm; die stramme Chica fand zu Zeiten Gefallen daran, auf dem Rücken schwere Steine zu befördern, sie fing an mit 4 deutschen Pfunden, und war bald bei einem kräf- tigen lyavastück von 9 Pfund angekommen. Die Bedeutung dieser Dinge geht aus den Umständen und dem Verhalten der Tiere unzweideutig hervor: Sie spielen, und zwar nicht allein mit dem Gegenstand, den sie an sich hängen haben, sondern in der Regel auch mit den anderen Tieren; das Vergnügen dabei wird sichtlich durch die Drapierung erhöht. Man sieht zwar einen Affen nicht selten allein und doch behängt einhergehen, aber auch dann ist das Gebaren des Tieres meist spielerisch-wichtig oder mutwüHg, wie das sonst gilt, wenn ein behängter Schimpanse mit allen Zeichen der besten Laune zwischen den andern herumstolziert oder wie drohend auf sie zugeht. Das erwachsene Tschegoweibchen war oft behängt, wenn es im größten Behagen, den Kopf mit weit offenem, aber — ganz im Gegensatze zum Angriff — in allen Muskeln schlaffem Munde auf und nieder schleudernd, mit mehreren der kleinen Tiere im Kreise herumtrottete: Daß die Gesellschaft dann wirklich spielte, konnte niemand verkennen, der sie unter heftigem Stampfen des großen Tieres bei jedem oder nur jedem zweiten Schritte^) und übertriebener Akzentuierung der Gangbewegungen bei den andern ihren Kreis hintereinander her marschieren sah. Ebenso trug Sultan zur Zeit jener Mode seinen Blechtopf vornehmlich im Munde, wenn er in spielender Drohung auf einen der Genossen oder auf Zuschauer jenseits des Gitters zuging. Bin Beispiel, in welchem von Frohsinn und Spiel nichts zu bemerken war, beobachtete ich an Tschego, als sie eines Abends nicht zu gewohnter Stunde in ihren Schlaf räum kam, sondern allein draußen bleiben mußte, während es immer dunkler und kälter wurde. Sie fing natürlich an, ein Nest zu machen, aber immer wieder wurde ihr ungemütlich, und sie streifte imruhig auf dem Platz umher; schließlich las sie alles, was von trocknen Blättern, Ranken u. dgl. zu finden war, sorgfältig auf und legte es sich auf den Rücken. vSie war dabei dauernd in schlechtester Stimmung. 2) Sehen wir von Sultans Blechtopf und Chicas Atliletenstein ab, bei denen starke Zweifel möglich sind, so gilt von den meisten übrigen Fällen — und der Zuschauer kann sich diesem Eindrucke durchaus nicht entziehen — , daß die am Körper hängenden Gegenstände Schmuckfunktion im weitesten Sinne haben. Das Trotten der 1) Daß Tschego im Kreisspiel das Gehen rhythmisch zu stilisieren anfängt, ist ebenso gewiß wie die Tatsache, daß es ihr in andern Fällen mehr auf die Raum- form der Körperbewegung ankommt, während der Rhythmus zurücktritt. 2) Vgl. auch Psycholog. Forsch. I, S. 35 und Reich enow, Naturwissensch. g, S. 73 ff. 1921. 5* 68 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang mit Dingen.) behängten Tiere sieht nicht nur mutwillig aus, es \N'irkt auch als naiv-selbstgefällig. Freilich darf man kaum annehmen, daß die Schimpansen sich eine optische Vorstellung von ihrem eigenen Aus- sehen unter dem Einflüsse der Toilette machen, und nie habe ich gesehen, daß die äußerst häufige Benutzung spiegelnder Flächen irgend Beziehung auf das Behängen angenommen hätte; aber es ist sehr wohl möglich, daß das primitive Schmücken gar nicht auf optische Wirkungen nach außen rechnet — ich traue so etwas dem Schimpansen nicht zu — , sondern ganz auf der merk- würdigen Steigerung des eigenen Körpergcfühls, Stattlich- keitseindrucks, Selbstgefühls beruht, die auch beim Menschen ein- tritt, wenn er sich mit einer Schärpe z. B. behängt oder lange Troddel- quasten an seine Schenkel schlagen. Wir pflegen die Selbstzufrieden- heit vor dem Spiegel zu erhöhen, aber der Genuß unserer Stattlich- keit ist durchaus nicht an dem Spiegel, an optische Vorstellungen unseres Aussehens oder an irgend genauere optische Kontrolle über- haupt gebunden; wie sich so etwas mit unserem Körper mit- bewegt, fühlen wir ihn reicher und stattlicher^). Sultan mit der Blechbüchse im Munde stößt, wenn er auf andere Tiere oder auf Menschen zukommt, oft dunkle Laute aus, die in dem Hohlraum einen noch dunkleren Widerhall finden. Ist es hierbei noch fraglich, ob die akustische Wirkung der Büchse bemerkt und dann absichtlich ausgenutzt wird, so scheint doch gerade auf diese viel anzukommen, wenn einige der Tiere im Zustande der Erregung eine Kiste, eine Blech- trommel u. dgl. m. hinter sich her am Boden hinziehen und fürchterlich damit ras- .selnd gegen irgend jemand oder auch eine Wand angehen (vgl. z. B. S. 33f.). So treibt es besonders Grande, die durch verschiedene Umstände, bisweilen aber ohne für uns ersichtlichen Grund in einen ganz wunderlichen Erregungszustand geraten kann : Sie richtet sich auf, während ihr langes feines Haar sich nach allen Seiten sträubt, .so daß sie wie eine schwarze Puderquaste aussieht, ergreift die Kiste oder den Blechkasten mit einer Hand, tritt funkelnden Auges und etwas nach vorn geneigt von einem Bein auf das andere, wobei im gleichen Rhythmus die Arme und womöglich da.s Instrument schwingen, und rast nach genügender Vorbereitung plötz- lich gegen andere Tiere, gegen Menschen und gegen Wände. Ist das Tier überrannt, ist der Mensch zur Seite gegangen oder hat die Hclzwand einen donnernden Tritt abbekommen, so glättet sich der gesträubte Pelz und die Erregung ist ausgetobt. In diesem Falle hat der Lärm mit Sicherheit etwas zu bedeuten; denn dasselbe Tier trampelt, wenn es grausam und schrecklich tut — in Wirklichkeit ist Grande die gutmütigste Seele — bisweilen so laut wie irgend möglich auf einer Kiste, und um- gekehrt kann man sie durch Lärmen, insbesondere Trommeln auf einer Kiste, mit- unter in ihren Erregungszustand versetzen. Die Erregungen kommen im Grunde bei den anderen auch ähnlich vor, aber nie nimmt der Verlauf des Rausches so dra- matische Formen an wie bei Grande, die in den besten Fällen mit ihren abstehenden Haaren und den im Laufe starr abgespreizten Armen wie ein Segler vor voller Wind- kraft dahinfährt und Unerfahrenen einen gewaltigen Schrecken einflößen kann (vgl. S. 60). ') Ganz ähnlich sind Ausführungen von H. Lotze im ,, Mikrokosmos" gerichtet, nur ist dort vom Zylinderhut die Rede, und auch diesen würden die Schimpansen mit Jubel venvenden. Bedeutung des Schosses. 69 Wohl auch mit dem Behängen verwandt ist das Tragen von aller- hand Gegenständen zwischen Unterleib und Oberschenkel. Da wer- den nicht nur Nahrungsmittel untergebracht, wenn die Hände nicht ausreichen oder zum Klettern freibleiben sollen, sondern ohne äußeren Grund oft auch Büchsen, Hölzer, Steine, Lappen und allerhand Dinge, an denen die Tiere irgendwie Freude haben. Besonders Tschego lief ganze Tage mit einem eingeklemmten Gegenstand umher, den sie auch nicht entfernte, wenn sie ruhig dasaß. Einmal war es ein roter Lappen, den sie nicht von ihrem Schöße entfernte, ein andermal ein vom Meere rund und glatt geschliffener Stein. Eine Photographie, die ich ihr gab, um die Reaktion zu beobachten, sah sie eine Weile an, tastete mit ihren großen Fingern darauf herum und steckte sie dann „in die Hosentasche". ^) Ist etwas hier untergebracht, so hält es schwer, es wiederzubekommen. Den glatten Stein z. B. hütete das Tier sehr sorgsam; hatte es damit am Boden gehockt, so drückte es ihn vor- sichtig fest, wenn es sich erhob und den Platz wechselte; saß es wieder, so griff es oft nach ihm und legte ihn um; auf keinen Fall gab es ihn her, und abends nahm es ihn mit in sein Zimmer und in sein Nest. Damit, daß wieder ein Spiel vorliegt, ist in diesem Fall nicht alles Notwendige gesagt. Denn man hat zu beachten, daß die Schoßgegend beim Schimpansen in mancher Hinsicht viel mehr als das geo- metrische Körperzentrum bedeutet, und das, obwohl die Geschlechts- teile, wenigstens der Weibchen, also auch Tschegos, weit nach hinten verschoben sind, so daß sie eher den Abschluß des Rückens bilden, als daß sie zum Schoß gehörten: Wenn ein kleines Tier z. B. Tschego begrüßt, so legt es meistens — es gibt seltenere Grußformen anderer Art — der Großen die Hand in den Schoß, geht die Armbewegung nicht so weit, so ergreift Tschego bei guter Laune, und wenn es sich um ihre Freundin Grande handelt, recht oft die Hand des anderen Tieres, drückt sie an ihren Schoß und klopft wohl auch freundlich darauf. Ganz dasselbe tut sie an liebenswürdigen Tagen mit uns, wenn wir an sie herantreten, preßt also die Menschenhand an eben die Stelle zwischen Oberschenkel und Unterleib, wo sie wertvolle Gegenstände einzuklemmen pflegt. Sie selbst legt zur Begrüßung ihre Riesenhand ebenfalls andern an den Schoß oder zum Teil noch zwischen die Oberschenkel, und sie ist geneigt, diesen Gruß ohne weiteres auch auf den Menschen zu übertragen. Wer in diesem Brauch etwas Schmutziges sähe, der würde den ganz und gar harm- losen Charakter wenigstens dieser Individuen hier verkennen. Die Tiere zoologischer 1) Vgl. Psychol. Forsch. I, S. 41 ff. 70 3- Werkzeuggebrauch. (Fortsetzung: Umgang äht Dingen.) Gärten sollen sich, wie man mir erzählt, bisweilen sehr häßlich benehmen; die Stations- schimpansen sind zwar große Schmutzfinken im gewöhnlichen Sinn (obwohl sie soviel Körperpflege treiben) und gewiß starke Koprophagen, aber ihre sexuelle vSauberkeit könnte kaum größer sein; nur den kleinen Koko sah ich in wütendem Hopsen, aber sonst nie, eine offenbar hierbei zufällig entstandene Masturbation vornehmen. An diese ausgezeichnete Körperstelle, sozusagen das Innerste am Körper, wenn der Schimpanse in der gewohnten negerhaften Art dahockt, werden also jene Gegenstände geklemmt, und es sieht sehr merkwürdig aus, wie gerade das älteste und bei weitem am schwersten zu beeinflussende Tier immer \\ieder den wertvoll gewordenen Be- sitz, vor allem Zeugstücke und ähnliches, hier unterbringt. Als einmal Klumpen weißen Tones auf den Spielplatz gebracht wurden, entwickelte sich ohne irgendwelche Anregung allmählich ein großes Malen, und bekamen die Tiere später ^^^eder Ton, so war nach wenigen Augenblicken dasselbe Spiel im Gange. \\'ir sahen zu Anfang die Schimpansen den unbekannten Stoff anlecken; wahr- scheinlich wollten sie den Geschmack prüfen. Auf das unbefriedigende Resultat hin wischten sie wie sonst in ähnlichen Fällen die vorge- streckten Lippen an dem nächsten besten Gegenstande ab und machten ihn natürlich weiß. Nach einer Weile war jedoch das An- pinseln von Balken, Eisenstangen und Wänden ein ganz selbständiges Spiel geworden, so daß die Tiere den Ton mit den Lippen aufnahmen, weiterhin auch Stücke im Munde zerrieben, dabei anfeuchteten und dann den Brei auftrugen, wieder Farbe machten, wieder malten usw. Es kommt auf das Malen an und nicht darauf, Ton im Munde herumzuschmieren; denn der Malende selbst und die übrige Gesellschaft, soweit sie nicht selbst zu sehr zu tun hat, sehen mit dem größten Interesse auf das Ergebnis. Bald hört auch, wie zu erwarten, die Pinselfunktion der Lippen auf, der Schimpanse nimmt den Tonklos in die Hand und malt sein Objekt jetzt viel schneller und sicherer weiß. Etwas anderes als große weiße Schmierflecken oder — bei besonders energischer Tätigkeit — eine vollkommen ge- weißte Balkenfläche ist hierbei freilich noch nicht zustande ge- kommen. In Zukunft können die Tiere auch einmal andere Farben erhalten. — Tschego strich gelegentlich nüt großer Geduld ihre Unterschenkel an, aber in dem dunklen Fell kam ein rechter Effekt nicht heraus. — Von dem Anfeuchten und Malen wird natürlich auch die ganze Mundpartie der Tiere allmählich weiß. Während aber bei dem oben geschilderten Behängen mit allerlei Schmuck die Tiere sich spielerisch- wichtig und selbstgefällig gebaren, benimmt sich ein Tier, dessen Ge- sicht weiß geworden ist, genau wie sonst: es handelt sich also lim Malen. 7^ ein reines Nebenprodukt des Handwerks^ von dem das Tier selbst kaum etwas wissen dürfte. Das Umgehen der Schimpansen mit Dingen ist durch diesen Be- richt zunächst genügend charakterisiert; einige Beobachtungen — über Flechten, Schlüsselgebrauch, Umgang mit spiegelnden Flächen — werden in anderm Zusammenhang mitgeteilt. Was in dem vor- stehenden für ethnologische Fragestellungen von Interesse ist, wird dem Fachmann auch ohne weitere Hinweise auffallen. 4. WERKZEUGHERSTELLUNG. In allen Intelligenzprüfungen der hier verwandten Art kehrt ein Sachverhalt immer wieder: Betrachtet man ein einzelnes Bruch- stück der „Lösungen" genannten Verläufe, z. B. den Anfang, allein für sich und ohne jede Rücksicht auf die übrigen Teüe, so stellt es ein Verhalten dar, das gegenüber der Aufgabe, dem Erreichen des Zieles, entweder irrelevant zu sein oder gar von diesem fortzuführen scheint; erst wenn wir statt solcher Bruchstücke den Gesamtver- lauf (oder in später zu behandelnden Fällen wenigstens sehr aus- gedehnte Teilverläufe) im ganzen betrachten, ist dieses Ganze der Aufgabe gegenüber sinnvoll, und nun nimmt auch jedes der vorher in Gedanken isoHerten Bruchstücke als Bestandteil dieses Gan- zen, auf dieses bezogen, einen Sinn gegenüber der Aufgabe an. Nur von einem Bruchstück gilt das nicht, nämhch von dem letzten, in welchem jedesmal auf Grund alles Vorhergehenden das Ziel einfach ergriffen wird; dies Bruch- stück ist natürlich auch in isolierter Betrachtung sinnvoll. Das Gesagte ist nicht Philosophie, auch keine Theorie der wirklich stattfindenden Vorgänge, sondern ein einfacher Satz, den jedermann ohne weiteres zugeben muß, der zwischen „sinnvoll gegenüber einer Aufgabe" und „nicht sinnvoll" zu unterscheiden weiß und geeignete Beispiele rein gegenständlich betrachtet. Macht ein Mensch oder ein Tier einen Umweg (im gewöhnlichen Wortsinn) zum Ziel, so enthält der Anfang der Bewegung, für sich und ohne Rücksicht auf den weiteren Verlauf betrachtet, mindestens eine Komponente, die gegenüber dem Ziel irrelevant erscheinen muß, bei „starken" Umwegen kann man jedesmal Bruchstücke des Weges angeben, die, isoliert betrachtet, sinnwidrig sind; denn sie führen vom Ziel fort. Fällt die Unterteilung in Ge- danken fort, so ist der ganze Umweg und in ihm jedes Stück, als Teil des ganzen Weges, unter den Versuchsumständen sinnvoll. Hole ich ein sonst nicht zu erreichendes Ziel mit Hilfe eines Stockes heran, so gilt dasselbe: Isoliert und, ohne Rücksicht auf das weitere 72 4- Werkzeugherstellung. Verhalten (die werkzeugmäßige Verwendung), ganz für sich be- trachtet, ist es gegenüber dem Ziel eine gänzlich irrelevante Bewegung, wenn ich den in der Nähe liegenden Stock ergreife; sie bringt mich, immer natürlich in der fingierten Isolierung gedacht, meinem Ziel nicht im mindesten näher, ist also ohne Sinn in der Situation. In dem Gesamtverlauf belassen, trägt sie dagegen den Sinn eines sach- lich notwendigen Teiles in einem sinngemäßen Ganzen. Die gleiche Überlegung auf andere „Umwege" (im übertragenen Sinn) angewendet, zeigt denselben Sachverhalt bei diesen auf; und eben deshalb nennen wir sie alle ,, Umwege". So liegen die Dinge für eine rein gegenständliche Betrachtung. Wie der Schimpanse in dergleichen Fällen wirklich zu seinen Lösungen kommt, ist eine andere Frage, die hier noch nicht untersucht werden soll. Wohl aber gehen die weiteren Versuche sämtlich darauf aus, Situationen herzustellen, in denen die mögliche Lösung komplexer wird, so daß die gegenständliche Betrachtung des Verlaufs in Bruch- stücken noch mehr und noch deutlicher Bestandteile zeigen muß, welche so isoliert genommen, ohne jeden Sinn gegenüber der Aufgabe sind, und ihr gegenüber nur wieder Sinn haben, wenn sie im Gesa mtverlauf betrachtet werden. Wie benimmt sich der Schimpanse in derartigen Situationen ? Eine Gruppe solcher Fälle, die im folgenden zu behandeln ist, pflegen wir mit dem Worte ,, Werkzeugherstellung" zu bezeichnen: Doch ist der Name aus rein praktischen Gründen hier in etwas wei- terer Anwendung als gewöhnlich gebraucht; und zwar wird jede Nebenaktion, die ein zunächst in die Situation nicht glatt eingehendes Werkzeug „vorbehandelt", so daß es verwendbar wird, als eine „Werk- zeugherstellung" angesehen. Die Vorbehandlung, welcher Art sie auch sein mag, stellt den neuen Bestandteil dar, welcher, als iso- liertes Bruchstück herausgefaßt, mit dem Ziel überhaupt nichts zu tun hat, dagegen ihm gegenüber vSinn erhält, sobald er mit dem übrigen Verlauf, insbesondere der „Werkzeugverwendung" zusammen betrachtet wird. I. Nur als schwache Andeutung einer solchen Nebenaktion erscheint es, wenn Chica, im Kampf spiel hinter einem andern Tier herlaufend, einen Stein erblickt, ihn aufheben will, und als er nicht gleich vom Boden losgeht, klaubt, scharrt und zerrt, bis er frei wird; im selben Augenblick ist sie auch schon hinter dem Gegner her und schleudert den Stein nach ihm. ,,Anthropomorphismus". 73 Eine wesentlich bedeutendere Leistung wurde bereits von Teuber beobachtet und kam später noch mehrmals vor: Sultan greift nach Gegenständen hinter einem Gitter und kann sie mit dem Arm nicht erreichen; er geht darauf suchend umher, wendet sich schließlich einem einfachen Schuhreiniger zu, der aus Eisenstäben in einem Holzrahmen besteht, und arbeitet eine Weile daran herum, bis eine der Eisenstangen herausgezogen ist; mit dieser eilt er sofort zu dem etwa IG m entfernten eigentlichen Ziel und zieht es zu sich heran. In diesem Fall ist wohl genügend klar, daß der Verlauf, in Stücken betrachtet, sogar mehrere in der Isolierung sinnlose Bestandteile aufweist, i. Anstatt bei seinem Ziel zu bleiben, geht Sultan von ihm fort; das ist, für sich genommen, sogar sinn- widrig. 2. Er bricht einen Schuhreiniger der Station entzwei; das hat, allein für sich, überhaupt nichts mit dem Ziel zu tun. Zu beiden Stücken ist jedoch, wie sie im tatsächlichen Verlauf enthalten sind, noch etwas zu bemerken: i. Das Tier trabt durchaus nicht vom Ziel fort in der freien, unbekümmerten Art, die man in neutralen Momenten an ihm und den andern sieht, sondern es geht fort wie jemand, der eine Aufgabe hat. Und hier bitte ich noch einmal dringend, nicht von ,,Anthropomorphismus", von ,, Hineinlegen in das Tier" u. dgl. zu sprechen, wo nicht der mindeste Grund für derartige Vorwürfe ist. Ich frage: Sieht es anders aus, wenn jemand unbeschäftigt umherschlendert, als wenn er die nächste Apotheke oder einen verlorenen Gegenstand sucht? Unzweifelhaft sieht es anders aus. Ob wir den Gesamteindruck in den beiden Fällen genau zu analysieren vermögen, ist eine Frage, die mit dieser Tatsache gar nichts zu tun hat. Ich sage nun: Beim Schimpansen treten die beiden hier einander gegenübergestellten Gesamt- eindrücke genau so auf wie bei Beobachtung von Menschen; und diese Eindrücke, die gar nichts in den Schimpansen Hineingelegtes sind, sondern zur elementaren Phänomenologie des Schimpansenverhaltens gehören, sind gemeint, wenn es einmal heißt: ,, Sultan trottete munter umher" — das andere Mal: ,,Er ging suchend über den Platz". Ist das ein Anthropomorphismus, so enthält auch der folgende Satz einen solchen: ,,Der Schimpanse hat die gleiche Zahnformel wie der Mensch." Um gar keinen Zweifel über die Bedeutung des Ausdrucks ,, suchend umhergehen" zu lassen, füge ich noch hinzu, daß damit über das Bewußtsein des Tieres gar nichts ausgesagt wird, sondern allein über sein ,, Verhalten". — 2. Beim Herumarbeiten am Schuhreiniger ist Sultans Tätigkeit ganz auf das Loslösen eines der Eisenstäbe aus dem Brett konzentriert; aber auch so genauer beschrieben, bleibt diese Handlung gegenüber dem eigentlichen Ziel irrelevant, solange man sie isoliert betrachtet. In der Zeit, da Koko seine Kiste nicht mehr zu verwenden wußte, kam er einmal, als das Ziel wieder hoch an der Wand hing, auf dasselbe Verfahren wie Sultan. 4 m entfernt lag vor einer Tür ein Schuhreiniger genau wie der erwähnte. Nach einem langen Blick auf die Kiste, der aber nicht zu ihrer Verwendung führte, wandte sich Koko ab, erblickte den Schuhreiniger, lief hin und begann mit aller Kraft an ihm zu reißen, bis die Nägel, mit denen er am Boden befestigt war, endlich nachgaben. Befriedigt schleppte er darauf das schwere Brett auf das Ziel zu, wurde aber unter- wegs durch einen Pfiff in der Nähe erschreckt und ließ seine Last fallen, so daß nicht zu ersehen war, was weiter geschehen sollte. Bald darauf aber wandte er sich abermals dem Brett zu, stellte sich auf eine der Längskanten und riß und rüttelte mit aller Macht an den eisernen Stöcken, vermutlich, um sie loszureißen; da er jedoch zu schwach war und auch nicht sehr praktisch zu Werke ging, so mußte er seine Bemühungen schließlich einstellen. (17. 2. 14.) Jenseits eines Gitters liegt, mit dem Arm nicht er- reichbar, das Ziel; diesseits ist im Hintergrunde des Versuchsraumes 74 4- WerkzEugherstelluxg. ein abgesägter Rizinusbaum aufgestellt, dessen Zweige sich einiger- maßen leicht abbrechen lassen: Den Baum durchs Gitter zu zwängen, ist wegen seiner sperrigen Form nicht möglich, auch würde nur ein größerer Affe ihn ohne Beschwerden überhaupt bis an das Gitter schleppen können. Sultan wird herbeigebracht, sieht das Ziel zu- nächst nicht und lutscht, gleichgültig um sich schauend, an einem der Baumzweige; auf das Ziel aufmerksam gemacht, nähert er sich dem Gitter, wirft einen Blick hinaus, dreht sich im nächsten Moment um, geht gerades wegs auf den Baum zu, packt einen dünnen, schlan- ken Ast, bricht ihn mit scharfem Ruck ab, eilt auch schon ans Gitter zurück und erreicht das Ziel. Der Verlauf vom Umwenden zum Baum bis zum Heranziehen der Frucht mit dem abgebrochenen Ast ist eine einzige, und zwar schnell absolvierte Handlungskette, ohne den mindesten ,, Hiatus" und ohne die geringste Bewegung, die nicht, sachlich gesprochen, in die geschilderte Lösung hineingehörte. Bei einer Wiederholung gleich darauf lief nicht alles so glatt ab, doch war nicht Sultan hieran schuld. Der Ast wurde in Sultans Ab- wesenheit entfernt, das Ziel erneuert, Sultan wieder zugelassen. So- fort riß er einen zweiten Ast ab, versuchte aber vergebhch, das Ziel damit zu erreichen; denn der Ast hatte vom Absägen des Baumes her einen Knick in der Mitte. Er zog ihn durchs Gitter zurück, biß ihn an der Knickstelle durch und arbeitete mit der einen Hälfte weiter, aber auch das umsonst; denn jetzt war das Werkzeug zu kurz. Zu dem Durchbeißen an der geknickten Stelle ist zu bemerken: Die kleineu Tiere betrieben es sämtlich als Spiel, mit Strohhalmen in Löchern und Fugen von Wänden herumzustechen; der schwache Strohhalm knickte dabei immerfort ab und ebensooft wurde auch durch Abbeißen das Spielzeug wieder brauchbar gemacht, bis es schließ- lich zu kurz war. — In dem Versuch ist das Durchbeißen der Knickstelle richtig und falsch zugleich, jenes, weil die Hälfte besser ,, Stock" im funktionellen Sinn ist, dieses, weil auch ohne Abbeißen die Hälfte als genügendes Werkzeug hätte dienen können, wäre sie lang genug gewesen. Für den erwachsenen Menschen mit seinen mechanisierten Lö- sungsmethoden ist in manchen Fällen, und so hier, der Nachweis erforderlich, daß eine Leistung und nicht eine Selbstverständlichkeit vorliegt; daß das Abbrechen eines Astes von dem zunächst gegebenen Baum als ganzen eine Leistung über den einfachen Stockgebrauch hinaus bedeutet, zeigen sogleich Tiere von etwas geringerer Begabung als Sultan, die aber die Verwendung von Stöcken schon kennen. Am gleichen Tage wird Grande geprüft. Sie greift mit dem Arm hinaus, aber alle ihre Anstrengungen sind vergeblich, sie kommt nicht an. Schließlich tritt sie vom Gitter zurück, wandert langsam durch den Raum und hockt bei dem Baum nieder, an dessen Zweigen sie eine Weile gleichmütig herumkaut. Wenn sie so „am Baum landet" Herstellung von Stäben. 75 und auch an ihm beißt, so entsteht doch keineswegs der Eindruck, als habe das irgend mit dem Ziel zu tun, welches überhaupt nicht mehr beachtet wird. Nach längerem Warten, während dessen nicht eine Spur der Lösung zu beobachten ist, wird der Versuch aufge- geben. — Ich erwähne noch, daß Grande älter und viel stärker ist als Sultan, so daß sie mit der größten Leichtigkeit einen Ast ab- brechen könnte. Vier Monate später (i6. 6.) wird der Versuch mit ihr wiederholt; ihre Gewöhnung an das Verwenden von Stöcken hat inzwischen sehr zugenommen. Der Baum, bestehend aus drei nicht weiter verzweigten starken Ästen, die von einem dicken Stamm ausgehen, liegt ganz hinten im Raum, so weit wie möglich von dem Gitter und damit zugleich vom Ziele entfernt (etwa 5 m). Grande versucht zunächst, einen Eisenstab, der als provisorischer Riegelbolzen an einer Tür des Raumes angebracht ist, aus seinen metallenen Befestigungsringen herauszuziehen. Als ihr das nicht gelingt, sieht sie sich im Räume um und bleibt dabei mit dem Blick eine Weile an dem Baum haften, sieht aber dann wieder fort und bemerkt einen Tuchstreifen dicht vor dem Gitter; diesen ergreift sie und macht Anstalten, damit das Ziel heranzuschlagen (vgl. oben S. 25). Als er ihr fortgenommen wird, rüttelt sie abermals an der Eisenstange, schaut sich, als diese nicht losgeht, wieder den ganzen Raum und besonders im Hintergrunde den Baum an, erblickt einen Stein am Boden, holt ihn ans Gitter und bemüht sich vergeblich, ihn zwischen den Stangen hindurch- zuzwängen; sichtlich soll er als Stockersatz dienen. Nach einem wei- teren Blick rückwärts geht sie endlich auf den Baum zu, lehnt sich mit einer Hand an die Wand, stemmt die andere und einen Fuß gegen den vordersten der Aste, bricht ihn mit einem Ruck ab, kehrt sofort ans Gitter zurück und erreicht das Ziel. — Zur Erläuterung ist hier zu bemerken: Die schwarze Eisenstange, obwohl praktisch viel stärker befestigt als die Äste am Baum, hebt sich von der Tür aus Holz optisch ohne weiteres als ein selbständiger Gegen- stand ab, zumal ihr eines Ende von der Tür fort in den Raum hineingebogen ist. Einen Ast des Baumes von diesem gewissermaßen als Stock „loszusehen", ist schon schwerer, und so hat Grande ja auch zweimal den Baum betrachtet, ohne daß dieser Erfolg ein- getfeten wäre. Von dem Augenblick an, wo sie auf den Baum zu- geht, ist dagegen der Verlauf genau so geschlossen und „echt" wie bei Sultan. (i. 3. 14.) Tschego hat an den vorhergehenden Tagen und sogar am Vormittag vor dem zu beschreibenden Versuch Stöcke als Werk- zeug verwendet. — Ein Baum wird etwa 2 m vom Gitter entfernt 76 4- Werkzelxherstellung. niedergelegt, dann Tschego in den Versuchsraum gelassen. Sie be- achtet den Baum zunächst nicht, sondern geht, als sie das Ziel sieht wie früher in ihren Schlafraum, holt ihre Decke, stopft sie zwischen den Gitterstäben durch, wirft sie auf das Ziel und sucht es auf diese Weise heranzuziehen. Denn die Decke erlaubt zwei Verwendungs- arten, die beide zum Erfolg führen können: Heranschlagen (vgl. oben S. 25) und Heranziehen, nachdem die Decke auf das Ziel geworfen ist. — Das Tuch wird ihr fortgenommen, sie ergreift alsbald den Baum und strengt sich sehr an, ihn, wie er da ist, durch das Gitter hindurchzubringen. Als das nicht gelingt nimmt sie ein Bündel Stroh in die Hand, führt es „als Stock" hinaus und sucht mit ihm das Ziel heranzuziehen. Wie das Bündel sich zu weich erweist und das Ziel beim Heranziehen nicht mitnimmt, packt sie das Stroh in der Mitte mit den Zähnen, am Ende mit der Hand und biegt die eine Hälfte herüber, so daß ein halb so langes, aber unvergleichlich festeres Bündel, eine Art wirklicher Stock vielmehr, daraus wird; diesen verwendet sie sofort, und zwar, da die Länge noch ausreicht, mehrmals mit vollem Erfolg. — Der Verlauf vom Hereinnehmen des zu weichen Strohbündels bis zur Verwendung des gehärteten ist durchaus einheitlich, er dauert wenige Sekunden. — So hat sich eine andere Art Werkzeugherstellung ergeben, als erwartet wurde; Tschego hat keinen Augenblick Anstalten gemacht, einen Ast des Baumes ab- zubrechen, dagegen zugleich deutlich gezeigt, daß sie die Stock- verwendung an und für sich während des Versuches ,, präsent hatte", — Unter dem „Baum" darf man sich hier übrigens nur ein sehr kleines Exemplar vorstellen, das Tschego noch recht gut als ganzes regieren kann. So erklärt es sich, daß sie dieses Ganze als Stock benutzen will; aber daß sie damit ohne weiteres gegen das Gitter fährt, als könnte sie es so hinausbringen, dies grobe Verfahren wird freilich durch die Dimensionen des Bäumchens doch nicht ge- rechtfertigt. Am folgenden Tage wird die Prüfung wiederholt; das Bäumchen liegt genau an derselben Stelle wie Tags zuvor am Anfang. — Tschego benutzt ein Strohbündel als Stockersatz, faltet es, als es zu weich ist, ebenso wie im ersten Versuch zu doppelter Dicke und größerer Festigkeit, und als es diesmal auch nach dem Umknicken noch zu biegsam bleibt, wiederholt sie eilig das Verfahren, so daß das Bündel, nun vierfach liegend, außerordentlich fest wird. Zugleich aber ist es nun zu kurz, und Tschego bemüht sich bald wieder, den ganzen Baum durch das Gitter zu drängen. Als auch das natürlich nicht gelingt, kehrt sie zur Strohverwendung zurück und sitzt nach vielen Miß- erfolgen schließlich still da. Aber ihre Augen wandern und haften Herstei'G. (FORTSETZr>-G : BaI-EX.) wenn nur ganz geringe Reibung an irgendeiner Stelle die statisch sonst vollkommen imgesicherte Kiste momentan fixiert, und diese bei Belastung notwendig imd umverzüglich imistürzen muß. So will Sultan, als wäre das selbstverständlicli, die zweite Kiste besteigen, die nur eben über eine Ecke der unteren gestülpt hängengeblieben ist. Ob eine Kiste seithch weit aus dem Bau heraus in die Luft steht u. dsl., das ist danach dem Schimpansen ziemlich gleichgültig, und so muß bisweilen die dritte Kiste \-ielleicht gerade noch nicht fallen, wenn man die \-ierte und ihn selbst darüber entfernt. Man sieht, was herauskommt, wenn der Schimpanse hier zum erstenmal ganz deuthch von seiner optischen Behandlung der Situationen abgeht, und zwar wahrscheinhch, weil sie das Erforderhche bei ihm nicht mehr leisten kann. Es wachsen unter seiner Hand Gebilde auf tmd werden sogar oft genug mit Erfolg bestiegen, die, vom statischen Gesichtspunkt aus betrachtet, fast an die Grenzen des für uns Ver- ständhchen kommen, da eben alle ims geläufigen (vor allem optisch in uns festhegenden) Baustrukturen höchstens durch Zufall und so- zusagen im Kampf um das Nichtwackeln gelegenthch zustande kom- men. Prüft man den ersten Dreikistenbau Grandes (vgl. Tafel IV, ich hoffe, die Reproduktion wird es erkennen lassen) etwas genauer, so sieht man, daß dieser kaum „lebensfähig" ist, und wirkhch steht er im AugenbHck der Aufnahme schon nicht mehr aus eigener Kraft, sondern nur infolge des richtig angesetzten Gewichtes von Grande selbst, die sich ihrerseits oben am Ziel festhält und es nicht loslassen oder abnehmen kann, ohne mit dem Bau zusammenzubrechen^). Dergleichen ist ganz häufig, nur daß die Bauten oft \-iel abenteuer- Ucher aussehen; meistens erfolgt die Katastrophe, ehe man zu einem günstigen imd ruhigen AugenbHck für die Aufnahme kommt. Aus dieser Beschreibimg folgt schon, daß die Tiere die fehlende (Alltags-) Statik des Menschen teilweise durch eine Statik dritter Art ersetzen, nämhch die des eigenen Körpers, für die ja ein besonderer neuro-muskulärer Apparat automatisch sorgt. In dieser Hinsicht ist der Schimpanse, wie mir scheint, dem Menschen womöglich über- legen, und er zieht wesenthchen Vorteü aus dieser guten Gabe. Steht er erst einmal auf einem Bau, dessen Statik dem Zuschauer Angst einflößt, so wird jede verdächtige Bewegung und Neigung, die sich andeutet, momentan und mit Meisterschaft durch Verlagerung des Körperschwerpunktes, Heben der Arme, Beugen des Rumpfes usw. kompensiert, so daß nun auch die Kisten unter dem Tier gewisser- maßen von dessen Labyrinth- Kleinhirn-Statik mit abbekommen. Man kann wohl sagen, daß bei einem großen Teil der Bauten das ^) Sofort nach der Aiifnahme ist das Unglück denn auch geschehen. Verstän-dxisgrexze. 109 Tier selbst mit seiner fein geregelten Gewichtsverteüimg einen Be- standteil ausmacht, ohne den das Gebäude stürzen muß. Aber frei- lich: dazu kommt es, von einer „Lösung" im Sinne der sonst hier beschriebenen kann bei dieser (im engeren Sinn physiolo- gischen) Leistimg nicht die Rede sein. Ich warne vor einer iingefähren, bequemen und gegenüber dem ■v^irklichen Tatbestand ganz nichtssagenden Wendung, als seien die Tiere nur zu unordentUch im.d fahrig, um mehr regelrecht statisch zu bauen. Für den Neuling kann ihre Art zunächst so wirken ; längere Beobachtung von Grandes unermüdlichem Fleiß, der ebensowohl ,, statisch Ordenthches" nach dem Entstehen wieder zerstört, weil etwas daran wackelt, wie „statisch Verkehrtes" in angestrengtem Probieren herstellt, -wird jeden belehren, daß die Ursache tiefer liegt, und wenigstens die bisher beobachteten Tiere hier durch eine Schranke ihrer „optischen Einsicht" prinzipiell behindert werden^). Wenn die Tiere ein passendes Zusammen der Bauelemente nicht einsichtig herstellen können, so darf man sich lücht darüber wun- dem, daß sie ein bestehendes Zusammen oft nicht erfassen und deshalb ohne Einsicht damit umgehen, da wieder die entsprechenden Teile der Menschenphysik (naiver Art) fehlen und anscheinend nur schwer erworben werden; auch hier handelt es sich nicht einfach um Unordnung und Hast. So kann man mitunter sehen, daß Grande (auch andere), auf einer Kiste stehend, eine andere hinaufziehen will, die einerseits offen ist und in die die schon aiifgestellte Kiste mit einer Ecke hineinragt. Grande verhindert also mindestens zum Teü durch ihr eigenes Gewicht, das auf beiden lastet, -daß jene zweite Eliste gehoben werden kann, und sie gibt sich doch große Mühe, diese in die Höhe zu zerren, reißt und schüttelt und gerät am Ende in Wut, wie sie ahnimgslos sich selbst behindert. — Ebenso kommt es vor, daß Grande auf einer Kiste steht, die an den Enden von zwei andern \\-ie von zwei Pfeüem getragen wird^) und ihr nun eine der ^) Nueva ging mit Raumformen so viel klarer um als alle andern, daß man daran denken könnte, sie hätte vielleicht auf etwas andere Art gebaut, wenn sie überhaupt bis zu Bauversuchen gekommen wäre. — Daß eine ,,optische Schwäche" vorüegt, gilt deshalb auf jeden Fall, weil auch die naive ,, Gravitationsphysik", die ,, Schwere", zum guten Teil optisch festgelegt ist. 3) Derartiges kommt nur durch Zufall zustande. Niemals hat eines der Tiere einen Aul"bau absichtlich nach dem Brückenprinzip gemacht, obwohl ich ihnen in mehreren Versuchen ein solches Verfahren recht nahelegte, z. B. das Ziel hoch aufhängte, hnks und rechts von ihm schwere, feste Sockel von vornherein aufstellte und ein starkes Brett in die Nähe brachte, so daß sie dieses nur quer hinüberzulegen brauchten, um auf ihm, in der Mitte stehend, das Ziel zu erreichen. Das Brett wurde (von Sultan und Chica) stets als Springstock gebraucht. — Ähnlich wie dieser sind auch alle sonstigen Versuche mißlungen, in denen prinzipiell das Angreifen zweier Kräfte zugleich eine RoUe spielt. HO WerkzeughersetIvI.ung. (Fortsetzung: Bauen.) unteren Kisten als Bauelement gut scheint; dann zerrt sie diese, wenn es geht, ruhig an der Seite heraus und erschrickt sehr, wenn sie nun (sachlich notwendigerweise) mit der Kiste, auf der sie steht, zu Boden stürzt. Noch 19 16 habe ich das gesehen; es kommt eben nicht zu einer wesentlichen Besserung. Daß man gut tut, beim Bauen nicht die offene Seite einer Kiste nach oben zu kehren, scheinen die Tiere dagegen zu lernen, obwohl gerade dies kein Punkt von hervorragender Bedeutung ist, und viele Bauten zustande kamen, in denen quer über einer Öffnung die nächste Kiste ganz fest lag. Jedenfalls kommt diese Bauart allmählich seltener vor. Das Aufsetzen höherer Kisten auf die unteren kann vom Erdboden oder den vor- stehenden Rändern niedrigerer Etagen (von unten) erfolgen, aber auch so, daß das Tier, selbst auf der obersten Fläche stehend, die nächste Kiste zu sich hinauf - zerrt. Jenes Verfahren ist im allgemeinen praktischer, da bei ihm der Architekt nicht der eigenen Arbeit im Wege ist wie leicht im andern Fall, und zu Anfang wandten es die Tiere auch regelmäßig an; in gemeinsamen Bauversuchen der ganzen Gesell- schaft, die später beschrieben werden, kam aber zuviel darauf an, die jeweilige Ober- fläche des Baues besetzt zu halten, und so wurde hierbei das zweite Verfahren ge- bräuchhch. Bisweilen erscheint es angebracht, eine aus den Beobachtungen hervorgehende Tatsache durch einen Extremversuch in schärfster Form darzustellen. Zu diesem Zweck wurden die Tiere in unserm Fall vor die folgende Situation als Aufgabe gestellt: Das Ziel ist hoch angebracht, eine Kiste liegt in der Nähe, aber der Grund unter dem Ziel ist von einem Haufen mittelgroßer Steine bedeckt, auf denen eine Kiste kaum genügend fest aufgestellt werden kann — (II. 4. 14.) Chica stellt sich auf den Steinhaufen und sucht vergeb- lich mit der Hand, später mit einem Stock anzukommen; um die Kiste kümmert sie sich überhaupt nicht und nach kurzer Zeit auch nicht mehr um das Ziel. — Ein zweiter Versuch, mehrere Stunden später am gleichen Tage, hat genau den gleichen Verlauf. Damit ist natürlich nichts anzufangen; daß Chica den Steinhaufen sofort als Hindernis sieht, erscheint mir vollkommen unmöglich, da sie es in viel gröberen Hindernisversuchen nie zu solcher Klarheit des Er- kennens gebracht hat; auf jeden Fall würde sie wenigstens eine Probe machen. — Um so eindeutiger verlief der Versuch mit dem klügsten Tier, Sultan, bei ebenderselben Situation und am gleichen Tage: Er zieht sofort die Kiste auf den Steinhaufen, bringt sie aber nicht recht zum Stehen, zerrt von weither eine große Käfigkiste heran, kippt sie auf die Steine, setzt die erste darüber und erreicht nach 15 Minuten schärfster Arbeit das Ziel, allerdings auf einem Bau, der vollkommen schief in die Luft steht. — Die Steine werden jetzt zu einer ganz spitzen Pyramide aufgeschichtet. Aber diesmal hat Sul- tan infolge glücklicher Zufälle schon in wenigen ^Minuten seine Kiste einigermaßen auf dem Haufen angebracht und erreicht abermals das Ungünstiger Baugrund. II I Ziel. — Bei einer dritten Wiederholung — die Pyramide ist wieder ausgebessert — hat er keinen Erfolg und gibt bald seine Anstren- gungen auf. — Während der Versuche hat er nicht die geringste Be- wegung gemacht, um die Steine beiseitezuschieben und den ebenen Grund freizulegen. Anstatt der Steine wird am folgenden Tage eine Anzahl Konserven- büchsen unter dem Ziel niedergelegt, und zwar in „RoUage". — Sultan ergreift sofort die Kiste und versucht sie auf den Blechdosen aufzurichten, wobei die Kiste immer wieder seitwärts fortrollt. Nach längerem Herumhantieren mit der Kiste hat er (durch Zufall) etwas seitlich unter dem Ziel die Büchsen so verschoben, daß ein freier Platz, groß genug, die Kiste (steil) daraufzustellen, zwischen ihnen entstanden ist. Aber er macht weiter angestrengte Versuche, die Kiste auf den Dosen aufzurichten, ohne diese freie Stelle im min- desten zu beachten. Nichts deutet auch in seinem Verhalten auf ein Bestreben hin, die rollenden Konservenbüchsen zu entfernen, ob- wohl das in wenigen Sekunden ohne jede Mühe geschehen könnte. SchHeßlich steht die Kiste zufällig auf Boden und Dosen, schräg, aber doch einigermaßen fest, und Sultan erreicht das Ziel. Der Versuch mit Sultan wird dadurch besonders wichtig, daß dies Tier ja die belastenden Steine alsbald aus der Kiste nimmt, als diese sich nicht transportieren läßt; Hindernisse, die es als solche versteht, entfernt es also. Derselbe frühere Ver- such zeigt auch, daß der Schimpanse nicht etwa Hindernisse als ,,vom Herrn" ge- troffene Vorkehrungen zu sehr respektiert, um sie zu entfernen. Das ist ein Anthro- pomorphismus. Wieso da merkwürdiger Kram unter dem Ziel liegt, darüber dürfte Sultan wohl keine Überlegungen anstellen, und was den Respekt anbetrifft, so spart er sich den im allgemeinen bis zu dem Augenblick auf, wo nach einem Vergehen die traurigen Folgen wirklich eintreten; es müßte sonst etwas so oft verboten sein wie das Entlangklettern am Dachgitter, welches allerdings in meiner Gegenwart schließlich selten geschah. Im März 1916 kam dieselbe Prüfung mit Grande als Versuchstier zufälHg zustande. Chica war mit einem kurzen, kräftigen Baum- stamm vergeblich nach dem Ziel gesprungen und hatte ihn unter diesem liegen lassen. Grande fing an zu bauen, und zwar zunächst auf freiem Boden; als aber beim Herumhantieren mit den Kisten eine von diesen genau unter das Ziel und dabei auf den Stamm fiel, änderte das Tier seinen Plan und wählte diese Kiste zur Basis. Sie gab sich alle Mühe, einen Bau auf ihr zu errichten, und fortwährend kippte und rollte doch die Basis auf dem Baumstamm herum; aber Grande warf nicht einmal einen Blick auf das Hindernis, ebenso- wenig wie Sultan auf die Blechdosen. Nach dem bisher Mitgeteilten kann man einen Typus von weiteren Beobachtungen im voraus konstruieren: Wenn der Schimpanse Auf- gaben, die nur die (gewissermaßen ,, grobe") Distanz zum Ziel be- 112 Werkzeugherstellung. (Fortsetzung: Bauen.) treffen, echt löst und zugleich fast nichts von unserer (naiven) Statik besitzt oder erlernt, so müssen geradezu notwendig „gute Feliler" vorkommen, in denen das Tier einen echten Versuch macht, jene Distanz besser zu überwinden — das ist das Gute daran — und dabei unwissentlich auf eine statische Unmöglichkeit ausgeht — das ist der Fehler. Der erste dieser guten Feliler wurde nur in zwei Fällen beobachtet; er wirkt etwas verblüffend. (12. 2.) Chica bemüht sich in ihren ersten Versuchen vergeblich, mit einer Kiste das Ziel zu erreichen; sie sieht bald, daß auch die besten Sprünge nichts helfen und gibt die Me- thode auf. Plötzlich aber packt sie die Kiste mit beiden Händen, stemmt sie mit großer Anstrengung bis zur Höhe ihres Kopfes und drückt sie nun an die Wand des Raumes, der das Ziel nahe hängt. Bliebe die Kiste hier an der Wand von selbst „stehen", so wäre die Aufgabe gelöst; denn Chica könnte leicht auf sie hinaufklettern und auf ihr stehend das Ziel erreichen. — Im gleichen Versuch später stellt Grande eine Kiste unter das Ziel, hebt den Fuß zum Auf- steigen und läßt ihn mutlos sinken, als ihr Blick sich nach oben richtet. Plötzlich packt sie die Kiste und drückt sie, immerfort zum Ziel hinaufsehend, in einiger Höhe an die Wand, wie Chica. — Der Lösungsversuch ist echt: Die Bewegungsfolge „Fußanheben" bis ,,Kiste-an-die-Wand-drücken" hat eine scharfe Unstetigkeit ,, Sinken- lassen des Fußes" | „Kiste-anpacken", und der Verlauf: „An- packen — resolutes Anheben zu etwa i m Höhe — Andrücken an die Wand" ist aus einem Guß. Von Chicas Verhalten gilt ganz dasselbe. (Sicher falsch wäre die Deutung, als wollten die Tiere mit der Kiste das Ziel herunterschlagen. Wäre das ihre Absicht, so würden sie erstens ganz anders mit ihr umgehen, andere Be- wegungen mit ihr machen, und zweitens ^-ürden sie die Kiste gerade hinauf in Richtung des Zieles heben und nicht, wie beide von vornherein wirklich, sie seitlich an die Wand drücken. Auf dieses letztere Verhalten, \Adrklich einmal naive Statik, wenn schon schimpansische und äußerst primitive, komme ich weiter unten zurück.) Man kann meinen, Grande ahme nach, was sie von Chica abgesehen hat; das ist, wenn man mit dem Nachahmen der Schimpansen erst näher bekannt ist, als eine recht uuwahrscheinHche Behauptung anzusehen. Im übrigen bringt Grande das Ver- fahren als echten Lösungsversuch vor, und daran würde sich auch nichts ändern, wenn sie es doch übernommen haben sollte; der Schimpanse ahmt unsäglich schwer etwas nach, ohne daß es ihm irgendwie einleuchtet. Ist von einer flachgestellten Kiste nicht anzukommen, so dreht der Schimpanse oft nach einem Blick hinauf die Kiste in Steilstellung. In derselben Richtung liegt eine weitere echte Verbesserung, die nur Gute Fehler. 113 wieder den Fehler hat^ den Anforderungen der Statik nicht zu ge- nügen: Das Tier steht auf einer Kiste und hat vor sich bereits eine zweite steil darauf gesetzt, aber ein Blick zum Ziel zeigt, daß die Distanz noch zu groß ist. Dann wird immer und immer wieder die steilgestellte Kiste aus ihrer Gleichgewichtslage heraus und in „Dia- gonalstellung" gedreht (vgl. Skizze 10), ja das Tier bemüht sich fort- während und ernstlich, den so noch mehr erhöhten Baugipfel zu be- steigen. Offenbar kann sich dieser lyösungsversuch dauernd erhalten und immer wiederkehren, weil dabei die Kiste unter den stützenden Händen zwar beweglich ist — das sind die Kisten schließlich doch in fast allen Fällen — , aber doch ohne Anstrengung des Tieres (in einem labilen Gleichgewicht) gewissermaßen ,,steht". Mit einer er- staunlichen Hartnäckigkeit und Sorgfalt brachte besonders Grande Jahre hindurch diesen guten Fehler stets von neuem vor. An diese beiden Fälle ist ein dritter an- zureihen, in dem es sich zwar nicht eigent- lich um das Bauen, wohl aber um das Ge- biet der Statik handelt: Chica sucht das Springstockverfahren mit dem Bauen zu kombinieren, und beginnt entweder ihr rasendes Klettern von dem Bau aus, wäh- rend die Stange daneben auf dem Erdboden aufsteht, oder sie setzt auch diese auf die Kisten auf, wenn der Bau hierzu einiger- maßen fest genug ist — was natürlich wieder nicht optisch festgestellt wird. Liegt nun die oberste Kiste mit der Öffnung nach oben gekehrt, so ragen am höchsten hinauf die schmalen Kistenränder; also setzt Chica ihre Stange nicht in die offene Kiste hinein und auf deren Grund, sondern mit aller Sorgfalt so hoch wie möglich, d. h. auf eine Stelle des Kistenrandes, der vielleicht 15 mm breit ist. Zum Glück rutscht die Stange stets von der schmalen Kante herunter, ehe Chica noch recht zu klettern angefangen hat; es könnte sonst doch einmal einen schlimmen Sturz geben. Sie selbst aber tut alles, um diesen zu verwirklichen, und setzt immer wieder die Stange auf den Rand. Auch hier entsteht aus dem Verstehen in einer Hinsicht (Höhe und Annäherung an das Ziel) und vollkommener Ahnungslosigkeit in anderer (Statik) ein guter Fehler. Das Aufstellen einer Leiter ist der Anforderung nach dem Aufbauen von Kisten so verwandt, daß es hier behandelt werden soll. In beiden Köhler, Intelligenzprüfungen, 8 Skizze 10. 114 5- Werkzeugherstelluxg. (Fortsetzung: Bauen.) Fällen ergibt sich, wenn die Verwendung der Werkzeuge an und für sich bereits aufgekommen ist, die spezielle Art, sie gebrauchsfertig zu machen, als eine davon ganz unabhängige Aufgabe der Werkzeug- herrichtung und der Statik. Der Leitergebrauch des Schimpansen lehrt jedoch zwei Punkte scharf beachten, die beim Kistenbauen nicht ohne weiteres auffallen. Als Sultan die Leiter (anstatt einer Kiste oder eines Tisches [vgl, oben S. 34]) zum erstenmal verwendet, sieht sein Umgehen mit ihr sehr merkwürdig aus : anstatt sie an die Wand anzulehnen, in deren Nähe das Ziel am Dache hängt, richtet er sie genau unter dem Ziel, frei auf dem Boden, senkrecht auf und versucht so, an ihr in die Höhe zu klettern. Wenn man das Tier und seine sonstigen Gewohn- heiten schon kennt, sieht man sofort, als was die Leiter hier ver- wendet wird, nämlich als Springstange. Das Tier bemüht sich, ^ dieses längliche, hölzerne Gebilde ebenso ^ zu verwenden wie sonst Stöcke und Bretter. — Als das durchaus nicht gelingt, wird das Verfahren geändert: >-KJ Le/te/^f^e^^ Sultan lehnt die Leiter wirklich an die benachbarte Wand (a), aber vollkommen ^ abweichend vom menschlichen Verfahren so, daß der eine Holmen in vertikaler Richtung der Wand anliegt, während die Leiterebene senkrecht von der Wand (a) fort in den Raum steht. »So besteigt er die Leiter. Da das Ziel in der Nähe einer Zimmer ecke aufgehängt ist, und des- halb das aufsteigende Tier die andere Wand (6) dicht vor sich hat (vgl. die Skizze 11), so gelingt es ihm, beim Besteigen der unteren Sprossen die Leiter und sich im Gleichgewicht zu halten, indem es den einen Arm gegen diese gegen- überstehende Wand stützt. Ehe jedocli das Ziel erreicht ist, kippt die Leiter, und nachdem Sultan mehrere Male mit ihr zu Boden ge- fallen ist, bleibt er eine Weile mißmutig liegen. Dann begibt er sich von neuem an die Arbeit und findet nach längerem Probieren eine Stellung, der uns wohlbekannten ähnlich, bei der er aufsteigen und das Ziel abreißen kann. Aber noch hierbei wie bei dem Probieren vorher entsteht der Eindruck, als wolle er durchaus nicht auf die menschliche Art hinaus, die Leiter anzustellen, sondern darauf, sie der Wandfläche möglichst anzufügen und doch dabei noch einigermaßen unter dem Ziel mit ihr zu bleiben; aber die erste Ten- denz ist sehr stark, beim Probieren zeitweise ganz überwiegend, und Leiterverwendung. I15 so steht die Leiter, wie er sie am Ende mit Erfolg verwendet, für unsere statischen Bedürfnisse noch viel zu steil. Grande, die ganz schlechte Turnerin, gibt sich nicht gern mit der Springstange ab, und deshalb verwendet sie die Leiter zum ersten- mal — sie war nicht bei Sultans Versuch zugegen — in ganz anderer Weise. (3. 2.) Das Ziel hängt wieder einer Raumecke nahe am Dach. — Grande holt die Leiter heran, lehnt sie quer, also so, daß ein Holmen seiner ganzen Länge nach auf dem Boden ruht, an die Wand und sucht vom oberen Holmen aus springend das Ziel zu erreichen, — Sie kennt erst seit wenigen Tagen die Verwendung von Kisten; wie sie hier, als in der gleichen Situation die Kiste fehlt, die Leiter her- nimmt und quer unter das Ziel setzt, sieht man sofort, daß sie die Leiter als eine Art schlechte Kiste benutzt, die gegen die Wand gelegt werden muß. — Schon beim nächsten Versuch aber richtet sie die Leiter auf, und zwar jetzt, ganz ähnlich wie Sultan, in der Weise, daß ein Holmen, etwas schräg nach oben gerichtet, der Wand fast anliegt, während die Leiterebe ne senkrecht zu dieser in den Raum hineinragt. Dabei bekommt die angestützte Holmenecke oben an den etwas rauhen Wandbrettern genügend Reibung, um die Leiter gerade noch zu halten; als aber Grande vorsichtig die Sprossen hinaufsteigt, rutscht sie doch mit der Leiter ab. Trotzdem versucht sie es immer wieder mit der gleichen Stellung, bis einmal die Hol- menecke oben auf einem minimalen Vorsprung (sicherlich durch Zu- fall) genügend Halt findet, und das Tier auf der Leiter, die nach un- sern Begriffen nahezu in der Luft steht, genügend hinaufklettern kann, um das Ziel abzureißen. — Ein Vierteljahr später (14. 5.) wiederholte ich den Versuch mit Grande: Sie richtet die Leiter fast genau in der eben beschriebenen Stellung" an der Wand auf, nur stärker von der Vertikalen abweichend. Wieder ist die Vorsicht und Präzision zu bewundern, mit der das Tier gefährliche Bewegungen der Leiter durch Verlagerung des Körpergewichtes fortwährend aus- gleicht; denn wie früher wird die Leiter nur an der einen oberen Holmenecke von der Wand irgendwie festgehalten, der Vorgang sieht schon beinahe metaphysikalisch aus. Sultan bleibt noch 1916 bei demselben Verfahren. Da auch Chica diese Stellung bevorzugt, und es nur dazwischen (weniger häufig) vorkommt, daß die Leiter mit ihrer Ebene ganz oder nahezu an die Wand gedrückt wird, so ist diese Art, sie aufzurichten, kaum zu- fällig. Ebensowenig ist es ein Zufall, daß die unter Menschen übliche Leiteraufstellung auch nach langem Probieren niemals vollkommen — klar und einfach von vornherein (als echte Lösung) nicht ein einziges Mal — vorkam. 8* Il6 Werkzeugherstellung. (Fortsetzung: Bauen.) Aus diesen Beobachtungen ergibt sich: I. vSieht man zunächst von dem Bemühen Sultans ab, die Leiter als vSpringstange zu benutzen, so zeigt sich in allem Weiteren, daß der Schimpanse unzweifelhaft doch einen ganz bescheidenen Anfang von Statik besitzt, und daß deshalb oben aus gutem Grund nur von dem fast absoluten Fehlen dieser naiven Wissenschaft die Rede war. vSchon Grande und Chica heben ihre Kiste, die zu niedrig steht, nicht in die freie Luft, sondern sie pressen sie etwas seitlich erhöht an die Wand. Ebenso suchen Sultan, Grande und Chica einen Kontakt Leiter — Wand herzustellen, sobald das Bedürfnis nach Festigkeit rege wird, aber zunächst einen nur optischen Kontakt, und des- halb kommt ihnen beim weiteren Herumprobieren, das zumeist doch nötig ist, nicht sehr viel darauf an, ob wirklich und praktisch Be- rührung vorliegt: Wenn die Leiter nur „an der Wand" irgendwie stehenbleibt. Selbst beim Springstockverfahren zeigt sich dasselbe: Es fällt doch keinem der Tiere ein, eine Springstange, die zu kurz ist, einfach erhöht in die Luft, oder eine zweite (vgl. Rana, S. 89 f.) zur Verlängerung frei darüberzuhalten ; immer muß das Ende irgend- wo aufstehen, zum mindesten (Rana) optisch anliegen. Und so zeigt noch das gefährliche Unternehmen Chicas, die die Spitze ihrer Stange auf die schmale Kante der offenen Kiste setzt, nicht nur statische Unklarheit, sondern eben durch die Sorgfalt, mit der sie gerade diese präzise Bewegung ausführt und ihren Stab nicht blind- lings in die Luft steckt, ein deutliches statisches Bedürfnis. Aber das Andrücken der Kiste an eine vertikale Wand erweist auch wieder, wie wenig über optischen (und hier noch Druck-) Kon- takt hinaus dies Bedürfnis entwickelt ist, und das Anstellen der Leiter, das zwar deutlich darauf gerichtet ist, optische Angliederung (oder wie man das nennen will) zwischen Leiter und Wand zu er- zeugen, und insofern kein reines Probieren ist, weicht doch, ge- rade weil dieser eine optische P'aktor allein klar wirksam wird, von den Anforderungen unserer Statik beträchtlich ab. Die Leiter, die mit einem Holmen oder mit ihrer Fläche der Wand anliegt, ist op- tisch in stärkerem Kontakt mit dieser als eine Leiter, die (in der unter Menschen gebräuchlichen Stellung) nur an vier Punkten, den Holmenden, mit Wand und Boden Kontakt hat und statisch recht fest liegt, dem Schimpansen aber vernmtlich wenig ,, befestigt" und fast im Leeren hängend vorkommt, ganz wie uns die von ihm bevorzugte Stellung. — Leider kommt es andrerseits nicht zur wAl- ständigen Ausnutzung des optischen Faktors: Auch beim Aufbauen von Kisten spielt wohl der optische Kontakt eine gewisse Rolle, aber in Wirklichkeit w'nd er niemals in dem höheren Sinn einer festen Kontaktstatik. 117 Zusammengliederung von Gestalten angestrebt, welche ja schon eine starke Annäherung an unsere (sehr in diesem Sinn orientierte) naive Statik ergeben müßte, und selbst der „Kontakt im Groben" wird schon halb außer acht gelassen, wenn höhere Kisten seitlich weit über ihre Grundlage hinaus in die lyuft ragen. Wahrscheinlich besteht eine Tendenz, wo in einem Verfahren größere Klarheit doch nicht erreicht wird, auch die möglichen Spuren zugunsten des ,,Probierens" zu vernachlässigen. Nicht ebenso schlecht steht es mit dem Leiteraufrichten : Das Zusammen „Homogene Wand = Einfache Gesamtform der Leiter" übersieht der Schimpanse wohl besser als ein Zusammen zweier Kisten; hier ist etwas von Kontaktstatik nicht zu verkennen, wenn schon sie mit unserer Statik nicht überein- stimmt und objektiv recht unpraktisch ist. — Daß beim Aufstellen der Leiter gerade der eine Holmen an die Wand gelegt wird und die Leiterebene frei in den Raum hineinsteht, rührt vermutlich da- von her, daß die Tiere das Werkzeug doch auch auf das Ziel am Dach gerichtet halten wollen; wären die ersten Leiterversuche mit dem Ziel an der Wand gemacht worden, so hätte sich am Ende das An- drücken der Leiterfläche an die Wand (unter dem Ziel) ganz durch- gesetzt^). Da in dieser Schrift von Theorie so wenig wie mögUch die Rede sein soll, so sei nur kurz darauf hingewiesen, daß die Lebensweise des Schimpansen der Ausbildung einer Statik geradezu hinderlich ist. Wir wissen^), daß auch beim Menschen die feste Orientierung des Sehraumes um eine absolute Vertikale, ein festes Oben und Unten gesehener Gestalten, welches Umkehrungen als starke Änderungen wirken läßt, in den Kinderjahren erst allmählich zustande kommt. Die Hypothese, daß diese (normale) absolute Raumlage^) ein Produkt unserer konstanten aufrechten Kopfhaltung ist, erscheint recht einleuchtend, ganz einerlei, ob man darin des nähern einen Einfluß der ,, Erfahrung" sehen will, oder (wie Verfasser) geneigt ist, eine un- mittelbare physiologische Dauerwirkung der Gravitation und der optischen Getalt- reize (bei dieser Kopfhaltung) auf gewisse Teile des arbeitenden Nervensystems anzunehmen. In jedem Fall wird es mit der Ausbildung dieser absoluten Raum- orientierung schlechter bestellt sein, wenn man, wie der Schimpanse, den Kopf bei- nahe ebensoviel in anderen Stellungen hält wie in der vertikal aufgerichteten. Be- denkt man nun, wie sehr unsere Statik von der absoluten Vertikalen (und Horizon- talen), dem festen Oben und Unten, allgemein einer festen Orientierungslage, abhängt — auch das Kind hat, solange dergleichen überhaupt nicht vorhanden ist, keine Statik im Sinn des Erwachsenen — , so sieht man leicht, daß der Schimpanse unter sehr ungünstigen Bedingungen für die Ausbildung von Statik lebt. Um so mehr sind seine Lebensumstände geeignet, die Funktionen von Labyrinth und Kleinhirn zu üben, das Tier körperlich gewandt zu machen, derart, daß auch noch die schlechtesten Schimpansenturner die menschliche Konkurrenz nicht zu scheuen brauchten. Und so kommt in dem speziellen Fall hinzu, daß beim Aufbauen der Kisten, wie beim Leiteraufstellen ein rechter Ansporn zur Ausbildung von Statik ^) Neuere Versuche hierüber blieben unklar. -) W. Stern, Ztschr. f. angew. Psychol. 1909. — F. Oetjen, Ztschr. f. Psychol. 71. 1915- 3) M. Wertheimer, a. a. O. S. g^ii. Il8 5. Werkzeügherstellung. (Fortsetzung: Bauen.) fehlt, weil für den Schimpansen eben Bauten ausreichend besteigbar sind, denen sich nicht leicht ein Mensch anvertrauen würde. Die angeführten Momente sind freilich nicht allein an dem Mangel schuld: Wenige Beobachtungen an den Tieren belehren schon darüber, daß eine viel allgemeiner wirkende Behinderung darin hegt, wie der Schimpanse, ganz abgesehen von der Fixierung der Raumlage, sich Gestalten und Strukturen gegenüber verhält. (Vgl. das letzte Kapitel.) 2. Kommt man noch unerfahren mit den Tieren zusammen und will sie irgend^^ie prüfen, so liegt es sehr nahe, ein zu speziellen Zwecken und mit Berücksichtigung vieler Umstände vom Menschen ausgebildetes Werkzeug, Leiter, Hammer, Zange u. dgl., den Schim- pansen zu überlassen mit der Fragestellung, ob sie diese Instrumente wohl verwenden. Und ferner: Sieht ein unerfahrener Zuschauer die Tiere mit einer Leiter z. B. umgehen, so ist er leicht über den Ent- wicklungsgrad und die Intelligenz des Schimpansen erstaunt, wie er da das menschliche Werkzeug verwendet. Demgegenüber muß man sich durchaus klarmachen, daß das Tier nicht eigentlich eine „Leiter" gebraucht in der Bedeutung, die das Wort für den Menschen hat, und in die eine bestimmte Funktionsart (Statik) ebensowohl ein- geht wie eine bestimmte Gestalt, — und daß für den Schimpansen, der im allgemeinen nur recht grobe Totaleigenschaftcn und nur die einfachsten Funktionen von Dingen übersieht, eine Leiter vor einem starken Brett, vor einer Stange, vor einem Baumteil, die er alle ähnlich verwendet, gar nicht sehr wesentliche Vorzüge hat*). Ge- braucht er aber diese Gegenstände als Werkzeuge und ähnlich, wie er mit der Leiter umgeht, so macht der Zuschauer von der Leistung nicht viel Aufhebens, und zwar, weil er sich durch das äußerlich Menschliche im Gebrauch gerade einer ,, wirklichen Leiter" blenden ließ und dieser Anschein gesteigerter Menschlichkeit durch die Ver- wendung so unmenschlicher (aber für den Schimpansen äquivalenter) Werkzeuge durchaus nicht ebenso hervorgerufen wird. Man muß sich hier, wie stets bei der Untersuchung des Schimpan- sen, davor hüten, den äußeren Eindruck von Menschen- ähnlichkeit (womöglich vom Werkzeug her induzierter) mit dem Niveau der Leistung, dem Grad der Einsicht zu ver- wechseln. Beides geht gar nicht immer einander parallel. Ich möchte, um ganz klar werden zu lassen, wie das gemeint ist, als Beispiel anführen, daß ich keinen Wertunterschied zwischen der Leiterverwendung des Schimpansen und seinem Springstockverfahren *) Obwohl auch er sicherhch sieht, daß es ,, verschiedene Dinge" sind, und, wie diese ganze Schrift zeigt, nicht etwa nur diffuse ,,Erlcbniskomplexe" durchmacht (vgl. Volkelt, Vorstellungen der Tiere [1914I, — wo niedere Tierformen betrachtet werden). Freilich haben die Dinge des Schimpansen auch nicht alle Eigenschaften unserer Dinge. ,,Menschenähnuchkeit". 119 anerkennen kann, und höchstens einen ganz geringen zwischen dem Anstellen einer Leiter unter dem Ziel und dem Anlegen eines kräf- tigen Brettes in der gleichen Lage. Die Leiter und das Brett wer- den ähnlich benutzt und leisten (wegen der greifenden Füße) nahezu dasselbe, während sie für den Menschen ganz verschiedenwertig sind ; die Kletterstange (im schimpansischen Sinn) ist für die meisten Men- schen sicher ein miserables Werkzeug, für den Schimpansen ist sie womöglich brauchbarer und besser als die Leiter. Die Menschen- ähnhchkeit kann also hier gar nicht als Maßstab dienen. Dafür muß man immer auf die Funktion ausgehen, in der das Tier den Gegenstand verwendet, muß herausfassen, was es davon wirklich übersieht; und wenn man erst weiß, welcherart die Funk- tionen sind, innerhalb deren der Sclümpanse verstehen kann, was ein Gegenstand funktionell wert ist, so wird man lieber in diesem Gebiet einfachster, schlichter Zusammenhänge genau untersuchen, was das Tier klar leistet und wie es dabei auf seine Lösungen kommt, als es mit komplexen Artefakten des Menschen zusammenzubringen, in die eine große Anzahl feiner funktioneller Gesichtspunkte sozu- sagen hineingearbeitet ist: denn so steht es bei näherem Zusehen bereits mit Leiter, Hammer, Zange usw. Das Tier wird jedesmal die Hälfte dessen, was dem Menschen an dem Instrument wichtig ist, vollkommen unbeachtet (und unverstanden) lassen, und zum Teil einen verworrenen, unklaren Eindruck machen, weil es das Werk- zeug nicht „ordentlich" gebraucht, zum Teil imponierend mensch- lich aussehen, weü es gerade mit „Leiter, Hammer, Zange" umgeht. Sowohl für die Einschätzung des Schimpansen seiner Entwicklungs- stufe nach wie für die intelligenztheoretischen Pläne, die man mit solchen Untersuchungen verfolgen kann, fallen die Versuche schärfer aus, sind sie wertvoller, wenn man die komplex-funktionellen Werk- zeuge des Menschen nicht als Situationsgheder verwendet, sondern nur Material der schlichtesten Art und der einfachsten funktionellen Eigenschaften; andernfalls verwirrt man die Tiere und — sich selbst als Beobachter. Nur solange das Gebiet einfacher Intelligenzleistungen gegenüber der anschaulichen Umwelt nicht einmal oberflächlich unter- sucht ist, kann übersehen werden, daß man sich über die schlichtesten Funktionen vom einsichtig zu erfassenden Typus orientieren muß, ehe man Tiere mit ganzen Problemansammlungen auf einmal zu- sammenbringt. Etwas anders liegen die Dinge, wenn man zu einer neuen Fragestellung übergeht: Kommt es nicht mehr in erster Linie darauf an, zu untersuchen, was der Schimpanse ohne Hilfe einsichtig zu behandeln vermag, ist man hierüber erst einigermaßen orien- tiert, dann kann man in weiteren Versuchen feststellen, inwieweit er funktionell komplexere Gebilde (und Situationen überhaupt) verstehen lernt, wenn man ihm 120 Werkzeugherstehung. (Fortsetzung: Bauen.) jede mögliche Hilfe dabei gibt. Auch wir haben ja nicht alles, was wir jetzt einsichtig behandeln, eines Tages erfunden, sondern genug davon unter sehr starken Hilfen gelernt, und so wäre es für später eine sinnvolle Frage: Lernt der Schimpanse die LeitersteUung des Menschen verstehen? Erfaßt er, wenn man ihm hilft, schließhch genau, was eine Zange funktionell bedeutet? Anhang. Gemeinsames Bauen. Als die brauchbaren Tiere das Auftürmen von zwei Kisten schon kannten, wairdc ihnen ins- gesamt häufiger Gelegenheit gegeben, auf dem Spielplatz nach einem hochangebrachten Ziel hinzubauen; mit der Zeit wurde eine rechte Lieblingsbeschäftigung daraus. Man darf sich jedoch das „gemein- same Bauen" nicht als ein regelrechtes Zusammenarbeiten vorstellen, bei dem womöglich die Rolle des einzelnen streng im vSinne von Arbeitsteilung festgelegt wäre. Es geht vielmehr so zu: Ist das Ziel angebracht, so blickt alles in der Umgebung suchend umher, und gleich danach trabt das eine Tier auf eine Stange, das andre auf eine Kiste zu, oder was sonst geeignet aussieht; \-on allen Seiten ziehen sie mit Material heran, die meisten das ihrige am Boden hinzerrend, Chica oft eine Kiste hoch auf den Armen tragend oder eine Bohle auf der Schulter wie ein Arbeitsmann. Mehrere Tiere wollen zugleich hinauf, jedes bemülit sich in diesem Sinne und verhält sich so, als ob es allein jetzt zu bauen hätte oder die vorhandenen Anfänge sein Bau wären, den es selbst fertigstellen möchte. Hat ferner ein Tier zu bauen angefangen, und andre bauen dicht daneben auch, wie das nicht selten vorkommt, so \\ird im Bedarfsfalle eine Kiste der Nach- barn fortgenommen, unter Umständen auch ein Kampf um ihren Besitz ausgefochten. Daß Schlägereien die Arbeit \'ielfach unter- brechen, ist ja ohnedies verständlich, da, je höher der Bau, um so mehr jeder ol^en stehen will. Der Erfolg ist meistens, daß das Streit- objekt eben durch den Streit vernichtet wird, nämlich bei der Beißerei umfällt, und da es nun gilt, von vorne anzufangen, so geben Sultan, Chica und Rana nach einer Weile oft genug den Kampf und die Arbeit auf, während Grande, älter, stärker und geduldiger als die drei, allein übrig zu bleiben pflegt. Auf diese Weise hat sie, obwohl die ungeduldigeren Tiere Sultan und Chica ihr an Intelligenz deut- lich überlegen sind, allmählich die größte Übung im Bauen erworben. Daß ein Tier dem andern hilft, kommt recht selten vor, und wenn es der Fall ist, muß wohl beachtet werden, in welchem Sinne es ge- schieht. Da Sultan im Anfang den andern deutlich voraus war, und ich deshalb gerade jene bauen lassen wollte, so mußte das kluge Tier oft beiseitesitzen und zusehen. Auf einer der Abbildungen (Tafel IV) ist leicht zu erkennen, wie sehr er (das Tier rechts unten) dabei auf- merkt. Läßt man nun ein klein wenig locker, wird das Verbot nicht fortwährend streng erneuert, so bewirkt es zwar noch, daß er nicht Tafel VII. Köhler, Intelligenzprüflingen Gemeinsames Bauen. 121 wagt selbst zu bauen, als dürfe er das Ziel erreichen, aber er kann es bei seinem aufmerksamen Zusehen bisweilen nicht lassen, schnell Hand anzulegen, wenn eine Kiste zu fallen droht, sie zu stützen, wenn das andere Tier gerade eine entscheidende und gefährliche An- strengung macht, oder sonst mit einer kleinen Bewegung im Sinne des fremden Bauens einzugreifen (vgl. die Abbildung Tafel VII, die einem kinematographischen Film, entnommen ist : Sultan hält die Kiste fest, wie sie beim Aufrecken Grandes wackelt). Einmal kam es bei einer solchen Gelegenheit (Verbot, selbst zu bauen) sogar vor, daß er — als Grande zwei Kisten aufeinandergestellt hatte, noch nicht ankam und sich nicht gleich zu helfen wußte, — seine stille Zuschauerrolle nicht mehr durchführen konnte, eine dritte Eüste aus etwa 12 m Entfernung schnell heranbrachte bis dicht neben den Bau, und darauf wie selbst- verständlich wieder als Zuschauer niederhockte, obwohl er weder durch Worte, noch durch Bewegungen des Beobachters von neuem an das Verbot erinnert wurde ^). Nun darf man diesen Vorgang wie alles, was in gleicher Richtung liegt, nicht mißverstehen: Was Sultan zu dergleichen treibt, ist nicht der Wunsch, dem andern Tier zu helfen, zum mindesten nicht dieser als Hauptursache. Wie man ihn vorher dahocken sieht, jede Bewegung des andern beim Bauen mit den Augen und oft mit kleinen Bewegungsansätzen von Hand und Arm verfolgend, ist gar kein Zweifel, daß der Vorgang ihn sachlich aufs Höchste interessiert, und daß er ihn um so mehr gewissermaßen „innerlich mitmacht", je kritischer der Verlauf gerade ist: Die „Hilfe", die er dann für Augenblicke einmal wirklich leistet, ist nichts als eine Steigerung des schon fortwährend angedeuteten ,,Mitmachens", so daß Interesse am andern Tier höchstens ganz sekundär dabei mit- wirken könnte, vollends bei dem recht egoistischen Sultan. In dem zweiten Teil dieser Prüfungen wird gezeigt, wie weit diese Art des ,,Mitmachens" gehen kann und wie es beim Zusehen geradezu als ein Zwang über das Tier kommt. (Vgl. auf Tafel VII vorn das lebhafte Gebaren Konsuls in dem Moment der größten Span- nung; auf dem laufenden Kinematogramm ist derartiges natürlich besser zu verstehen). Wir alle kennen ja Ähnliches: Versteht ein Mensch eine Art Arbeit aus langer Übung sehr gut, so ist es schwer für ihn, ruhig zuzusehen, wie ein anderer ungeschickt dabei verfährt ; „es kribbelt ihm in den Fingern", einzugreifen und „die Sache zu machen". Auch wir sind meistens weit davon entfernt, nur aus reiner Nächstenliebe dem andern die Arbeit erleichtern zu wollen (unsere Gefühle gegen ihn pflegen sogar momentan kühl zu sein), 1) über „Hineinlegen" und „Anthropomorphismus" habe ich mich bereits ge- nügend geäußert. Hier Hegt wiederum gar nichts Mehrdeutiges vor. 122 5- Werkzeugherstelll'NG. (Fortsetzunx : Bauen.) ebensowenig suchen wir einen äußeren Vorteil für uns in der Arbeit, diese selbst zieht uns mächtig an. Bisweilen scheint es mir, als wäre der Schimpanse uns in solchen kleinen Zügen, die ja nicht zu intellektualistisch behandelt werden dürfen, noch ähnlicher als auf dem Gebiet der Intelligenz im engeren Sinn. (Ein schönes Beispiel ist das Weitergeben erduldeter Strafe an ein auch sonst unbeliebtes Tier: so sehr häufig Sultan gegen Chica.) Mitunter sieht das Verhalten der Tiere einem Zusammenarbeiten in dem gebräuch- lichen Sinne des Wortes ähnlich, ohne daß man doch ganz überzeugt wird. Die Kleinen haben eines Tages (15. 2.) einem erhöhten Ziel gegenüber bereits viele Lösungsansätze vorgebracht, ohne es zu erreichen. In einiger Entfernung steht ein schwerer Käfig aus Holz, den sie bis dahin noch nie in solchen Versuchen verwendet haben. Jetzt wird endlich Grande auf ihn aufmerksam; sie rüttelt an ihm, um ihn auf das Ziel zuzukippen, bekommt ihn aber nicht vom Boden in die Höhe, da tritt jedoch Rana hinzu und packt so zweckmäßig wie möglich neben Grande an, und beide sind im Begriff, den Käfig richtig anzuheben und zu kippen, als auch no:h Sultan hinzu- springt und, an der Seite zugreifend, sehr eifrig , .mithilft". Keines der Tiere allein könnte die Kiste vom Fleck bringen; unter den Händen der drei, deren Bewegungen genau zusammenstimmen, nähert sie sich dem Ziel in schnellem Tempo; doch ist sie noch ein Stück entfernt, als Sultan plötzlich auf sie hinaufspringt und mit einem zweiten kräftigen Sprung durch die Luft das Ziel herabreißt. — Die andern erhielten keinen Arbeitslohn, aber sie hatten auch gar nicht für Sultan gearbeitet, imd er anderseits hatte allen Grund, schon aus einiger Entfernung den Sprung zu machen. — Sicherlich versteht Rana bei den ersten Bewegungen Grandes an der sonst noch nicht verwandten Kiste sofort, um was es sich handelt, auch sie sieht nun die Kiste als Werkzeug und greift im eigenen Interesse zu, gleich darauf ebenso Sultan. Da alle dasselbe wollen und die Kiste in Bewegung dem neu Hinzukommenden seine Art des Zugreifens unmittelbar vorschreibt, so kommt die Kiste (Last) schnell vom Fleck. Zu dem Verhalten Sultans, wenn er andere bauen sieht und selbst von der Kon- kurrenz ausgeschlossen ist, bilden die folgenden Vorkommnisse wahrscheinhch Seiten- stücke. Da dasselbe Tier den andern im allgemeinen voraus ist, darf es mitunter dabei sein, wenn jene ihm schon geläufige Versuche machen; es sieht dann sehr aufmerk- sam zu wie beim Bauen, darf aber nicht selbst mitwirken. Handelt es sich nun um eine Prüfung, bei der das andere Tier jenseits eines Gitters sitzt, diesseits (vom draußen hockenden Sultan aus gemeint) das Ziel am Boden liegt und für den Prüfling Schwierig- keiten bestehen, sich einen Stock zu verschaffen, so beobachtet er eine Weile ruhig, wie das andere Tier sich mit untauglichen Mitteln zu bchelfen sucht. Dann verschwindet er, kehrt aber bald mit einem Stock in der Hand zurück, mit dem er abseits vom Ziel, jedoch dem Gitter nahe, Sand scharrt oder auch durch die Gitterstäbe hineinstochert. Will das andere Tier den Stab ergreifen, so zieht Sultan ihn wie neckend und spielend schnell zurück, und so ergibt sich ein Hin und Her, bei dem doch, wenn kein be- sonderes Verbot dazwischen kommt, der Stock schließlich in den Händen des Prüf- lings bleibt. In einem Versuch, wo der Prüfling den fehlenden Stock durch Losbrechen aus einem Kistendeckel herstellen konnte, stand die Kiste dem Gitter nahe. Sultan saß draußen und blieb lange Zeit ganz ruhig, während das andere Tier seine Aufgabe nicht löste; am Ende aber rutschte er dem Gitter immer näher, bis er ganz nahe heran war, warf einige vorsichtige Blicke nach dem Beobachter, faßte hinein und brach ein etwas lockeres Brett aus dem Kistendeckel; der weitere Verlauf war genau wie im vorigen Beispiel. In beiden Fällen (wie beim Bauen) hat das Gebaren Sultans nichts von Nächsten- liebe; vielmehr hat man durchaus den Eindruck, daß er den Vorgang, obwohl selbst Schabernack. 123 nicht beteiligt, gut versteht, und da er den Versuch kennt, schheßhch geradezu etwas in der Richtung der Lösung tun muß, als diese dauernd ausbleibt. Daß er wirklich den Vorgang, die ungelöste Aufgabe, auf das andere Tier be- zieht, zeigte sich einmal ganz klar, als ein Versuch gemacht wurde, Chica das Doppel- rohi-verfahren beizubringen. Ich stand dabei draußen vor dem Gitter; neben mir hockte Sultan und sah sehr ernsthaft zu, indem er seinen Kopf langsam kratzte. Als Chica gar nicht verstand, was ich von ihr wollte, gab ich die beiden Rohre schließ- lich Sultan, um ihn das Verfahren zeigen zu lassen. Er nahm die Rohre, steckte sie schnell ineinander und zog nicht etwa das Ziel zu sich heran, sondern schob es ein wenig träge auf das andere Tier am Gitter zu. (Wenn Sultan großen Hunger hat, wird er sich vermutlich nicht so verhalten.) Entschieden häufiger als helfen in irgendeiner Form ist sein Gegen- teil. Tercera und Konsul bauen nicht, sie sitzen vielmehr gewöhn- lich auf einem erhöhten Platz in der Nähe und sehen anfangs ruhig zu, wie die andern tätig sind. Ist aber das Bauen erst recht im Gange, so zeigen sie ihr Verständnis für den Vorgang oft in überraschender Weise. Sie schleichen, besonders gern, wenn der Baumeister hoch oben in schwankender Stellung arbeitet, hinter seinem Rücken heran und werfen den ganzen Bau mitsamt dem Tier darauf durch einen kräftigen Stoß zu Boden, um dann in größter Eile zu flüchten. Be- sonders schön hat das stets Konsul gemacht, der ein Meister in gro- tesken Gebärden war^); mit einem Ausdruck komischer Wut, stamp- fend, mit drohenden Augen und schwingenden Armen, wie beim An- griff, pflegte er hinter dem ahnungslosen Erbauer seine Tat vorzu- bereiten. Dergleichen läßt sich schwer beschreiben; ich habe Zu- schauer gesehen, denen die hellen Tränen vor I^achen über die Wangen liefen. Die Gefühlspsychologie dieses Falles ist etwas schwierig zu über- sehen, einfacher erscheint die des folgenden, der ebenfalls mehrfach beobachtet wurde. Ein Tier hat seinen Bau schon weit gefördert, als ein zweites, etwa die gefürchtete Grande, sich in der unverkenn- baren Absicht nähert, den fremden Fleiß auszunützen; erscheint ein Kampf nicht ratsam, so macht sich das erste Tier doch nicht einfach davon, sondern setzt sich auf eine Kante der oberen Kiste und rutscht nun — ganz im Gegensatz zu den sonst beim Absteigen üb- lichen Bewegungen — derartig seitwärts ab, daß dabei der Bau not- wendig umstürzen muß. Auch hierauf folgt eilige Flucht und bei dem Geprellten großer Zorn^). ^) Konsul ist im Oktober 1914 eingegangen. 2) A. Sokolowsky hat im Hagenbeckschen Tierpark eine Anzahl von Anthro- poiden beobachtet (,, Beobachtungen über Menschenaffen", 1908). Einige in seinem Bericht erwähnte Intelligenzleistungen der Tiere finde ich von anderen Forschern angezweifelt. Nun ist es richtig, daß ein Psychologe seine Ausdrucksweise im Be- schreiben hier und da etwas vorsichtiger wählen, auch zurückhaltender im Ergänzen von nicht Beobachtetem sein würde; aber die Tatsachen im groben kommen mir nach den Erfahrungen bis zu diesem Kapitel nur wahrscheinlich vor, und der Autor 124 Umwege über Selbständige Zwisciiexziele. 6. UMWEGE ÜBER SELBSTÄNDIGE ZWISCHENZIELE. In einigen der beschriebenen Fälle von primitiver Werkzeugher- stellung ist der „Umweg" schon recht groß. So verbringt Sultan beträchtliche Zeit mit dem Abnagen von Holz an dem einen Ende des Brettes, das er in ein Rohr einfügen möchte, und doch ist Ab- nagen von Holz am Ende eines Stockes eine Tätigkeit, die für iso- lierende Betrachtung ganz ohne Sinn gegenüber dem Ziel bleibt. In Wirklichkeit gelingt auch diese Art der Zerstückelung dem Beob- achter des Versuchsverlaufes gar nicht so leicht; er sieht vielmehr ,, Nagen, Nagen, Probieren an der Rohröffnung, Nagen, Probieren usw." als eine in sich sachlich zusammenhängende Abfolge. — Was wird aus den Prüfungen, wenn man noch einen Schritt weiter geht ? In dem Fall einfacher Werkzeugherrichtung und so in unserm Bei- spiel ist der äußere Zusammenhang des Bruchstückes „Herstellen" (Abnagen) mit dem weiteren Verfahren (Ineinanderstecken, Verwen- dung) noch einigermaßen eng dadurch, daß die Nebenaktion unnnttel- bar an dem Werkzeugmaterial angreift. Sucht man nun die Hand- lungsglieder, äußerlich genommen, noch weiter zu verselbständigen, so kommt man auf Versuche, in denen das Tier vor das ursprüngliche Ziel (oder Endziel) ein vorläufiges, andersartiges Zwischenziel ein- schalten muß. Dieses ist selbst auf indirektem Wege zu erreichen, soll anders das Endziel nachher zugänglich werden. Und anderseits: Betrachtet man den Verlauf bis zu dem Moment, wo das Z^^ischen- ziel erreicht ist, ganz für sich, ohne Rücksicht auf das Weitere, so hat dieser erste Umweg mit dem Endziel nun noch weniger zu tun und scheidet sich äußerlich als eine besondere Handlung ab. Die Erfahrung lehrt, daß wir den Eindruck einsichtigen Verhaltens be- sonders stark dann haben, wenn in einzelnen Teilen so weit vom End- ziel abführende, aber im ganzen sachlich notwendige ,, Umwege" in geschlossener Form gemacht werden. (26. 3.) Sultan sitzt am Gitter und kann mit einem kurzen Stäb- chen, das ihm zur Verfügung steht, das draußenliegende Ziel nicht erreichen; ebenfalls draußen, etwa 2 m seitlich vom Ziel, aber näher als dieses, ist der Gitterebene parallel ein längerer Stock niedergelegt ; auch er kann mit der Hand nicht ergriffen, wohl aber mit dem kurzen hat sehr gut erkannt, daß der Anthropoide unter geeigneten Umständen durchaus einsichtig verfährt. — Vergessen wir auch nicht, daß Sokolowsky wohl zuerst an- geraten hat, die Anthropoiden sollten (bei den Mängeln aller Gelegenheitsbeobachtung) in besonderen Instituten nach den Gesichtspunkten experimenteller Psychologie unter- sucht werden. Kurzer und langer Stock. 125 Stäbchen herangezogen werden (vgl. Skizze 12). Sultan bemüht sich mit dem kurzen Stock das Ziel zu erreichen; als das nicht gelingt, reißt er vergeblich an einem Stück Draht, das aus dem Gitternetz seines Raumes hervorsteht. Nach einigem Herumschauen — in solchen Versuchen kommt es fast jedesmal zu längeren Pausen, in denen die Tiere ihre Augen die ganze Umgebung abwandern lassen — nimmt er plötzlich wieder sein Stäbchen, geht damit zu der Gitter- stelle, der der lange Stock gegenüberliegt, kratzt diesen schnell mit dem Stäbchen heran, ergreift ihn, geht auch schon zur Stelle gegen- über dem Ziel zurück und zieht dieses heran. Von dem Augenblick an, wo die Augen des Tieres den 2 m seitlich liegenden Stock treffen, bildet der Verlauf eine einzige geschlossene Abfolge ohne Hiatus, und obwohl das Heranziehen des langen Stockes (Zwischenziel) mit dem kurzen eine Handlung ist, die in sich selbständig und abge- schlossen sein könnte, zeigt doch die Beobachtung, daß jenes Ver- Ziel o fahren mit einem Ruck aus dem Zustand der Ratlosigkeit (Suchen mit den Augen) entspringt, welcher unzweifelhaft auf das Endziel zu beziehen ist, und daß es nachher in die Schlußhandlung (Heranziehen des Endzieles) ohne Absetzen übergeht. (12. 4.) Nueva wird in der gleichen Situation geprüft; der kleine Stock ist auf ihrer Seite des Gitters genau dem Ziel gegenüber nieder- gelegt, der große draußen etwas näher als das Ziel, ungefähr 1 1/2 ni seitlich von diesem entfernt. Da Nueva schon schwer krank und recht appetitlos ist, gibt sie bald jede Bemühung auf, als sie das Ziel mit dem kurzen Stock nicht erreichen kann. Wie aber einige besonders schöne Früchte hinzukommen, nähert sie sich dem Gitter wieder und blickt um sich; ihre Augen haften bald auf dem größeren Stock, sie nimmt den kleineren, zieht den anderen damit in Reich- 120 6. Umwege über Selbständige Zwischenziele. weite, und mit ihm sofort auch das Ziel. — Der Verlauf könnte nicht klarer und einheitlicher sein. Grande wurde erst viel später geprüft. (19. 3. 16.) Sie langt mit dem kurzen Stab vergeblich nach dem Ziel, kümmert sich dann für eine Weile nicht um den Versuch, kommt wieder, langt hinaus wie vorher, sitzt danach einen Augenblick ruhig am Gitter, immer noch gegenüber dem Ziel. Auch als ihr Blick auf den größeren Stock seit- lich fällt, verharrt sie, ihn fixierend, weitere j\Iomente regungslos, springt dann aber plötzlich auf, geht an die Gitterstelle ihm gegen- über, zieht den großen mit dem kleinen Stock und sofort auch mit jenem das Ziel heran. Auch dieser Versuchsverlauf ist alles andre als selbstverständlich. Die Prüfung wird wenige Minuten später wiederholt; doch liegt der größere Stab jetzt an der Stelle dem Gitter gegenüber (nur näher), wo vorher das Ziel sich befand, und dieses an dem früheren Platz des langen Stockes (nur weiter). Grande bemüht sich doch wieder vergeblich mit dem kurzen Stäbchen und wird bald gleichgültig, als sie nicht ankommt; ans Gitter gerufen, hockt sie dem Ziel gegenüber nieder, sieht ruhig um sich, bis ihre Augen auf dem großen Stock Halt machen, und löst dann die Aufgabe wie vorher. — Es ist stets ein Zeichen von Schwierigkeit der Anforderung, wenn schnelle Wie- derholung des Versuches nicht auch schnelle Wiederholung der eben gefundenen Lösung zur Folge hat. Bei der Prüfung von Chica kam ein Versucbsfehler vor. Mit dem kleineren Stock um das Ziel bemüht, erblickt sie den größeren, läßt jenen fallen, greift nach diesem und erreicht ihn wirklich, mit ihm sofort das Ziel. — Beim zweiten Male liegt der lange Stock weiter fort; unter dem Einfluß des ersten Versuchs wird er sogleich mit dem kurzen Stabe herangezogen usw. Viel besser zeigen die eigentlich Schwachbegabten Tiere den Wert der Leistung. — Tschego (i. 4. 14) arbeitet angestrengt mit Decke, Strohhalmen, Strohbündeln sowie mit dem kurzen Stäbchen, das von vornherein dem Ziel gegenüberliegt, hat aber bei der großen Ent- fernung keinen Erfolg. Der lange Stock, der wenig seitwärts auf freiem Grund so auffällig wie möglich daliegt und mit dem kurzen Stab ohne Mühe zu erreichen wäre, wird nicht einen Augenblick in die Situation einbezogen, und die Lösung erfolgt nach stundenlangem Warten noch nicht, so daß der Versuch abgebrochen werden muß. — Durchaus negativ verlief auch eine Wiederholung im Frühjahr 1916. Könnte man bei Tschego etwa noch sagen, sie habe den langen Stab nicht ,, bemerkt", so sorgt wieder Rana dafür, daß auch dies Bedenken fortfällt. (19. 3. 16.) Sie langt ungeschickt^) mit dem ^) Zwischen Intelligenz und Handfertigkeit scheint beim Schimpansen Korrelation zu bestehen. Schwierigkeit der Aufgabe. I27 kurzen Stock nach dem Ziel, geht dazwischen seitwärts an die Gitter- stelle dem langen Stock gegenüber und greift nach diesem. Ihr ganzes Verhalten kann als Äquivalent der beiden Sätze gelten: Mit dem kurzen Stock erreiche ich das Ziel nicht Da liegt draußen ein langer Stab, bis zu dem meine Hand nicht hinauslangen kann. Nicht für einen Moment scheint der kurze Stab, der gewissermaßen an das Endziel gebunden ist, als Werkzeug für die Nebenaufgabe gesehen werden zu können. Schließlich wird eine Hilfe gegeben: Um es dem Tier leichter zu machen, den kurzen Stab vom Endziel zu lösen und auf den langen Stock zu beziehen, lege ich, während Rana gerade nicht hinsieht, jenen vom Endziel seitwärts fort und näher an den langen Stab heran; dies Verfahren wird fortgesetzt, bis der kleine Stock dem großen schließlich ganz nahe kommt. Trotzdem geht Rana, sobald sie den kurzen Stab wieder ergriffen hat, mit ihm zurück an die Gitterstelle dem Ziel gegen- über und bemüht sich weiter vergeblich, dieses mit dem untaug- lichen Werkzeug zu erreichen: der Umweg „Kurzer Stab — Langer Stab — Endziel" kann offenbar bei diesem Tier nicht zustande kom- men. Wie manches Huhn immer wieder gegen das Hindernisgitter anrennt, jenseits dessen das Ziel liegt, obwohl eine kleine Umweg- kurve es ohne weiteres zu diesem hinführen würde, — genau ebenso langt Rana immer wieder mit dem kurzen Stock nach dem Endziel hinaus, obwohl nach der Hilfe das ,, Um wegverhalten" durch ein Minimum von äußerer Arbeit geleistet wäre. Man hat geradezu den Eindruck, als würde der kurze Stab von einer unsichtbaren, aber intensiven Kraft in die primäre kritische Distanz „Ziel — Gitterstelle gegenüber" hineingezogen, und käme deshalb für die sekundäre kri- tische Distanz „Langer Stab — Gitter" gar nicht in Betracht. — Jenseits des Gitters liegt wieder das Ziel; im Raum des Tieres ist, weit vom Gitter entfernt, ein Stock am Dach befestigt, und eine Kiste steht abseits. Das Ziel kann mit dem Stock, dieser selbst nur mit Hilfe der Kiste erreicht werden, Sultan (4, 4. 14) beginnt seine Tätig- keit mit der schon bekannten Torheit und zieht die Kiste ans Gitter dem Ziel gegenüber. Nachdem er dann eine Weile mit ihr im Räume umhergefahren ist, läßt er sie stehen, fängt besonnener an, überall (offenbar nach einem Werkzeug) zu suchen und sieht jetzt erst den Stock am Dach, Sofort ist er wieder an der Kiste, zieht sie unter den Stock, steigt auf, reißt ihn herunter, eilt mit ihm ans Gitter und holt das Ziel heran. Von dem Augenblick, wo seine Augen beim Suchen auf den Stab fallen, ist der weitere Verlauf vollständig klar und in sich abgeschlossen ; die Zeit, die dabei verläuft, beträgt höchstens eine halbe Minute, mit Einrechnung des eigentlichen Stockgebrauches. 128 Umwege über Selbständige Zwischenziele. Chica (23. 4.) kommt auf diese Lösmig zuerst nicht, obwohl der Stock in ihrer Gegenwart am Dach befestigt und später noch einmal in ihrem Beisein berührt und bewegt wird, so daß sie auf ihn auf- merksam werden muß, — (2. 5.) Der Stock wird wieder am Dach angebracht, während Chica zusieht. Merkwürdigerweise beachtet sie ihn gar nicht, versucht mit einem schwachen Pflanzenstengel anzu- kommen, bemüht sich dann, ein Deckelbrett von der Kiste loszu- brechen, und nimmt endlich Stroh zum Hinauslangen nach dem Ziel. Danach erlischt ihr Interesse an der Aufgabe, sie spielt mit Tercera, die ihr Gesellschaft leistet — der Stock am Dach ist wie nicht vor- handen. Als aber nach einer Weile jemand in der Nähe laut ruft und Chica erschreckt auffährt, trifft ihr Blick zufällig gerade auf den Stock; ohne weiteres geht sie auf ihn zu, springt ein paarmal nach ihm und erreicht ihn leider, da in der Nähe eine kleine Bodenerhebung den Sprung erleichtert. Hier fällt (wie bei Sultan) auf, daß der Stock als Werkzeug gesehen und als solches heruntergeholt wird, obwohl einige Zeit vergangen ist, seitdem das Tier sich zuletzt um das Ziel bemühte, — bei Chica beträgt diese Zeit (durch Spiele mit Tercera ausgefüllt) etwa 10 Minuten — und doch tritt die energische Be- mühung um den Stock, als ihr Auge auf ihn trifft, ganz unvermittelt auf, nicht etwa nach erneuter Vergegenwärtigung der Aufgabe durch Anschauung, durch ein Hinblicken nach dem Ziel. Gleich danach wird der Stock an einer andern Stelle des Daches angebracht, wo er sicher nicht im Sprunge erreicht werden kann; die Kiste bleibt, wo sie war, mitten im Raum. — Geradezu unermüdlich springt Chica unter dem Stock, ohne ihn abreißen zu können. Die Kiste kommt währenddessen unzweifelhaft nicht in Zusammenhang mit dem Stab; denn Chica hockt sogar wiederholt auf ihr nieder, wenn ihr der Atem ausgeht, und macht doch nicht die mindeste Bewegung, als wolle sie sie unter den Stock ziehen. Weshalb das nicht geschieht, wird sofort klar, als Tercera, die natürlich die ganze Zeit hindurch gleich- gültig auf der Kiste liegt, aus irgendeinem Grunde heruntersteigt: sofort greift Chica zu, schleppt die Kiste unter den Stock, steigt auf und reißt ihn herunter. Als sie ihn aber jetzt in Händen hält, ist sichtlich für einen Augenblick das Hauptziel entschwunden; denn sie steht einige Sekunden, wie sie von der Kiste heruntergestiegen ist, den Rücken nach dem Gitter (und dem Ziel) gekehrt und sieht rat- los auf den Stock. Doch kehrt die Orientierung wieder, ehe das Tier durch Wahrnehmung dabei unterstützt wird: plötzlich dreht sich Chica schnell um und eilt auch schon — ich möchte sagen, aus der Drehbewegung heraus, jedenfalls so, daß beide Bewegungen unselb- ständige Bestandteile einer und derselben Aktion sind — auf Gitter Kiste und Stab. 129 und Ziel zu. — Man darf kaum annehmen, Chica habe die Kiste schon als Werkzeug (gegenüber dem Zwischenziel Stock) gesehen, solange Tercera noch darauf lag; nach dem sonstigen Verhalten der Tiere zu urteilen, hätte sie in diesem Fall unter großem Bitten und Klagen, unter Ziehen an Händen und Füßen die Freundin zu entfernen ge- sucht, mindestens ein Versuch, die Kiste zu bewegen, wäre auf jeden Fall trotz der Belastung gemacht worden (vgl. auch oben S. 44, wo es sich um eine ähnliche Situation und sogar dieselben beiden Tiere handelt); erst die von Tercera freigegebene Kiste wird über- haupt als Werkzeug gesehen, nicht der Sitz, auf dem jene hockt. — Der Versuch zeigt weiter, daß hartnäckige Bemühung um das Zwi- schenziel, obwohl hervorgerufen durch den Wunsch nach dem Endziel, dieses einigermaßen verdrängen kann, so daß nun nach Verlauf der Nebenhandlung eine Stockung eintritt. Anderseits kann die Ent- i?=» St^b ^ %> Skizze 13. Wicklungsstufe des Schimpansen kaum besser gekennzeichnet werden, als es durch die Art geschieht, wie Chica sich wieder in die Gesamt- aufgabe zurückfindet: Seit geraumer Zeit ist sie auf das Nebenziel konzentriert, wirft dazwischen nicht einmal einen Blick auf das Hauptziel und erlangt dann doch nach einigen Sekunden der Rat- losigkeit wie mit einem Rucke die Orientierung wieder, während sie dem Hauptziel den Rücken zukehrt und nichts Äußeres jenen Ruck veranlassen kann, außer etwa der Stock in ihrer Hand; aber dessen Bild allein ist dazu natürlich auch nicht imstande (vgl. hierzu das Verhalten Sultans in dem Versuch mit der unsichtbaren Kiste S. 37). Köhler. Intelligenzprüfungfn g 130 Umwege über Selbständige Zwischenfälle. Weit merkwürdiger gestaltete sich das Verhältnis von Haupt- und Nebenziel bei der gleichen Prüfung, aber Koko als Versuchstier. (31. 7. 14.) Er ist mit Halsband und Seil wie früher auf einen Kreis von etwa 4 m Radius eingeschränkt, außer Reichweite liegt das Ziel am Boden, über Reichhöhe ist an einer glatten Wand der Stock an- gebracht und die Kiste steht abseits (vgl. Skizze 13). Der Versuch be- ginnt unzweifelhaft als klare Lösung; denn Koko ergreift sofort die Kiste und zieht sie geradeswegs auf den Stock an der Wand zu, dessen Funktion ihm ja genau bekannt ist. Zum Unglück muß er aber auf diesem Wege an dem Ziel vorbei, und als er die Stelle passiert, wo dieses seitlich am Boden liegt, biegt er plötzlich in scharfem Winkel von seiner geraden und gar nicht mißzuverstehenden Bahn ab, auf das Ziel zu und benutzt die Kiste als eine Art Stock, indem er ihr ferneres Ende auf die Früchte fallen läßt und dann zieht; er hat sogar Erfolg mit dieser Methode. — Bei Wiederholung des Ver- suches geschieht genau dasselbe: Wieder wird die Kiste aus ihrer Anfangslage auf geradem Wege dem Stocke zu befördert, und dabei der Sinn der Tätigkeit noch durch fortwährendes Hinblicken nach diesem Zwischenziel deutlich genug angegeben; beim Passieren der Endzielregion aber scheint das Tier geradezu seitlich fort und nach dem Endziel hingedreht zu werden, während von diesem IMoment an der Stock an der Wand durchaus keine Beachtung mehr findet. Am folgenden Tage entwickelt sich das beschriebene Verhalten zu einer Torheit der von Sultan her bekannten Art. Die abermals im Anfang richtig auf den Stock zu geschleppte Kiste kann nicht am Endziel vorbeigebracht werden, sondern Koko wird wie vorher auf dieses hin abgelenkt; anstatt sie aber als Stock zu verwenden, was noch durchaus sinnvoll ist, schiebt er sie jetzt möglichst auf das Ziel zu, steigt darauf und bemüht sich, oben hockend anzukommen, als handle es sich um ein hoch angebrachtes Ziel, während doch in der vorliegenden Situation die Kiste nur als Hindernis wirkt, das Tier noch mehr vom Ziel entfernt. Indessen wird die vollkommene Tor- heit, wirkliches Besteigen und Greifen nach dem Ziel, nur für Augen- blicke vollzogen, und das Interesse wendet sich von neuem dem Stock an der Wand zu. Nachdem aber einmal die Kiste auf den Ab- weg gekommen ist, bleibt sie, anscheinend an das Endziel gebannt, stehen; wenigstens gibt sich Koko die größte Mühe, den Stab zu erreichen, ohne daß doch dabei die Kiste in Funktion käme. — Be- sonders gegenüber dem Versuchsanfang wirkt dies Verhalten so über- raschend, daß geprüft werden maß, ob vielleicht die Kistenfunktion wie schon früher einmal plötzlich verlorengegangen ist, — Der Stock wird entfernt, an seine Stelle das Endziel gebracht: Koko reckt sich KuRzscHLtrss. 131 einen Augenblick nach diesem auf, holt dann schnell die Kiste heran, steigt hinauf, kommt nicht gut an, springt hinunter, korrigiert sehr schön und sicher die Stellung, steigt abermals hinauf und erreicht das Ziel, — Danach konnte die Kiste nur eben nicht von dem End- oder Hauptziel loskommen, ebensowenig wie vorher an ihm vorbei, obwohl sie da sogar schon auf dem Wege zum Nebenziel war. Denn ganz und gar muß die Deutung ausgeschlossen werden, als verstehe Koko die Kiste nur gegenüber Früchten, nicht auch andern Zielen gegenüber zu verwenden; schon der Anfang des Versuches, wo ja die Situation sofort im Sinne „Kiste unter den Stock setzen!" wirkt, zeigt klar, daß die Schwierigkeit so äußerlicher Art nicht ist : Es muß vielmehr auf die „Wertigkeit" von End- und Nebenziel im Ver- hältnis zueinander ankommen, derart, daß das ,, stärkere" Endziel die Nebenaktion nach dem „schwächeren" Nebenziel hin von diesem ab und auf sich selbst zu lenkt, während der richtige, aber sehr in- direkte Weg über das Nebenziel zum Endziel zwar aufkommen kann (erster Versuchsanfang), aber in dem Augenblick wie durch Kurz- schlußwirkung zerstört wird, wo (beim Passieren der Endzielregion) das Hauptziel gefährlich nahe ist^). — In dem oben beschriebenen Versuch mit Rana wird der kurze, unmittelbar verfügbare Stock so absolut an das Endziel gefesselt, daß er für das Nebenziel auch nicht einen Augenblick frei ist; dem entspricht hier, daß die Kiste gegen- über dem Ziel wie beschlagnahmt stehenbleibt, während Koko sich vergeblich nach dem Stock an der Wand aufreckt. (Auch Rana greift nach dem langen Stabe nur mit der freien Hand.) (6, 8.) Wieder verläuft der Versuch im Anfang ähnlich; die Kiste wird dem Endziel möglichst genähert und als Stock benutzt, für Augenblicke auch sinnloserweise bestiegen, nachdem das Tier erst durch Mißerfolge in Wut geraten ist. Die Erregung wird allmählich immer größer, Koko geht dazu über, die Kiste nach Kräften zu prügeln und zu stoßen; dann läßt er sie wieder und wendet sich dem Stock an der Wand zu. Nachdem er sich mehrmals vergeblich hinauf- gereckt hat — die Kiste hängt am Endziel oder der kritischen Distanz fest wie früher — , stellt er schließlich die Arbeit ganz ein. Da der Versuch als aussichtslos erscheint, wird er für einige Minuten unter- brochen und Koko währenddessen allein gelassen. Als der Beob- achter wiederkehrt, steht die Kiste unter dem Nagel, der den Stock an der Wand festhielt, der Stock liegt am Boden, dort wo vorher das Ziel war, und dieses verschwindet gerade in Kokos Mund, — So- fort wird die ursprüngliche Situation wiederhergestellt, und Koko 1) Schon in der Einleitung machte ich auf die theoretische Wichtigkeit von Fehlern aufmerksam. 132 Umwege über SEi.BSTÄ>nDiGE Zwischenfälle. löst die Aufgabe, ohne einen Moment zu zaudern oder wie früher abzuirren. — Das ist der zweite Versuch, wo ich nach langem Warten gerade die Lösung nicht gesehen habe. Daß diese im vorliegenden Fall später oder früher einmal gelingen würde, war nach dem Ver- suchsbeginn mit Sicherheit zu erwarten; und da Koko während der Zeit meiner Abwesenheit (etwa 3 Minuten) vollkommen isoliert war, muß er ohne äußere Hilfe auf die Lösung gekommen sein; überdies zeigt die Wiederholung, daß das Verfahren nunmehr durchaus klar beherrscht wird, Tags zuvor war eine Art Umkehruiig des Versuchs ohne weiteres geglückt: Das Ziel hängt an der Wand, ein Stock liegt in der Nähe, eine Kiste steht außer Reich- weite. Da Kokos Arme recht schwach sind, gelingt es ihm nicht, mit dem Stab das Ziel herunterzuschlagen; deshalb geht er nach einer Weile mit dem Stock auf die Kiste los, greift sorgfältig mit der Spitze des Stabes in die (nach oben offene) Kiste hinein, wirft sie nach sich zu um, so daß er nun mit den Fingerspitzen ankommt, zieht sie heran, bringt sie unter das Ziel usw. Bemüht man sich, den Umweg durch noch mehr Xebenaktionen weiter zu erschweren, so wird die Tendenz, aus dem Umweg heraus auf direktere Wege oder wenigstens direktere Richtungen abzugleiten, naturgemäß noch stärker. Die Anordnung bleibt dieselbe, nur wird die Kiste mit Steinen ge- füllt. Sultan (II. 5.) sucht einen Augenblick im Raum umher, wird auf den Stock am Dach aufmerksam, sieht ihn starr an, geht zur Kiste und zieht sie mit aller Kraft auf den Stab zu. Da sie kaum von der Stelle kommt, bückt er sich, schaut zur Seite hinein, nimmt einen Stein heraus, trägt ihn unter den Stab, stellt den Block auf- recht an die Wand, besteigt ihn aber nach einem Blick hinauf doch nicht., (Hier ist der Stein, der nur aus dem Ziel dritter Klasse [der Kiste] heraussollte, von dem nächstübergeordneten angezogen wor- den; in diesem Fall bleibt die Abkürzung sinnvoll.) Gleich darauf sclileppt er denselben Stein ans Gitter, dem Endziel gegenüber, und sucht ihn zwischen den Stäben hindurchzuschieben; offenbar soll der Stein in Stabfunktion verwendet werden; aber wenn schon sonst der Form und Länge nach tauglich, geht er doch nicht durch das Gitter hindurch. — Der weitere Verlauf ist dann klar und einfach: Sultan wendet sich wieder der Kiste zu, nimmt einen weiteren Stein heraus, zieht die noch immer (von zwei Blöcken) beschwerte mit Mühe unter den Stock, stellt sie steil, wobei die letzten Steine zufällig heraus- fallen, nimmt den Stock ab, kommt sofort mit ihm ans Gitter und erreicht das Ziel. — Dasselbe wäre von vornherein geschehen, wenn nicht die kürzeren, aber weniger guten Wege sich so leicht ausbil- deten und dabei den guten, aber allzu indirekten Umweg wenigstens zeitweilig zerstörten. Zustand der höheren Psychologie. 133 Im ganzen entsteht der Eindruck, als wäre ein Fortschreiten in der Richtung dieser Versuche nicht angebracht: Konnte man in den angeführten Beispielen noch übersehen, was mit den Tieren vorging, so würde doch eine weitere Komplizierung dieser Art vermutlich zu einem Abirren nach dem andern führen und so am Ende veranlassen, daß das beobachtete Verhalten von einem bloßen Herumprobieren nur schwer zu unterscheiden wäre. Hat man erst viele Intelligenz- prüfungen an den Schimpansen vorgenommen, so lernt man dies un- klare Grenzgebiet mit einer wahren Scheu vermeiden. 7. „Z U F A L L" UND „N A C H A H M U N G". Die bisher beschriebenen Versuche zeigen im allgemeinen einen recht einfachen und der Form nach gleichartigen Verlauf. Da die des nächstfolgenden Kapitels etwas anderer Art sind, erscheint es angebracht, schon vorher gewisse Betrachtungen anzustellen, welche Sinn und Tatsachenwert des Mitgeteilten gegen geläufige Einwände schützen. Dergleichen wäre nicht nötig, wenn es sich hier um Fest- stellungen einer hochentwickelten Erfahrungswissenschaft wie der Physik handelte, in der der Sinn von Beobachtungsgruppen nicht lange vollkommen strittig bleiben kann: Fest und klar steht ein System nicht mehr verlierbaren Wissens da, mit welchem so oder so das Neue sich zusammenschließen muß. Niemand kann verkennen, daß wir in der höheren Psychologie von einem so glücklichen Zu- stande weit entfernt sind. Anstatt einigermaßen reichen und sicheren Wissens sehen wir hier sehr allgemein gehaltene und ihrem Sinn nach zumeist recht ungefähre Theorien entwickelt, die mit Strenge bis ins einzelne auf einen vorliegenden Fall anzuwenden selbst dem An- hänger nicht leicht befriedigend gelingt. Um so energischer ist der Anspruch einer jeden von diesen Meinungen, sie enthalte das Deu- tungsprinzip für sehr ausgedehnte Erscheinungsgebiete, und der lockere Zusammenhang mit der konkreten Erfahrung, damit eben das Ungefähre der Behauptungen, erschweren es auf das äußerste, durch Feststellung von Tatsachen einen Streit zu entscheiden, der fast noch ein Glaubenskampf ist. Dabei kann es nicht fehlen, daß der Wert solcher tatsächlicher Feststellungen im Kurse sinkt: Sie sind alle zu singulär, zu individuell, als daß sich die Aufmerksamkeit von allgemeinsten Prinzipien ihnen sollte länger zuwenden können. Zugleich sorgt das Ungefähre dieser Prinzipien auf der einen, die Schwierigkeit einer wirklich zuverlässigen Beobachtung auf der an- dern Seite dafür, daß fast ein jeder jedes erklären kann. Ist also an 134 „ZuFALi." UND „Nachahmung". sich das Interesse an den allgemeinen Behauptungen schon größer als an den Tatsachen, so müssen diese unter solchen Umständen schließlich wie wertlos erscheinen; sie lassen sich ja doch beliebig deuten. In dieser Schrift soll keine Theorie einsichtigen Verhaltens ent- wickelt werden. Da aber zu entscheiden ist, ob beim Schimpansen einsichtiges \^erhalten überhaupt vorkommt, so müssen zum min- desten Deutungen diskutiert werden, die nicht angenommen werden könnten, ohne daß zugleich die Beobachtungen jeden Wert für die aufgeworfene Frage verlören. Wenigstens einer ganz willkürlichen Behandlung des Mitgeteilten wird damit vorgebeugt, der unmittel- bare Sinn der Versuche tritt sozusagen fester und widerstandsfähiger hervor, und ^ielleicht wird es einmal möglich, ihn von sich aus gelten zu lassen, anstatt ihn gleich in dem Lösungsmittel allgemeiner und ungefährer Prinzipien zum Verschwinden zu bringen. Eine schon früher erwähnte Deutung besagt: Da das Tier die Lö- sung der Aufgabe in der allgemeinen Form eines ,,Umweg\'erhaltens" vorbringt, das es nicht als feste Reaktion für jeden einzelnen Fall in den ursprünglichen Anlagen der Art mitbekommen hat, so er- wirbt es selbstverständlich die neue komplexe Verhaltensweise. Die einzige mögliche Entstehungsweise hierfür ist die aus Bruchstücken, Teilen des Verlaufes, die einzeln dem Tier ohnehin natürlich sind; solche ,, natürliche" Impulse geschehen vdele, eine gewisse Auswahl unter ihnen, die im Spiel des Zufalls auch einmal vorkommt, stellt aneinandergereiht den wirklichen Verlauf dar, und da der praktische Erfolg oder der ihm entsprechende angenehme Gefühlszustand in noch nicht näher erklärter Weise die Wirkung hat, die vorausgehen- den Aktionen in späteren Fällen ähnlicher Art reproduzierbar zu machen, so ist mit der Entstehung ancli die \^'iederholbarkeit solcher Leistungen erklärt. Wie bei den meisten dieser allgemeinen Theorien ist hiermit für manche Fälle in der Tierpsychologie sicherlich etwas geleistet. Wo man angesichts der Erfahrung zweifeln könnte, pflegen zwei Hilfs- prinzipien hinzugezogen zu werden: Nach dem ei-sten muß die all- gemeine Durchführung einer sonst so bewährten Theorie der An- erkennung widerstrebender Tatsachen und der Ausbildung ent- sprechender neuer Gedanken vorgezogen werden, und zwar der wissenschaftlichen Sparsamkeit zuliebe. Nach dem zweiten wäre die Neuentstehung eines solchen \''erhaltens als Ganzen, auf direktem Wege aus der Situation heraus, geradezu ein Wunder, welches, als den Grundlagen unseres naturwissenschaftlichen Erkennens \Aider- sprechend, a limine auszuschließen sei. — Eine nähere Erörterung Zufallstheorie. 135 dieser Hilfssätze muß hier unterbleiben. Der zweite behauptet die Unlösbarkeit einer wissenschaftlichen Aufgabe, deren Lösung noch niemand recht versucht hat : Weshalb so ängstlich ? Der erste drückt das (gegenwärtig sehr verbreitete) Mißverständnis eines richtigen er- kenntnistheoretischen Satzes aus, nach welchem ein dem Abschluß nahes (also halbideales) wissenschaftliches System sich auf die knappste Form, die strengste Einheitlichkeit zusammenzieht. Beide Sätze haben kein Kontrollrecht gegenüber der Erfahrung, und wo es zu einem Gegeneinander mit Beobachtungen kommt, da weichen jene aus, nicht diese. Wie man sieht, enthält der angeführte erkenntnistheoretische Satz gar nichts da- von, daß eine Wissenschaft im Alter von wenigen Jahrzehnten um jeden Preis mit dem Minimum von Gesichtspunkten auskommen soll, das sie in dieser frühesten Jugend schon gewonnen hat; auch nähert man sich wirklich jenem Idealzustand keineswegs am schnellsten, wenn man gewaltsam den ,, kürzesten" Weg zum Einheitsziel erzwingen will, nämlich arme Anfänge zu endgültigen Prinzipien proklamiert, und den Tat- sachen schuldig bleibt, was man in der Theorie spart. 1) Es handelt sich nunmehr darum, den Inhalt der angeführten Theorie in einer Form darzustellen, die ihr Verhältnis zu den mitgeteilten Intelligenzprüfungen so klar wie möglich hervortreten läßt. Die Bruchstücke der „Lösung", die das Tier der Theorie nach auch „natürlicherweise" und durch Zufall produziert, seien a, b, c, d, e; außer diesen und zwischen ihnen (auch ohne sie) treten im allge- meinen beliebige andere F, Y, K, R, D usw. in buntem Durchein- ander auf. Erste Frage: Wird a zurückgelegt mit Rücksicht darauf, daß b, c, d, e hinterdreinkommen soll und so alle zusammen eine Verlaufs- kurve ergeben, die dem sachlichen Aufbau der Situation adäquat ist ? Keineswegs, denn indem a auftritt, hat es mit den b, c, d, e ebenso- wenig zu tun wie mit F, Y, K usw., die auf a ebensogut folgen können und es im allgemeinen auch in beliebiger Permutation tun werden; die Succession wird ja als so zufällig angesehen wie die der Gewinn- zahlen im Roulette. Was von a gilt, ist sofort auf alle übrigen „na- türlichen" Bruchstücke zu übertragen: sie alle sind — mit einer Ausdrucks weise, die sich über das Niveau einer bloßen Analogie er- heben läßt und das ganze Problem in Zusammenhang mit dem zweiten Hauptsatz der Thermod^aiamik bringt — vollkommen inkohä- rent, stellen in etwas vergrößertem Maßstab einen Fall ,,moleku- larer Unordnung" dar. Wird daran das mindeste geändert, so ist der Sinn der Theorie verletzt. Zweite Frage: Wenn das Tier später den Verlauf a, b, c, d, e als Leistung erworben hat, beginnt es dann mit a, läßt es auf a sofort 1) Vgl. hierzu ,, Nachweis einfacher Strukturfunktionen usw." Abh. d. Preuß. Akad. d. Wiss. 1918, Phys.-math. Kl. Nr. 2, S. 40!. 136 ,, Zufall" und ,, Nachahmung". befolgen usw., weil diese Teile in dieser Aufeinanderfolge als Ganzes der sachlichen Situationsstruktur entsprechen? Unzweifelhaft nicht: Es geht von a zu b über usw., nur weil aus seinem Vorleben nach- wirkende Bedingungen es zwingen, auf das a das b folgen zu lassen, auf b dann c usw. Danach ist die einzige Art, wie nach dieser Theorie die sachlichen Umstände der Situation, ihr Aufbau, bei Entstehung des neuen Ver- haltens wirken, ein rein äußerliches Zusammentreffen der objektiven Umstände und des zufällig bewegten tierischen Körpers; die Situation wirkt, grob gesagt, wie ein Sieb, das nur manches von dem hindurch- läßt, was daraufgeworfen wird. Sieht man von dieser für unsern Zu- sammenhang nicht sehr interessanten Wirkung der objektiven vSi- tuationsteile ab, so ergibt sich: Nichts von dem Verhalten des Tieres erfolgt hier von vornherein aus sachlichen Bezügen der Situationsglieder zueinander, der Aufbau dieser Si- tuation an sich hat keinerlei Kraft, ihm gemäßes Ver- halten direkt zu veranlassen. Eine durch die Situation unmittelbar veranlaßte Einschränkung der „natürlichen" Reaktionen hat man nach der Theorie anzuerkennen: einen Drang, sich in der un- gefähren Zielrichtung zu halten*). Um dieses gewöhnlich als Instinktäußerung be- zeichnete Grundmotiv spielen die wirklichen Einzelbewegungen herum, deren räum- licher Bereich dadurch enger wird, ohne daß im übrigen an der Zufälligkeit etwas geändert würde. Da die gerade Richtung zum Ziel (im wörtlichen Sinn) bei Prü- fungen wie den hier angestellten noch nicht viel leistet, oft sogar der Situation in- adäquat ist, so brauche ich auf diesen Punkt nicht näher einzugehen, solange es sich nicht um positive Theoriebildung handelt. An und für sich ist die Tatsache wichtig genug, schon deshalb, weil sie ein dem Zufallsprinzip vollkommen fremdes Zusatz- moment bedeutet, das sich unter dem harmlosen Namen ,, Instinktimpuls" verbirgt. (Vgl. über diese primäre Aktionsrichtung S. öjff.) Ich habe bereits zu Beginn angegeben, wie im Fall des Umweg- versuches ein Verlauf, der aus zufälligen Bruchstücken äußerlich zu einem Erfolg summiert ist, sich für die Beobachtung scharf unter- scheidet von „echten Lösungen". Für diese ist der gestreckte, in sich geschlossene Verlauf, wolil gar durch ein abruptes Einsetzen von dem Vorhergehenden scharf getrennt, in der Regel äußerst charakteristisch. Zugleich entspricht dieser Verlauf als Ganzes dem Aufbau der Situation, den sachlichen Beziehungen ihrer Glieder zu- einander. So hat man z. B. : Ziel hinter so geformtem Hindernis auf freiem Grunde — Plötzliches Einsetzen der stockungsfreien und glatten Bewegung durch die entsprechende Lösungskurve. Der Ein- druck ist zwingend, daß diese Kurve als Ganzes auftritt, und von vornherein als Produkt optischer Übersicht über den gesamten Si- tuationsaufbau. (Die Schimpansen, deren Gebaren ja ungleich spre- chender ist als das etwa von Hühnern, erweisen eigens durch ihr *) Bei Geruchstieren: im maximalen Gefälle des ,, Geruchsfeldes". Sachliche Struktur. 137 Blicken, daß sie wirklich zunächst eine Art Bestandaufnahme der Situation vornehmen; aus dieser Übersicht springt dann das „Lö- sungsverhalten" hervor.) Wir wissen bei uns selber scharf zu scheiden zwischen einem Ver- halten, das von vornherein der Rücksicht auf die Situationseigen- schaften entspringt, und einem andern ohne dies Merkmal. Nur im ersteren Fall sprechen wir von Einsicht, und nur dasjenige Verhalten von Tieren erscheint uns auch als zwingend einsichtig, das in ge- schlossenem glatten Verlauf von vornherein dem Situationsaufbau, der gesamten Feldgestaltung gerecht wird. Danach ist dieses Merk- mal: Entstehen der Gesamtlösung in Rücksicht auf die Feldstruktur als Kriterium der Einsicht anzusetzen. Der Gegen- satz zu der oben angeführten Theorie ist absolut: Waren dort die „natürlichen Teile" unter sich und mit dem Situationsaufbau in- kohärent, so wird hier durchaus Zusammenhangt) der „Lösungs- kurve" in sich und mit der optisch gegebenen Situationsgesamtheit gefordert. Wer geneigt ist, die vorstehenden Ausführungen als umständlich vorgetragene Trivialitäten anzusehen, den kann ich nur auffordern, die Literatur zur Psychologie von Mensch und Tier ein wenig zu durchblättern. Diese Trivialitäten verdienen eine gründliche Unterstreichung; denn erstens werden sie keineswegs immer klar erfaßt, sondern vielfach nur durch einen Schleier von allgemeinen Prinzipien gesehen^), und zweitens gilt der letzte Teil, Einsicht betreffend, manchen Forschern nicht als selbst- verständlich, sondern als eine Art Wunderglauben. Ein solcher soll hier durchaus nicht vorbereitet werden, und nichts von dem Gesagten erfordert ihn im mindesten. Wie man es sich zu denken hat, daß die Feldstruktur im ganzen, die Beziehungen der Situationsglieder zueinander usw. für eine Lö- sung maßgebend werden, gehört in die Theorie; hier ist nur auszu- schließen, daß das beobachtete Verhalten der Tiere nach jener Auf- fassung gedeutet werde, nach welcher die Lösung ohne Rücksicht auf den Situationsaufbau, aus zufälligen Teilen, also uneinsichtig zu- stande kommen müßte. In den Versuchsbeschreibungen dürfte klar genug hervorgetreten sein, daß es für eine Deutung in dieser Richtung an dem notwendig- sten, nämlich einer Zusammensetzung der Lösungen aus zufälligen Teilen fehlt. Der Schimpanse hat überhaupt nicht die Eigenheit, wenn er in die Versuchssituation eintritt, beliebige zufällige Be- 1) Die Physiker haben kein Wort, das hier ganz paßte. ,, Kohärenz" (positiv) wird nicht gern außerhalb der Lehre von den Schwingungsvorgängen gebraucht. 2) E. Wasmann (z. B. Die psychischen Fähigkeiten der Ameisen. 2. Aufl. 1909. S. io8ff., bes. S. 108, Anm. 2) hat den Kontrast scharf hervorgehoben. Doch leugnet er einsichtiges Verhalten bei Tieren absolut und deutet weiter eine logizistische Theorie des einsichtigen Verhaltens (Intelligenz) beim Menschen an, die ich ablehnen muß. — O. Selz (Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs 1, 191 3) behandelt das reproduktive Denken des Menschen von einem dem meinigen recht verwandten Standpunkt aus. 138 , .Zufall" und „Nachahmung". wegungen zu machen, aus denen sich unter anderm eine unechte Lösung addieren könnte; man sieht sehr selten, daß er im Versuch etwas vornimmt, was gegenüber der Situation an sich zufäUig wäre, es müßte sonst das Interesse vom Ziel fort und auf andere Dinge hingelenkt sein. Solange die Bemühung um das Ziel andauert, pflegen vielmehr — wie beim Menschen in ähnlicher Lage — alle vonein- ander ohne weiteres abscheidbaren Verhaltensetappen in sich ge- schlossene Lösungsversuche zu sein, deren jedem die zufällig anein- andergereihten Teile fehlen, und vorzüglich gilt das von der zum Ziel führenden Lösung selbst: Oft zwar folgt diese auf eine Spanne der Ratlosigkeit oder der Ruhe (nicht selten des Überschauhaltens), aber in den als echt und beweisend angesehenen Fällen kommt sie nie in einem Durcheinander blinder Impulse, sondern als eine in sich geschlossene, stetige Handlung zustande, deren nurgedankeu- mäßig vom Beschauer zu isolierende Teile realiter sicher nicht un- abhängig voneinander auftreten. Daß aber in einer so großen Anzahl von „echten" Fällen, wie beschrieben wurden, gleich diese der Si- tuation adäquaten Verhaltenscinheiten als ganze und doch aus bloßem Zufall auftreten sollten, ist eine ganz unstatthafte Annahme, die gerade auch die Theorie nicht machen darf, ohne aufzugeben, was sie selbst für ihr I\Ieritum hält. An mir selbst und an andern habe ich gesehen, daß besonders aufklärend über den Schimpansen die erwähnten Pausen der Ruhe wirken. Ein hiesiger Fachgenosse kam, wie die meisten von dem allgemeinen Wert jeuer Theorie für die Tierpsycho- logie überzeugt, um die Anthropoiden zu sehen. Ich wählte Sultan als Versuchstier für eine Demonstration. Er machte einen Lösung.s versuch, einen zweiten und dritten; aber nichts machte auf den Besucher so großen Eindruck wie danach eine Pause, in der Sultan langsam seinen Kopf kratzte und übrigens nichts bewegte als die Augen und leise den Kopf, während er die Situation ringsum auf das genaueste betrachtete. — Auf Fragen wie diese kann man am besten Antwort geben, wenn man das, was für die vorliegenden Fälle allgemein behauptet wird, eigens zur Beobachtung bringt und sich damit durch Anschauung zum Urteil befähigter macht. Für eine solche Prüfung taugliches Verhalten der Tiere ist im Rahmen der Versuche ja vorgekommen, als es sich um Kistenbauten handelte. Hier ergab sich in der en bloc genommen klaren Lösungsrichtung ,, Höhere Kiste darüber" ein im übrigen so gut wie vollkommen uneinsichtiges Hin und Her mit einer Zufallslösung als Endresultat; das geschah so oft und bei allen geprüften Tieren so übereinstimmend, daß ich behaupten kann, die von jener Theorie allgemein angesetzte Verlaufsart genau zu kennen. Um so nachdrücklicher ist zu betonen, daß zwischen die- sem offenbar vom Zufall beherrschten Gebaren und dem als echt beschriebenen Verhalten in klaren Lösungen der „ZüFAH" UND „ECHTE LÖSUNG". 139 schärfste Gegensatz besteht. Noch dazu haben jene Versuchs- beschreibungen gezeigt, wie ungern sich der Schimpanse zunächst auf ein Verfahren einläßt, dessen allgemeiner Umriß ihm als echte Lösung kommt, dessen nähere Ausführung er aber so gut wie ganz probierend, also dem Zufall überlassen, versuchen muß; und so wären die Tiere auch auf derartiges Probieren gar nicht geraten, wenn nicht ein im Groben echter Lösungsversuch sie in eine Lage gebracht hätte, deren spezielleren Bedingungen sie dann nicht gewachsen waren. Insofern widerspricht die Tatsache, daß die Tiere hier einmal blinde Bewegungen machen, durchaus nicht der Behauptung, daß in der Regel und bei vernünftigen Versuchsbedingungen i) so zufälliges Im- pulsdurcheinander überhaupt nicht beobachtet wird. Wo in den Versuchen der Zufall die Lösung hervorgerufen oder begünstigt haben könnte, ist das angegeben. Bei komplexen Ver- suchsbedingungen (z. B. im folgenden Kapitel) kommen solche Fälle häufiger vor, doch muß von vornherein bemerkt werden, daß selbst dann noch der Verlauf nicht recht jener theoretischen Deutung ent- spricht. Erstens läßt sich nietet immer verhindern, daß das Tier in der Situation eine Lösung versucht, die zwar nicht zum Erfolg führt, aber doch einen Sinn ihr gegenüber hat; das Probieren besteht dann in Lösungsversuchen gegenüber der halb verstandenen Situation; aus ihnen kann sich leicht durch einen Zufall die wirkliche Lösung ent- wickeln, d. h. nicht aus zufälligen Impulsen, sondern aus Handlungen, die durch ihren sinnvollen Kern dem Zufall stark nachhelfen. Zwei- tens kann der glückliche Zufall bei einer Handlung eintreten, die mit dem Ziel gar nichts zu tun hat. Auch hier pflegt es sich nicht um einen sinnlosen Impuls zu handeln — solche produziert, wie gesagt, der Schimpanse höchstens in Zwangslagen — , sondern um irgend- eine Art sinnvoller Betätigung, wenn schon nicht gegenüber dem Ziel. So geht es vermutlich her, als Sultan das Zweistockverfahren entdeckt; sein Spielen dabei wird nur ein Philister „sinnlose Im- pulse" nennen, weil es keinen praktischen Zweck verfolgt. — In beiden Fällen ist gar nicht das Wichtigste, daß überhaupt ein Zu- fall mitgewirkt hat, sondern was weiter aus dem Versuche wird; denn wir wissen ja vom Menschen her, daß auch ein Zufallserfolg sehr wohl hinterdrein zu einsichtiger Weiterarbeit (eventuell Wieder- holung) führen kann, z. B. bei wissenschaftlichen Entdeckungen (vgl, Oerstedt: Strom und Magnetnadel). So ist das Verhalten Sultans, nachdem er einmal die gewohnte Spielerei „Stab in Loch stecken" mit den beiden Rohren ausgeführt hat, von diesem Augen- ^) Der Fragestellung gemäß werden die Anordnungen möglichst so getroffen, daß nicht leicht Zufallslösungen auftreten können. 140 „Zufall" und ,, Nachahmung". blick an genau dasselbe, als hätte er das neue Verfahren in vollkommen echter Lösung gegenüber dem Ziel gefunden ; er braucht weiterhin die Doppelrohrtechnik unzweifelhaft einsichtig, und jener Zufall scheint nur wie eine allerdings sehr starke Hilfe gewirkt zu haben, die sofort zum „Verstehen" führte. Wer nicht genau zusieht, könnte schließlich noch die mehrmals er- wähnten groben Torheiten der Tiere als Beweisstücke dafür anführen, daß der Schimpanse doch sinnlose Akte vollbringt, aus deren zu- fälliger Aneinanderreihung wohl einmal unechte Lösungen hervor- gehen dürften. Der Schimpanse begeht drei Arten von Fehlern: i. Gute Fehler, von denen unten noch die Rede ist; hierbei macht das Tier nicht eigentlich einen törichten, sondern fast einen günstigen Eindruck, wenn der Beobachter nur erst von der Einstellung auf Menschen- ähnlichkeit schlechthin abgekommen ist und sich allein auf die Eigen- natur des beobachteten Verhaltens selbst richtet. — 2. Fehler aus vollkommenem Nichtverstehen gegenüber den Bedin- gungen der Aufgabe; so etwas sieht man, wenn die Tiere beim Aufstellen einer höheren Kiste diese aus einer statisch guten in eine statisch schlechtere Lage bringen ; der Eindruck, der in solchen Fällen entsteht, ist der einer gewissen unschuldigen Beschränktheit. — 3. Grobe Gewöhnungstorheiten unter Umständen, die das Tier eigentlich übersehen könnte (z. B. Kiste ans Gitter schleppen — Sultan); der Eindruck, den dieses \'crhalten hervorruft, ist geradezu widerwärtig, man möchte fast sagen, beleidigend. Um die dritte Klasse handelt es sich hier, und man erkennt leicht, daß diese Fehler zur Bestätigung der vorgesclilagenen Theorie durch- aus nicht geeignet sind. Niemals kommt ein Verhalten dieser Art vor, wenn nicht zuvor und oft auf dem betreffenden Wege eine wirkliche, echte Lösung erfolgt ist. Diese Dummheiten sind nicht zufällige ,, natürliche" Bruchstücke, aus denen sich primär Schein- lösungen ergeben könnten — ich \\'üßte keinen Fall, wo diese Auf- fassung auch nur möglich wäre — , sondern Nachwirkungen früherer echter Lösungen, die häufig wiederholt wurden und damit eine Tendenz erwarben, in späteren Versuchen sekundär ohne viel Rücksicht auf die spezielle Situation aufzutreten. \'or- bedingung für solche Fehler scheinen Zustände wie Schläfrigkeit, Ermüdung, Verschnupftheit, aber auch Aufregung zu sein. Als Bei- spiel: Einem Schimpansen, der der ersten Prüfung überhaupt unter- worfen wird, und zwar das jenseits eines Gitters liegende Ziel nicht ohne Werkzeug erreichen kann, wird niemals der „Zufallsimpuls" kommen, eine Kiste ans Gitter zu schleppen und wohl gar darauf- Fehlerarten. 141 zusteigen. Dagegen läßt sich zeigen, daß in der Tat durch fortwäh- rende Wiederholung eines ursprünglich echt gelösten Versuches und die entsprechende Mechanisierung des Verfahrens solche Torheiten begünstigt werden. Nicht selten führte ich interessierten Besuchern ein Experiment vor und wählte der Einfachheit halber zumeist das öffnen einer Tür, vor deren Angeln draußen das Ziel hängt. Nach- dem die Tiere vielleicht zwanzigmal (seit dem ursprünglichen Ver- such) die Lösung an einer und derselben Stelle durchgeführt hatten, zeigte sich eine gewisse Tendenz, hoch angebrachte Ziele in der be- treffenden Gegend auch dann mit Hilfe der Tür herabzuholen, wenn eigentlich andere Methoden näher lagen und die Verwendung der Tür erschwert oder praktisch unmöglich gemacht war. Falls aber andere Lösungsversuche auftraten, so standen sie nun gewissermaßen unter dem Einfluß oder der Anziehungskraft der Tür, und Chica z. B. machte aus dem Springstockverfahren, das sie in seiner reinen Form vollkommen beherrscht, ganz unnötigerweise eine Kombination von Tür- und Springstockverfahren, die durchaus nicht als Verbesserung wirkte. Ehe die Tür zum erstenmal für einsichtige Verwendung in Betracht gekommen war, hatten sich die Schimpansen in keinem Versuch um sie gekümmert, auch wenn er sich ihr gegenüber ab- spielte. — Ursprünglich sehr hochwertige Prozesse haben hiernach die unangenehme Eigenschaft, durch häufige Wiederholung auf ein niedrigeres Niveau herabzusinken. Diese sekundäre „Selbst- dressur" wird gewöhnlich als ein Vorgang von eminenter ökono- mischer Bedeutung angesehen, und sie kann es wohl auch bei Mensch und Anthropoide sein. Aber man sollte nie vergessen, welche er- schreckende Ähnlichkeit mit den hier beschriebenen groben Gewöh- nungstorheiten der Schimpansen gewisse leere und blinde Wieder- holungen von moralischen, politischen und sonstigen Sätzen zeigen. Auch die waren alle einmal mehr, nämlich die „Lösung" in einer stark gefühlten oder gedachten Situation; später aber kommt es auf die Situation nicht so genau mehr an, auf den inneren Sinn auch nicht. Damit dürfte genügend klargestellt sein, daß diese sinnlose Repro- duktion ursprünglich echter und guter Lösungen durchaus nichts mit der theoriegemäßen zufälhgen und wirren Produktion „natürlicher" Impulse zu tun hat. Im übrigen halte ich es für das Beste, die vollständige Liste der Torheiten einfach vorzulegen : 1. Sultan baut zwei Kisten übereinander, wo vorher das Ziel war, nicht wo es eben hängt; das Tier ist vollkommen erschöpft (8. 2. 14). 2. Sultan schleppt eine Kiste an die Gitterstelle, der das Ziel draußen gegenüber- liegt, und dreht sinnlos bald die, bald jene Fläche nach dem Gitter (oder nach, oben?); 142 „Zufall" und ,,Nachahjiung". holt mehr Kisteu und setzt wie zum Bauen an. Seit etwa vier Wochen hat das Tier fortwährend Versuche mit Kisten gemacht; die Hälfte der Schuld fällt auf den Ver- suchsleiter (19. 2. 14). 3. Sultan im gleichen Versuch zieht den Beobachter heran und steigt auf seinen Rücken, als wäre das Ziel hoch angebracht ; er springt sofort wieder herab und läßt die oben S. 102 beschriebene Lösung folgen (19. 2. 14). 4. Sultan schleppt eine Kiste ans Gitter, dem draußen das Ziel gegenüberliegt (20. 4. 14). 5. Grande begeht die gleiche Torheit {14. 5. 14). 6. Grande (fernes Ziel jenseits des Gitters) schleppt iu ihrem Raum sinnlos Steine hin und her, in Nachwirkung wiederholter Versuche, in der ihr Steine als Schemel dienten, und zwar in demselben Raum (19. 6. 14). 7. Koko schiebt die Kiste in Richtung entfernter Früchte und braucht sie dabei vorübergehend nicht als Stock (wie Tags zuvor), sondern als Schemel; das Tier ist sehr aufgeregt (i. 8. 14). 8. Koko macht die gleiche Torheit in großem Ärger (6. 8. 14). Angedeutet wird etwas Ähnliches in einem Fall, wo Sultan, als das Ziel hoch hängt, auf die nächste, jedoch gut 3 m entferute Tür zugeht, den Türflügel anfaßt, ihn aber unter einem Blick nach dem Ziel wieder losläßt und sich andern Methoden zuwendet. Hier ist er nahe daran, sinnlos zu reproduzieren, wird aber durch Einsicht in den Situationsaufbau daran gehindert (13. 3. 16). Wenn Rana immerfort mit winzigen Stäbchen zum Springen ansetzt, so ist dieser Fall kaum hierherzurechnen; mit Rana geht sozusagen ihr Gehirn durch, und natür- lich wäre es schön, wenn sie so springen könnte. Dies Tier wird dergleichen andeuten, auch wenn es genau sieht, daß die Ausführung nicht möglich ist. Das ist alles; die Fälle sind fast sämtlich schon in den Versuchsberichten erwähnt. Daß sie den Schwerpunkt des Beobachteten bestimmten, wird niemand behaupten.' Die primäre Ursache der Erscheinungen (Mechanisierung) braucht nach dem Obigen nicht stets zu äußerlich auffälligen Wirkungen von der Form grober Torheiten zu führen. Jede Lösung, die öfters unter den gleichen Umständen, also ihnen adäquat wiederholt worden ist, geht schließlich in einen etwas veränderten Zustand über und wird vielleicht sogar in diesem ihrem ursprünglichen Milieu nicht mehr ganz so einsichtig, wenn schon auch weiterhin objektiv adäquat vorgebracht. Ich muß sagen, daß mir im allgemeinen die Art, wie sich die Schimpansen bei der zehnten und elften Wiederholung einer Lösung verhalten, weniger gefällt als ihr Gebaren beim ersten und zweiten Mal. — Durch viele schnell hintereinander folgende Versuche an und für sich schon, besonders aber durch häufige Wiederholung derselben, verdirbt man etwas am Schimpansen. Ich habe vielleicht in der Eile des Forschenwollens diese Möglichkeit nicht immer genügend bedacht. Die Wirkung, von der die Rede ist, stellt übrigens eine Art Umkehrung von dem dar, was die besprochene Theorie als Erfolg von Wiederholungen ansieht. Nach ihr wird der A'erlauf, der sich durch Zufall ausbildet, durch Übung glatter und echten Lösungen ähnlicher. Das mag da gelten, wo die Theorie zutrifft: die echten Lösungen der Schimpansen werden durch häufige Wiederholung jedenfalls nicht innerlich wert- voller, wenn schon sie natürlich auch schneller auftreten u. dgl. Für denjenigen, der die Versuche selbst angesehen hat, haben Er- örterungen wie die bisherigen einen ganz leichten Anflug von Komik, Hat man z. B. selbst beobachtet, wie Tschego bei dem ersten Ex- periment ihres Lebens (vgl. S. 45) stundenlang nicht darauf kommt, die hindernde Kiste aus dem Wege zu schieben, und immer nur ver- geblich hinausgreift oder ruhig dahockt, schließlich aber, in Gefahr, um ihr Futter zu kommen, das Hindernis plötzlich packt, es zur Seite schiebt und so in einem Augenblick die Aufgabe löst, dann Modellversuch. 143 erscheint eine „Sicherung dieses Tatbestandes gegen ^Üßdeutungen" fast pedantisch Aber der lebendige Eindruck läßt sich eben nicht wiedergeben, und manche Frage kann gegenüber den Worten eines Berichtes erhoben werden, auf die nach eigener Anschauung gewiß niemand kommen würde. Immerhin wird vielleicht gerade nach den vorstehenden Erörterungen die Beschreibung eines weiteren Ver- suches als Probebeispiel besonders instruktiv sein, der sich zugleich durch Einfachheit und durch sein klares Verhältnis zu verschiedenen Theorien auszeichnet. Jenseits des oft erwähnten Gitters aus vertikalen Stangen ist in einiger Entfernung eine schwere Kiste aufgestellt; an ihr wird das eine Ende einer starken Schnur befestigt, die Schnur selbst wird schräg zum Gitter so niedergelegt, daß das freie Ende zwischen den Gitterstäben hineinreicht. Etwa halbwegs von der Kiste bis zum Gitter ist eine Frucht in die Schnur hineingeknotet (vgl. Skizze 14); sie 'o!ten. Skizze 14. ist vom Gitter aus nicht ohne weiteres erreichbar, wohl aber, wenn die Schnur senkrecht zum Gitter gerichtet wird. (19. 6. 14.) Chica zieht zunächst in Richtung der Fadenlänge, und zwar so stark, daß das gezerrte Brett der Kiste bricht, die Schnur frei wird und das Ziel herangezogen werden kann. — Die Kiste wird durch einen schwe- ren Stein ersetzt, um diesen also die Schnur herumgebunden. — Da die einfache Lösung nicht mehr möglich ist (Ziehen), nimmt Chica den Faden in die eine Hand, gibt ihn draußen herum der andern, die durch das folgende Gitterintervall hinausfaßt usw., in fortwäh- rendem Weitergreifen und Weiternehmen, bis sie die Schnur etwa rechtwinklig zum Gitter gerichtet hat und das Ziel in der geringen Entfernung ohne weiteres greifen kann. Grande scheint zuerst den Faden nicht zu sehen, der grau auf grauem Grunde liegt, schleppt (vgl. S. 142) sinnlos Steine hin und her in Nachwirkung früherer Versuche, bemüht sich, einen Eisenstab 144 ,, Zufall" und „Nachahmung". von der Wand loszumachen, den sie vermutlich als Stock verwenden möchte, und sieht endlich den Faden; von diesem Augenblick an ist der Verlauf genau derselbe wie bei Chica, eine stockungsfreie Lösung. Rana zieht zunächst zweimal in Richtung der Fadenlänge, und wechselt dann plötzlich die Richtung vollständig, indem sie versucht, den Strick an die Stelle zu ziehen, die dem Befestigungspunkt gerade gegenüberliegt (vgl. die Skizze 15); dabei steht sie selbst diesem Punkt gegenüber, sieht fortwährend auf das Ziel hin und zerrt zugleich parallel der Gitterebene am Fadenende. Auch diese vergebliche Be- mühung erfolgt zweimal in voneinander getrennten Verhaltensetappen und wird dann, wieder plötzlich, durch die vollkommene Lösung er- setzt genau wie bei Chica und Grande. — Dieser Versuch zeigt, daß die Aufgabe aus zwei Teilen besteht: einem grob-geometrisch-dyna- mischcn: „Seil senkrecht zum Gitter richten, so daß das Ziel sich dabei nähert" und dem feineren Spezialproblem, das durch die Gitter- Sklire 15. struktur aufgegeben wird. Die beiden Teile sind von Chica und Grande zugleich gelöst, Rana kommt bald auf die Lösung des ersten, hinter- drein erst auf die des zweiten. Sultan zieht einen Augenblick wie Rana (vgl. Skizze 15) und löst gleich danach die Aufgabe wie die andern vollständig. Es wird hieraus ganz klar, daß die Lösung der grob-d^Tiamischen Aufgabe auftreten kann ohne Rücksicht auf die spezielle Durchführuiigsform (das zweite Problem), auf welches erst der [Mißerfolg aufmerksam zu machen scheint. Ähnhche Verhältnisse haben wir bei den Kistenbauten an- getroffen. Tercera ist nicht zur Anteilnahme zu bewegen; Tschego und Konsul beweisen, falls es nicht ohne weiteres klar sein sollte, daß die Lösung nicht selbstverständlich ist; denn beide bringen es durchaus nicht über das einfache Ziehen in der Strickrichtung hinaus. Zwei Teilaufgaben. 145 (21. 6.) Der Versuch wird mit Chica wiederholt, so aber, daß der Faden diesmal nach der andern Seite gedreht am Boden Hegt. Das Tier zieht gar nicht erst in der Eigenrichtung des Fadens, son- dern sofort setzt das Weitergeben und -greifen des Fadens am Gitter entlang ein, diesmal, der Anordnung entsprechend, in der ent- gegengesetzten Richtung, bis das Ziel mit der Hand zu erreichen ist. — Danach habe ich es nicht für nötig gehalten, diese Umkehrung auch mit den andern Tieren vorzunehmen. Nach früheren Darlegungen dürfte kaum mehr ein Hinweis darauf erforderlich sein, daß Versuche wie der eben beschriebene besser über den Schimpansen Auskunft geben als die üblichen Tierprüfungen mit komplizierten Türverschlüssen u. dgl. ; ebenfalls dürfte einleuch- ten, daß ein so einfaches und übersichtliches Experiment das ganze Problem, um das es sich handelt, schon in sich einschließt. Wer noch der Meinung sein sollte, solche einfache Lösungen seien selbstverständ- lich, hätten mit der Intelligenzfrage nichts zu tun, den kann ich nur auffordern, die Art und Weise wirklich streng und exakt anzugeben, in der diese Versuchs verlaufe zustande kommen. Ich fürchte, kein einziger Psychologe ist zur Zeit dieser Leistung fähig. Ich trenne zwischen den beiden Aufgabenteilen, welche, wie wir sahen, selbständig sind, und betrachte hier nur die grob-dynamische Aufgabe und Lösung, die einfach durch das Schema (Skizze 16) Skizze 16. gekennzeichnet werden kann, indem ich außer acht lasse, wie im ersten Moment dieser Lösung das Tier die Pfeilbewegung wirklich im einzelnen realisiert (sofort unter Berücksichtigung des Gitters oder nicht). Kommen die Tiere der besprochenen Theorie gemäß zur Lösung? Danach müßten wir erwarten, in allen Fällen eine große Impulsmenge auftreten zu sehen, die bei einigen der Schimpansen vielleicht zu- fälhg die richtigen „Bruchstücke" in richtiger Reihenfolge enthielte. In Wirklichkeit ist Grande das einzige Tier, das überhaupt etwas Sinnloses vornimmt, und zwar in Form einer Gewöhnungstorheit, als Köhler, IntelligenzpriU'uugeu. XO 146 „Zufall" und „Nachahmung". sie die in der Aufgabe liegenden Möglichkeiten noch gar nicht recht überschaut hat; beim ErbUcken des Seiles setzt dann eine ganz neue Verhaltensetappe und gleich auch vollkommen klar die Lösung ein. Die realiter dem Ziel gegenüber (mit Ausnahme von Grande auch ohne diesen einschränkenden Zusatz) stattfindenden Handlungen — „Impulse" sieht man bei Eidechsen wohl, selten bei Schimpansen — sind im ganzen nur zwei: 1. Ziehen in der Seilrichtung, also ein sinnvoller Vorgang, dessen praktische Durchführbarkeit in einem Falle Chica beweist; man (und besonders der Schimpanse) kann nicht ohne weiteres sehen, vne fest der Strick an Kiste oder Stein hält. 2. Ziehen am Seü oder stetiges „fließendes" Weitergeben des Seiles von einer Hand in die andere — in beiden Fällen in der Lösungs- richtung (Pfeile der Skizze). Nicht bei einem einzigen Tiere wurde auch nur etwas wie ein Über- gang zwischen beiden Aktionsrichtungen, geschweige eine ganz fremde dritte usw. Richtung beobachtet. Wo zuerst die primitivere Richtung (im Sinne der Fadenlänge) auftrat, geschah doch der Sprung zur andern ganz abrupt. Ich denke, ein jeder müßte fülilen, daß hier ein recht deutUcher, wenn schon merkwürdiger Befund vorliegt, und daß dieser mit den Anforderungen jener Theorie von sich aus überhaupt nichts zu tun hat. Sollen wir ihn um des sogenannten Prinzips der Sparsamkeit willen noch drücken und drängen, ob er sich nicht doch der Theorie fügen will? — Der Beobachter hat liier den zwingenden Eindruck, daß für die Tiere unmittelbar aus der optischen Übersicht über den Situationsaufbau die Lösungsversuche i und 2 als ganze (aber jeder durchaus für sich) herausspringen. Eine gewisse wissenschaft- liche Einstellung, die man schließUch auch als Prinzip, nämlich als „Prinzip der maximalen wissenschafthchen Fruchtbarkeit" formuHeren könnte, würde dazu führen, die theoretischen Erwägungen gerade an diesen Charakter der Beobachtungen anzuknüpfen und nicht um jeden Preis mit der Zufallstheorie diesen Charakter eliminieren zu wollen. Danach läge ein Anlaß, noch länger diese Theorie zu erörtern, nicht mehr vor, wenn uns das Vorleben der geprüften Schimpansen von ihrer Geburt bis zum AugenbHcke des Versuchs genau bis ins einzelne bekannt wäre. Das aber ist leider durchaus nicht der Fall; und wenn deshalb auch ausgcsclilossen ist, daß im Versuch die Lösungen durch Zufall zustande kommen, so bleibt vielleicht doch die Möglichkeit, daß sie sich früher im Sinne der Theorie zufällig ausbildeten, sich wiederholten und glätteten und als scheinbar echte Ivösungen jetzt produziert werden. EINFLUSS FRÜHERER ERFAHRUNG. 147 Es ist immer schwierig, gegen Argumente zu kämpfen, die sich nicht im Gebiete des praktisch Feststellbaren halten : In diesem Falle aber kann aus der Überschreitung der Erfahrungsgrenzen nicht ein- mal eine Schwäche des Arguments abgeleitet werden, denn natürlich haben die geprüften Schimpansen unkontrolliert schon mehrere Jahre als lebhafte Tiere im Busche der Westküste zugebracht und sind auch dort mit manchen Dingen zusammengekommen, wie sie ähnlich in einer Anzahl der Versuche verwandt w^irden. Eine Überlegung dar- über, ob dieser Umstand die Tragweite und den Tatsachenwert der Versuche beeinflußt, ist also auf jeden Fall erforderlich. Dabei sind jedoch zwei Punkte streng zu beachten, damit nicht der Gegenstand der Diskussion verschwimmt: 1. Wenn die Tiere mit einzelnen Gegenständen oder Situationen schon vor den Versuchen zu tun gehabt haben, so hat das unmittel- bar noch keinen Bezug auf unsere Frage. Nur dann, wenn in dieser Vorzeit genau nach der Theorie, in Zufall und Selektion durch Erfolg, in sich sinnlose, aber praktische Bewegungs- ketten von der äußeren Form des hier beobachteten Ver- haltens sich ausgebildet haben sollten, nur dann besagt die „frühere Erfahrung" etwas gegen die Bedeutung der Versuche. So bin ich weit davon entfernt, behaupten zu wollen, daß die im zweiten Kapitel geprüften Tiere vor dem Versuche nie einen Stock od, dgl, in der Hand gehabt haben, halte es im Gegenteil für selbstverständlich, daß das bei jedem Schimpansen von einem gewissen, sehr geringen Alter an schon der Fall gewesen ist; er wird im Spiel einen Ast ergriffen, auf dem Boden gekratzt haben u. dgl. Ganz dasselbe sieht man ja bei kleinen Kindern von noch nicht einem Jahre häufig genug; auch diese haben also „Erfahrungen" mit Stöcken gemacht, ehe sie diese als Werkzeug zum Heranziehen sonst nicht erreichbarer Dinge be- nutzten. Wie aber hieraus gar nicht folgt, daß sie sich die Werkzeug- verwendung im reinen Spiele des Zufalls und vollkommen unein- sichtig andressieren und mit 2, 4, 20 Jahren uneinsichtig reprodu- zieren werden, ebensowenig folgt das für die Schim.pansen daraus, daß der Versuchsstab nicht der erste ist, den sie in die Hand nehmen. 2. Es handelt sich in dieser Schrift durchaus nicht darum, nach- zuweisen, daß der Schimpanse ein Wunder von Klugheit ist^), im Gegenteil ist ja schon mehrfach die enge Begrenzung seiner Leistungen (verglichen mit denen des Menschen) sehr merklich geworden. Nur ^) Man sieht sich heutzutage gezwungen, in einer ernsthaften Schrift festzustellen, daß die Schimpansen bisher z. B. keinerlei Hinneigung oder Begabimg für das Stu- dium von vierten Wurzeln oder von elliptischen Funktionen zeigen. 10* 148 ,, Zufall" und „Nachahmung". ob überhaupt einsichtiges Verhalten bei ihm vorkommt, ist zu entscheiden, und die Beantwortung dieser prinzipiellen Frage ist vor- läufig viel wichtiger als eine genaue Bestimmung vorhandener In- telligenzgrade. Auf der andern Seite liegt auch der Zufallstheorie, wie sie hier als allgemeines Erklärungsprinzip zu besprechen ist, nicht daran, etwa nur die Zahl als Intelligenzleistungen anzusehender Ver- suchsverläufe herabzudrücken, sondern um zu gewinnen, muß die Theorie sämtliche Versuche ohne Ausnahme auf ihre Weise deuten, und sie hat schon verloren, wenn allenfalls ein Teil der Beobachtungen sich ihren Anforderungen gemäß zurechtlegen läßt, aber die übrigen eine solche Deutung nicht erlauben. Ist das letztere der Fall und die Allgemeingültigkeit des Prinzips durchbrochen, so wird schließ- lich auch das Verlangen minder groß sein, Verhaltensweisen, die sich allenfalls noch in das Theorieschema hineindrängen ließen, aber von ihrer Eigennatur aus zu einer solchen Umdeutung durchaus nicht einladen, doch als eingeübte Zufallsprodukte auszulegen. Die Vergangenheit der Tiere bis zu den Versuchen ist nicht völlig unbekannt. Wenigstens seit Anfang des Jahres 1913 wurden sie genau beobachtet, und etwa ein weiteres Halbjahr rückwärts können wir jede Übung für eine Reihe von Versuchssituationen dadurch für aus- geschlossen ansehen, daß die Tiere fortwährend auf allerengste Käfig- räume ohne ,, Dinge" darin beschränkt waren (in Kamerun, auf der Reise, in Teneriffa). Nach Mitteilung meines Vorgängers E. Teuber war der Umgang mit Werkzeugen während des Beobachtungsjahres vor diesen Versuchen nicht über einfachen Stockgebrauch ohne be- sondere Komplikationen (Armverlängerung und Springstockverfahren) bei Sultan und Rana, gelegentliches Werfen mit Steinen, sowie einen Fall von Werkzeugherstellung in dem oben (S. y^) beschriebenen Sinn (Sultan zerlegt den Schuhreiniger) hinausgekommen. Auf jeden Fall ist der folgende Umstand wichtig: Handelt es sich um die prinzipielle Entscheidung, von der oben die Rede war, so darf in einer Erklärung nach dem Sinn der Theorie natürlich nicht die geringste Spur von Einsicht vorkommen, auch nicht an dem verstecktesten Platz und nicht unter der harmlosesten Verklei- dung. Da also bis ins kleinste alles aus \\irklich zufälligen Elementen der in jedem Fall möglichen Permutationen aneinanderzureihen und zu üben war, bis es als scheinbar gesclilossener und einsichtiger Ver- lauf in den Versuchen auftreten konnte, so wird im allgemeinen nicht eine frühere Gelegenheit in ähnUchen Situationen, sondern eine größere Reihe von Wiederholungen solcher Gelegenheiten an- zunehmen sein, damit jemand überhaupt ernstlich sagen könne: dieser und der, oder \4elmehr alle hier beobachteten Verläufe haben Anforderungen an den Zufall. 149 ihren Ursprung und ihre Entwicklung den Prinzipien der Theorie gemäß durchgemacht. Oben habe ich behauptet, die allgemeinen Prinzipien der höheren Psychologie hätten vielfach die Tendenz, uns die Dinge selbst, um die es sich handelt, eher zu verdecken als zu klären. Ein Beispiel: Sagt man, die objektiv zweckmäßige Verwendung eines Stockes als Werkzeug zum Heranholen sonst nicht erreichbarer Gegenstände habe sich im Spiel des Zufalls und der selektiven Wirkung des Erfolgs ausgebildet, so klingt das sehr exakt und befriedigend. Sieht man aber etwas genauer zu, so mindert sich die Zufriedenheit mit dem allge- meinen Prinzip rasch, falls man dabei mit der Bedingung „ohne eine Spur von Einsicht" wirklich Ernst macht. Nehmen wir z. B. an, das Tier habe zufällig ein vStäbchen ergriffen zu einer Zeit, wo ein sonst nicht erreichbares Stück Futter in der Umgebung liegt. Da für das Tier keinerlei innere Verbindung zwischen Ziel und Stab besteht, so haben wir es weiter allein dem Zufall zu ver- danken, wenn es unter einer sehr großen Anzahl von möglichen Fällen den Stab in die Nähe des Zieles bringt; denn wir dürfen ja durchaus nicht ohne weiteres annehmen, daß diese Bewegung auf einmal als ganze erfolgt. Mit einem Ende in der Nähe des Zieles angekommen, kann der Stab, der für das Tier noch gar nichts mit dem Ziel zu tun hat — das Tier ,,weiß nichts davon", daß es objektiv dem Erreichen des Zieles etwas näher gekommen ist — , ebensogut fallen gelassen, wie zurückgezogen, wie nach allen Richtungen einer Kugel mit dem Tier als Mittelpunkt gestreckt werden, und der Zu- fall hat nun hart zu arbeiten, bis aus den Möglichkeiten dieser Art die eine herauskommt, daß das Stabende hinter dem Ziel nieder- gesetzt wird. Diese Lage des Stabes aber sagt dem Tiere ohne Ein- sicht wieder nichts; es können nach wie vor die verschiedensten „Impulse" auftreten, und der Zufall dürfte nahezu am Rande seiner Kräfte angekommen sein, wenn das Tier gerade hierauf zufällig eine Bewegung macht, die vermöge des Stockes das Ziel ein wenig nähert. Auch dies aber versteht das Tier durchaus nicht als eine Besserung der Situation; denn es sieht ja überhaupt nichts ein, und der erschöpfte Zufall, welcher alles zu leisten hat, was dem Tiere selbst versagt ist, muß doch noch verhüten, daß der Stock jetzt fallen gelassen, zurückgezogen wird od. dgl., muß bewirken, daß das Tier die richtige Bewegungsrichtung in weiteren zufälligen Impulsen beibehält. — Man kann sagen, es gäbe sehr verschiedene Impuls- serien (Permutationen), die z. B. als letzte Elemente: „Stock hinter Ziel" und danach „objektiv passenden Impuls" enthalten. Das ist richtig, und die Möglichkeiten, die dem Zufall offenstehen, wenn er 150 ,,ZüFAr.i," UND .Nachahmung". die große Arbeit leisten soll, werden dadurch zunächst ein wenig zahlreicher. Und doch wird ihm nichts damit erspart; denn bei weitem die ]\Iehrzahl dieser Permutationen enthalten natürlich ob- jektiv ganz sinnlose Teile, die nur so aneinandergereiht auftreten, daß die Reihe zuletzt bei den angegebenen Elementen mün- det. Wenn deshalb die ersten glücklichen Fälle, in denen diese Ele- mente den Abschluß bilden, solche objektiv unsinnigen Komponenten enthalten, so muß der Zufall durch eine sicherlich sehr große Anzahl weiterer einigermaßen günstiger Fälle die entsprechende Arbeit nach- liefern, bis ein vollkommen glatter, durchaus einsichtig aus- sehender Verlauf unter Hilfe der (zunächst vermuthch äußerst sel- tenen) Erfolge zustande kommt; denn wie der vStockgebrauch hier zum erstenmal beobachtet wird, enthält er in keinem Fall eine voll- kommen falsche Komponente, selbst wenn (wie bei Koko) Schwäche der Arme inid Ungeschicklichkeit etwas hindernd wirken. An dieser vStelle ^^4rd wolil eingewendet werden, der Drang nach dem Ziel, das allgemeinere ,,Instinktmotiv" in dessen Richtung, sei außer acht gelassen. Dazu ist zu sagen: Erstens nehmen wir der Theorie gemäß natürlich an, daß dieser „Instinkt" vollkommen blind .sei, daß das Tier nicht etwa irgendwie verstehe, daß es sich in dieser Richtung seinem Ziel nähert — denn andernfalls würde die Theorie sich selbst untreu — ; zweitens besteht dieser In- stinkt iiacli der Theorie für den Körper des Tieres, für die Inner- vationen von dessen GHedern, nicht etwa für den Stock, den es zufällig in der Hand hält. Deshalb frage ich: Wenn das Tier, jenem Impuls folgend, den Arm (objektiv) in der Richtung des Zieles zum Greifen bewegt, wie soll es dabei den seinem Instinkt fremden Stock in der Hand behalten und nicht im Gegenteil diese Hand, wie sicher sonst, zum Gieifen öffnen, also den vStock fallen lassen? Denn immer hat ja der vStock (für das Tier) gar nichts mit dem Ziel zu tun. Sollte es ihn aber gegen diese Anforderung der Theorie trotzdem in der Hand behalten, so ist das, weil jede Spur von Einsicht fehlt, auf sehr verschiedene Weise möglich; quer in der Mitte gefaßt, so daß der Stock frontalparallel und seitwärts gerichtet ist, am äußeren Ende gefaßt und das andere Ende irgendwie rückwärts (auf das Tier zu) gekehrt, nach oben gegen den Himmel und nach unten senkrecht zur Erde, in den verschiedensten Grifflagen usw. usw. Denn wenn nichts gegeben ist als der Körperinipuls in der (objektiven) Ziel- richtung und zufällige Reaktionen — der Erfolg kommt erst nach einer glücklichen Permutation frühestens zur Wirkung — , dagegen Einsicht vollkommen ausgeschlossen bleibt, dann ist jede Haltung des Stockes der andern gleichwertig, die Schranken der Konflikt mit der Naturwissenschaft. 151 Haltungsmögiichkeiten sind allein muskulär, und der Zufall, der schon gegen die Theorie den Stock in der Hand gelassen hat, hat noch reichlich zu tun, bis er einige Male die richtige Haltung hervor- gebracht, dann allmählich im Verein mit den Zufallserfolgen die falschen Elemente ausgeschaltet hat und bis eine einsichtige Hand- lungsweise hinreichend imitiert ist. Man könnte endlich weiter einwenden, es brauche ja nicht der erste Erfolg mit einer derartigen Aktion auf einmal zu entstehen, sondern allerhand Unterteile könnten sich zuerst zufällig ausbilden und diese dann später leichter zur Gesamt- aktion vereinigt werden. — Diese Überlegung hilft jedoch in Wirklichkeit auch nicht weiter; denn die den angeblichen Teilaktionen entsprechenden Permutationen können wohl einmal auftreten, aber sie können sich nicht zu festzusammenhängenden Teil- verläufen zusammenschließen — was allein helfen würde — weil der ,, Erfolg" fehlt, der nach der Theorie dieses Aneinanderhängen der einzelnen Impulse besorgt. Was macht es, wenn das Tier vom Zufall einmal bis dahin gebracht wird, daß der Stock mit einem Ende hinter dem Ziel aufgesetzt ist? Das ist kein Erfolg im Sinne der Theorie, solange, dieser entsprechend, dem Tier jede Spur von Einsicht fehlt, und so muß entweder der Zufall noch ein übriges tun und sofort glücklich zu Ende permutieren, bis das Ziel und das Tier sich treffen, oder aber: der Zufall irrt gleich danach auf objektiv ganz unangebrachte Impulse ab; dann besteht — nach der Theorie — durchaus keine Tendenz, die einmal vorgekommene Permutation bis ,, Stockspitze hinter Ziel" jemals zu wiederholen. Die Zufallstheorie wird vielfach anderen Erklärungsversuchen vor- gezogen, weil man sie für besonders exakt, für ausgezeichnet mit den Anforderungen naturwissenschaftlicher Denkweise übereinstimmend hält; gerade deshalb würden es gewiß viele gern sehen, wenn nicht allein der Stockgebrauch, sondern alle beobachteten Leistungen auf die angegebene Art gedeutet würden. So wenig nun gegen die Theorie zu sagen ist, wo wirklich der Zufall mit Leichtigkeit einen Erfolg produzieren kann (z. B. wenn ein in engem Kasten eingesperrtes Tier blind nach außen drängt und in den ungeordneten Bewegungen dieser Art u. a. auf einen Hebel drückt, der die Tür öffnet), so schlecht sind doch ihre Aussichten bei der Erklärung von Versuchen wie den hier beschriebenen gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus. Die naturwissenschaftlichen Gedanken, mit denen man hier in Konflikt kommt, sind dieselben, welche Boltzmann zu der bisher umfassendsten und bedeutendsten Formulierung des zweiten Haupt- satzes der Thermodynamik Anlaß gaben. Danach gilt es in der Physik (und theoretischen Chemie) als unmöglich, daß innerhalb ihres Gebietes aus zufälligen (voneinander unabhängigen), ungeord- neten und gleich möglichen Bewegungselementen ^) von großer Zahl im Verlauf der Permutationen eine gerichtete, einheitliche ^) Besser und genauer in der Physik: ,,Zustandselementen". Es würde zu weit führen, wollte ich hierauf näher eingehen. Vgl, z. B. Planck, Acht Vorlesimgen über theoretische Physik, 1910. 152 „ZrFALL" UN'D ,, Nachahmung". Totalbewegung zufällig zustande komme. Es ist bei der Brownschen Molekularbewegung z. B. nicht möglich, daß ein sus- pendiertes Partikelchen, welches zufällig und unordentlich hin und her geschoben wird, plötzlich ein Dezimeter in gerader Richtung fort- transportiert werde; geschieht es, so ist unzweifelhaft eine „Fehler- quelle", d.h. eine nicht den Zufallsgesetzen folgende Be- einflussung eingetreten. Ob es sich nun um die Brownsche Molekularbewegung oder um die behaupteten zufälligen Impulse eines Schimpansen handelt, das macht hier keinen prinzipiellen Un- terschied aus; denn die Grundlagen des zweiten Hauptsatzes (nach Boltzmann) sind so allgemeiner Natur und so notwendig über die Thermodynamik hinaus auf Zufallsgebiet gültig, daß sie auch auf unser (angebhches) Material, die ,, Impulse", Anwendung finden. Wer uns deshalb ein Spielen mit Analogien vorwürfe, der müßte sicher- hch die Grundgedanken Boltzmanrs (und Plancks) mißverstanden haben. — Richtig ist dagegen, daß ein quantitativer Unterschied zwischen dem thermodynaniischcn Fall und dem unsern besteht: In welchem Grade unwahrscheinlich (bis praktisch vollkommen unmög- lich) das Auftreten einer speziellen Permutation ist, das hängt von der Zahl oder der Größe der unabhängigen Elemente ab, welche permutiert werden. Man sieht ohne weiteres, daß in dieser Hinsicht die ,, Unmöglichkeiten" der Thermodynamik von denen des Tier- versuches (wie beschrieben im Fall des Stockgebrauches) nicht ganz erreicht werden, da wir es hier mit weniger Gliedern (möghchcn Impulsen) zu tun haben, die im Vergleich mit dem Gesamtverlauf noch relativ groß sind. An der Richtung der Überlegung und der prinzipiellen Bedenklichkeit des theoriegemäß Behaupteten wird frei- lich hierdurch nichts geändert, wenn man nur fest dabei bleibt, nicht zufällige Kräfte auszuschließen, und deshalb die ein- zelnen Fälle mit ihren ungeheuren Anforderungen so durchzudenken, wie es oben für den Stockgebrauch geschehen ist. Weder die allgemeine Zielrichtung des ..lustinktimpulses" noch die Weiterbildung in „Selektion durch Erfolg" ändern an dein ungünstigen Stand der Dinge etwas; jene nicht aus dem oben angegebenen Grunde, diese nicht, weil sie zunächst fort- während des nicht recht möglichen guten Zufalls bedarf, um überhaupt Gelegenheit zur Arbeit zu bekommen. Da ähnliche Überlegungen bei entwicklungsgeschichtlichen Fragen von Bergson, auch schon von E. v. Hartmann angestellt \\-urden, und in der vitalistischen Literatur eine große Rolle spielen, so halte ich folgende Bemerkung für angebracht: E.v. Hart mann sieht es für unmöglich an, daß der Vogel durch Zufall zu seinem Nest komme, und schließt, daß ,,das Unbe\\'ußte" hier Werkmeister sei; Bergson hält die zufälHge Zusammenordnung der Elemente eines Auges für Vitalismus. 153 allzu unwahrscheinlich und läßt deshalb den „£^lan vital" das Wun- der vollbringen; die Neovitalisten und Psycho vitalisten sind eben- falls vom Darwinschen Zufall nicht befriedigt und finden überall im spezifisch Lebendigen „zielstrebige Kräfte" von der allgemeinen Art des menschlichen Denkens notwendig, welche allerdings dessen Eigenschaft, erlebt zu werden, nicht aufweisen. — Zu den angeführten Denkrichtungen hat diese Schrift nur die eine Beziehung, daß hier wie dort eine Zufallstheorie abgelehnt wird. Aber der Übergang von der Ablehnung einer solchen zu der Annahme einer der genannten Lehren gilt fast als obligatorisch, und deshalb hebe ich ausdrücklich hervor, daß die Alternative gar nicht heißen muß: Zufall oder Agentien jenseits der Erfahrung. In dieser Gegenüber- stellung steckt der fundamentale Irrtum, daß alle Vorgänge in der unbelebten Natur als Zufallsgesetzen unterworfen angesehen werden müßten, während doch große Gebiete schon der Physik mit dem Zufall gar nichts zu tun haben. So gewiß nicht alle Physik Lehre von der ungeordneten Wärmebewegung ist, so sicher braucht man von einer Betrachtung wie der oben gegen die Zufallstheorie angestellten durchaus nicht zu der Annahme erfahrungsfremder Agentien überzugehen. Vom Standpunkt der Physik aus erscheint es als geradezu über- raschend, daß man hier von einem Entweder-Oder zu sprechen pflegt, wo doch noch ganz andere Möglichkeiten vorliegen ^). Ich glaube, gezeigt zu haben, daß die Zufallstheorie durchaus nicht in jedem Fall als exakt schlechthin gelten kann, und daß bei Lei- stungen von der Art der hier beschriebenen an den Zufall aufs Ge- ratewohl beliebige Anforderungen gestellt würden, während doch ge- rade die Naturwissenschaft ein solches gutes Zutrauen nicht über gewisse Grenzen hinaus ohne weiteres erlaubt. Es empfiehlt sich, danach noch einmal einen Blick auf die Versuche selbst zu werfen. Wir haben nach der Theorie in keinem Fall den ersten, sondern — da der Verlauf (vgl. Stockgebrauch), an „Impulsen" gemessen, relativ komplex und doch vollkommen glatt ist — stets einen Fall sehr hoher Ordnungszahl vor uns. Der objektiv passende Gebrauch einer Kiste od. dgl. als Schemel dürfte sich z. B, kaum unter weniger als, sagen wir, 50 Wiederholungen ausbüden können. So oft mindestens müßte ein hochangebrachtes Ziel für die Tiere nicht einfacher erreichbar und zu gleicher Zeit gerade eine Kiste oder ähnliches vorhanden gewesen sein. Man bedenke nur, wie unwahrscheinlich es allein schon ist, daß das Tier in jener Situation das Werkzeug überhaupt anfaßt *) Vgl. meine Schrift „Die physischen Gestalten in Ruhe und inii stationären Zustand" (Braunschweig 1920). 154 „Zufall" cntd „Nachahmung". oder gar bewegt, so lange jede Spur von Einsicht fehlt. Je mehr man die Betrachtung des Falles verschärft — wie das dringend zu wünschen ist — , desto mehr wird man geneigt sein, für die Aus- bildung des Verhaltens im Zufall weit höhere Mindestzahlen für notwendig zu erachten. Dieselbe nähere Betrachtung der einzelnen Fälle ergibt aber auch, daß zumeist nicht einmal die allereinfachste Vorbedingung für ein so ausgedehntes Zufallsspiel erfüllt ist. Wie oft konnte ein Schim- panse unter seinen normalen Lebensbedingungen überhaupt in die Lage kommen, z. B. für ein hochhängendes Ziel, also vermutlich eine Baumfrucht, eines Schemels zu bedürfen ? über und vor allem Werkzeuggebrauch steht als Lösungsmethode für den Schimpansen der Umweg im wörtlichen Sinn; immer, wo ein solcher uns auch nur entfernt möglich erscheint (und auch über diese menschliche Grenze hinaus), gibt es für diese Tiere überhaupt kein Zaudern und gewiß keine sonstigen ,, Impulse"; sie schlagen den L'^mweg so- fort ein. Zu Beginn der Versuche war es geradezu meine Haupt- arbeit, ihnen dies leichte Verfahren unmöglich zu machen (vgl. oben S. 8f). Handelt es sich nun um Bäume — und wo sonst soll im Ka- meruner Wald etwas hoch hängen ? — , so behaupte ich, daß es für die Schimpansen kaum etwas gibt, was sie nicht auf irgendwelchen Umwegen erreichen könnten Man muß einmal gesehen haben, wie selbst noch ein schlechter Schimpansenturner (wie z. B. Sultan, den ich bisweilen frei draußen hatte) von einem Baum zum andern springt, scheinbar fällt, rutscht usw., wie er sich in dünnes Gerank eines Baumes, das keinen rechten Ast, nur Laub und feinste Zweige ent- hält, ohne weiteres hineinfallen läßt und doch immer, für Bruchteile einer vSckuudc hineiiipackend, genügend gebremst wird, um glücklich weiter zu schwingen, springen, und fallen, bis er an einem festen Platz, und wo er will, wieder zur Ruhe kommt. Daß die Tiere also irgend ausreichende Gelegenheit gehabt hätten, unter Ausschluß der ihnen natürhchen Turnumwege zum Durchpermutieren anderer ,, Im- pulsvielheiten" gezwungen zu werden, muß ich (für den Fall der Kistenverwendung) durchaus verneinen. Sie kommen natürlicher- weise überall ohne Schemel an, und erst der experimentierende Mensch bringt sie in Lagen, wo solche Umwege ausgeschlossen sind oder (durch Verbote) als ausgeschlossen gelten. Ahnhches ist zu sagen über den Gebrauch des Stockes zum Heranziehen sonst nicht erreich- barer Gegenstände (in Teneriffa wurde dergleichen an Tschego nicht vor dem Versuch beobachtet, Nueva und Koko wurden geprüft, kaum, daß sie angekommen waren), von dem Fortrücken einer Kiste, die am Gitter im Wege steht (m Freiheit macht der Schimpanse natürlich Keine Gelegenheit zur Vorübung. 155 sofort Umwege um Steinblöcke oder dicke Baumstämme), und da eine Anzahl weiterer Versuche die passende Verwendung von Stock und ICiste voraussetzt, so fehlt auch ihnen aus demselben Grunde die für ausreichende Permutation erforderliche Vorgeschichte. Noch einmal: Allerhand Gegenstände sind den Tieren vor den Versuchen schon irgendwie bekannt geworden. Aber von dem Anfassen eines Stockes bis zu seiner „wie einsichtigen" Verwendung ist ein gewaltiger Abstand. — Sollte man ferner die Theorie aufgeben und fragen, ob nicht z. B. Nueva schon einmal in einsichtigem Spielen mit dem Stock einen Stein umhergeschoben habe, so ist freilich in so ver- änderter Problemlage die Antwort nicht sicher. Denn mit auch nur wenig Einsicht wird natürlich manches leicht möglich, was aus reinem Zufall niemals hervorgehen könnte. Ich wäre sogar sehr geneigt, die Frage mit Ja zu beantworten, da, wie ich tägUch sehe, im Spiel der Tiere, bei dem sie sehr wohl verstehen, was sie machen, Ähnliches nicht selten ist. Sollten gegenüber diesem Gedanken Zweifel bleiben, sc. scheinen sie mir durchaus nicht mehr erlaubt gegenüber der Behauptung, daß in einigen Fällen das Tier entweder im ersten Versuch zum ersten Male überhaupt mit der betreffenden Situation zusammenkommt, oder aber höchstens ganz vereinzelte Fälle derart schon erlebt haben kann. Ein Beispiel gibt der oben beschriebene Modellversuch. Wer will ernstlich behaupten, daß eines der Tiere schon vor dieser Prü- fung in einer ähnlichen Lage war ? Beschränkt auf den Raum hinter einer Ebene (Gitter), schräg heranlaufend ein außen befestigtes Seil und in dessen Mitte ungefähr eine Frucht eingeknotet, so daß nur eine bestimmte Drehung des Seiles das Ziel erreichbar macht ? Wenn schon der Versuch einfach ist, — so etwas dürfte den Tieren vorher noch nicht begegnet sein, und doch bringen vier von ihnen unab- hängig voneinander die prinzipielle Lösung plötzlich vor. Niemals vor dem Versuch dürfte auch den Angeln einer Tür gegenüber ein Ziel gehangen haben, und doch wird diese mit einem Male scharf angesehen, gleich darauf in klarer Lösung geöffnet. Sehen wir von der Frage ab, wie Sultan auf die Kistenverwendung überhaupt kommt, so bleibt doch die andere : Was veranlaßt ihn, die belastenden Steine herauszunehmen, als eines Tages der betreffende Versuch gemacht wird? Wo soll er Gelegenheit zum blinden Permutieren in dieser Situation gehabt haben? Sicherlich nur ganz vereinzelt und nicht entfernt genügend oft für die Theorie kann es ferner vorgekommen sein, daß Nueva mit zu kurzem Stock das Ziel nicht erreichen konnte und nun gerade ein längerer zufällig so nahe lag, daß er mit dem kürzeren — natürlich immer alles in Zufallsimpulsen — herangeholt werden konnte usw. usw. Es ist wahrhaftig eine unnatürliche Anstrengung, gegen eine Er- klärungsweise, zu der in den Beobachtungen nicht der geringste An- laß vorliegt, so weitläufig zu argumentieren. Auf den Charakter eben 156 , .Zufall" und , .Nachahmung". dieser Beobachtungen, der mehr besagt als alle solche Argumente^ mache ich zum Schluß noch einmal in seinem Gegensatz zu den An- forderungen der Theorie aufmerksam: 1. Die Tiere sollen sich früher zufällig solche Lösungen andressiert haben; ein äußerst geläufiges Übungsprodukt wird angeblich be- obachtet und sieht dieser höchsten Geläufigkeit wegen genau aus wie eine einsichtige Lösung. Aber die besten, klarsten Lösungen, die ich beobachtet habe, traten vielfach ganz plötzlich auf, nachdem das Tier sich zu Anfang des Versuches und in einzelnen Fällen für Stunden vollkommen hilflos gezeigt hatte. Wer den ersten Versuch Tschegos (Kiste am Gitter im Wege) oder den ersten Kistenversuch Kokos (Verwendung als Schemel) für die Wiederholung eines lange geübten sinnlosen Dressurproduktes ansehen will, tut das sicherlich gegen den unmittelbaren Eindruck, den das beobachtete Verhalten hervor- ruft. 2. Die Tiere sollen einen Verlauf durch Erfolgsselektion aus „Im- pulsen" so gebildet, gefestigt und geglättet haben, daß sie ihn in dieser Form jetzt „fließend" reproduzieren können. Dieser Anfor- derung entspricht wohl kein einziger beobachteter Versuch, da kaum einer zweimal in ganz gleicher Weise verläuft, vielmehr die einzelnen, in einem von ihnen vorkommenden Hantierungen gewöhnlich stark wechseln: Die Tür wird vom Boden aus wie im Hocken oben darauf aufgedreht, die im Weg stehende Kiste an einer Ecke vom Gitter abgerückt oder über die hintere untere Kante zurückgeworfen. Soll die Kiste unter das Ziel gebracht werden, so sieht man dasselbe Tier sie ziehen, kanten, tragen, wie ihm die Laune kommt usw. Die einzige Beschränkung, die es dabei gibt, ist der Sinn des Verfahrens. Gerade deshalb kann man als Beobachter auch beim besten Willen nicht sagen : Das Tier kontrahiert den und den Muskel, macht den und den Impuls. Das wäre die unsachliche Betonung eines von Fall zu Fall beliebig wechselnden Nebenum- standes. Man muß vielmehr einfach, wenn man sachhch sein will, für die Beschreibung Ausdrücke gebrauchen, die schon sinnvolle Zu- sammenhänge involvieren: z. B. „Das Tier entfernte die im Wege stehende Kiste vom Gitter"; welche Muskeln welche Bewegungen dabei ausführen, ist übrigens vollkommen einerlei. 3. Nicht so beliebig sind weitere Variationen, die ebenfalls der Theorie zuwiderlaufen, aber durch unvorhergesehene Zwischen- fälle unmittelbar hervorgerufen werden, die Antwort auf sie darstellen; diese können ganz unmöglich alle andressiert sein. Das Tier führt dann nicht ein andressiertes Programm sinnlos weiter durch, sondern es begegnet der zufäUigen Störung durch eine Theorie und Thatsaciien. 157 entsprechende Variation. Dergleichen kann man z. B. häufig beim Stockgebrauch sehen: Es sagt sich so leicht, daß ein Tier mit dem Stock einen Gegenstand heranholt, aber in Wirklichkeit muß es dabei jedesmal anders verfahren, weil auf unebenem Terrain jede Bewegung das Ziel in eine neue Lage bringt, die ihre Behandlung für sich er- fordert. Als Sultan zum erstenmal einen Stab mit dem andern heran- holte, verlief der Versuch (auf günstigem Boden) recht glatt. Das nächste ]\Ial aber drehte sich der Stab weit draußen beim Heran- ziehen infolge von Reibung an einem Kiesel und war so nicht mehr zu befördern, da er gerade auf Sultan zu gerichtet lag ; das Tier setzte sofort ab, brachte den Stab durch vorsichtige kleine Stöße zunächst wieder in Querlage und zog ihn dann weiter heran. Man kann ge- radezu sagen, daß in der Mehrzahl der Fälle von Stockgebrauch die Lösung der Hauptaufgabe unterwegs kleine, nicht vorherzusagende Zusatzaufgaben mit sich bringt, und daß der Schimpanse in der Regel sofort die entsprechende Modifikation des Verfahrens eintreten läßt. — Auch hier gibt es natürlich Grenzen — über sie wird im nächsten Kapitel berichtet — , aber es soll ja auch nicht behauptet werden, daß der Schimpanse soviel leistet wie der erwachsene Mensch. Auf der andern Seite wäre es einfach unsinnig, zu behaupten, daß das Tier für alle diese verschiedenen Fälle und Variationen besondere Permutationen von Zufallsimpulsen durchgemacht habe, 4. Der Erfolg soll die objektiv passenden Permutationen aus der Gesamtheit aller, die auftraten, ausgewählt und zu einem Verband vereinigt haben. Aber die Tiere bringen vollständige Lösungsmethoden plötzHch klar und in sich geschlossen als ganze vor, die der Si- tuation in gewissem Sinn durchaus angemessen und doch undurchführbar sind. Nie können sie mit ihnen Erfolg gehabt haben, solche Methoden sind also sicherlich nicht nach dem Schema der Theorie früher eingeübt worden. Ich erinnere daran, \\ie zwei Tiere eine Kiste, die zu niedrig steht, plötzlich anheben und erhöht an die Wand andrücken; wie mehrere sich bemühen, die Kiste diagonal zu stellen, so daß sie höher hinaufreicht; wie Rana zwei zu kleine vSpringstäbe übereinander zu einem optisch doppelt so langen vereinigt; wie Sultan auf große Distanz einen Stock mit dem andern bis ans Ziel steuert und dieses so gewissermaßen ,, er- reicht"; im zweiten Teü dieser Untersuchungen wird als ein besonders merkwürdiger Fall beschrieben werden, wie mehrere Tiere, als ein Steinblock sie hindert, den schweren Türflügel aufzudrehen, plötz- lich die größten Anstrengungen machen, die schwere Tür über den »Stein hinüberzuheben. Wie sollen sie solche „guten Fehler" durch Erfolg.«:selektion sich andressiert haben ? 158 ,, Zufall" und „Nachahmung". Nach alledem muß, soviel ich sehe, auch ein Anhänger jener Theorie zu der Erkenntnis kommen, daß die mitgeteilten Versuchsberichte kein Anwendungsgebiet für seine Erklärungsart darstellen. Je mehr er sich bemüht, Wertvolleres als nur eben das allgemeine Schem^a seiner Theorie vorzubringen, nämlich wirklich durchzudenken und anzugeben, wie die Versuche alle im einzelnen ihm gemäß zu erklären und abzuleiten sind, desto klarer wird es ihm werden, daß er etwas Ungereimtes versucht. Er muß sich nur immer die Bedingung vorhalten, daß auch nicht unter der harm- losesten Form und nicht im kleinsten Detail Einsicht als ein Erfassen von Zusammenhängen in der Situation mitwirken soll. Wer nicht von vornherein — etwa als wissenschaftlicher Sparer — sicher ist, daß nur jene Theorie auf Tiere angewendet werden darf, den kann ich nur auffordern, einige der Versuchsberichte noch einmal durchzusehen. Wenn er von ihnen auch nur ganz entfernt ein Ab- bild dessen hat, was die unmittelbare Beobachtung der wirklichen Verläufe allerdings in vollkommen nicht wiederzugebender Weise lehrt, so wird er vielleicht fühlen, daß hier zu der Wirldichkeit außer der Theorie auch schon so ausgedehnte Erörterungen über sie sachlich nicht passen; in dem Maße disparat stehen Beobachtungen und. Erklärungsweise einander gegenüber. Leider wird man durch den geringen Kurswert, den psychologische Beobachtungen gegenüber allgemeinen Prinzipien haben, zu solchen uoinderlichen und von der Sache selbst durchaus nicht erforderten Diskussionen gezwungen. Ich komme von hier an auf die Theorie nicht mehr zurück und behandle die Versuche nur noch nach den Gesichts- punkten, die sich aus ihnen selbst ergeben. Mit den Ausführungen über das Zufallsprinzip habe ich nicht zu- gleich zur allgemeinen Assoziationstheorie Stellung genommen, und schon ganz zu Anfang wurde hervorgehoben, daß die Frage, die in dieser .Schrift zu beantworten ist, bejaht oder verneint werden könnte, ohne daß damit über das Verhältnis der Versuche zur Assoziations- lehre etwas ausgesagt würde. Dabei bleibt es auch jetzt zunächst. Das Zufallsprinzip \rill uns für Tiere eine Erklärung aufzwingen, die unzweifelhaft Einsicht ausschheßt und berührt damit den Kern der Untersuchung. Die Assoziationstheoretiker wissen und erkennen an, was man Einsicht beim Menschen nennt, und behaupten, sie könnten dergleichen aus ihren Prinzipien ebensogut erklären wie die einfachste Berührungsassoziation (oder Reproduktion). Für tierisches Verhalten folgt daraus höchstens, daß .sie dieses, falls es einsichtigen Charakter hat, ebenso behandeln werden, aber durchaus nicht, daß beim Tier notwendig fehlen müßte, was beim IMonschen einsichtig genannt zu Assoziationstheorie und sachliche Struktur. 159 werden pflegt. Ich kann deshalb eine nähere Erörterung in dieser Richtung vermeiden und will hier nur bemerken, daß erste und un- erläßliche Vorbedingung für eine ausreichende assoziative Erklärung einsichtigen Verhaltens folgende Leistung der Assoziationstheorie wäre: Es ist aus dem Assoziationsprinzip streng abzuleiten, was das Erfassen eines sachlichen, inneren Bezugs zweier Dinge zuein- ander ist (allgemeiner: das Erfassen eines Situationsaufbaues); dabei ist mit „Bezug" ein Zusammenhang auf Grund der Eigen- schaften jener Dinge selbst gemeint, nicht etwa ein häufiges ,, Hintereinander- oder Zugleich-Auftreten". Diese Aufgabe ist des- halb an erster Stelle zu lösen, weil solche Bezüge die elementarste Funktion darstellen, die an spezifisch einsichtigem Verhalten beteiligt ist, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß u. a. diese Bezüge das Verhalten des Schimpansen fortwährend bestimmen^). Sie sind also nicht etwa außer „Empfindungen*' u, dgl. nur eben auch noch da als weitere assoziierbare Stücke, sondern es läßt sich — man kann es zahlenmäßig tun^) — vollkommen streng beweisen, daß sie das Ver- halten des Schimpansen, demnach auch seine innere Dynamik, durch ihre charakteristischen Prozeßeigenschaften auf das stärkste mitbe- stimmen. Entweder die Assoziationstheorie ist imstande, das „Kleiner als", „Weiter entfernt als", „Gerade dahin gerichtet" usw. seinem inneren Sinn nach als Assoziationen aus Erfahrung in vollkommener Klarheit darzustellen — dann ist alles gut; oder aber die Theorie kommt als ausreichende Erklärung nicht in Betracht, wenn sie näm- lich jene für den Schimpansen (wie für den Menschen) primär wirk- samen Momente nicht abzuleiten vermag: Im letzteren Fall könnte nur eine Mitbeteiligung des Assoziationsprinzips zugelassen werden, und mindestens jene andere Prozeßart, die Bezüge und nicht äußer- lichen Zusammenhänge, wäre außerdem noch als unabhängiges Wirkungsprinzip anzuerkennen. Sehr viel kürzer als die Zufallstheorie läßt sich eine Deutung be- handeln, die man nicht selten von Nichtfachleuten zu hören bekommt, die aber niemand recht ernst nehmen wird, der viel mit Tieren ex- perimentiert hat. Konnten die Schimpansen nicht vor den Versuchen einmal ähnliche Lösungsmethoden vom Menschen durchgeführt sehen und ahmen sie lücht einfach solche menscliliche Vorbilder nach? Zunächst ist der Gedanke zu der in dieser Schrift behandelten Frage in klare Beziehung zu bringen : Er darf nur dann in der Form eines Einv/andes vorgebracht werden, wenn das „einfache Nachahmen" einen Vorgang ohne jede Spur von Einsicht in das früher Ge- 1) Ebenso wie (vgl. Selz, a. a. O.) die Reproduktion des Menschen. ä) Vgl. Abhandl. d. Preuß. Akad. d. Wiss, 1918, Pliys.-math. Kl. Nr. 2. l6o ..Zufall" und „Nachahmung". sehene darstellen soll; denn andernfalls haben wir es statt, mit einem Einwand mit einem sehr speziellen Vorschlag zur Deutung vor^ handenen einsichtigen Verhaltens zu tun. Ich vermute, daß schon auf diese Klärung des sogenannten Einwandes hin die Neigung, ihn als solchen vorzubringen, einigermaßen gering werden wird. Denn das plötzliche, unvermittelte Vorbringen irgendwann ohne Spur von Einsicht gesehener, relativ komplexer Handlungen, und zwar genau, als ob sie einsichtig wären, würde ja eine Erscheinimg dar- stellen, die meines Wissens in der Ps3^chologie weder des Menschen noch der Tiere bisher jemals beobachtet worden ist, hier also hypo- thetisch neu eingeführt w'erden müßte. Und so scheint mir, daß eine Art Denkfehler der folgenden Art vorliegt: Für den erwachsenen Menschen ist im allgemeinen nichts leichter als das, was er einen andern machen sieht oder sah, selbst ,, einfach nachzuahmen"; vor allem Handlungen wie die hier von Schimpansen ausgeführten ,, macht" selbstverständlich jeder normale Erw^achsene dem andern ,, sofort nach", wenn ein Anlaß dazu vorliegt; hier kann man in der Tat von „einfachem Nachahmen" sprechen. Dieser Tatbestand nun ver- führt wohl bei flüchtigem Denken zu dem erwähnten Einwand, in- dem bei der Anwendung auf den Schimpansen außer acht gelassen wird, daß der nachahmende Mensch natürlich meistens dieselbe Hand- lung selbst schon lange kennt und jedenfalls, solange sich das Vor- bild nicht über gewisse Grenzen hinaus kompliziert, sofort versteht, einsichtig erfaßt, was das Tun des andern bedeutet, inwie- fern es etwa eine ,, Lösung" in der betreffenden Situation ist. Daß es dagegen möglich sei, noch dazu nach längeren Zeiträumen — denn in der Zeit unmittelbar vor solchen Versuchen schließt der Experi- mentator jede Gelegenheit zur Nachahmung aus^) — in keiner Hin- sicht und in keinem Teil verstandene komplexe Verhaltensw^eisen plötzlich als in sich geschlossene, klare Verläufe vorzubringen, nur weil sie früher einmal oder öfters optisch miterlebt wurden, — noch einmal: das hat uns noch keine Erfahrung gezeigt, und wenig Aus- sicht ist vorhanden, daß sie uns etwas so Merkwürdiges in Zukunft zeigen werde. Wieder aber kommt alles darauf an, daß man streng denkt und nichts, was im Mindesten Verständnis des Gesehenen wäre, bei der angenommenen „Nachahmung" dieser Art mitwirken läßt. Selbst Tierpsychologen haben wohl nicht immer genau auf diesen fundamentalen Unterschied des als ,, einfach" bekannten mensch- lichen Nachahmens und des von Tieren leichthin geforderten ge- achtet, und so entstand eine gewisse Verwunderung, als sich zuerst im Versuch zeigte, daß es bei Tieren mit dem anscheinend so leichten ^) Abgeseheu von den Fällen, wo gerade das ,, Nachahmen" untersucht werden soll. Verständnis Voraussetzung des Nachahmens. l6l Nachahmen im allgemeinen recht schlecht bestellt ist. Hätte man bedacht, daß der Mensch zunächst in irgendeinem Grade oder Teile verstehen muß, ehe er überhaupt darauf kommt, nachzuahmen, so wäre das Erstaunen vielleicht geringer gewesen; denn die nächst- liegende Arbeitsrichtung ist doch hier entschieden: Nachzuprüfen, ob etwa auch das Tier ein gewisses Minimum von Verstehen des Gesehenen aufbringen muß, ehe Nachahmung überhaupt möglich werden kann. In neueren Versuchen amerikanischer Forscher^) ist, entgegen den Ergebnissen Thorndikes, mit aller Sicherheit fest- gestellt worden, daß Nachahmung, wenn auch kümmerlich und schwerfällig, bei höheren Wirbeltieren vorkommt. Die Berichte stimmen gut zu der Annahme, daß im allgemeinen schwere Arbeit, wenigstens etwas an dem Vorbild zu verstehen, von dem Tier ge- leistet werden muß, ehe die Nachahmung eintreten kann. „Einfache Nachahmung!" Jedem, der noch nicht Untersuchungen an Tieren angestellt hat, kann ich nur sagen: Kommt es wirklich einmal vor, daß ein Tier, dem eine Lösung vorgemacht wird, nun plötzlich diese auch ausführen kann, obwohl es vorher ahnungslos war, so hat man in demselben Augenblick unvermeidlich eine wahre Hochachtung vor diesem Tier. Leider ist selbst beim Schimpansen so etwas recht selten zu sehen 2) und immer nur dann, wenn die betreffende Situation sowie die Lösung ungefähr innerhalb derselben Grenzen liegen, die dem Schimpansen auch für ganz spontane Leistungen gezogen sind. Man sieht, wie erfahrungsfremd ein solcher Einwand ist. Auch beim Schimpansen (und wohl ebenso bei anderen höheren Vertebraten) kommt das „einfache Nachahmen" mit Leichtigkeit zustande, sobald die gleichen Bedingungen wie beim Menschen gegeben sind, d. h. dem Tier das nachzuahmende Verhalten sonst schon geläufig und verständlich ist; gibt es unter solchen Umständen überhaupt einen Anlaß, auf den anderen (Tier oder Mensch) zu achten und interessiert dessen Verhalten, so wird entweder , .mitgemacht" oder,, die gleiche Lösung versucht" usw. Was das Nachahmen anbetrifft, scheinen also bei höheren Tieren ganz ähnliche Verhältnisse und qualitative Bedingungen zu bestehen wie beim Menschen. — Daß auch der Mensch sofort nicht mehr ,, einfach nachahmen" kann, wenn er einen Vor- gang, eine Gedankenfolge nicht genügend versteht, läßt sich leicht zeigen; ich komme hierauf zurück, wenn über die Nachahmun^ien des Schimpansen berichtet wird. Späteren Ausführungen vorgreifend, erwähne ich vorläufig nur kurz, daß etwa vier Arten von Nachahmung beim Schimpansen vor- kommen, daß aber nichts von dem Beobachteten auch nur daran denken läßt, die Tiere könnten Wesentliches ihrer beschriebenen Leistungen „einfach" und dabei vollkommen uneinsichtig ^) Berry, The Journal of Comp. Neurol. and Psychol. i8 (1908); Haggerty, ebenda 19 (190Q). 2) Vgl. Pf ungst, Bericht über den 5. Kongreß f. exper. Psychologie 1912, S. 201. Doch geht Pf ungst wohl zu weit; auch der Mensch wird im Bedarfsfall vom Schim- pansen ,, nachgeahmt", falls er verstanden ist. Köhler, Intelli^enzprüfungen. II 102 ,, Zufall" und ,, Nachahmung". ,, nachgeahmt" haben. »So einen Vorgang gibt es beim Schimpansen überhaupt gar nicht. Im übrigen mögen zur vorläufigen Begrenzung dessen, was in irgendeiner Form von Nachahmung übernommen sein könnte, fol- gende Bemerkungen dienen: I. Auf die Frage, ob die Tiere schon einmal ihren Leistungen Ähn- Hches vom Menschen ausgeführt sehen konnten, ist in manchen Fällen sicherlich mit Ja zu antworten oder vielmehr: ]\Ianche Verhaltens- weisen müssen die Tiere schon vor den Versuchen gesehen haben, v/enn auch dahingestellt bleibt, mit welchem Grade von Aufmerk- samkeit.. Es ist z. B. nahezu unmöghch, einen Schimpansen in der Gefangenschaft zu halten, ohne daß jemals etwas wie Stockgebrauch in seiner Gegenwart vorgenommen würde. Schon das Reinigen seines Käfigs (Besen u. dgl.) wird, wenn man nicht schon deswegen ein kompliziertes »System einführen will, zu ähnlichen Handlungen führen, und wenn man versucht, dem Wärter dergleichen zu verbieten, so kommt man erstens zu spät (denn schon auf dem Schiffstransport oder früher bestand die gleiche Wahrscheinlichkeit), und zweitens ist es für Nichtsachverständige recht schwer, dergleichen wirklich zu unterlassen, weil die mechanisierten Werkzeugverwendungen beim Menschen geradezu ohne sein Wissen auftreten. Das muß man in den Kauf nehmen. — Nicht ebenso leicht kommt Gebrauch von Kisten und ähnlichem als Schemel vor, sehr wahrscheinlich dagegen haben die Tiere vor den Versuchen Fälle von Leiterverwendung ge- sehen. Inwieweit derartige Vorbüder, auf die nicht sofort eine Gelegenheit, ein Anlaß zur Nachahmung folgt, späteres Verhalten der Tiere beeinflussen können, ist in anderm Zusammenhang zu besprechen; ohne jede Spur von Verstehen scheint, wie ich nochmals hervorhebe, das Zugegensein bei einigen oder vielen Fällen von Werk- zeugverwendung die Wirkung Null zu haben ^). 2. In einer Anzahl von Fällen erscheint jede Art von Nachahmung der Natur der Sache nach als ausgeschlossen: a) weil die betreffende Aufgabe noch nie in Gegenwart der Schim- pansen von Menschen gelöst sein dürfte (man denke an die Benutzung des Türflügels, an die Erleichterung der steingefüllten Kiste, an den oben beschriebenen Versuch mit dem schräg zum Gitter laufenden Faden u. a. m.), b) weil kein Mensch je auf den Lösungsversuch der Tiere verfallen würde (ich erinnere an den Springstock und an die guten Felder: *) Absichtliche Unterweisung der Tiere ist, wie ich mit aller Sicherheit fest- stellen kann, niemals erfolgt, mit Ausnahme der Fälle, wo ich selbst alles daransetzte, auf diesem Wege etwas zu erreichen. HÖHERE Anforderungen. 163 Wer soll ihnen vorgemacht haben, eine Kiste hoch an die vertikale Wand zu stellen oder zwei Stöcke in rein optischer I^ösung zu einem verlängerten zusammenzuhalten usw. ?). Bei alledem ist schon hier zu betonen : Man hat gesagt, der Schim- panse übernehme nie eine Verhaltensweise des Menschen. Das ist nicht richtig. Es kommen Fälle vor, wo selbst der größte Skeptiker zugeben wird, daß der Schimpanse nicht allein von seinen Artgenossen, sondern ebenso vom Menschen neue I^eistungen übernimmt. 8. UMGANG MIT FORMEN. In allen Intelligenzprüfungen, welche eine optisch gegebene Si- tuation verwenden, hat der Prüfling, wenn man genauer zusieht, neben anderen Aufgaben die eines Erfassens bestimmter Formen oder (v. Ehrenfels, Wertheimer)^) Gestalten zu leisten. Diese Gestaltmomente waren in den meisten bisher beschriebenen Ver- suchen von der einfachsten Art, so daß der Unbewanderte noch kaum die charakteristischen Eigenschaften von Gestalten an ihnen erkennt : Grobe Distanzen (sehr vielfach), das Zueinander von Größen (z. B. im Doppelrohrversuch der beiden Öffnungen), grobe Richtungen und allenfalls Richtungskomponenten (Modellversuch des vorigen Kapi- tels,- Türflügelversuch u. a.). Immer da aber, wo eine Formaufgabe etwas größere Anforderungen stellte, also da, wo man (untheoretisch) gewöhnlich erst von Formen und Gestalten (im engeren Sinn) spricht, begann der Schimpanse zu versagen und ohne Rücksicht auf das Feinere der Situationsstruktur so zu verfahren, als wären ihm alle Formen nur en bloc, gewissermaßen ohne straffe innere Zeichnung gegeben. Das kam beim aufgewickelten Turnseil, beim aufgewun- denen Draht, beim Kistenbau vor. — Nun pflegten bisher die Situa- tionen, in die man Säugetiere von der Katze aufwärts brachte, um ihre Intelligenz zu prüfen, zum größten Teil Formen recht komplexer Art zu enthalten, insbesondere allerhand Türverschlüsse u. dgl. Daß Tiere unterhalb der Anthropoiden diese Anordnungen nicht sofort (wenn überhaupt jemals) verstehen, ist schon nach dem bisher Be- richteten geradezu selbstverständlich. Ich kann bei dem Übergang zu schwierigeren Versuchen am Schimpansen so zufällig-kompliziertes Versuchsmaterial nicht verwenden; auch die folgenden Prüfungen sind darauf gerichtet, möglichst die primären Funktionen immer höheren Grades in der Untersuchung zu treffen, welche selbst dem ^) V. Benussi nenne ich in diesem Zusammenhang trotz seiner schönen Experi- mente nicht, weil es mir Mühe macht, seine besondere Auffassung der Gestaltfragen (Produktionstheorie) auf die Untersuchimg von Tieren zu übertragen. 164 Umgang mit Formen. Experimentator verborgen zu bleiben pflegen, wenn er Versuche über ,, Aufriegeln", „Doppelverschluß" u, dgl. macht. Die Gesichtspunkte, nach denen eine Prüfung zu entwerfen ist, sind psychologischer, nicht technologischer Natur; wenn ein Tier einen komplizierten Verschluß nicht öffnet oder irgendwie öffnet, so bleibt der Psychologe noch ganz im Dunkeln darüber, was eigentlich es im psychologischen Sinn nicht gekonnt oder auch irgendwie zustande gebracht hat. In welcher Richtung man fortzuschreiten hat, um höhere und doch noch für Beobachtung und Funktionsverständnis hinreichend klare Versuchssituationen zu finden, lehren die folgenden Erfahrungen: Tschego macht ihre ersten Stockversuche und holt (2. 3. 14) Früchte mit dem Stab geradeswegs an das Gitter ihres Raumes heran. Nun ist der untere Teil des Gitters noch mit einem dichten, engmaschigen Drahtnetz überzogen, und die Früchte, die das Tier gerade auf sich zu herangezogen hat, kann es jetzt, obwolil sie dicht vor ihm liegen, nicht ergreifen — weder durch die engen Flaschen hindurch, noch von oben über das Netz hinweg, da dieses höher ist, als sein Arm hinabreicht. Etwa i m seitlich ist das Netz niedriger: Nachdem Tschego einmal vergeblich hinuntcrgelangt hat, nimmt sie sofort wieder den Stock zur Hand, schiebt das Ziel in klarer, stetiger Be- wegung seitwärts auf die niedrige Stelle zu (also von ihrem der- zeitigen Platz fort), geht dann schnell selbst hin und kann ohne weiteres die Früchte aufnehmen. Ganz ähnlich verfährt Sultan (17. 3.). Der Stock ist an ein Seil gebunden und dieses am Rahmen des Gitters festgenagelt. Gegen- über außen liegt das Ziel, aber wieder ist unten das Eisengitter mit dichtem Drahtnetz bedeckt, so daß das Tier darüber hin mit dem langen Stock arbeiten, nicht aber das Ziel erreichen kann, wenn es dieses gerade zu sich herangezogen hat. Sultan nimmt den Stock und schiebt das Ziel seitlich, ebenfalls in bestimmtester Bewegung, auf ein Loch unten im Drahtnetz zu, von wo er mit dem Arm hinaus auf den Boden greifen kann. Sehr aufklärend, besonders für die Zufallstheorie, ist es, daß Sultan nach einer Weile sorgfältigen Schie- bens auf jenes Loch zu den Stock fallen läßt, an das Loch herantritt, seinen Arm hinausstreckt, nach dem Ziel faßt, und da er gerade noch nicht ankommt, sofort zum Stock zurückgeht und das Ziel mit ihm dem Loch noch näher schiebt, so daß er nun von der Öffnung aus die Früchte fassen kann. Arbeitete das Tier nicht vou der GitterstcUe aus, der das Ziel gerade gegenüber- liegt, sondern von vornherein von der Stelle aus, wo es in den beschriebenen Ver- suchen später mit der Hand hinausgreift, dann würde es hier während des Vorganges seitlich nach dem Ziel hingedreht sitzen, dieses fast gerade zu sich heranziehen und so nicht den beobachteten Umweg machen. Um Sultan an dii^sem Verfahren zu ver- Umweg mit dem Werkzeug. 165 hindern, war der Stab mittels des Seiles so festgelegt, daß der Stockgebrauch nicht etwa von dieser zweiten Stelle aus stattfinden konnte, weil bis dahin das Seil nicht reichte. Wie der wirkliche Versuchsverlauf beschaffen ist, arbeiten die beiden Tiere unter 90° bis 180° von sich fort, wenn wir mit o' die Richtung Ziel — Tier bezeichnen, auf der sich natürlicherweise der Stockgebrauch abspielt. Es hegt also wie in früheren Umwegversuchen der Fall vor, daß eine Handlung, die für sich betrachtet sinnlos, ja schädlich ist, in der Bindung mit einer zweiten (,, später Hingehen an die zweite Stelle und dort Ziel erreichen") und nur in dieser Bindung sinnvoll wird: Das Ganze stellt sogar die einzige in Betracht kommende Lösungsmöglichkeit dar. Diesen Sach- verhalt habe ich bereits in einem früheren Abschnitt als charakteristisch für Umwege angesehen, dort aber keine Konsequenzen für die Tiere ziehen mögen. Nach den Erörterungen des vorigen Kapitels ist wenigstens die Frage berechtigt: Ein erster Teil a des Versuchsverlaufes (,, Hinschieben nach einer andern Stelle und vom Tier fort") kann allein nicht einsichtig Zustandekommen; denn er ist allein genommen eher schädlich als fördernd; b aber (,, Hingehen zur zweiten Stelle und Ergreifen des Zieles") kommt noch gar nicht in Betracht — ist es denkbar, daß (a b) als in sich geschlossener Handlungsentwurf aus der einsichtig betrachteten Situation für das Tier (oder einen Menschen) herausspringt ? Einen anderen Weg nämlich sehe ich nicht, wenn bereits der Anfang des Verfahrens, isoliert genommen, gar nichts von einer Lösung enthält, ja einer solchen entgegengesetzt scheint, also als isoliertes Stück nicht einsichtig auftreten kann. Auch realiter ist danach ein Ganzes verlangt, welches sozusagen seine ,, Teile" erst legitimiert, falls ein Verlauf wie der beschriebene einsichtig soll Zustandekommen können. Die Gestalttheorie kennt Ganze, die mehr sind als die ,, Summe ihrer Teile"; hier \vird sogar ein Ganzes ver- langt, welches zu einem seiner ,, Teile" in einem gewissen Gegensatz steht, und das erscheint als eine sonderbare Konsequenz. — Wollte man vollends versuchen, das Auftreten einsichtiger Lösungen physiologisch zu verstehen, so würde wohl dieser Tatbestand einen rechten Probierstein für jede theoretische Bemühung abgeben. Funktionell betrachtet, bringt das beobachtete Verhalten auf zwei relativ einfache Gesichtspunkte. Man kann sagen, das Tier verstehe mit dem Stock als Werkzeug ebenso Umwege zu machen wie mit dem eigenen Körper — diese Möglichkeit tritt in dem Versuch selbst noch nicht rein hervor — und zweitens: beim Stockgebrauch werde in Rücksicht auf eine weitere, ganz andere Handlung (Veränderung der eigenen Körperstellung) verfahren, die erst hinterdrein als Ab- schlußteil des Verlaufes wirklich auftreten kann. Ich wende mich der näheren Untersuchung der ersten Möglichkeit zu. Leicht kann es scheinen, als gehöre die Behandlung dieses ersten Momentes nicht hierher, wo die Anforderungen an die Tiere größer werden sollen. Als allerleichteste Form des allgemeinen Prüfungs- typus können Umwege auch mit Hunden und in sehr beschränktem Maß selbst mit Hühnern angestellt werden. Mancher wird deshalb meinen, es komme nicht viel darauf an, ob ein Umweg nun mit dem eigenen Körper oder mit einem Werkzeug in der Hand gemacht werden solle; sei im letztgenannten Fall nur der Gebrauch des Werk- zeuges an und für sich geläufig, so müsse sich das — von eigenen Bewegungen her wohlbekannte — Umwegemachen geradezu von selbst ergeben. In der Tat möchte das bei logizistischer Auffassung vom Wesen intelligenten Verhaltens vielleicht folgen. Aber es geht i66 Umgang mit Formen. hier wie in der höheren Psychologie auch sonst: selbst das einsichtige Verhalten, die Intelligenzleistung, wehrt sich gegen ,,intellektua- listische Deutungen". Jedenfalls ist der Schimpanse sehr weit davon entfernt, ebenso leicht mit Werkzeugen (überhaupt Dingen) Umwege zu machen, die die vSituation verlangt, wie er dasselbe in eigener Körperbewegung leistet. Ich beschreibe Prüfungen m dieser Richtung, die an dem ruhigsten, klarsten Tier, also Nueva, zuerst vorgenommen wurden. — Sie sitzt hinter einem Gitter, vor ihr draußen (45 cm entfernt) steht auf dem Boden eine Vorrichtung von der Form einer (oben offenen) quadia- tischen Schublade, der eine Seitenwand fehlt; die Kanten sind 38 cm lang, die drei Vertikalwände 6 cm hoch; das „Umwegbrett" ist auf sonst freiem Grunde so niedergesetzt, daß die Seite ohne Vertikal- wand (vgl, Skizze 17) vom Tiere fortgekehrt ist (Normalstellung). Bei «000 COs790oO ^0 ^H^:;;) Slcizze 17. Z legt der Versuchsleiter das Ziel (Banane) nieder und gibt dann Nueva einen längeren Stab in die Hand (18. 3.). Sie kratzt das Ziel gerade auf sich zu (0°), kann es bald nicht weiterbringen, weil die vordere Vertikalwand im Wege ist, und gerät in großen Kummer; sie klagt und bittet, wird aber in keiner Weise unterstützt. Endlich ergreift sie den Stock von neuem und bemüht sich wieder, unter 0° das Ziel heranzuholen. Mit einem Male ändert sich dann das Ver- fahren: sie setzt plötzlich den Stock nicht mehr hinter dem Ziel nieder und zieht, sondern vor ihm und schiebt es, mehrmals sorg- fältig den Stock von neuem ansetzend, mit aller Sicherheit auf die offene (von ihr selbst abgekehrte) Seite zu, also unter etwa 180°. Dies behutsame und gleichmäßige Schieben hält sich bis nahe an den Rand des Brettes, wo ohne jeden Ruck, ohne Unstetigkeit im Ge- samtverhalten des Tieres der Stock einmal hinter das Ziel kommt Umwegbrett. 167 und dieses um einige Zentimeter (etwa 5) zurückgezogen wird. Der „Umschlag" dauert nur Momente; dann tritt das Fortschieben auf die Öffnung von neuem ganz klar auf, das Ziel ■wird in gleichmäßigem Weiterarbeiten ruhig vom Brette herunter seitwärts entlang gestoßen und schließlich im Bogen (auf der linken Seite vom Tiere aus; so immer) glücklich herangeholt. Bei einer Wiederholung nach wenigen Minuten wird sofort der ganze Umweg mit Idarem Beginn unter 180° und ohne jeden Fehler zurückgelegt. Wiederholung am folgenden Tage: Nueva zieht das Ziel zuerst unter 0° näher, kehrt dann, ganz scharf absetzend, die Bewegungs- richtung um, ehe noch die hindernde Vertikalwand wirklich erreicht ist, schiebt also das Ziel über einen großen Teil des Brettes hin gleich- mäßig von sich fort, macht für einen Augenblick wie tags zuvor einen Umschlag durch und legt danach die Umwegkurve sorgfältig und glatt zurück. — (Wiederholung nach wenigen Minuten: Klare Lösung ohne jeden Fehler.) (20. 3.) Das Umwegbrett hat die Fläche 50 qcm, der erforderliche Umweg ist also entsprechend größer. Nueva setzt unter 0° an, wendet (wieder, ohne zuvor die Wand zu erreichen) plötzlich um und befördert mit Ruhe und Sorgfalt das Ziel durch die Umweg- kurve bis in Reichweite. — (Wiederholung nach wenigen Minuten: Fehlerfreie Lösung.) Wiederholung am 28. 3. Beginnt mit 0°, geht abrupt zu 180° über. Als beim Herumziehen des Zieles um die Ecke des Brettes die Seitenwand dem Stocke im Wege ist, schiebt das Tier resolut, aber ruhig das ganze Brett mit dem Stocke zur Seite und arbeitet nun bequem weiter. Das beschriebene Verhalten Nuevas ist weit klarer als alles, was weiterhin von den anderen Tieren berichtet wird, und doch zeigt es schon deutlich genug, daß sich eine Lösung, wie sie hier allein in Betracht kommt und ja nach primitiverem Verhalten im Anfang auch wirklich ausgeführt wird, nur gegen einen starken Widerstand durchsetzen kann. Unzweifelhaft tritt sie bei Nueva noch durchaus einsichtig auf: so klar setzt sich die neue Bewegungsrichtung (180°) von der ersten (0°) ab, und so gar nicht ist liier von einem diffusen Herumprobieren die Rede. Aber daß es so lange dauert, bis diese Lösung überhaupt gefunden wird, und das Tier nach der ersten Be- mühung primitiver Art zeitweise ratlos bleiben kann, daß noch nach sechs Versuchen die Richtung 0° zuerst wiederkehrt, ehe die Lö- sungsrichtung plötzlich aufkommt, das steht in einigermaßen scharfem Kontrast zu der Selbstverständlichkeit, mit der die Schimpansen auf Umwegen zu einem Ziele hin laufen oder klettern. — Der merk- l68 Umgang mit Formen*. würdige „Umschlag", der noch beim dritten Versuche (am zweiten Versuchstage) beobachtet wird, erweist ferner, daß es sogar schwer bleibt, das Lösungsverfahren durchzuführen, nachdem es schon mit Bestimmtheit aufgetreten und recht weit gefördert ist. — Diese momentane und räumlich sehr beschränkte Rückwärtsbewegung hat gar nichts von einem Herumprobieren. Am ersten kann ich ihren Charakter durch einen ungefähren Vergleich kennzeichnen: Soll ein Mensch Bewegungen, die ihm sonst keinerlei Mühe machen, mit einem Male ausführen, während er sie in einem Spiegel beobachtet, so kommt es bekanntlich^) vielfach zu einem zwangsmäßigen Um- schlagen der Aktionsrichtung, weil die normale Zuordnung von Optik und Motorik gestört ist. Wie Nueva für Augenblicke in die normale Richtung, das Ziehen, zurückfällt, hat der Beobachter den Eindruck, daß das Tier selbst erst über die Änderung orientiert wird, nachdem schon ein Ideines Stück Weges wirklich unter o° zurückgelegt ist. In späteren Versuchen kommt nicht allein diese Erscheinung noch- mals, sondern sogar eine Steigerung bis ins Paradoxe vor. Nur noch ein einziges Tier, und zwar der kluge Sultan, brachte es bei Normalstellung des Brettes überhaupt zur Lösung, Wie es dabei zugeht, ist nicht alkin durch den unerfreulichen Untersclüed gegenüber Nuevas Versuchen bemerkenswert. (i8. 3.) Das Brett von 38 qcni wird benutzt, es liegt ein wenig weiter vom Gitter entfernt (55 cm). — Sultan zieht die Banane auf sich zu (0°) und bemüht sich, sie über den Rand zu heben; da sie aber hier gerade wegen der Ver- tikalwand ganz unerreichbar für die Stockspitze wird, so legt der Beobachter sie an den ursprünglichen Ort zurück; Sultan bewegt sie nun seitlich (etwa 90°) an die ^^'and, beginnt, als das Ziel diese er- reicht hat, mit der Stockspitzc zu heben und befördert es wirklich hinaus, so daß es auf freiem Grunde leicht heranzuziehen ist. Der kleine vertikale Umweg (6 cm) über den Rand scheint sich ganz von selbst zu ergeben; sobald die Frucht an der Wand liegt, setzen statt der schiebenden Bewegungen deutlich hebende ein. Bisher ist die Aktionsrichtung nach der offenen Seite hin noch gar nicht vorgekommen. Ihr Auftreten wird durch einen Zufall veran- laßt, der ganz allgemein als starke Hilfe wirkt. — (Neues Ziel.) Unter den hastigen Bewegungen, die Sultan in diesem Versuch sehr un- vorteilhaft von Nueva unterscheiden und durch viele vergebliche Bcnüilnmgen nur immer fahriger werden, springt die elastische Frucht vom Brett ein wenig in die Höhe und rollt niederfallend ein Stück in Richtung der offenen Seite fort : sogleich ändert Sultan sein Ver- fahren, schiebt das Ziel weiter schräg hinaus und zieht es dann im *) Wenn ich nicht irre, rührt der Versuch von Mach her. Wirkung von Zufallshilfen. 169 Bogen zu sich heran. — Ganz dasselbe geschieht bei der nächsten Wiederholung, und zwar arbeitet das Tier zunächst wie völlig un- belehrt in Richtungen zwischen 0° und 90°, bis zufällig bei starkem Druck des Stockes die Banane unter ihm fort und eine Strecke auf den offenen Rand zuschnellt : In demselben Augenblick wechselt auch Sultan sein Verfahren wieder und löst die Aufgabe klar. Allerdings ist sie nun auch dadurch leichter geworden, daß nach der zufälligen Annäherung des Zieles an den Rand die Umwegkurve nicht mehr unter etwa 180° einzusetzen braucht, einer Richtung, die sich in den Versuchen der übrigen Tiere als besonders schwierig erweist (vgl. unten). (19. 3.) Um die Zufallshilfen zu erschweren, ersetzen wir das kleine Brett durch das von 50 qcm, aber der Verlauf bleibt der gleiche : Sultan versucht, das Ziel seitlich über den Rand zu heben, es springt mehrfach, und als es schließlich einmal bis nahe an die offene Seite fortrollt, geht er abrupt zur richtigen Bewegung über, bringt auch ohne Störung das Ziel durch die Umwegkurve in seinen Besitz. — Bei Wiederholung schlägt er trotzdem noch einmal den Weg zur Seitenkante ein, die Banane springt zwar diesmal nicht bis in die Nähe des offenen Randes, aber doch bis in die Brett mitte zurück, und diese Bewegung scheint geradezu suggestiv zu wirken: Plötzlich arbeitet Sultan unter 180° usw. in vollkommen klarer Lösung. — Im dritten Versuch des Tages endlich bedarf es der Zufallshilfe nicht mehr, und von vornherein wird das Ziel ohne Fehler vom Brett fort- gestoßen, dann im Bogen herangezogen. Nach einer Pause von zwei Monaten (16. 5.) tritt im ersten Augen- blick die primitive Richtung (0°), dann scharf abgesetzt die richtige Lösung in fehlerloser Kurve auf. Wie die Lösung zuletzt vor sich geht, und wie die Zufallshilfen vorher jedesmal benutzt werden, muß ich die Leistung in ihrem Endzustand für einsichtig halten, wennschon es als ganz auffällig wirken muß, daß die Zufallshilfe dreimal das Tier zur vollständigen Lösung veranlassen kann, ohne daß es sie beim jedesmal folgenden Versuch von selbst vorbringen könnte, ja auch nur andeutete. Das erscheint nur möglich, wenn sozusagen eine starke Kraft der Lösung entgegenwirkt, oder genauer gesagt, den Anfang der Lösung (Rich- tung 180°) schlechterdings nicht aufkommen läßt. Diese zweite Aus- drucksweise ist deshalb besser angebracht, weil ja nur der Beginn in der schweren Richtung durch den Zufall vorgeführt zu werden braucht, so entsteht augenblicklich die ganze Umwegkurve für Sultan. (Das letztere folgt unmittelbar daraus, daß diese Kurve in jedem Fall auch räumlich so „rund" wie möglich verläuft; noch auf dem lyo Umgang mit Formen. Brett bekommt das Ziel nahe der Öffnung die schräg seitliche Be- wegungskomponente, welche der weiteren Fortsetzung der Kurve auf freiem Boden, dem „Herumziehen", entspricht.) Über die Natur der Zufallshilfe wären mehrere Annahmen möglich, deren experimentelle Prüfung noch aussteht: Entweder ist es die Nähe des Zieles an der offenen Seite, und zwar nach dem Sprung, welche das Auftreten der Lösung veranlaßt, oder aber die Dynamik dieses Sprunges in der schwierigen Richtung des Kurvenanfanges ist das Ent- scheidende, oder endlich, es \Airkt beides zusammen. Dies letzte halte ich für richtig; nach allen sonstigen Erfahrungen an Tieren und Menschen ist jedoch das wahrscheinlichste, daß die Bewegung selbst mit dem ihr inhärierenden Richtungsfaktor die Haupt kraft darstellt. Man kann weiter fragen, inwiefern denn dergleichen die vollständige Lösungskurve hervorbringen könne. Hier sind wieder zwei Antworten möglich: Entweder läßt sich ein Assoziationszusammeuhang denken, der, im Tier schon vorher bestehend, unter der reproduzierenden Kraft der zufälligen Hilfsbewegung die Gesamtkurve wach- ruft — oder aber, es gibt sozusagen ,,autochthone" Möglichkeiten dafür im Tier, daß gegenüber der neuen Totalsituation ,, Richtungshilfe in der gegebenen Feld- struktur" eine Lösungskurve sich plötzlich ausbildet, deren Entstehung in der ur- sprünglichen, ruhenden Situation allein durch starke Gegenkräfte durchaus verhindert wird. Die letztere Annahme würde für alle Fälle von klaren Lösungen ohne Hilfe (also z. B. für das Verhalten Nuevas im gleichen Versuch) die Hypothese in sich schheßen, daß die Richtungen, Kurven usw. dieser Lösungen autochthon (nicht notwendig ,,au5 Erfahrung hierüber") angesichts der ruhenden Situation entspringen könnten. Nach dem vorgezeichneten Plan dieser Schrift lasse ich die Wahl offen. Die zahlreichen Versuche mit andern Tieren brauchen nicht so ausführlich wiedergegeben zu werden, da sie von den beschriebenen nur darin abweichen, daß die Schwierigkeit der verlangten Leistung noch auffallender hervortritt. Dieser Umstand kommt auch in einer kürzeren Übersicht und in ihr vielleicht besonders deutlich zum Ausdruck. Chica. (i8. 3. und 20. 3.) Normal- Als Aktionsrichtung %\drd 0° durch- stellung des Brettes aus festgehalten. (18, 3.) Das Brett wird so Chica verfährt so heftig, daß das gedreht, wie die Skizze 18 Ziel federt und der Öffnung zu- angibt springt; sofort tritt die klare Lö- sung auf. Bei Wiederholung des Versuchs er- folgt die Lösung erst auf die gleiche Hilfe hin. (20. 3.) Gleiche »Stellung Aktionsrichtung zu Anfang 0°; auf Fortspringen der Banane folgt so- fort klare Lösung. In zwei Wieder- EINFLUSS DER Raumlage. 171 Zwei Monate später (16. 5 Normalstellung holungen klare Lösung von vorn- herein (vgl. jedoch unten). Aktionsrichtung 0°, das Ziel wird wirklich über den Rand gehoben. Bei Wiederholung erhält sich o'' selbst gegen starke Zufallshilfen; sogar fast vom offenen Rand wird das Ziel unter 0° zurückgeholt. Plötzlich aber tritt ganz scharf ab- gesetzt die Lösung auf (180° usw.). In zwei weiteren Versuchen wird von vornherein die Umwegkurve rich- tig eingeschlagen; dabei kommt es jedoch mehrfach zu dem von Nu- eva her bekannten „Umschlagen" (durchaus nicht Herumprobieren). In einer letzten Wiederholung fällt auch diese Störung fort. In den Versuchen vom 20. 3. verschafft sich Chica eine recht charakteristische Hilfe: Sie arbeitet nicht mehr wie sonst vom Boden aus, sondern setzt sich auf einen Skizze 18. Querbalken des Gitters in etwa 70 cm Höhe und nicht mitten vor die Anordnung, sondern an den Punkt C (der Skizze). — Man versteht anschauhch sofort, wie das Umwegfahren hierdurch erleichtert wird, nicht nur motorisch. Grande. (18. 3. und 14. 5.) Normal- Die Aktionsrichtung ist 0° und hält Stellung sich auch gegen Zufallshilfen. Grande prügelt das Brett vor Wut. 172 Umgang mit Formen. (14. 5.) Vierteldrehung links Weitere Vierteldrehung (Öffnung seitwärts) Vierteldrehung rückwärts Normalstellung Einen Monat später (18. 6.) Normalstellung Grande bleibt bei der primitiven Richtung. Die Aufgabe wird sofort gelöst unter 90°. Auch diese Aufgabe wird jetzt voll- kommen klar gelöst( Richtung 135'^). Von vornherein 180^ und fehlerfreie Lösung. Klare Lösung vom ersten Augen- blick an. Grande versucht bisweilen, das Verfahren dadurch abzukürzen, daß sie mit Stock oder freier Hand das ganze Brett ans Gitter zieht. — Die Richtung 90" tritt bei diesem Tier zum erstenmal auf, als das Brett unter rechtem Winkel seitwärts gedreht ließt, unter diesen Umständen aber sofort. Daß die Lösung auf die beiden schwereren Stellungen danach ohne weiteres übertragen wird, obwohl diese ja einen veränderten Bewegungsmodus verlangen, daß dieser Änderung Rechnung getragen wird, erweist die Wirkung , .sachlicher Bezüge". — An den Versuch (14. 5.) in Normalstellung wurde ein weiterer unter Vierteldrehung des Brettes nach rechts angeschlos.sen ; sogleich erfolgte die Lösung, sachgemäß mit der Urawegkurve rechts herum (rechts und links hier überall vom Tier aus gerechnet). Tercera. Die Aktionsrichtung ist konstant 0", trotzdem Zufallshilfcn vorkommen, l'ngtschickte Bewegungen unter 0°, selbst gegen Hilfen ; das Tier sieht dumm und faul im Extrem aus^). Sofort tritt die Lösung unter 90° vollkommen klar auf. (18.3., 20.3., 18. 6.) Normal- stellung (20. 3. und 18. 6.) Viertel- drehung links (18. 6.) Weitere Viertel- drehung links (Öffnung seitwärts) (18. 6.) Vierteldrehung rück- wärts Tercera beginnt unter 0°, kommt durch Zufallshilfe sofort auf die Lösung (Beginn etwa 135"). In zwei Wiederholungen wird von Anfang an deutlich die ümweg- kurve eingeschlagen. Bei Tercera, die sonst sehr lebhaft ist, aber sofort in eine Art Schlummer verfällt, wenn sie Versuche machen soll, sieht man einen ganz auffallenden Gegensatz zwi.schen den Stockbewegungen vor Eintritt der Lösung und nach dem kritischen Moment (z. B. nach der Zufallshilfe): Vorher ein recht unklares Pnchtcln. werden die Be- wegungen klar in demselben Augenbhck, wo auch die Lösungsrichtung aufkommt; imgeschickt arbeitet Tercera immer. Tschego. (20. 3,) Normalstellung Aktionsrichtung o° ohne jede Ab- weichung. *) So im Gegensatz zu Rana, die dumm und eifrig zu sein pflegt. EINFLUSS DER Raumlage. 17: Weitere Vierteldrehung links (Öffnung seitwärts) Vierteldrehung links Die Richtung bleibt lange Zeit 0°, bis Tschego am Ende in größter Wut den Stock auf dem Brett in Splitter schlägt. Tschego bleibt eine Weile bei ° und geht dann ganz plötzlich zu klarer und sorgfältiger Lösung über (also mit 90° beginnend). Bei Wiederholung ist die Richtung wieder zuerst 0°, schlägt abrupt in die Lösung um. Bei den Lösungen Tschegos kommt es zu einer bemerkenswerten motorischen Er- scheinung: Als das Ziel schon fast an der Öffnung liegt, nimmt das Tier den Stock aus der rechten in die linke Hand, vermutlich wegen Ermüdung, und macht nun einen Augenblick wie selbstverständlich mit der linken Hand die zu den bisherigen symmetrischen Bewegungen, also unter 90° nach rechts hin, so daß die Banane einige Zentimeter zurück in das Quadrat verschoben wird. Dieser Fehler wird zwar sofort korrigiert, tritt aber dann bei jedem Wechsel von der rechten zur linken Hand momentan angedeutet von neuem auf. — Diese Erscheinung hat nichts mit der an Chica und Nueva beobachteten eines Umschlagens aus der neuen in die biologisch primäre Richtung zu tun, sondern dürfte auf jener Koordination der motorischen Funktionen beider Arme beruhen, die auch bei uns vielfach symmetrische Über- tragung von einer Körperseite auf die andere vor der gleichsinnigen bevorzugt. Rana. Arbeitet konstant unter 0°. Bleibt bei 0° ohne jede Abweichung. Rana bleibt immer noch eine Weile bei °, geht aber nachher doch zur Lösung über. — Bei einer ersten Wiederholung ergibt sich derselbe Verlauf, also Beginn mit 0° und später Übergang zu 90°; bei der zweiten Wiederholung bleibt Rana hartnäckig in der primitiven Rich- tung und kommt von ihr auch nicht ab, als das Ziel ganz nahe an die Öffnung gelegt wird! Diese Ergebnisse beweisen klar genug, daß die hier verlangte Leistung unvergleichlich schwieriger ist, als ein gewöhnliches Um- wegemachen. Brächten wir irgendeinen der Schimpansen in einen Raum von quadratischem Grundriß, der bis auf eine Vertikalwand vergittert ist, aber im übrigen sich zu dem Körper des Schimpansen an Größe verhält wie das Umwegbrett zur Banane, und stände das Tier zunächst an dem Platz gegenüber Z (vgl. Skizze S. 11), so würde (19. 6.) Normalstellung Vierteldrehung links Weitere Vierteldrehung links (Öffnung seitwärts) 174 Umgang mit Formen. es vielleicht einen Augenblick durch das Gitter hinauszugreifen suchen, aber ganz gewiß auch sehr bald den Umweg unter i8o° Anfangsrich- tung in glattem Verlauf einschlagen, also in „Normalstellung" die Lösung vorbringen, ohne daß wir einem der Tiere (wie soeben der Mehrzahl) durch Viertel- und Halbdrehungen des Käfigs die Auf- gabe erleichtern müßten. Selbst ein ordentlicher Hund leistet ja, wie wir gesehen haben (vgl. oben S. lo), ohne weiteres dasselbe in einer ihm unbekannten, ad hoc hergestellten Umwegsituation. — Der fun- damentale Unterschied, der hier zutage tritt, kann trotz der Ein- fachheit des Versuchs noch durch verschiedene Faktoren begründet werden: Zunächst könnte (vgl. oben) vor allem das Umwegemachen mit einem Wer kze ug anstatt mit dem eigenen Körper so viel schwerer sein; ferner aber könnte die Schwierigkeit mit dem Umstand zu- sammenhängen, daß der Umweg nicht vom Standpunkt des Tieres aus zu einem Ziel, sondern umgekehrt von dem ursprünglichen Ort eines Zieles zum Tier hin gemacht werden muß. Zur Entscheidung der theoretisch wichtigen Frage, welchem Moment die größere Bedeutung zukomme — denn beide wirken wolil zusammen — , wären Umwege mit dem Werkzeug (Stock) vom Tier aus nach einem Ziel hin zu verlangen. Vollkommen deutHch ist die Erleichterung, die durch seitliche Drehung des Brettes bewirkt wird; schon unter 135° VNird die Um- wegkurve etwas leichter eingesclilagen (Chica), und sobald die ge- forderte Bewegung mit etwa 90° einzusetzen hat, kommen sämtliche Tiere früher oder später einmal plötzlich auf die Lösung. Es wird sehr genau zu überlegen sein, welche Erklärung man dieser Ab- hängigkeit von der „Situationsgeometrie" geben ^\^ll (vgl. hierzu auch oben vS. 11, 26f.). Hierin stimmen die eben beschriebenen Um- wege mit gewöhnlichen (in Körperbewegung) überein: Man muß nur anstatt der Schimpansen Hühner als \'ersuchstiere nehmen, so zeigt sich, daß für sie die Umwege, die in Richtung 180° vom Ziel fort beginnen, in echtem Verlauf geradezu unmöghch sind, und daß nüt der Annäherung an 90° die Leistung eher einmal zustande kommt i). — Dem mensclilichen Zuschauer ist von vornherein klar, daß der Brett- versuch unter 135° etwas, unter 90° sehr viel leichter gelingen muß als unter 180° Anfangsrichtung; und diesmal gibt ihm die Erfahrung recht. Worin der Unterschied besteht, wird er nicht so leicht sagen können; vielleicht dürfte er die Umwegkurven in verschiedenem Grade „glatt, direkt" finden. Aber was heißt das psychologisch, und inwiefern bestimmt es die verschiedenen Grade von Schwierigkeit ? *) Die seitliche Ausdehnung des Hindernisses darf bei Hühnern (90") stets nur gering sein. Rangordnung der Tiere. 175 Die auffallendste Erscheinung bleibt auch in diesen Versuchen das plötzliche Auftreten von Lösungen durchaus klaren, in sich geschlos- senen Charakters, wenn eine einzige Zufallsbewegung das Ziel ein- mal in Richtung des Kurvenanfangs ein Stück transportiert; es ist dann, als wenn, wenigstens vorübergehend und für den betreffenden Versuch, ein Bann gebrochen wäre. Nur etwas törichte Tiere lassen sich auch so niemals helfen. Ich denke, niemand wird geneigt sein, das überaus häufige Auftreten eines günstig wirkenden Zufalls in diesen Versuchen gegen die Betrachtungen des vorigen Kapitels auszuspielen. Tatsächlich ist dies der erste Fall unter den beschriebenen Beobach- tungen, wo dergleichen vorkomnit, und leicht genug sieht man, daß die Bewegung, die vom Tier aus als Zufall zu gelten hat, physikalisch so häufig vorkommen muß (während in anderen Versuchen so einseitig begünstigende Bedingungen nicht vor- liegen): Das Fortspringen der Frucht tritt ein, erstens, wenn das Tier bemüht ist, sie über eine Kante zu heben; fällt sie dabei, wie meistens, von dem schmalen Stab herab, so ist ihre Fallrichtung naturgemäß die vom Tier fort, weil der Stab von der Hand des Tieres her schräg nach unten läuft. Das Fortspringen der Frucht ergibt sich zweitens, wenn das Tier, anstatt den Stock hinter dem Ziel ganz zur Erde zu setzen, ihn in Eile nur von oben darüberlegt, etwas drückt und nun zieht; das Brett ist (im Gegensatz zum Erdboden) glatt, und bei etwas ungeschicktem oder infolge von Erregung zu starkem Druck gleitet der Stock nach vorn ab, die Frucht muß fortspringen. Wer die Versuchsbeschreibungen aufmerksam durchliest, wird er- kennen, daß die Leistungen der einzelnen Tiere in der hier gewählten Reihenfolge abnehmen. (Grande steht deutlich besser da als Tercera durch die Leichtigkeit, mit der sie beim Zurückdrehen des Brettes die Lösung vorbringt.) In dieselbe Reihenfolge: Nueva, Sultan, Cliica, Grande, Tercera, Tschego, Rana ordnen sich die Tiere ganz ohne Rück- sicht auf diese speziellen Versuche ein, wenn man die Intelligenz- abstufung nach ihrem gesamten Gebaren und dem Charakter ihrer sonstigen Leistungen bestimmt. Ich bemerkte erst bei der Nieder- schrift dieses Abschnittes, daß das Examen mit dem Umwegbrett den Tieren ,, Klassenplätze" anweist, die ich ihnen vorher längst zu- gedacht hatte. (Für Tercera wählte ich vorher den Platz zwischen Grande und Tschego mit etwas Unsicherheit, da sie so selten zur ernst- haften Bemühung im Versuch zu bringen ist; aber das Umwegbrett wenigstens gibt mir Recht.) Koko ist nicht in die Reihe aufgenommen, da die Schwäche seiner Arme ihn sehr bei der Führung des Stockes im Brettversuch behinderte und deshalb die unsicheren Bewegungen schwerer zu beurteilen waren. Unzweifelhaft aber arbeitete er zimächst unter 0° wie alle die anderen, einmal sprang auch ihm das Ziel der Öffnung zu, und er bemühte sich darauf ohne rechten Erfolg, es weiter in der Lösungsrichtung zu be- fördern. Danach wäre er etwa Sultan gleichzustellen, und dessen Niveau (wie Cha- rakter) kam er wohl auch sonst nahe. Konsul wurde nicht geprüft. In methodischer Hinsicht ergibt sich, daß man in manchen Fällen über die einsichtige Behandlung von anschaulich gegebenen Situa- tionen in einer Art experimentieren kann, die eine gewisse Annähe- 176 Umgang mit Formen rung an die Arbeitsart der höheren Wahrnehmungspsychologie bedeutet (Sehen von Raumgestalten, Sehen von Bewegung u. dgl.). Diese Schrift enthält hiervon nur schwache Anfänge, da erst die Tiere durch ihr Ver- halten auf solche Möglichkeiten allmälilich aufmerksam machten^). Zum Vergleich teile ich einen Versuch mit, in welchem ein Knabe, zwei Jahre und einen Monat alt, genau wie die Schimpansen geprüft wurde. Das Kind kann als mittelbegabt bezeichnet werden. — Es steht in einem vergitterten Raum, wie er vielfach für kleine Kinder verwendet wird; die Wände sind so niedrig, daß sie ihm nur bis an die Brust reichen. Innerhalb liegt eiu leichter Stab, außerhalb außer Reichweite das Ziel. Nach kurzer Zeit wird der Stab wie selbstverständlich auf- genommen und das Ziel mit seiner Hilfe herangezogen. Die Geschicklichkeit, mit der dies geschieht, ist deutlich geringer als die des doppelt so alten Sultan, aber gr 3er als die von Rana und Tercera, die mit Sultan ganz ungefähr gleichaltrig sein mögen. — Wie immer der Werkzeuggebrauch entstanden sein mag, er ist tatsächlich vorhanden. — Am gleichen Tage noch wird der ßrettversuch gemacht, und zwar in Normal- stellung. — Das Kind ergreift sofort den Stock wieder, verfährt aber so ungeschickt, daß ihm das Werkzeug noch vor Gebrauch aus der Hand fällt. Es setzt ein Bein zwischen den Gitterstäben hinaus auf den Stock, zieht ihn so näher, nimmt ihn aber dann nicht herein, vielleicht weil ihm nicht klar ist, wie der qucrlicgendc Stock durch das Gitter hindurch zu bringen wäre. Statt dessen schlägt es mit seinem Gürtel, der niedergefallen ist, nach dem Stock, steht darauf eine Weile traurig da und gibt allmählich dem Beobachter zu verstehen, daß es nach dem Stabe verlangt. Dieser wird ihm gereicht. Der Knabe nimmt ihn, zieht mit ihm das Ziel in Richtung 0° gerade auf sich zu, verharrt hierbei längere Zeit, obwohl das Ziel an die Vertikalwand stößt, und geht schließlich zu der Richtung (von ihm aus) links in die Ecke (etwa 45°) über — der Beobachter hatte es inzwischen wieder an seinen alten Platz gelegt. Nach langen erfolglosen Bemühungen stellt das Kind die Arbeit ein; es nimmt den Stock und wirft ihn auf das Ziel, dann den Gürtel, und auch dieser fliegt hinaus; wären gerade noch mehr handliche Gegenstände da, so würden sie sicherlich desselben Weges gehen — genau wie beim Schimpan.seu (vgl. oben S. <^ii.). — Daß das Kind in eigener Körperbewegung ohne Mühe Umwege niaclit, wurde gleich danach fest- gestellt; ein noch weit jüngeres war ja schon früher mit Erfolg in dieser Hinsicht geprüft worden (vgl. oben S. 10). Die Forderung, beim Umgang mit Dingen von der direkten Ak- tionsrichtung abzuweichen und dafür die Handlungsrichtung (oder -kurve) an vorliegende Raumformen anzupassen, läßt sich in vielen äußerlich verschiedenen Aufgaben prüfen. Ich gebe noch ein Bei- spiel, in welchem vor allem die Raumgestalten, auf welche Rücksicht zu nehmen ist, einen anderen Charakter haben. In der Einleitung wurde ein Versuch beschrieben, in welchem das Tier nur einen Ring (eine Schleife) von einem Aststumpf (einem Nagel) abzustreifen hätte, so würde schon das Ziel zu Boden fallen und hier sofort zu erreichen sein. In Wirklichkeit wurde der Ring (die Schleife) gar nicht beachtet, \4elleicht weil der Zusammenhang von Ringbefestigung und sonstiger Situation nicht erfaßt war; das *) In Zukunft wird es sich empfehlen, von dem Umwegbrett nur die Vertikal- wände ohne die Hol zf lache zu verwenden; vielleicht kommt die Umwegkurve leichter auf freiem Grund als über Holz und Grund zustande; auch die harte Kontur Holzbrett — Grund könnte erschwerend wirken. Verbindung Ring— Nagei,. 177 Tier kam gar nicht so weit, Interesse an der Befestigung finden zu können. Jetzt wird eine Situation hergestellt, in der sich das Tier voraussichtlich sogleich bemühen muß, eine derartige Verbindung zu lösen. Jenseits eines Gitters liegt außer Reichweite das Ziel. An einem Stabe, mit dem die Tiere das Ziel erreichen könnten, ist eine starke Schnur befestigt; ihr freies Ende trägt einen Metallring von etwa 6 cm Durchmesser, und dieser Ring liegt über einen Nagel gestreift, welcher lo cm vertikal aus einer schweren Kiste heraussteht. Bei gespannter Schnur reicht der Stab nicht einmal bis ans Gitter, muß also für den Gebrauch notwendig abgenommen werden, und zwar mit einer Bewegung, die unter 90° von der primitiven Aktionsrich- tung „Stock direkt ans Gitter" abweicht. Diese Bewegung wird „echt" nur dann Zustandekommen, wenn die Tiere die Struktur „Ring über Nagel gestreift" zu erfassen vermögen. Wer noch nicht gesehen hat, wie Schimpansen mit etwas komplexen Raumformen umgehen, kann meinen, leichtere Anforderungen ließen sich gar nicht stellen. (21. 2. 14.) Sultan reißt am Stock in Richtung des Gitters (und Zieles), kaut und nagt am Strick dort, wo dieser am Stabe befestigt ist, beachtet die Verbindung Ring — Nagel überhaupt erst nach ge- raumer Weile und hebt jetzt nicht etwa den weit offnen Ring die wenigen Zentimeter in die Höhe, sondern versucht den Nagel ab- zureißen oder umzubrechen. Die Lösung ist schließlich, daß der Stab selbst etwas oberhalb der Mitte mit großer An- strengung durchgebrochen und mit dem freien Stück das Ziel erreicht wird! Bei Wiederholung des Versuches mit einem neuen Stock wird Sultan auf die Bewegungen aufmerksam, die (beim Zerren nach dem Gitter hin) der Ring am Nagel macht; er greift wie prüfend an den Ring und hebt ihn dann in ruhiger, klarer Bewegung ab. — Beim nächsten Versuch muß er doch erst wieder auf das Gitter hinzerren, ehe er sich dem Ring zuwendet und diesen, übrigens wieder in sicherer Bewegung, abstreift. Grande, Chica, Rana und Tercera zerren zuerst am Stock und be- mühen sich dann fortwährend, die Verbindung Seil — Stab zu lösen; bei ihren ungeduldigen Bewegungen verschiebt sich der Ring am Nagel, und es kommt sogar vor, daß er dann abgleitet; aber die Tiere merken das gar nicht in ihrem Eifer, den Stock vom Seil zu lösen, und der Ring kann immer wieder heimlich über den Nagel gelegt werden. Dabei kommt es zu folgendem Extrem: Rana zerrt den Ring zufällig vom Nagel und sitzt nun, immer noch die Ver- Köhler, Intelligenzprüfungen. 12 178 Umgang mit Formen. bindung des Stabes mit dem Seil betrachtend, dicht am Gitter, wird aber gar nicht gewahr, daß jetzt der vStock verwendungsbereit ist; der Beobachter legt wieder heimlich den Ring über den Nagel, und gleich danach zerrt Rana von neuem auf das Gitter zu. Als sich derselbe Zufall noch einmal wiederholt und das Seil mit dem Ring frei in der Luft hängt, wird das Tier doch erst nach einer Weile darüber klar, daß der Stock nun frei beweglich und die Verbindung zwischen ihm und dem Seil weiter nicht von Belang ist. Zu einer echten Lö- sung bringen die genannten Tiere es bei dieser Aufgabe vorläufig nicht. Da die Schimpansen nur eben den Stock haben wollen und schon der nächste Teil des Ganzen, das Seil, sich als dünn und biegsam zum Zerreißen oder Zerkauen gleichsam empfiehlt, so ist an ihm die Auf- merksamkeit der Tiere in überraschendem Maße hängengeblieben; Bemühungen, in dieser Hinsicht Hilfen zu geben, blieben ohne Er- folg. Deshalb wurde in späteren Versuchen die Scilverbindung aus- geschaltet, der Ring also auf das Stockende genagelt, aber so, daß der größere Teil der Öffnung frei über das Holz des Stockes hinaus- ragte; um Zufallslösungen zu erschweren, ersetzte ich den Nagel des früheren Versuches durch einen Eisenstab, der etwa 35 cm ver- tikal aus einer schweren Kiste hcrausstand. (10. 5.) Rana zerrt in der Richtung zum Ziel an dem Stock und kümmert sich auch jetzt noch nicht um den Ring; da der Stock nicht losgeht, kippt sie schlicßUch die ganze Kiste mit größter Mühe nach dem Gitter zu um; der Stab fällt dabei ab. — Der Beobachter hat den Eindruck, daß an Stelle des Ringes um die Eisenstange fast beliebige andere Formen von gleicher Totalgröße gebracht werden könnten; das ^\-ürde für Rana nicht \*iel ausmachen: so wenig fällt es ihr ein, mich nur einmal hinzusehen. (14. 5.) Rana zerrt diesmal so stark in Riclitung des Zieles, daß die Eisenstange in der Kiste sich etwas schräg legt und der Ring abgleitet; das Tier dürfte kaum wissen, weshalb der Stock mit einem Male frei in seiner Hand ist. — Beim nächsten Mal gibt das Eisen nicht nach, als Rana zieht; sie sieht sich darauflün die kritische Stelle an, schiebt wirklich den Ring ein Stück nach oben, beginnt aber gleich danach horizontal zu ziehen wie vorher; dies plumpe Verfahren wird so lange und so kräftig angewendet, daß schließlich die Nägel, die den Ring am Stabe festhalten, sich auf- biegen und damit den Stab freigeben! [Wenn man sich in solchen »Situationen töricht benimmt, so muß man das nüt manchem Meter- kilogramm Arbeit bezahlen : die hier verwandten Nägel waren sehr stark. Dagegen würde das Abheben des Ringes mit dem Stabe einen minimalen Arbeitsbetrag darstellen, und man sieht schon an diesem Technologisceks Problem. 17Q kleinen Beispiel, welche fundamentale Bedeutung es für eine tech- nische Betrachtung des Organismus hat, in welchem Grade der Um- gang mit Dingen von klar erfaßten Raumstrukturen aiLS einsiclitig bestimmt wird. Ganz abgesehen von aller Psychologie hat jeder Techniker das größte Interesse daran, aufgeklärt zu sehen, welche Einrichtungen und Prozeßarten eines Organismus (also für den Tech- niker: materiellen Systems) physikalisch so tiefgreifende Unterschiede bedingen,] — Im folgenden Versuch zerrt Rana überraschenderweise gar nicht am Stock, sondern hebt den Ring ohne weiteres über das Eisen nach oben ab, so daß man meinen sollte, es handle sich um ein verstehendes Verfahren; der Versuch wird sogleich wiederholt, und Rana zieht wieder ganz primitiv seitwärts. In zwei weiteren Fällen folgt auf horizontales Zerren zu Beginn jedesmal schnelles und sicheres Abheben des Ringes. (ii. 5.) Grande wird in der gleichen Situation geprüft. Sie reißt in der Zielrichtung am Stock, ohne die Befestigungsstelle eines Blickes zu würdigen, und kümmert sich dann eine Weile nicht mehr um die Aufgabe. Als andere Tiere draußen gefüttert werden, greift sie von neuem zu, sieht aber diesmal im Moment des ersten Zerrens (wohl zufälUg) auf den Ring hin, so daß ihr eine kleine Aufwärtsbewegung (vielleicht 5 cm) nicht entgeht; diese wirkt sofort wie die Zufallshilfe im Brettversuch: Grande tritt heran und hebt mit einer einzigen glatten Bewegung nach oben Ring und Stock ab. (12. 5.) Chica bringt in zwei Versuchen hintereinander sofort die Lösung vor. Danach sollte man meinen, die Tiere würden für die Zukunft das einfache Verfahren als gesicherten Besitz beibehalten, und wäre der Ring, der über einen Eisenstab (Nagel) gestreift ist, eine optische Gegebenheit von so einfacher, grober Struktur wie ,,eine Kiste in der Nähe einer zu überwindenden Vcrtikaldistanz", so müßten wohl die Tiere von nun an wirklich die Ringbefestigung klar lösen. Das ist jedoch durchaus nicht imm.er der Fall. Sultan will (19. 5.) eine solche Verbindung (Ring — Nagel) lösen, wirtschaftet aber planlos an ihr herum und reißt schließlich in einer gewaltsamen Bewegung, die gar nicht auf die Natur der Befestigung Rücksicht nimmt und nur durch ihre rohe Kraft Erfolg hat, den Ring herunter. In weiteren Versuchen habe ich dasselbe Tier mitunter den Ring (oder ebenso Seilschleifen) von Nägeln, Stangen, Aststümpfen mit aller möglichen Klarheit abheben, mindestens ebensooft aber auch vollkommen blind an solchen Verbindungen herumreißen sehen. — Grande bringt es später einmal eher zu der Lösung, den Eisenstab, über den der Ring gestreift ist, mit großer Mühe aus seinen Befestigungen herauszu- l8o Umgang mit Formen. ziehen, als zu der schon bekannten und anscheinend so einfachen, den Ring abzuheben. Der Eisenstab wird dann an Stelle des hölzernen Stockes gebraucht; ein anderes Mal aber, wo sie wieder das Eisen herausbricht, geschieht das deutlich nur, um den Holz- stab freizumachen; und dabei ist durch einen Zufall der Ring schon so weit am Eisen hinaufgerutscht und hier irgendwie ge- blieben, daß ein ganz geringes Heben die Lösung bedeuten würde (19- 5-). Die hier behandelte Frage würde nicht besser beantwortet, wollte man in immer weiteren Versuchen zu erreichen suchen, daß schließ- lich die kleine Leistung stets auf klare Art vollbracht werde. Durch eine solche Übung würde ja sehr wahrscheinlich die gewünschte Regelmäßigkeit erzielt werden; aber für die Charakterisierung der Tiere er.schcint es gerade als bezeichnend, wie sie so eine und dieselbe objektive (TCgebenheit einmal blindlings, einmal vollkommen klar be- handeln. Denn die nächstliegende Deutung ihres wechselnden Ver- haltens dürfte darin bestehen, daß .sie stets dann die I^ösung klar vorbringen, wenn sie die Struktur der Verbindung klar crfa.'^cn, da- gegen wüst an dieser herumreißen, wenn sie gerade diese Klarheit nicht erreichen können. Der Ring über dem Xagel (dem Stab) scheint für den Schimpansen einen opti.«;chen Komplex darzustellen, der eben noch vollständig , .bewältigt" werden kann, falls die Aufmerksamkeits- bedingungen momentan günstig sind, der aber eine starke Neigung hat, in weniger klarer Weise gesehen zu werden, sobald nämlich das Tier es an geeigneter Anspannung von sich aus fehlen läßt. Wir kommen also schwierigeren Strukturen wie ,, aufgewundenes Seil", ,, Zueinander von Kistenformen" usw. nahe, die selten einmal dem Tier klar sagen, welche Bewegungen es auszufülircn hat. Daß die Tiere sich nicht alle Tage die Versuchssituationen gleichmäßig ruhig und aufmerksam anschauen, wird jeder, der solche Prüfungen vornimmt, nur zu bald bemerken. — Die Kleinheit der Raumformen, um die es sich hier handelt, könnte sehr wohl dazu beitragen, den Tieren die Arbeit des ,,Klärens" zu erschweren; nicht umsonst sind die bis- her beschriebenen Versuche zumeist in Situationen angestellt, deren Teile nicht nur in einfachen, .sondern auch in großen Formen zuein- anderstehen. Da vermutlich der behandelte Komplex leicht unklar bleibt, so kann es auch nicht schnell zu einer Mechanisierung kommen, die mit dem bloßen Hinbhcken in Richtung des Komplexes schon die pa.ssende Bewegungskurve verbände; das wär^ nnr d.inn m()glich. wenn zunächst die Struktur Ring — Nagel selbst durch gründliche t'bung ein für allemal ,.fcst"gemarht und so die Reproduktionsbedingung für einen mcchanisrhcn Verlauf geschaffen würde. Solche Gestaltübung dürfte allerdings nach meinen PMahrungen am Schimpansen möglich sein; aber wir haben hier kein Inter- esse an solchen Vorgängen. Unklarheit. i8i Die mitgeteilten Beobachtungen zeigen zugleich, daß ^\ir nunmehr das Gebiet verlassen haben, in welchem die Versuche einfache und entschiedene Antworten auf unsre Fragen geben. Es liegt nicht am Experimentieren^), sondern an der Natur der Tiere, wenn die Er- gebnisse allmählich geringere Klarheit aufweisen; weniger „klar" dürfte es eben auch in der Sehrinde der Tiere und in den sonst be- teiligten Großhirnteilen zugehen, sobald die Versuchsbedingungen einen gewissen Grad von Komplizier ung erreichen. Hätten wir nicht in optisch einfacheren Situationen die Schimpansen schon einiger- maßen kennengelernt, so würden wir es schwer haben, zu ihrem Ver- halten hier überhaupt Stellung zu nehmen. Und dabei fangen viele ältere Versuche an Säugetieren mit solchen Situationen als relativ einfachen an; da müssen die Ergebnisse vieldeutig oder bei fort- schreitender Komplizierung einseitig negativ ausfallen, ohne daß doch über die prinzipielle Einsichtsfrage Avirklich eine Entscheidung erzielt würde. Variation des Versuches. In reichlich Mannshöhe ist eine 2 m lange Stange so an einer Hauswand befestigt, daß sie rechtwinklig von dieser fort in den freien Raum hinausragt; ein Henkelkörbchen, in dem sich das Ziel befindet, wird mit dem halbkreisförmigen Henkel so weit über die Stange gestreift, daß es etwa 1,20 m von dem freien Ende entfernt hängt. Etwas seitlich Hegt am Boden ein langer Stock. (II. 8.) Sultan wird herbeigebracht; er sieht zum Korb hinauf, will am Hausgebälk in die Höhe steigen, wird aber hieran verhindert und bleibt, langsam ringsum blickend, in der Nähe am Boden hocken. Erst einige Sekunden, nachdem seine Augen sich auf den Stab neben ihm gerichtet haben, ergreift er ihn und langt mit ihm nach dem Korb hinauf: Zweimal schlägt er einfach in der Querrichtung, wie seine Stellung es gerade ergibt, blindlings hinauf, dann ändert er die Richtung plötzlich um 90° nach der richtigen Seite und schiebt in vorsichtiger Bewegung, sechsmal sorgfältig ansetzend, den Korb nach dem freien Ende hin, bis er herabfällt. Grande schleppt in der gleichen Situation von weither eine Kiste herbei, stellt sie unter das Körbchen, steigt hinauf, kommt aber nicht an ; sie holt den Stock, läßt ihn aber aus nicht ersichtlichen Gründen sogleich wieder fallen und eilt zu einer zweiten, etwa 15 m entfernten Kiste. Während sie damit beschäftigt ist, diese den weiten Weg ent- lang zu zerren, und nicht hersieht, wird die erste Kiste fortgenommen und versteckt. Gleich darauf kommt das Tier mit der zweiten an, stellt sie auf, besteigt sie und erreicht wieder nicht den Korb ; es sieht 1) Allerdings bin ich sicher, daß jeder, der nun an ähnliche Aufgaben herangeht, Fehler vermeiden kann, die ich gemacht habe. l82 Umgang mit Forme?,- sich nach allen Seiten mit dem Ausdruck des Erstaunens um und wendet sich endlich jammernd zum Beobachter. Ohne Hilfe gelassen, greift es wieder zum Stock und schiebt damit, von vornherein richtig und ohne unterwegs eine falsche Bewegung zu machen, den Korb über das freie Ende herunter, — Bei Wiederholung des Versuches wird dagegen für wenige Zentimeter der Weg nach der Hauswand eingeschlagen; dann dreht sich ganz abrupt die Bewegung um i8o°, und Grande scliicbt das Körbchen in einem Zuge die Stange entlang, bis es herabfällt. Das Klagen inmitten des Versuches rührt nicht einfach davon her, daß das Tier nicht ankommt; denn das Umsehen vorher ist unzweifelhaft von Erstaunen begleitet, und das Jammern hat etwas entrüsteten Ton. Die andere Kiste wird vermißt, so- bald das Bedürfnis nach einem zweiten Bauelement sich fühlbar macht. Die zu Anfang dieses Abschnittes erwähnten \'crsuche enthalten außer dem Uniwegemachen bei der Behandlung von Dingen noch ein anderes Prinzip: Das Ziel wird durch Werkzcupgebrauch in eine Lage gebracht, in der es nachher erst durch Ortsbewegung des eigenen Körpers erreicht werden kann. In dem oben beschriebenen Fall aber ist dies Verfahren für die Tiere sehr erleichtert dadurch, daß sie nach- her nur eben einen oder zwei Schritte seitwärts zu machen brauchen und dabei an demselben Gitter bleiben, an dem sie zu Anfang mit dem Stock arbeiten; dies Gitter ist obendrein so gut bekannt, daß „nahe dem Gitter" (einerlei an welcher Stelle) und ,, erreichbar", ,,mir zugängHch" für die Tiere recht eng verbundene Momente sein dürften. ;Man kann die Versuchsbedingungen wesentlich verschärfen, indem man von dem Tiere verlangt, während des Werkzeuggcbrauches eine bedeutendere Ortsbewegung des eigenen Körpers für später „in Rechnung zu ziehen", so daß es bei einer bestimmten Raumorien- tierung für eine ganz andere spätere arbeitet. Die Gesamtheit der „Verhaltenskurve" wird in einem solchen Fall aus zwei einander entgegenlaufenden Teilen gebildet, während die zuletzt betrach- teten Versuche (z. B. mit dem Umwegbrett) dieselbe Gesamtkurve in einer einzigen, einsinnigen Bewegung bringen. Ein großer hölzerner Tierkäfig ist auf einer Vcrtikalseite durch ein Gitter abgeschlossen, zwischen dessen Stäben die Tiere von außen hineingreifen können; der Kasten ist jedoch so groß, daß der Arm eines draußenstehenden jungen Schimpansen von diesem Gitter aus nicht das ganze Innere, sondern nur etwa die Hälfte beherrscht. Die dem Gitter gegenüberliegende Vertikalstite besteht aus horizontal auf- genagelten Brettern; von diesen wird eins entfernt, und zwar in Zwei Umwege. l8 solcher Höhe, daß die jungen Tiere zwar hineinsehen und hineinfassen, aber mit der Hand nicht den Boden des Käfigs erreichen können. Im übrigen ist der Kasten verschlossen; liegt eine Frucht nahe der Wand, aus der ein Brett entfernt wurde, auf dem Boden, so würde der Schimpanse vom Gitter (gegenüber) aus mit einem Stock hinein- langen, da die (mit Steinen beschwerte) Kiste sich nicht kippen läßt. Sorgt man dafür, daß Stockgebrauch nur von der Seite des Spaltes aus möghch ist, so bleibt als einzige Lösung die, daß das Ziel vom Spalt aus dem Gitter zugeschoben wird, bis es von dort mit der Hand erreicht werden kann. Also entfernt man alle Stäbe aus der Um- gegend bis auf einen, der, in der Nähe des Spaltes durch ein Seü befestigt^ zwar ganz bequemes Arbeiten vom Spalt aus zuläßt, aber Skizze ig. des Seiles wegen, welches an einen Baum gebunden ist, nicht hinüber an die Gitterseite genommen werden kann. (Die Skizze 19 zeigt nur den Grundriß: B ist der Baum mit Seil und Stab daran; die unter- brochene Linie bedeutet die Spaltwand; gegenüber ist das Gitter an- gedeutet. Die Linien W und K geben die beiden einander entgegen- laufenden Teile der Gesamtkurve an, von denen der eine mit dem Werkzeug, der andere hinterdrein mit dem Körper zurückzulegen ist. Wie man 'sieht, m.üßte das Tier für eine spätere Körperstellung ar- beiten, die der Stellung während des Werkzeuggebrauches gewisser- maßen entgegengesetzt ist.) (27. 3. 14.) Sultan ergreift den Stock, fährt damit in den Spalt hinein und versucht, das Ziel zu sich heranzuziehen, womöglich auch 184 Umgang mit Formen. an der vertikalen Wand bis in Greifhöhe hinaufzuheben. Hin und wieder läuft er fort, sucht sich einen Strohhalm oder Ähnliches und langt damit von der Gitterseite nach dem Ziel, kommt aber nicht an. Nach einer Weile — das Tier ist wieder beim Stockgebrauch vom Spalt aus — ändert sich plötzlich die Bewegungsrichtung; das Ziel wird vom Spalt fort, aber nicht auf das Gitter, sondern auf eine Stelle hingeschoben, wo in der einen Seitenwand unten, etwa halbwegs zwischen Spalt- und Gitterwand eine kleine Lücke im Holz ist. Sultan geht sehr sorgfältig zu Werke, bringt mit dem Stock d